Heft 266 – 1/26

rezension: Wie der Kapitalismus die Welt veränderte

#kultur #kritik #spw

Friedrich Lenger:

Der Preis der Welt. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus

C.H. Beck Verlag, München 2023; 669 Seiten, 19,95 €

von michael r. krätke

Wer die Welt verändern will, sollte sie kennen und verstehen, wer den Kapitalismus überwinden will, sollte sich mit ihm auskennen. Seit der letzten großen Finanzkrise beschäftigen sich auch Historiker wieder gründlicher mit dem Kapitalismus, in den englischsprachigen Ländern blüht die „Neue Geschichte des Kapitalismus“. Der Gießener Geschichtsprofessor Friedrich Lenger, der mit diesem mehr als 600 Seiten starken Band sein Alterswerk vorlegt, hat zu dieser Neuorientierung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte viel beigetragen. Wie die meisten seiner Kollegen traut er den in den Sozialwissenschaften mal wieder beliebten Untergangsprophetien nicht über den Weg.

Wie soll man eine Geschichte des Kapitalismus heute schreiben? Als Globalgeschichte, im Blick auf das Weltsystem, das der Kapitalismus in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht hat. Ohne die besondere Rolle, die Europa dabei gespielt hat, klein zu reden. Ohne die europäische Expansion, ohne die europäische Kolonialpolitik hätte es den globalen Kapitalismus von heute kaum gegeben. Wie soll man die Geschichte des Kapitalismus gliedern? Das ist nicht so einfach, wenn man den Stand der wirtschaftshistorischen Forschung ernst nimmt.

Anders als in der angelsächsischen „Neuen Kapitalismusgeschichte“ üblich, bemüht sich der Autor um die Klärung des Begriffs. Was soll man unter Kapitalismus verstehen, wenn man die ganze Welt und obendrein mehrere Jahrhunderte, von seiner Entstehung bis zur Gegenwart in den Blick nehmen will? Kapitalismus war und ist ein umstrittener Begriff, in der auf Reputation bedachten Wissenschaft lange als Kampfbegriff verpönt. Ein Problem für alle Kapitalismus-theoretiker und -kritiker: Austausch, Geld, Preise, Märkte, Lohnarbeit, Kredit, Banken, sogar Kapital gab es schon lange vor der Zeit des modernen Kapitalismus. Welthandel, sogar einige Weltmärkte gab es schon lange vor der Industrialisierung.

Lenger zieht einige der klassischen Autoren in diesem umkämpften Feld zurate, Karl Marx, Max Weber, Joseph Schumpeter. Marx, den er im Folgenden oft zustimmend zitiert, fertigt er zugleich ab – mit dem unbestreitbaren historischen Faktum, dass kapitalistische Produktion Jahrhunderte lang, teils bis heute, mit unfreien Arbeitern, sehr oft mit Sklaven betrieben wurde. Folglich sei Marx‘ Mehrwerttheorie, die freie Lohnarbeit voraussetzt, unbrauchbar. Da Marx auch nicht erklären könne, wie Profite im Handel entstünden, müsse seine Mehrwerttheorie endgültig aufgegeben werden. Es stimmt leider, dass Marx weder den Kapitalismus mit Sklavenarbeit noch die Verwertung des Handelskapital zureichend erklärt hat – und sich die Marxisten mit beidem bis heute schwertun. Max Webers Thesen zur protestantischen Ethik seien oft genug widerlegt und seine Unterscheidung zwischen „politischem“ und „rationalem“ Kapitalismus nicht durchzuhalten, eine scharfe Abgrenzung der Epoche des „modernen“, im Weberschen Sinn „rationalen“ Kapitalismus sei nicht möglich. Schumpeter habe die zentrale Rolle des Kredits für die kapitalistische Entwicklung zu Recht betont (ein Gedanke, der allerdings von Marx stammt). So kommt Lenger zu einer „Arbeitsdefinition“ des Kapitalismus: Eigentumsrechte plus Warenmärkte plus Gewinnchancen und -streben. Erst ganz am Schluss kommt er darauf zurück, um die Charakteristika der kapitalistischen Dynamik zu betonen: Expansion über alle Grenzen hinweg, ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgen, gewalttätig und nach Marktbeherrschung aus.

In dieser Darstellung spielen zwei Akteure die Hauptrolle: die Kapitalisten und die Staaten bzw. die politischen Machthaber. Sklaven und Lohnarbeiter tauchen nur auf, wenn sie offen revoltieren. Im Kapitalismus agieren Kapitalisten gegen andere Kapitalisten und Staaten gegen andere Staaten. Von den Krisen und Konjunkturen, der augenfälligsten Bewegungsform des Kapitalismus, ist nur selten die Rede. Nach der ersten großen Depression Ende des 19. Jahrhunderts und der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre werden nur die Finanzkrisen der Gegenwart behandelt. Das ist misslich, weil der historische Zusammenhang von Krisen und Transformationen im Gang der kapitalistischen Entwicklung kaum zu übersehen ist.

Gegen die übliche Praxis und die Erwartungen vieler Leser verwirft Lenger alle gängigen Periodisierungen der Kapitalismusgeschichte. Also ist weder vom Monopol- noch vom Spätkapitalismus die Rede. Am Ende ist der Kapitalismus noch lange nicht, der Ausgang seiner langen Geschichte bleibt offen. Große Zäsuren und Epochenbrüche lehnt der Autor ebenso ab wie eine eindeutig bestimmte Abfolge von Epochen oder Perioden. Stattdessen arbeitet er mit einigen wenigen „Grundformen“ des Kapitalismus: Handelskapitalismus, Agrarkapitalismus, Finanzkapitalismus, Industriekapitalismus. Die seien historisch veränderlich und würden in immer neuen Kombinationen auftreten. Am Rande spricht der Autor auch von unterschiedlichen „Investitionsregimes“ (Marxisten würden das „Akkumulationsregimes“ nennen), ohne diese Idee jedoch systematisch zu verfolgen. So ist seine Einteilung konventionell, in längeren oder kürzeren Zeitabschnitten. Doch der Übergang von der Vorherrschaft des Handelskapitals, das bereits die Produktion ergreift und Proto-Industrien hervorbringt, zur Industrialisierung bleibt unverkennbar ein großer Einschnitt in der Kapitalismusgeschichte.

Weil der Autor als Historiker auf der Höhe des internationalen Forschungsstands argumentiert, kann man aus seinem Buch viel lernen, auch wenn die Gesamtkonzeption unbefriedigend bleibt. Er verfolgt den Zusammenhang von kapitalistischer Entwicklung und der Entstehung und Entwicklung des modernen Staats in Europa und darüber hinaus, allerdings nicht systematisch. Unbestreitbar haben frühmoderne Staaten in ihren Expansionsdrang eine Pionierrolle in der kapitalistischen Entwicklung gespielt und Formen des „Staats- „bzw. „Kronkapitalismus“ hervorgebracht, die Privatunternehmern den Weg ebneten. Handelskapitalisten, mit oder ohne staatliche Hilfe, agierten als Vorreiter des europäischen Kolonialismus. Der allerdings – das muss betont werden – nirgendwo ohne direkte Unterstützung und ohne Allianzen mit einheimischen Mächten und Machthabern Fuß fassen konnte. Von kolonialer Herrschaft kann daher nur selten bzw. erst in jüngster Zeit die Rede sein. Ob Kolonien je profitabel waren, außer für einige Privatunternehmer, wurde von den Zeitgenossen und wird bis heute diskutiert. Lenger teilt die Zweifel an der These, der Aufstieg Europas sei kolonialer Ausbeutung zu verdanken, und hält den Begriff des Imperialismus für wenig erhellend. Dafür bietet er eine neue und überraschende Sicht auf den Prozess der Industrialisierung: Er versteht die industrielle Entwicklung in Europa als eine erfolgreiche Importsubstitution, die Europa von den Importen aus Asien unabhängig machte – und erst dadurch und danach eine neue Abhängigkeit z.B. Indiens von Großbritannien zustande brachte.

Um die Globalgeschichte des Kapitalismus zu schreiben, muss man seine lokalen und regionalen bzw. nationalen Besonderheiten kennen und bestimmen. Zum Beispiel die Eigenart des englischen bzw. britischen Gentleman Kapitalismus, der auf einer spezifischen Verbindung von Großgrundbesitz, Welthandel und Finanz beruht. Eurozentrismus kann man dieser Darstellung nicht vorwerfen. Ebenso wenig das Gegenteil, das Herunterspielen der Rolle Europas (und Nordamerikas), der Weltregionen, die die kapitalistische Entwicklung seit 1700 und bis vor wenigen Jahren dominiert haben. Wie diese Geschichte weitergeht, dazu schweigen Historiker lieber.