Heft 267 – 02/2026

Rezension: Die USPD und ihre Jugend – Die Sozialistische Proletarierjugend.

#kultur #kritik #spw

Thilo Scholle ist Mitglied der spw-Redaktion, Jurist und lebt in Lünen.

von Thilo Scholle

Hartfrid Krause
Die USPD und ihre Jugend – Die Sozialistische Proletarierjugend.
Dokumente, Protokolle und Materialien, GRIN Verlag, München 2024
221 Seiten, 24,95 €

Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) entstand 1917 als Folge der Spaltungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie während des Ersten Weltkriegs. In der USPD sammelten sich zunächst Kriegsgegner: innen, die die Burgfriedenspolitik der Reichstagsfraktion nicht mehr mittragen wollten. Über diese Gemeinsamkeit hinaus existierte in der USPD aber eine große Vielzahl unterschiedlicher politischer Biografien und politischer Überzeugungen – vereinte sie doch beispielsweise mit Eduard Bernstein und Karl Kautsky zwei der zentralen Antipoden des „Revisionismusstreits“ der Jahrhundertwende in ihren Reihen. Während ein maßgeblicher Teil der USPD-Mitglieder sich inhaltlich und politisch-strategisch in der Nachfolge des alten „Zentrums“ der Partei sah – so etwa der erste Parteivorsitzende Hugo Haase – und für einen zwar dezidiert auf Überwindung der kapitalistischen Ordnung, zugleich aber auch auf eine Politik kleiner Schritte und die Erringung gesellschaftlicher Mehrheiten als Voraussetzung für eine Transformation in Richtung auf den Sozialismus eintrat, befürworteten andere eine wesentlich radikalere und vor allem auf radikales Verhalten im Hier und Jetzt ausgerichtete Politik. So kam es bereits im Jahr 1920 zur Abspaltung des linken Flügels der Partei, der sich mit der erst kurz zuvor gegründeten Kommunistischen Partei zusammenschloss. Nach der Wiedervereinigung mit der Mehrheitssozialdemokratie im Jahr 1922 existierte eine Rest-USPD dann nur noch als Splitterpartei.

Der Entwicklung der USPD ist in den meisten Darstellungen zur Geschichte der Sozialdemokratie nur eine untergeordnete Rolle zugewiesen. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich mit Hartfrid Krause der Verfasser der maßgeblichen Monografie zur Geschichte der USPD nun der Geschichte ihrer Jugendorganisation widmet.

Das erste Drittel des Bandes befasst sich mit der Geschichte der in und im Umfeld der Partei organisierten Jugend. Schnell wird deutlich: die auch die Mutterpartei durchziehenden Streitlinien bezüglich des Verhältnisses zur Weimarer Republik, zur spezifischen Ausformung von rätedemokratischen Vorstellungen und letztlich auch bezogen auf eine revolutionäre Zielsetzung für die inhaltlichen Debatten in der Jugend waren zentral. Und sie hatten mehrere Spaltungsprozesse innerhalb der Jugend selbst zur Folge. So bewegte sich die ursprünglich der USPD nahestehende „Freie Sozialistische Jugend“ immer stärker auf die KPD zu, bis sie sich in „Kommunistische Jugend“ umbenannte. Die nach dem auch formalen Bekenntnis der Verbandsmehrheit zur KPD im Jahr 1919 dann neu als Jugend im USPD-Umfeld gegründete „Sozialistische Proletarierjugend“ spaltete sich in der Folge der Spaltung der Mutterpartei im Jahr 1920 ebenfalls. Der weiterhin als „Sozialistische Proletarierjugend“ firmierende Rest schloss sich dann 1922 im Zuge der Vereinigung von USPD und Mehrheitssozialdemokratie mit dem dortigen „Verband der Arbeiterjugendvereine“ zur neuen „Sozialistischen Arbeiterjugend“ zusammen.

Roter Faden in all den internen Auseinandersetzungen war der Gegensatz von „Einheit vor Klarheit“ oder „Klarheit vor Einheit“ – also die Frage, ob eher die Sammlung aller sich als sozialistisch verstehenden Kräften unter Inkaufnahme von internen inhaltlichen und politisch-strategischen Unterschieden auf der Agenda stehen sollte oder ob es zunächst zu einer streng um einen engen programmatischen Korridor gruppierten Organisation kommen sollte.

Nach Hartfrid Krause hielt der interne „Burgfrieden“ zwischen den verschiedenen Strömungen nur während der Kriegszeit. Mit Beginn der Novemberrevolution seien die Differenzen immer klarer und härter zutage getreten. Waren aus der USPD 1919 nur einzelne Personen wie etwa Clara Zetkin zur KPD übergewechselt, so war das gegenseitige Abwerben in der Jugend bereits in vollem Gange. Mit den inhaltlichen Auseinandersetzungen ging es immer auch um den Status der Unabhängigkeit. Abschreckendes Beispiel für viele sei die von der Mutterpartei in der Vorkriegszeit weitgehend gesteuerte sozialdemokratische Jugendorganisation gewesen. Insbesondere die im vorliegenden Band dokumentierten Parteitags- und Konferenzreden zeigen die Pole zwischen entweder einer Organisation, die Jugendliche an die Partei heranführt und deren Einsatz darin bewirbt oder einer parteiunabhängigen (wiewohl unterstützten) Jugendorganisation, die sich an den Bedürfnissen der Jugend orientiert und diese politisch bilden und zu selbstständigem Denken und Handeln hinführen will.

Die zwei weiteren Drittel des Bandes dokumentieren Nachdrucke von Texten und Beschlüssen aus den Zeitschriften und sonstigen Publikationen im Umfeld der Proletarierjugend. Im letzten Block sind die in Zeitungen abgedruckten Berichte zu den Reichskonferenzen der Sozialistischen Proletarierjugend bis zur Vereinigung mit der Mehrheitssozialdemokratie im Jahr 1922 zu Protokollen zusammengefasst und illustrieren damit das konkrete Debattengeschehen. Bis ins Jahr 1920 hinein finden sich hier auch viele Texte aus den Organen des der KPD zugewandten Flügels. Enthalten sind zudem Texte von Akteuren der Sozialistischen Proletarierjugend, die nach 1922 auch Relevanz in der Sozialistischen Arbeiterjugend sowie bei den Jungsozialisten entfalten sollten wie etwa Georg Engelbert Graf oder Otto Jenssen.

Die inhaltliche Ausrichtung der Freien Sozialistischen Jugend auf die KPD wird in einem Artikel aus der Leipziger Volkszeitung über die Reichskonferenz im Februar 1919 deutlich, in dem es heißt: „Die Jugend erklärt sich im Gegensatz zur USP gegen die bürgerliche Demokratie, d.h. Mitbestimmung des Bürgertums, Parlamentarismus, Pressefreiheit, für die Diktatur des Proletariats, alle Macht den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten, gegen das Milizsystem, für die Bildung roter Garden und für die Bewaffnung des Proletariats“. (74). Der Artikel selbst zieht dann ein eher ironisches Fazit der Konferenz. Vor lauter revolutionären Worten und Verherrlichung des revolutionären Geistes sei man gar nicht dazu gekommen, sich zu den durch die Revolution (von 1918) gestellten Aufgaben der Jugendbewegung zu äußern. Dies sei sehr bedauerlich, da die aus der Provinz angereisten Delegierten für das eigene Wirken unter ungünstigen Verhältnissen dringend klarer Richtlinien und praktischer Winke bedürften. Die Gegenposition der weiterhin in der USPD verbleibenden Jugend findet sich einem Artikel Martin Bräuers aus dem Dezember 1920, wenige Wochen nachdem sich sowohl USPD wie auch Sozialistische Proletarierjugend gespalten hatten, wieder. Bräuer wendet sich zunächst gegen die reine Ausrichtung der Jugend auf eine Partei und erklärt die Arbeiterjugend vor allem zur Bewegung der gerade die Volksschule verlassenen jungen Menschen. Auf diese Altersgruppe solle die Arbeit ausgerichtet sein. „Die sozialistische Proletarierjugend wird die Bewegung der Jungen bleiben. Sie gilt es durch aufklärenden Unterricht und Teilnahme an politischen Aktionen der Alten zu Sozialisten und Klassenkämpfern (sic) zu erziehen.“ (140)

Mit dem vorliegenden Band fügt Hartfrid Krause seiner Sammlung von Texten zur Geschichte der USPD einen weiteren wichtigen Baustein hinzu. Einleitend führt er souverän in die zentralen Debatten der Jugend ein. Die im zweiten Teil nachgedruckten Texte wiederholen sich inhaltlich teils, zugleich geben sie damit aber auch einen fundierten Überblick über die jeweiligen Debattenstränge. So entsteht insgesamt ein lesenswerter Einblick in die Geschichte der linkssozialdemokratischen Parteijugend mit ihren Orientierungsbemühungen und Richtungskämpfen in der frühen Phase der Weimarer Republik.

2026-07-10T12:49:35+02:00
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