Heft 265 – 4/25

rezension: Der Weg und das Ziel

#kultur #kritik #spw

Klaus Leesch:

Eduard Bernstein (1850 – 1932). Leben und Werk

2 Bände, Campus Verlag, 2024 1788 Seiten, 189 €

von michael r. krätke

Wer war noch mal dieser Bernstein? Die meisten Linken, junge wie alte, werden sich vage erinnern: Das war doch der Erfinder des „Revisionismus“, der die einst revolutionäre Arbeiterpartei auf die Abwege des Reformismus verführt hat. Und deshalb von der jungen Rosa Luxemburg heftig vermöbelt wurde.

Auch wenn Eduard Bernstein eine zentrale Figur im sogenannten „Revisionismusstreit“ war, der damals die gesamte sozialistische Bewegung in Atem hielt, so ganz stimmt das Bild nicht. Denn er war viel mehr und ganz anders als ihn seine zahlreichen und bis heute erbitterten Gegner sehen. Klaus Leesch hat nun eine sehr umfangreiche – zwei Bände, fast 2.000 Seiten – Biographie Bernsteins vorgelegt, die vieles richtigstellt und manche Legenden um Bernstein widerlegt. Seine Darstellung beruht auf gründlichen Quellenstudien, er hat die drei Bernstein-Nachlässe in Amsterdam, Moskau und Berlin durchforstet. Bernsteins Werdegang und die Stationen seines langen Lebens – er wurde 82 Jahre alt – werden gründlich beleuchtet. Leesch lässt nichts aus, jedes biografische Detail wird eingehend mit Belegen vorgestellt und erörtert, was mitunter den Fluss der Darstellung stört. Bernstein hat nie eine Universität besucht, eine Zeit lang arbeitete er in einer Bank, bevor er durch Fleiß, Talent und enorme Belesenheit den Aufstieg zum Journalisten und zu einem der führenden Intellektuellen der Sozialdemokratie schaffte. Ein richtiger Politiker wurde er nie, Parlamentarier war er nur wenige Jahre als Abgeordneter für Berlin-Schöneberg im deutschen Reichstag.

Als Sozialdemokrat in Deutschland verfolgt, hat Bernstein zehn Jahre lang in der Schweiz gelebt und gearbeitet – die längste Zeit in Zürich, er wohnte im Zentralhof. Auf Druck der deutschen Regierung wurde er 1888 ausgewiesen und verließ die Schweiz mit seiner Familie Richtung London, der nächsten Station seines langen Exils. Friedrich Engels hielt viel von dem „großartigen Burschen“. Er wurde sein Freund und Mentor, ein guter Lehrmeister nach Bernsteins Zeugnis, der seinen jungen Meisterschülern genügend Spielraum ließ.

Seinen Ruhm und Nachruhm verdankt Bernstein in der Tat dem Streit um seine Thesen zur aktuellen Lage und zukünftigen Entwicklung der Sozialdemokratie, die er ab 1897 in der Parteipresse verbreitete und 1899 in Buchform vorlegte. Allerdings hat er sich den Stiefel des „Revisionisten“ nie ganz angezogen, obwohl er das „marxistische“ Erfurter Programm von 1891 für revisionsbedürftig hielt. Bis zu seinem Tode sah er sich als Marxisten. Doch viele Marxsche Theorien hielt er für unfertig (z. B. die Lohntheorie) oder dunkel und unklar (z. B. die Werttheorie). Um die Marxsche Theorie aufzunehmen und auf ihrer Grundlage weiterzuarbeiten, müsse man sich zu Marx und zu Engels kritisch verhalten. Man müsse offen diskutieren, wo bzw. wie weit Marx recht hat und worin nicht. Gute Marxisten müssten Marx marxistisch kritisieren und wo nötig auch berichtigen. Eine marxistische Marx-Kritik sei nötig und sinnvoll, das fand auch sein Freund und Theoriepapst Karl Kautsky. Für Kautsky war und blieb Bernstein einer der Kirchenväter des marxistischen Sozialismus. Immerhin hatte Engels ihn und August Bebel zum Nachlassverwalter der umfangreichen Marxschen Manuskripte eingesetzt.

Bernstein hielt die leitenden Grundgedanken des Marxismus nach wie vor für richtig, wie er in einer autobiografischen Skizze schrieb. Er habe versucht, dem Marxismus und der sozialistischen Bewegung die Reste von Utopismus auszutreiben. Zum Beispiel den Glauben an den nahe bevorstehenden Zusammenbruch und Untergang des Kapitalismus. Der ist bis heute in der Linken weit verbreitet, daher die ungebrochene Aktualität Bernsteins. Er hielt nichts davon, die gesamte Politik einer Massenpartei wie der SPD auf die Erwartung eines baldigen „Kladderadatschs“ aufzubauen. Denn die lange Prosperitäts- und Wachstumsphase, die nach dem Ende der ersten großen Depression 1895 begonnen hatte, ließ nichts dergleichen erwarten. August Bebel und Karl Kautsky waren nicht erfreut, weil Bernstein die Taktik der radikalen Fundamentalopposition in Frage stellte und sogar für eine Zusammenarbeit mit den Liberalen plädierte – wohlgemerkt im höchst autoritären Deutschen Kaiserreich, das über einen Scheinparlamentarismus nie hinauskam.

Allerdings ging Bernstein etlichen heiligen Kühen des Marxismus ans Leder. Marx habe etliche theoretische Nüsse ungeknackt hinterlassen, die Widersprüche seiner Werttheorie müsse man angehen, Einwände dürfe man nicht übergehen, sondern sie wo möglich widerlegen. Die politische Ökonomie, zumal die vertrackte Marxsche Werttheorie, ist Leeschs Sache nicht. Deshalb verlässt er sich auf einige wenige Stimmen aus der Sekundärliteratur und geht auf vieles nicht bzw. nur am Rande ein. So auf Bernsteins ausführliche Rezension zum dritten Band des Marxschen Kapitals oder auf Bernsteins Aufsätze und bis heute unveröffentlichten Manuskripte zur Werttheorie. Die zeigen uns, wie Bernstein mit seinem marxistischen Gewissen kämpfte.

Im und nach dem Ersten Weltkrieg hat Bernstein eine wichtige Rolle in der SPD gespielt. Da ging es um die Kriegsschuldfrage. Ohne seine Detektivarbeit hätte es den wachsenden Widerstand gegen die Kriegskredite in der Reichstagsfraktion der SPD nicht so bald gegeben. Ihm ist es vor allem zu danken, dass die Dokumente zum Kriegsausbruch, die zumindest eine Mitschuld der deutschen Regierung belegten, nach Kriegsende veröffentlicht wurden. 1921 war er einer der Hauptautoren des neuen „Görlitzer Programms“ der SPD, in dem zum ersten Mal von den „Vereinigten Staaten von Europa“ die Rede war.

Bernstein war ein vielseitiger Vielschreiber. Er hat einige bemerkenswerte historische Studien hinterlassen. Seine Geschichte der deutschen Revolution, die er als Beteiligter und Zeitzeuge schrieb, ist bis heute eine wichtige Quelle. Dutzende von Broschüren zur sozialistischen Theorie und zu politischen Tagesfragen, dazu zahllose Zeitungs- und Zeitschriftenartikel verdanken wir ihm. Sein Projekt, eine Engels-Biografie zu schreiben, hat er leider nie verwirklicht. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften gibt es bis heute nicht, sie würde mindestens 25 Bände umfassen.

In den 1970er Jahren gab es eine kurzlebige Bernstein-Renaissance in der deutschen Sozialdemokratie. Es war ein Versuch, Bernstein gegen den Marxismus-Leninismus in Stellung zu bringen. Nicht zu Unrecht, denn Bernstein hielt die Oktoberrevolution für gescheitert, den Leninismus für eine Ansammlung von Schlagworten, ihre Gewaltherrschaft in Russland für ein Unglück. Bernsteins eigene Lesart des Marxismus als „sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre“ kam damals zu kurz. Leesch gebührt das Verdienst, uns den ganzen Bernstein in Erinnerung zu bringen. Den Mann, der weit mehr war als der Vater des Revisionismus.