Heft 268

Von Vanilleeis und einem linken „Wir“ – Was die SPD aus internationalen Erneuerungsversuchen lernen kann

#analyse #spw

Heft 268

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Nina Netzer ist Referentin für Internationale Soziale Demokratie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und Mitglied der Grundwertekommission der SPD.

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Catrina Schläger leitet das Referat Politische Beratung und Impulse der Friedrich-Ebert-Stiftung und war zuvor in verschiedenen Funktionen in der internationalen Abteilung der FES tätig.

VON Nina netzer und Catrina schläger

In einer Fokusgruppendiskussion beschrieb ein junger Mann die SPD einmal als Vanilleeis. Das war nicht als Kompliment gemeint. Vanilleeis ist okay. Es passt irgendwie zu allem, stört nicht, ist aber eben auch fad und kaum jemand nennt es mit Leidenschaft seine Lieblingssorte. Genau darin liegt die Härte des Bildes: Es beschreibt keine Partei, für die man zur Eisdiele bzw. Wahlurne läuft, die begeistert oder klare Erwartungen weckt. Es beschreibt eine Partei, die vielen nicht wehtut, zu allem passt – aber auch niemandem mehr zwingend etwas bedeutet.

Die Frage ist, wie die SPD wieder unterscheidbar wird — als linke, demokratische, internationalistische Partei der Arbeit, die Lösungen für die Alltagssorgen der Menschen bietet, staatliche Handlungsfähigkeit stärkt, ihre Werte mit Überzeugung vertritt und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen wieder zu einem gemeinsamen politischen Projekt verbindet.

Das Problem ist nicht nur ein deutsches. Sozialdemokratische Parteien stehen weltweit unter Druck. Die nationalen Kontexte unterscheiden sich erheblich, doch die Druckpunkte ähneln sich: Verlust traditioneller Wählerbindungen, Erosion etablierter Parteiensysteme, Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte, Vertrauensverlust in politische Institutionen. Hinzu kommt, dass Krisen nicht mehr abstrakt bleiben. Klima, Krieg, Inflation, Energiepreise, Wohnungsnot, Migration, Digitalisierung und geopolitische Umbrüche rücken näher an den Alltag der Menschen heran. Die großen Weltlagen landen am Ende doch im Familienbudget, im Arbeitsleben, in der Kommune, in der Frage, ob der Staat noch funktioniert und ob demokratische Politik überhaupt gestalten kann.

Für die SPD geht es im Grundsatzprogrammprozess daher um mehr als die Aktualisierung programmatischer Beschlüsse. Es geht um tiefere Fragen:

Wofür steht Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert, wenn viele der Voraussetzungen, die sie einst stark gemacht haben – stabile Arbeitermilieus, starke Gewerkschaften, große Volksparteien, wirtschaftliches Wachstum und ein steuerungsfähiger Nationalstaat – brüchig geworden sind? Wie kann Sozialdemokratie im Verhältnis zu anderen politischen Angeboten wieder klarer erkennbar werden – mit einem eigenen Verständnis von Fortschritt, Gerechtigkeit, Arbeit, Staat und Demokratie? Und welche internationalen Entwicklungen sollte sie für ihren eigenen Erneuerungsprozess im Blick haben?

Keine Blaupause, aber Suchbewegungen

Der Blick nach außen liefert keine einfache Blaupause, aber er zeigt Suchbewegungen. Vier davon sind besonders wichtig: die internationale Debatte um Bezahlbarkeit (affordability) und staatliche Lieferfähigkeit (deliverism), die Wiederentdeckung von Pathos statt Pragmatismus – also emotionaler Ansprache und glaubwürdiger Haltung – jenseits bloßer Spiegelstrichpolitik, die Frage, wie Sozialdemokratie wieder Veränderung verkörpern kann (Disruption) und schlussendlich, welche Bündnisse es für progressive Mehrheiten braucht.

1. Affordability und Deliverism: Die Eintrittskarte zurück in politische Relevanz

In vielen progressiven Debatten tauchen derzeit zwei Begriffe immer wieder auf: affordability und deliverism. Beide sind schwer elegant ins Deutsche zu übersetzen, und vielleicht sollte man sie auch gar nicht zu schnell eindeutschen. Affordability meint mehr als „Bezahlbarkeit“ im engeren Sinn. Es geht um die Frage, ob Politik glaubwürdig auf steigende Kosten für Wohnen, Energie, Mobilität, Gesundheit, Pflege, Bildung und Lebensmittel antwortet. Im Deutschen schwingt dabei auch eine weitere Dimension mit: nicht nur, ob etwas bezahlbar ist, sondern ob Menschen die materiellen Möglichkeiten erhalten, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Deliverism (Ezra Klein) wiederum beschreibt die Erwartung, dass Politik öffentliche Versprechen nicht nur formuliert, sondern tatsächlich einlöst. Beide Begriffe markieren eine Rückkehr zu einer einfachen, aber politisch folgenreichen Einsicht: Wer soziale Demokratie erneuern will, muss zeigen, dass Politik die Lebenshaltungskosten senken und staatliche Handlungsfähigkeit wiederherstellen kann. Dabei geht es nicht um kurzfristige Entlastungsmaßnahmen allein. Es geht um die Wiederherstellung politischer Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit.

International lassen sich derzeit unterschiedliche Versuche beobachten, diese Einsicht in Regierungspolitik zu übersetzen: Anthony Albaneses Labor-Regierung in Australien steht für eine breite cost-of-living-Agenda: Steuerentlastungen, Energiepreis-Hilfen, höhere Mietzuschüsse für Haushalte mit niedrigen Einkommen, Entlastungen bei Studienkrediten, günstigere Kinderbetreuung und Investitionen in Medicare. Pedro Sánchez’ PSOE setzt in Spanien unter anderem auf Entlastungen im öffentlichen Nahverkehr, wohnungspolitische Eingriffe, öffentliche Investitionen und Unterstützung für junge Mieter:innen und Käufer:innen. In Kanada verbindet Mark Carney staatliche Investitionen mit einem Beteiligungsversprechen: Der Canada Strong Fund soll öffentliche Aufbauprojekte nicht nur finanzieren, sondern Bürger:innen an ihren Erträgen beteiligen. Andy Burnhams Greater Manchester zeigt mit dem Bee Network, wie deliverism als Rückgewinnung öffentlicher Kontrolle über zentrale Alltagsinfrastruktur funktionieren kann. Und Zohran Mamdani zeigt in New York, wie sich affordability politisch zuspitzen lässt: Sein Programm aus kostenloser Kinderbetreuung, günstigeren und schnelleren Bussen, öffentlicher Lebensmittelversorgung und höheren Steuern für große Einkommen und Unternehmen folgt einer einfachen Botschaft: Das Leben der Vielen soll günstiger werden, finanziert von jenen, die vom teuren New York am meisten profitieren.

So unterschiedlich diese Beispiele sind, ihr gemeinsamer Nenner ist entscheidend: Die stärksten internationalen Ansätze verstehen affordability nicht als bloße Entlastungspolitik entlang von Einzelmaßnahmen. Es geht nicht nur um Transfers an Einzelne, sondern um systemische Angebote: staatliche Daseinsvorsorge, Eingriffe in Mietmärkte, bezahlbare Mobilität, öffentliche Infrastruktur, Besteuerung von Vermögen. Bei affordability darf es also nicht nur um kosmetische Preissenkungen gehen, sondern darum systematisch in das Verhältnis von Markt und Staat einzugreifen. Genau hier berühren sich affordability und deliverism: sozialdemokratische Politik macht das Leben bezahlbarer und beweist zugleich, dass demokratische Institutionen handlungsfähig sind.

Doch beide Begriffe markieren eher die Eintrittskarte zurück in politische Relevanz als ein vollständiges sozialdemokratisches Projekt. Bezahlbarkeit und Lieferfähigkeit ersetzen keine Erzählung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ein funktionierender Staat ist noch keine Vision. Entscheidend ist deshalb, deliverism nicht als Dienstleistungsversprechen misszuverstehen, das Bürger:innen zu Konsument:innen politischer Wohltaten reduziert, sondern mit einem gemeinsamen Projekt zu verbinden, hinter dem sich Menschen versammeln können. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Joe Biden in den USA, dass staatliches Liefern allein nicht reicht. Die Biden-Administration hat mit dem Inflation Reduction Act ein großes industrie- und klimapolitisches Investitionsprogramm auf den Weg gebracht; politisch aber blieb bei vielen Menschen das Gefühl: I can’t feel it. Objektives Liefern und subjektives Erleben fallen nicht automatisch zusammen. Zwischen Investitionsprogramm und Alltagserfahrung liegt politische Vermittlung. Sozialdemokratie darf diese Übersetzungsleistung nicht unterschätzen.

Für ein SPD-Grundsatzprogramm folgt daraus: affordability und deliverism dürfen nicht als technokratische Detailfragen verhandelt werden. Sie entscheiden mit darüber, ob Menschen Demokratie wieder als handlungsfähig erleben – und ob größere sozialdemokratische Zukunftserzählungen überhaupt glaubwürdig werden.

2. Mehr Pathos, weniger Pragmatismus und ein linkes „Wir“

Wenn rechte Parteien erfolgreich sind, dann unter anderem deshalb, weil sie durch negative Emotionen mobilisieren: Wut, Kränkung, Verlustangst, Abgrenzung. Politische Parteien aus dem linken wie rechten Spektrum antworten darauf häufig entweder mit technokratischen Politikformeln und pragmatischen Lösungskatalogen oder ahmen den Sound der Rechten nach. Doch dies funktioniert erwiesenermaßen nicht (u.a. Mudde, Lewandoswky), sondern zahlt auf das rechtspopulistische Original ein. So treten sie rechtspopulistischen Parteien häufig sprachlos, verunsichert und mutlos gegenüber.

Der Blick nach Spanien zeigt eine andere Tonlage. Pedro Sánchez hat bei der Global Progressive Mobilisation in Barcelona mit mehreren tausend Teilnehmenden einen offensiven Ton gewählt: progressive Politik müsse wieder mit Stolz für Demokratie, Gleichheit und Fortschritt eintreten. Für viele Jahre hätten radikal rechte Parteien unsere Identität in Beleidigungen verwandelt, so dass Sozialdemokrat:innen häufig die Fähigkeit verloren haben, ihre eigenen Werte mit moralischer Klarheit und Stolz zu vertreten. Ein anderes Beispiel ist Elly Schlein der Partito Democratico (PD) in Italien. Sie zeigt, wie eine sozialdemokratische Partei aus der Opposition heraus versucht, wieder eine erkennbare linke Sprache zu finden. Schlein dreht die Feindbildlogik der Rechten um: Nicht Migrant:innen, Frauen oder LGBTQ+-Personen seien das Problem – „der große Gegner ist die Ungleichheit“. So verbindet sie soziale Gerechtigkeit, Klimagerechtigkeit, Würde der Arbeit, Kampf gegen Prekarität und gleiche Rechte nicht als getrennte Spiegelstriche, sondern als gemeinsames politisches Projekt. Und Anthony Albanese zeigt in Australien noch eine andere Variante: progressiver Patriotismus als Versuch, Zugehörigkeit und Identität nicht der Rechten zu überlassen. Sein „Australian way“ verbindet nationale Selbstbeschreibung mit öffentlichen Institutionen, Multikulturalität und sozialem Zusammenhalt – also mit einem positiven demokratischen „Wir“, nicht mit Abgrenzung nach unten oder außen. Eine vierte Variante zeigte das Parteienbündnis Frente Amplio in Uruguay. Mit „El Frente Amplio te escucha“ (Die Frente Amplio hört Dir zu) organisierte das Bündnis nach der Wahlniederlage 2019 einen landesweiten Zuhörprozess — in Städten und ländlichen Räumen, bei Treffen mit Nachbarschaftsorganisationen, Gewerkschaften, Unternehmen und Bürger:innen vor Ort. Die Botschaft war schlicht: Die Partei hört dir zu. Auch das ist Pathos: nicht als große Rede, sondern als politische Geste der Anerkennung.

Die Beispiele verdeutlichen, dass es darum geht, in einer „post politics-Welt“ (Mouffe und Zizek) Politik wieder als ideologische Auseinandersetzung zu verstehen und Werte nicht in Verwaltungssprache zu verstecken. Wenn Rechtsextreme, Milliardäre, Antifeminist:innen oder autoritäre Bewegungen Demokratie, Gleichstellung, soziale Rechte und öffentliche Güter angreifen, muss sich nicht die Sozialdemokratie für ihre Werte rechtfertigen. Rechtfertigen müssen sich aber jene, die Ungleichheit normalisieren, Menschenrechte relativieren und demokratische Institutionen aushöhlen. Die Angriffe auf eine offene Gesellschaft sind keine Nebenschauplätze, sondern Teil eines libertären, politischen Projekts gegen liberale Demokratie, soziale Rechte und pluralistische Gesellschaften.

In der ideologischen Auseinandersetzung kann die SPD ihr linkes Profil schärfen und politische Identität stiften. Dabei muss sie anerkennen, dass es die Arbeiterklasse im herkömmlichen Sinn nicht mehr gibt. Im Vergleich zum 20. Jahrhundert ist diese heute weiblicher und migrantischer und trägt nur noch selten einen Blaumann zur Arbeit. Aber diese Menschen eint nach wie vor, dass sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Als Partei der Arbeit muss die Sozialdemokratie ihren ideologischen Kern daher entlang der Konfliktlinie von Arbeit und Kapital bewahren. In der politischen Debatte bedeutet dies, klare Positionen für diejenigen zu ergreifen, die soziale Ungleichheit besonders trifft. Und das im Brustton der Überzeugung eines Jürgen Klopps, der mit Leichtigkeit sagt „Selbstverständlich bin ich links“.

Damit aber nicht genug. Denn rechte Parteien haben längst verstanden, dass Politik nicht nur aus Positionen besteht, sondern auch aus Identität und Zugehörigkeit. Für die Wähler:innen rechter Parteien ist „rechts sein“ mittlerweile eine bewusste Selbstbeschreibung, die zudem Gemeinschaft verspricht. Und das verweist auf eine Leerstelle der Sozialdemokratie: ihr fällt es zunehmend schwer, sich selbst als links zu verstehen – nicht zuletzt aus Sorge, sich in Kulturkämpfen zu verlieren, die von Polarisierungsunternehmern (Mau) angeheizt werden. Das Gegenteil wäre der Fall – es braucht ein sozialdemokratisches Angebot eines „linken Wir“, das mit Stolz für eine solidarische und vielfältige Gemeinschaft als Quelle von Würde, Zugehörigkeit und Zusammenhalt eintritt.

3. Disruption ohne Kettensäge: Veränderung muss strukturell werden

Ein dritter internationaler Lernstrang betrifft den Wunsch nach Disruption. In vielen Gesellschaften gibt es eine starke Sehnsucht nach radikaler Veränderung oder gar Zerstörungslust (Amlinger und Nachtwey). Rechte und autoritäre Akteure nutzen sie, indem sie wie Trump behaupten „the system is rigged“ und versprechen, das System zu zerschlagen. Javier Mileis „Kettensäge“, mit der er in Argentinien dem Staat den Kampf angesagt hat, ist dafür nur das sichtbarste Symbol. Sozialdemokrat:innen können und sollten diese Zerstörungslogik nicht übernehmen, schließlich geht es häufig um den Rückbau sozialdemokratischer Errungenschaften – wie Schutz von Minderheiten, Sozialleistungen oder Umweltschutz. Aber in einer Welt, die vor tiefgreifenden Veränderungen steht und sich im steten Wandel befindet, sollten sie nicht als angestaubte Verteidiger des Status quo auftreten. Sozialdemokratische Disruption muss anders aussehen.

Internationale Beispiele zeigen unterschiedliche Varianten. Der neue britische Premierminister Andy Burnham steht in Großbritannien für eine Labour-Politik, die regionale Handlungsfähigkeit und öffentliche Kontrolle über zentrale staatliche Leistungen in den Vordergrund rückt. Dezentralisierung, öffentlicher Verkehr, kommunale und regionale Steuerungsfähigkeit, staatliche Präsenz in konkreten Lebensbereichen. Seine Popularität liegt aber nicht nur in einzelnen Maßnahmen. Burnham verkörpert auch einen Bruch mit der Londoner Westminster-Politik: nordenglische Verwurzelung, erkennbare Nähe zu Arbeiter:innen, die Verteidigung regionaler Interessen gegen die Zentralregierung und ein politischer Stil, der auf praktische Verbesserungen zielt. Andreas Babler wiederum verkörperte in Österreich zumindest zeitweise das Versprechen, eine etablierte sozialdemokratische Partei wieder stärker von links, von der Basis und von ihrem gesellschaftlichen Auftrag her zu erneuern. Seine Kampagne zeigte, dass auch in alten Parteiapparaten eine Sehnsucht nach Bruch, Beteiligung und klarerer politischer Sprache existiert. Auch Pedro Sanchez schwimmt mit seiner Politik der Legalisierung von über 500.000 Migrant:innen gegen den Strom. Flankiert wird diese Politik mit einem 500 Millionen Euro Programm für Ausbildung, Sprache und Wohnraum. Mamdani zeigt eine weitere Variante: eine junge, urbane, demokratisch-sozialistische Politik, die radikale Forderungen mit konkreten Fragen von Miete, Mobilität, Kinderbetreuung und Lebenshaltungskosten verbindet. Seine Stärke liegt nicht darin, dass jede Forderung problemlos umsetzbar wäre. Seine Stärke liegt darin, dass Politik wieder als Entscheidung über Verteilung, öffentliche Güter und Lebensrealität sichtbar wird.

Auch sozialdemokratische Parteien können die Sehnsucht nach Disruption aufgreifen. Doch auch hier gilt: Ein Bruchsignal trägt nur, wenn daraus mehr wird als ein Stil. Die Frage ist, ob neue Figuren Strukturen verändern, Machtverhältnisse verschieben und programmatische Klarheit schaffen. Für die SPD heißt das: Erneuerung darf nicht allein auf neue Gesichter oder neue Kommunikationsformen reduziert werden. Sie muss institutionell werden. Eine Partei, die Veränderung verspricht, muss auch zeigen, welche Strukturen sie verändern will. Disruptive Elemente könnten eine einmalige Vermögensabgabe wie nach dem 2. Weltkrieg, die Neugliederung des Fiskalföderalismus zugunsten von Kommunen oder ein Grunderbe für 18-jährige zum Vermögensaufbau oder zur Finanzierung der Ausbildung sein. Aber Disruption betrifft auch die eigene Organisation. Wer beteiligt wird, wer kandidiert, wer gehört wird, wer politische Sprache prägt und wer als Teil sozialdemokratischer Bewegung gilt – all das entscheidet darüber, ob Erneuerung glaubwürdig wird.

4. Bildet Banden: Progressive Mehrheiten entstehen nicht mehr von allein

Schließlich zeigt der internationale Blick: Sozialdemokratische Parteien können in vielen Ländern keine eigenen Mehrheiten mehr organisieren. Die alte Vorstellung, progressive Mehrheiten sammelten sich fast automatisch um eine große sozialdemokratische Volkspartei, trägt nicht mehr. Deshalb wird Bündnispolitik zur strategischen Überlebensfrage.

„Bildet Banden“ meint dabei zweierlei. Erstens gesellschaftliche Bündnisse: mit Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, feministischen Bewegungen, Jugendorganisationen, Klimabewegungen, Zivilgesellschaft und neuen sozialen Bewegungen. Zweitens aber auch parteipolitische Allianzen. In Europa zeigen Frankreich, Norwegen, Spanien und die Niederlande verschiedene Wege progressiver Bandenbildung. In Frankreich wurde NUPES unter hohem Druck schnell geschmiedet — und erodierte ebenso schnell an Führungsfragen und fehlenden Strukturen. Norwegen steht für eingeübte parlamentarische Zusammenarbeit, in der besonders der Haushalt zum wiederkehrenden Kooperationspunkt wird. Spanien zeigt, wie PSOE, Podemos und später Sumar Kooperation unter Konkurrenzbedingungen organisierten — mit Machtgewinnen, aber auch Profil- und Führungskonflikten. In den Niederlanden arbeiten GroenLinks und die sozialdemokratische PvdA seit 2023 eng zusammen; 2025 stimmten die Mitglieder beider Parteien für eine vollständige Fusion, die am 1. Juli 2026 unter dem Namen Progressief Nederland (PRO) gegründet wurde. Auch wenn es zu früh ist, die Fusion abschließend zu bewerten, so ist die Gründung vielsprechend. Mit über 100.000 Mitgliedern hat PRO die größte Parteibasis in den Niederlanden, am Gründungsparteitag nahmen 6.000 Mitglieder teil, was einen Beteiligungsrekord darstellt und in aktuellen Umfragen liegt PRO derzeit vorne. Auch die Gewerkschaften unterstützen mittlerweile die Neugründung, der sie zunächst aus Sorge vor dem Verlust traditioneller Arbeiter:innen skeptisch gegenüberstanden. Nun kommt es darauf an, die unterschiedlichen Parteimilieus zu festigen und die aktuelle Mobilisierung bis zu den nächsten Parlamentswahlen aufrecht zu erhalten, denn bei den letzten Parlamentswahlen konnte GroenLinks noch nicht überzeugen. In Brasilien gelang Lulas PT die Rückkehr an die Macht nicht als reine Parteimobilisierung, sondern als Teil einer breiten demokratischen Allianz gegen Bolsonaro. Thailand zeigt eine andere Form progressiver Allianzbildung. Die People’s Party und ihre Vorgängerparteien verbanden junge Kandidat:innen, studentische Proteste und Anti-Establishment-Mobilisierung mit einem Programm der Demokratisierung, Dezentralisierung, Entmilitarisierung und Entmonopolisierung. Ihr Erfolg 2023 beruhte nicht allein auf urbanen, gut ausgebildeten Milieus, sondern auch auf einer innovativen Wahl- und Social-Media-Kampagne, einem charismatischen Spitzenkandidaten und der Fähigkeit, über progressive Kernmilieus hinaus in ländliche Räume vorzudringen.

Viele der Beispiele zeigen, dass progressive Koalitionen meist erst unter Druck entstehen. Doch gerade das Beispiel Niederlande zeigt mit der schrittweisen Annäherung von PvdA und GroenLinks bis hin zur Fusion, dass vertiefte Kooperation Zeit braucht und sowohl auf Führungs- als auch auf Basisebene vorbereitet werden muss. Es braucht Zeit, um Vertrauen, etablierte Gesprächskanäle und gemeinsame strategische Sprache aufzubauen. Auch für die SPD liegt darin die Erkenntnis, dass sie gesellschaftliche Bündnisse braucht und die Frage beantworten muss, wie progressive Mehrheiten in einer fragmentierten Gesellschaft überhaupt noch entstehen können.

Sozialdemokratie muss wieder unterscheidbar werden

Der Blick nach außen zeigt keine einfache Rettungsformel. Es gibt nicht das eine internationale Erfolgsmodell, das die SPD kopieren könnte. Aber es gibt erkennbare Suchbewegungen. Sozialdemokratie wird dort interessanter, wo sie Bezahlbarkeit und staatliche Lieferfähigkeit als Voraussetzung politischer Glaubwürdigkeit ernst nimmt; wo sie ihre Werte nicht in Spiegelstrichpolitik versteckt, sondern mit Stolz vertritt; wo sie Veränderung nicht nur personell inszeniert, sondern strukturell organisiert; und wo sie neue progressive Bündnisse wagt.

Für den SPD-Grundsatzprogrammprozess folgt daraus: Ein neues Programm muss mehr sein als ein Katalog richtiger Antworten. Es muss sagen, auf welcher Seite Sozialdemokratie steht, welche Machtverhältnisse sie verändern will und wie sie im 21. Jahrhundert wieder Partei der Arbeit, der Freiheit und der demokratischen Gestaltung werden kann. Nicht als Rückkehr zu alten Gewissheiten, sondern als sozialdemokratisches Angebot für eine neue Zeit.

Vanilleeis mag vielleicht keine exotische Sorte sein, aber es ist das beliebteste Eis in Deutschland und hat den größten Marktanteil. Was es besonders gut macht? Sein Markenkern: echte Vanille.


Literatur

Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver (2025): Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Berlin: Suhrkamp

Klein, Ezra/Thompson, Derek (2025): Der neue Wohlstand. Was wir für eine bessere Zukunft tun müssen. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Jürgen Klopp, https://taz.de/Ich-war-ein-aggressives-Arschloch/I675176/

Lewandowsky, Marcel/Neuenfeld, Anna-Lisa (2026): Parteien im Stresstest. Empirische Befunde und strategische Überlegungen zum Umgang der Parteien mit dem Rechtspopulismus. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung

Mouffe, Chantal (2010): „‚Postdemokratie‘ und die zunehmende Entpolitisierung“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Heft 1–2/2011, S. 3-5

Mudde, Cas (2020): Rechtsaußen. Extreme und radikale Rechte in der heutigen Politik weltweit. Bonn: J. H. W. Dietz Verlag

Pedro Sanchez, https://globalprogressivemobilisation.org/en/live-stream

Žižek, Slavoj (2006): “Against the Populist Temptation.” In: Critical Inquiry, 32(3), S. 551–574

2026-10-19T15:49:45+02:00
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