Heft 265 – 4/25
Sammelrezension: Aktuelle Bände des Archivs für Sozialgeschichte
#kultur #kritik #spw
Archiv für Sozialgeschichte Band 60
„Hoch die internationale…“? Praktiken und Ideen der Solidarität
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2021
539 Seiten, 68 €
Archiv für Sozialgeschichte Band 61
Eliten und Elitenkritik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2021
644 Seiten, 68 €
Archiv für Sozialgeschichte Band 62
Sozialgeschichte der Bildung
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2022
492 Seiten, 68 €
Archiv für Sozialgeschichte Band 63
Rechtsextremismus nach 1945
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2023
653 Seiten, 68 €
Archiv für Sozialgeschichte Band 64
Migration in der Moderne. Wege – Orte – Erinnerungen
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2024
495 Seiten, 68 €
Archiv für Sozialgeschichte Band 65
Partizipation und Repräsentation. Eine demokratische Liebesgeschichte?
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2025
624 Seiten, 68 €
von Thilo Scholle
Das Archiv für Sozialgeschichte, herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von einem Kollektiv an Herausgebenden, gehört beinahe zu den „Hidden Champions“ der neueren Gesellschaftsgeschichte – zumindest mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung von sozialhistorischer Forschung im Umfeld der Sozialdemokratie. Die Leistung, jedes Jahr einen Sammelband von etwa 600 Seiten mit einem gut gewählten Schwerpunktthema sowie weiteren Forschungsberichten und Überblickrezension auf den Weg zu bringen, ist mehr als beachtlich. Die Relevanz der Themen – durchaus auch als Hintergrund für „lange Linien“ bis hinein in aktuelle politische Fragestellungen – zeigt ein Blick in die zuletzt erschienenen Bände.
Schwerpunktthema von Band 60 sind „Praktiken und Ideen der Solidarität“. Die Autorinnen und Autoren versuchen dabei, weit über rein linke Bezugnahmen auf Konzepte der Solidarität hinauszugehen und etwa auch Vorstellungen von Solidarität in der „Betriebsgemeinschaft“ des Dritten Reichs nachzugehen. Vorangestellt ist eine instruktive Einleitung der Herausgeber Dietmar Süß und Meik Woyke. Lesenswert ist zudem eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion des Begriffs der Solidarität im 19. und 20. Jahrhundert von Hermann-Josef Große Kracht, in der er den Begriff der Solidarität als einen der „Sehnsuchtsorte“ unserer Gegenwart einordnet. Wichtig ist Große Kracht dabei die Feststellung der unterschiedlichen Konnotationen des Begriffs. Insbesondere in der Arbeiterbewegung der Jahrhundertwende galt der Begriff der Solidarität eher als Beschreibung eines sozialen Fakts, der den sozialen Zusammenhalt moderner hoch arbeitsteilig organisierter Gesellschaften kennzeichne. Beinahe folgerichtig endet er mit dem Plädoyer für eine „Ent-Emotionalisierung der Solidarität“: Der Begriff sei aktuell in links und kosmopolitisch konnotierten Milieus als Solidarität gerade mit Fremden und „Anderen“ sowie nicht selten als Ausweis besonderer moralischer Sensibilität verankert, zugleich bediene er in rechtsnationalen Kreisen eher eine heimatliche Sehnsucht nach emotionaler Solidarität mit dem eigenen Volk, und in bürgerlich-liberalen Kreisen eine Vorstellung von zwischenmenschlicher Hilfsbereitschaft, die nicht durch eine überbordende soziale Umverteilung gefährdet werden dürfe. Nur ein Verständnis von Solidarität als „fait social der hocharbeitsteiligen Gegenwartsgesellschaften“ könne verhindern, dass die Solidarität einzig auf dem Feld der Tugend- und Moralkonzepte auftreten dürfe und hier mit den älteren Begriffen des Mitleids, der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit konkurrieren müsse. Mit einem soziologischen Begriff der Solidarität könne man den Begriff erneut politisieren, etwa mit Blick auf die Frage nach den normativen Grundlagen eines modernen republikanischen Wohlfahrtstaates. Lesenswert sind im Band auch die Sammelrezensionen, etwa von Michael Schneider zu neueren Arbeiten über Gesellschaft im Dritten Reich und von Fabian Lemmes zu den Grundlagen der Anarchismusforschung.
Band 61 nimmt sich des Themas „Eliten und Elitenkritik“ an. Ausgangspunkt des Bandes ist dabei die Feststellung, dass Gesellschaften in ihren Selbstbeschreibungen sich meist schwertun, sich mit ihren Eliten, ihren Entstehungsbedingungen und Herrschaftsformen auseinanderzusetzen. In den meisten Beiträgen klingt an, dass immer noch viel zu unterbelichtet sei, wie sich Eliten real verhalten. Die Texte umgreifen auch hier ein breites Feld, von historischen Einordnungen italienischer Eliten unter napoleonischer Herrschaft bis hin zu Elitenkonstruktionen in der DDR und zur Frage der Besteuerung von Eliten in unterschiedlichen Herrschaftssystemen im 20. Jahrhundert. In einem einleitenden Text zur „historisch-soziologischen Kritik des Eliten-Begriffs“ hält Peter Imbusch fest, dass Eliten für die Gesellschaftsanalyse eigentlich besonders wichtige Akteure seien, dieser Bedeutung in den Sozialwissenschaften aber eine geradezu fahrlässige Auseinandersetzung mit den konkreten Eliten gegenüberstehe. Zudem sei der Elitenbegriff zu einer Allerweltskategorie verkommen, dabei gehe es auch darum, Macht- und Herrschaftsverhältnisse angemessen gesellschaftstheoretisch einzuordnen. Auch Morten Reimer fügt der begrifflichen Einordnung von Elite wichtige Aspekte hinzu, wenn er in seinem Beitrag „Zum gegenwärtigen Stand der Elitenforschung“ eingangs festhält, dass eine Verschiebung des Blicks nur auf marginalisierte Gruppen nicht ausreicht: „All das ist sicher richtig. Und doch liegt in der Erforschung der Privilegierten, Mächtigen und Herrschenden, ihrer Praktiken, ihrer Entscheidungskulturen und Rechtfertigungslogiken ein wichtiges Stück gesellschaftlicher Selbstaufklärung (…).“ Ziel der Elitenforschung müsse vor allem sein, einen operationablen und robusten Handlungsbegriff für das, was Eliten als Eliten tun, zu entwickeln.
Band 62 widmet sich dem Thema „Sozialgeschichte der Bildung“. Die Breite der versammelten Beiträge reicht dabei von Analysen internationaler Studierendenbewegung etwa von Asien nach Europa im 19. und 20. Jahrhundert über Themen der Erwachsenenbildung bis hin zu den Bildungsdebatten im Zuge der sozial-liberalen Reformära der 1960er und 70er Jahre sowie zu Bildungsfragen während der ersten Jahrzehnte der Gastarbeitereinwanderung. In seiner Einleitung hält der Gast-Mitherausgeber des Schwerpunkts, Till Kössler, fest, Bildung diene bis heute als Rechtfertigung für sozialen Status. Die Bedeutung von Bildung stehe demgegenüber in Kontrast zur eher randständigen Beachtung in der Neuesten Geschichte und Zeitgeschichte. Als einen Grund macht der Autor hier auch die Teilung der Forschungsperspektiven zwischen Erziehungs- und Geschichtswissenschaften aus. Für die Zukunft skizziert er die Idee, „Erziehungsregime und Bildungskulturen somit als Ensemble von Akteuren, Ideen, Regeln und Praktiken (zu) verstehen, das auf die Formung von Menschen nach je spezifischen kulturellen Leitbildern und auf je spezifische Projekte von Gesellschaftsreformhin ausgerichtet war. Bildung und Erziehung werden damit als eine allgemeine Dimension sozialer Ordnungen und sozialer Praktiken begriffen und Bildungsgeschichte als eine spezifische Perspektive auf historischen Wandel.“ Interessant ist auch der Text von Philipp Wagner zu sozial-liberalen Bildungsreformen und Gesellschaftsgeschichte der Demokratie in Westdeutschland in den 1960er bis 1980er Jahren. Beachtenswert ist hier beispielsweise sein Hinweis, zwar sei es auch bei den Reformen darum gegangen, mehr Menschen gleichberechtigt zu aktiver gesellschaftlicher Teilhabe zu motivieren, zugleich habe aber etwa die Konzeption des Politikunterrichts klare Unterscheidungen bei der Intensität der Erziehung zu demokratischer Selbstbefähigung zwischen den Schulen für die Mittel- und Oberschicht und den Hauptschulen getroffen. Letztlich sei der politisch engagierte Mittelklasseschüler und nicht der politisch aktive Arbeiterjugendliche zum Leitbild der Reformvorhaben in der damaligen politischen Bildung geworden.
Ein wichtiges Thema behandelt auch Band 63 des Archivs, der sich dem „Rechtsextremismus nach 1945“ widmet. Bereits der erste Beitrag ist ausgesprochen lesenswert, arbeitet er doch die 1981 im Auftrag des Bundeskanzleramts erstellte erste Sinus-Studie zu rechtsextremen Einstellungen auf. Die Studie hatte errechnet, dass 13 % der deutschen Bevölkerung ein ideologisch geschlossenes rechtes Weltbild hätten, und hat damit einen bis in die heutige Zeit prägenden Eindruck in Debatten über die Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen hinterlassen. Der Beitrag zeichnet den Weg von Konzeption bis Veröffentlichung und erster Rezeption der Studie im Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlich methodischer Kritik sowie politischer Steuerung und Einordnung der Studie durch das Bundeskanzleramt nach. Weitere Texte widmen sich der extremen Rechten in Italien seit den 1970er Jahren bis heute, den deutschen „Republikanern“, Kaderschulungen sowie Themen rechtsextremer Mobilisierungen. Außerhalb des Schwerpunkts lesenswert ist zudem u.a. ein Beitrag des ehemaligen Internationalen Sekretärs der Jusos Frank Schauff zur Gründung eines gemeinsamen Jugendverbandes von Sozialisten und Kommunisten während der spanischen Republik von 1933 bis 1936, in dessen Rahmen er die Darstellung zudem in den weiteren Kontext des Verhältnisses zwischen sozialistischen Parteien und der Kommunistischen Internationalen einbettet.
Eine sehr interessante Zusammenstellung an Texten ist auch mit dem Band 64 zu „Migration in der Moderne“ gelungen. Die Einleitung von Friedrich Lenger sowie der erste Text von Jan C. Jansen skizzieren, wie die Migrationsgeschichte als Teil der Sozialgeschichte verortet werden kann. Diese Fragestellungen werden zudem auch in einem weiteren instruktiven Beitrag von Stefan Zeppenfeld später im Band aufgegriffen. Agnes Gehbald widmet sich transatlantischen Rückwanderungen von Buenos Aires und New York um 1900 und illustriert dabei die oft nicht wahrgenommene Tatsache, dass ein nicht unerheblicher Anteil von Auswander*innen in die USA und nach Südamerika jeweils nach wenigen Jahren wieder zurück in die alte Heimat zogen, etwa um den Folgen von Wirtschaftskrisen zu entgehen, oder aus allgemeiner Enttäuschung über nicht erreichte materielle Ziele mit der Migration. Die von Gehbald beschrieben Migrationsbewegungen – sie benutzt hier den aktuell politisch anderweitig konnotierten Begriff der „Remigration“ – nahmen dabei solche Ausmaße an, dass sie Thema der Tagespresse wurden und aufgrund der Beanspruchung der Bahninfrastruktur bei der Weiterreise in Europa auch für Engpässe bei der Auslieferung von Weihnachtspaketen verantwortlich gemacht wurden. Carolin Liebisch-Gümüs widmet sich der Bedeutung des Fliegens für Flucht und Migration. So spielte die Möglichkeit des Fliegens bereits während der Fluchtbewegungen vor dem Nationalsozialismus eine Rolle, hier allerdings aufgrund der hohen Kosten stark sozial selektiert. Die Vorteile des Fliegens – etwa das Überfliegen mehrerer Grenzen, die sonst mit allen Einreise- oder Transitmodalitäten jeweils selbst hätten bewältigt werden müssen – blieben auch bei den weiteren geschilderten Fluchtrouten (etwa aus der DDR oder aus dem Iran) erhalten. Eva Mara Gajek und Bettina Severin-Barboutie widmen sich der kulturellen Bedeutung des Autos als Zeichen für den eigenen Erfolg als Gastarbeiter insbesondere mit Blick auf die im Herkunftsland verbliebenen Freund*innen und Familienangehörigen. Eine interessante Perspektive bietet zudem der Beitrag von Jens Gründler und Christoph Lorke zu regionalgeschichtlichen Perspektiven auf Migrationsgeschichte. In den Blick nehmen die Autoren dabei die beiden ostwestfälischen Städte Gütersloh und Harsewinkel vor allem während der 1970er und 80er Jahre. Zum einen wird dabei deutlich, dass Migration von Gastarbeitern eben nicht nur in die großen Ballungsräume, sondern auch in die ländliche Provinz erfolgte, zum anderen, dass diese ähnliche Probleme und Fehlsteuerungen wie in der Großstadt einschloss, etwa durch die Unterbringung in abseitig gelegenen Hochhaussiedlungen. Deutlich wird durch die zitierten Äußerungen von Kommunalpolitiker*innen, dass manche aktuell erscheinenden Probleme in den 1970er Jahren bereits klar benannt wurden, und sich kommunalpolitisch Aktive durchaus selber auf die Suche nach Verbesserungen etwa bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen machten.
Der aktuelle Band 65 widmet sich dem Thema „Partizipation und Repräsentation“. In ihrer Einleitung halten Claudia Gatzka und Anja Kruke als Leitfrage fest, ihr Ansatz gehe davon aus, dass viele Probleme der Demokratiegeschichte erst beginnen würden, wenn die klassische Form von Repräsentation erfüllt sei. Interessanter und kennzeichnender für das Zeitalter der modernen Demokratie erscheine, dass zum Streitpunkt werden könne, „wer aus welchen Gründen gut und wer schlecht repräsentiert“ werde. Dabei machen die beiden mit Blick auf die jüngere Zeitgeschichte keinen zwangläufigen Konflikt zwischen Repräsentanten und dem Wunsch nach größeren partizipatorischen Ansprüchen aus, wie etwa an Willy Brandts Rhetorik ersichtlich war. Sebastian Fahner steuert einen lesenswerten Text zur Nationenpolitik der österreichischen Sozialdemokratie während der K.u.K.-Monarchie bei. Zwar blieb der Bezug auf einen sozialistischen Internationalismus konstant wichtig, zugleich sei aber auch versucht worden, die jeweils eigene Nation nur durch Angehörige der jeweiligen Nation repräsentieren zu lassen, wie der Autor etwa an den Konflikten um die Aufstellung eines tschechischen Wahlkreiskandidaten in Wien aufzeigt. Dabei war die Herstellung nationaler Identifikation eine Voraussetzung des sozialdemokratischen Projekts, die Habsburgermonarchie über eine Föderalisierung auf nationaler Basis zu demokratisieren. Weitere Texte befassen sich etwa mit den Diskussionen über die Schaffung von Ausländerbeiräten sowie dem Kampf für ein kommunales Wahlrecht in Hessen in den 1970er und 80er Jahren vor allem am Beispiel der Diskussionen in SPD und Gewerkschaften. Zudem enthält der Band u.a. lesenswerte Forschungsberichte zu neuerer Literatur über den Kapitalismus und zum Genossenschaftswesen.
