Die neue Arbeitszeitdebatte
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19. Mai 2026

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Till van Treeck ist Ökonom und Professor an der Universität Duisburg-Essen.
von till van treeck
Arbeitszeitdebatte: alt und neu
Die Arbeitszeitdebatte hat in Deutschland in den vergangenen Monaten deutlich an Schärfe gewonnen. Bereits im Bundestagswahlkampf 2025 trafen zwei Positionen aufeinander, wobei die Konfliktlinien nicht entlang parteipolitischer Grenzen verliefen: Während die einen angesichts von Fachkräftemangel und schwachem Wachstum längere Arbeitszeiten fordern, plädieren andere für eine Verkürzung der Erwerbsarbeit zugunsten von Lebensqualität und einer gerechteren Verteilung von Sorgearbeit. Auffällig ist dabei, dass die zunehmend lauten Forderungen nach längeren Arbeitszeiten den geäußerten Präferenzen der Beschäftigten klar widersprechen. Repräsentative Befragungen zeigen, dass sich viele Erwerbstätige kürzere Arbeitszeiten wünschen – selbst dann, wenn dies mit Einkommenseinbußen verbunden wäre (siehe Behringer/Westrich/van Treeck, 2025).
Bemerkenswert ist auch, dass diese Debatte keineswegs neu ist. Bereits im Berliner Programm der SPD von 1989 wurde Arbeitszeitverkürzung als zentrales Element sozialen Fortschritts formuliert. Dort heißt es, die Steigerung der Produktivität solle „zur Verkürzung der Arbeitszeit“ genutzt werden, wodurch sich „die Belastung der Erwerbsarbeit verringert“ und „mehr Zeit für Familie, kulturelle und soziale Aktivitäten“ entsteht. Ebenso wurde betont, dass kürzere Arbeitszeiten eine Voraussetzung für Geschlechtergerechtigkeit seien: Wenn Erwerbsarbeit allen zugänglich sein soll und die häusliche Arbeit partnerschaftlich geteilt wird, müsse die tägliche Arbeitszeit insgesamt sinken – mit dem Ziel einer „30-Stunden-Woche als Regel“. Heute, 37 Jahre nach dem Berliner Programm, ist die Stundenproduktivität fast 50 Prozent höher, wenn man das jährliche gemessene Produktivitätswachstum zugrunde legt.
Vor diesem Hintergrund wirkt die gegenwärtige Verschiebung hin zu Forderungen nach Mehrarbeit auch innerhalb der SPD wie ein radikaler Bruch mit früheren wohlfahrtsorientierten Leitbildern.
Eine zentrale Entwicklung, die mit dem gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung und Privatisierung seit den 1980er Jahren verbunden ist, ist die Fähigkeit zu kollektiver Koordination in ökonomischen Entscheidungssituationen. Diese spielt in Fragen der Arbeitszeit eine besonders wichtige Rolle. Zwar mögen Einzelne rational handeln, wenn sie ihre Arbeitszeit ausweiten, um Einkommen oder Karrierechancen zu sichern. Doch wenn alle diesem Anreiz folgen, entsteht ein kollektiver Wettbewerb um relative Positionen, der letztlich zu weniger Freizeit für alle führt. Gerade jüngere Beschäftigte scheinen diese Problematik zu erkennen: Sie unterstützen kollektive Modelle wie die 4-Tage-Woche besonders stark – womöglich weil sie sehen, dass diese verhindern, dass individuelle Arbeitszeitreduktionen „im Alleingang“ mit Teilhabe- und Statusverlusten verbunden sein können.
Hinzu kommt eine geschlechterpolitische Dimension. Die gestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen hat das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen pro Kopf der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den letzten Jahrzehnten erhöht, selbst wenn die Arbeitszeit pro beschäftigter Person gesunken ist. Dies ist ein statistischer Effekt, der sich mechanisch daraus ergibt, dass viele Frauen heute in Teilzeit beschäftigt sind, während sie früher gar keiner Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Betrachtet man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen, arbeiten Frauen bereits heute mehr als Männer. Eine pauschale Forderung nach längeren Erwerbsarbeitszeiten, wie sie Bundeskanzler Merz einfordert, widerspricht nicht nur den geäußerten Wünschen der Beschäftigten, sondern würde Geschlechterungleichheiten tendenziell noch verschärfen. Eine Verkürzung der Arbeitszeit, insbesondere bei Männern, könnte hingegen dagegen dazu beitragen, Sorgearbeit gerechter zu verteilen und Lebensqualität zu erhöhen.
Das Ende des alten Wachstumsmodells
Die Intensität der aktuellen Debatte lässt sich nur vor dem Hintergrund struktureller Veränderungen im deutschen Wirtschaftsmodell verstehen. Das exportgetriebene Wachstumsmodell, das in der ersten Hälfte der 2000er Jahre entstand (siehe Behringer/van Treeck/Truger, 2020), ist zunehmend an seine Grenzen gestoßen. Seit etwa 2019 schwächeln sowohl die Exporte als auch das gesamtwirtschaftliche Wachstum deutlich.
Vor diesem Hintergrund fordern einige Stimmen, die „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ durch mehr Arbeit, niedrigere Kosten und eine Stärkung der exportorientierten Industrieproduktion wiederherzustellen. Ein solcher Ansatz greift jedoch zu kurz und wirkt in mehrfacher Hinsicht anachronistisch. Erstens haben sich die geopolitischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Der enorme deutsche Leistungsbilanzüberschuss, der sich in den frühen 2000er Jahren aufbaute, wurde bereits von der Obama-Administration, dem Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission ähnlich kritisch gesehen wie heute von der Trump-Administration. Mit der Rückkehr des globalen Protektionismus ist das deutsche Modell nun endgültig am Ende. Zweitens ist in einer wohlhabenden Gesellschaft wie Deutschland längst der Punkt erreicht, an dem zusätzliche Einkommenssteigerungen nicht mehr automatisch zu höherer Zufriedenheit oder stärkerem gesellschaftlichem Zusammenhalt führen.
Das sogenannte Easterlin-Paradox besagt, dass höhere Einkommen zwar im Vergleich zu anderen das individuelle Wohlbefinden erhöhen können, nicht aber, wenn alle Einkommen gleichzeitig wachsen. In reichen Gesellschaften dominieren relative Vergleiche um soziale Teilhabe und Status. Daraus ergibt sich ein strukturelles Problem: Individuell erscheint es sinnvoll, mehr zu arbeiten, um mitzuhalten; kollektiv führt dies jedoch zu einem „Wettlauf nach oben“, der die verfügbare Freizeit reduziert, ohne den gesellschaftlichen Wohlstand im gleichen Maße zu erhöhen.
In diesem Sinne ist Arbeitszeitverkürzung keine romantische Idee, sondern eine vernünftige Antwort auf ein Koordinationsproblem moderner Ökonomien. Sie ist Teil eines alternativen Entwicklungspfads, der nicht auf immer mehr Produktion und Export, sondern auf eine andere Organisation von Wohlstand zielt.
Öffentliche Güter als Voraussetzung für Residenz und Wohlstandsorientierung
Eine zentrale Rolle spielen dabei öffentliche Güter und die öffentliche Daseinsvorsorge. Sie tragen nicht nur zur Absicherung zentraler Lebensrisiken bei, sondern beeinflussen auch die Art und Weise, wie Wohlstand in einer Gesellschaft organisiert wird. Empirische Analysen zeigen, dass staatliche Sachleistungen – etwa in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder soziale Infrastruktur – erhebliche Umverteilungseffekte haben und insbesondere Haushalte mit niedrigeren Einkommen entlasten.
Dies hat unmittelbare Konsequenzen für die Arbeitszeitfrage. Wenn zentrale Bedürfnisse kollektiv abgesichert sind, sinkt der individuelle Druck, über längere Arbeitszeiten ein möglichst hohes Einkommen zu erzielen. Öffentliche Güter erweitern damit den Spielraum für individuelle und kollektive Arbeitszeitverkürzung. Zugleich erhöhen sie die Resilienz der Gesellschaft, weil sie weniger anfällig für Einkommensschwankungen und soziale Ungleichheit wird. Arbeitszeitverkürzung wird dann nicht als Verzicht, sondern als Teil eines anderen Wohlstandsmodells sichtbar.
Politische Hebel für ein wohlstandsorientiertes Wirtschaftsmodell
Die entscheidende Frage lautet somit, wie ein solches Modell politisch umgesetzt werden kann. Ein erster Ansatzpunkt liegt in der Stärkung kollektiver Institutionen, insbesondere der Tarifbindung. Deren Erosion in den vergangenen Jahrzehnten hat dazu beigetragen, dass Arbeitszeitfragen zunehmend individualisiert wurden. Ohne koordinierende Institutionen bleibt die Entscheidung über Arbeitszeiten jedoch im beschriebenen Teilhabedilemma gefangen. Eine stärkere Tarifbindung kann hier gegensteuern, indem sie kollektive Arbeitszeitnormen etabliert und Wettbewerbsnachteile einzelner Beschäftigter oder Unternehmen begrenzt.
Ein zweiter Hebel ist der Ausbau öffentlicher Daseinsvorsorge. Investitionen in Bildung, Kinderbetreuung, Gesundheit und öffentliche Verkehrsinfrastruktur sind nicht nur sozialpolitisch sinnvoll, sondern schaffen auch die Voraussetzungen für eine Neuorientierung des Wohlstandsbegriffs. Sie ermöglichen es, Lebensqualität weniger stark an individuelles Einkommen zu koppeln und eröffnen damit Spielräume für kürzere Arbeitszeiten.
Drittens bedarf es gesellschaftlicher Leitbilder, die kollektive Arbeitszeitverkürzung als realistische und wünschenswerte Perspektive sichtbar machen. Die breite Zustimmung zur 4-Tage-Woche, insbesondere bei jüngeren Beschäftigten, deutet darauf hin, dass sich solche Leitbilder bereits im Wandel befinden. Entscheidend ist jedoch, dass diese Präferenzen in institutionelle Regelungen übersetzt werden. Schließlich können ergänzende Maßnahmen wie eine soziale Dienstzeit dazu beitragen, gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten neu zu organisieren und zugleich das Verständnis von Arbeit zu erweitern (siehe Behringer/Westrich/van Treeck, 2025).
Insgesamt zeigt sich, dass Arbeitszeitverkürzung nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie ist eingebettet in ein umfassenderes Projekt: die Entwicklung eines Wirtschaftsmodells, das Wohlstand nicht primär über Wachstum und Einkommen definiert, sondern über Lebensqualität, soziale Sicherheit und Zeitwohlstand. Die politische Herausforderung besteht darin, die institutionellen Voraussetzungen für dieses Modell zu schaffen.
