Heft 268 – 03/2026

Rezension: Das laute Berlin

#kultur #kritik #spw

Ingo Siebert ist Stadtsoziologe und lebt und arbeitet in Berlin. Er ist Mitglied im Bundesvorstand des Forum DL 21 und Co-Vorsitzender der Regionalgruppe Berlin sowie Mitglied im Vorstand des Instituts solidarische Moderne.

Franziska Drohsel ist Rechtsanwältin und war Juso-Bundesvorsitzende.

von Franziska Drohsel und Ingo Siebert

Ralf Hoffrogge
Das laute Berlin – Deutsche Wohnen & Co enteignen und die Wiederkehr der Vergesellschaftung 
Brumaire Verlag, Berlin 2025
24 €

Berlin ist zum Labor einer neuen sozialen Frage geworden. Steigende Mieten, Verdrängung und die Macht börsennotierter Wohnungskonzerne prägen den Alltag vieler Menschen. In seinem Buch „Das laute Berlin” beschreibt der Autor Ralf Hoffrogge, wie die Mietenkrise zum demokratischen Aufbruch wurde und die Berliner Mietenbewegung in Zeiten des Rechtsrucks nicht nur solidarische Alternativen zur Hetze geschaffen, sondern Vergesellschaftung wieder auf die politische Tagesordnung gehoben hat. Er zeigt in seinem Buch: Vergesellschaftung ist kein radikaler Bruch, sondern ein demokratisches Versprechen, was inmitten der Sozialdemokratie gut aufgehoben wäre. Deshalb ist es für links denkende Menschen in der Sozialdemokratie ein äußerst lohnendes Buch.

1. Artikel 15 als sozialdemokratische Tradition
Hoffrogge erinnert daran, dass Artikel 15 Grundgesetz nie als Randnotiz gedacht war. Die Möglichkeit, Grund und Boden sowie Produktionsmittel in Gemeineigentum zu überführen, gehört zum demokratischen Instrumentarium der Bundesrepublik. Es war die Sozialdemokratie, die darum kämpfte, Artikel 15 im Grundgesetz zu verankern und ihre Zustimmung an diesen Artikel knüpfte.

Hoffrogge legt die historische Linie offen. Vergesellschaftung steht in der Tradition sozialdemokratischer Kämpfe um demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Macht. Sie ist keine nostalgische Idee, sondern eine Antwort auf ein aktuelles Problem: die Konzentration von Eigentum und die Entkopplung zentraler Lebensbereiche vom Gemeinwohl. Über eine Million Berliner:innen stimmten 2021 für die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände. Dieses Votum war kein Protestsignal, sondern ein politischer Auftrag.

2. Neue Formen des Klassenkampfs in der Stadtgesellschaft
Die Stärke des Buches liegt in der Analyse der Bewegung „Deutsche Wohnen & Co. enteignen”. Hoffrogge beschreibt sie als Ausdruck einer neuen Klassenpolitik, wenngleich sie „keine Arbeiteridentitäten und kaum sozialistische Rhetorik“ nutzt (S. 422).  Die neue Mietenbewegung kam nicht aus der Arbeiter:innenbewegung, sondern kämpfte vielmehr um die „Wiederherstellung von Klassenkompromissen der Vergangenheit“, die von anderen längst vergessen schienen (S. 422). Ihr Ansatzpunkt war die Rekommunalisierung und damit das Erbe kommunalsozialistischer Ideen.So entsteht ein Klassenkampf, der nicht spaltet, sondern verbindet. Ein Klassenkampf, der im Alltag beginnt: im Mietvertrag, im Kiez, in der Angst vor der nächsten Mieterhöhung.

3. Daseinsvorsorge jenseits des Finanzmarktkapitalismus – und der Erfolg der Bewegung
Die Privatisierung des Wohnraums in Berlin „führte in den Wohnungsmangel, Deregulierung und Finanzialisierung machten aus dem Mangel eine Preisexplosion“ (S. 469). Im Zentrum steht die Kritik an börsennotierten Wohnungsunternehmen wie Vonovia oder Deutsche Wohnen. Hier wird besonders deutlich, was es heißt, wenn Wohnen zur Finanzanlage wird. Mietzahlungen fließen dann nicht mehr in Instandhaltung oder Verwaltung. Sie werden Teil globaler Finanzströme. Wohnungen dienen als Sicherheiten für Kredite. Immobilien werden als Aktien gehandelt. Renditeerwartungen treiben die Mieten in die Höhe. Das bedeutet konkret: Wohnen wird zur Ware – mit gravierenden sozialen Folgen.

Hoffrogge zieht daraus eine klare Konsequenz: Die Daseinsvorsorge darf nicht dem Finanzmarkt unterworfen sein. Über Wohnraum muss im Sinne des Gemeinwohls und der Demokratie entschieden werden. Vergesellschaftung ist keine ideologische Idee, sondern eine praktisch-pragmatische Antwort.

Der Erfolg der Bewegung erklärt sich aus mehreren Faktoren: Erstens betrifft sie einen existenziellen Alltagskonflikt, den viele erleben.
Zweitens bietet sie mit Artikel 15 Grundgesetz ein konkretes, rechtlich verankertes Instrument. Drittens ermöglicht sie reale Beteiligung und kollektive Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Viertens schließt sie eine politische Lücke, die lange offen war. Genau daraus entsteht ihre Mobilisierungskraft.

Fazit
„Das laute Berlin“ ist mehr als eine Analyse, es ist ein politischer Weckruf. Hoffrogge zeigt, dass die Vergesellschaftung wieder im Zentrum politischer Auseinandersetzungen steht. Die Bewegung „Deutsche Wohnen & Co. enteignen” steht für eine erneuerte Klassenpolitik: Sie ist vielfältig, konkret und durchsetzungsfähig. Ihr Erfolg zeigt: Wenn die soziale Frage, eine demokratische Praxis und politischer Mut zusammenkommen, wird Veränderung möglich.
Berlin macht vor, was möglich ist: eine Politik, die soziale Konflikte ernst nimmt, demokratische Instrumente nutzt und kollektive Lösungen organisiert. Und Hoffrogge hat ein Buch geschrieben, dessen Erkenntnisse der Sozialdemokratie gut zu Gesicht stünden.

Siehe auch: Drohsel, Franziska/Karnetzki, Michael/Siebert, Ingo (2023): Sozialisierung und Sozialdemokratie – am Beispiel „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ in Berlin. In: spw 254 – Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft

2026-10-19T14:33:27+02:00
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