Heft 265 – 04/2025

Neues in die Welt bringen: Mehr Mut in der regionalen Wirtschaftspolitik

#meinung #debatte #spw

Foto: © Region Hannover/Maik Przyklenk

Ulf-Birger Franz ist Dezernent für Wirtschaft und Verkehr bei der Region Hannover und lebt in Hannover-Linden.

VON ulf-birger franz

Wir erleben zurzeit fast täglich Zeichen eines politischen und ökonomischen Wandels, der es in sich hat. Sicher geglaubte Quellen des Wohlstands geraten ins Wanken, neue Schlüsseltechnologien und disruptive Geschäftsmodelle entstehen, internationale Krisen und Kriegsgefahren spitzen sich zu, multilaterale Regulierungsmechanismen werden aufgekündigt, soziale Verwerfungen und Arbeitslosigkeit in Deutschland nehmen zu.

In einer solchen Phase bräuchten Europa und Deutschland eine konsistente wirtschaftspolitische Strategie, um sich gegen die heraufziehenden Gefahren zu wehren und neue Prosperität zu erlangen. Dass es diese Strategie nicht gibt und welche Folgen dies hat, beschreibt Klaus Dörre in spw-Heft 264 (S. 21) sehr zutreffend mit James Galbraiths Begriff des „Würgehalsband-Effekts“: Zunehmende Unsicherheit verkürzt Entscheidungszeiträume und führt dazu, dass große und wichtige Projekte nicht angegangen werden. Dies wirkt dann krisenverschärfend, das Halsband zieht sich langsam zu.

Das Bild ist aus der Sicht regionaler Wirtschaftspolitik sehr treffend, denn die Verschiebung wichtiger Investitionen und der Rückzug auf Kostenoptimierung zulasten der abhängig Beschäftigten lässt sich vor Ort derzeit sehr plastisch beobachten. Traditionelle und strukturbestimmende Branchen sind in einer fundamentalen Krise. Diese Krise ist aber nicht die Folge eines zu schnellen technologischen Wandels oder zu ambitionierter klimapolitischer Ziele, wie es die Debatte um eine Verschiebung des Verbrenner-Aus suggeriert, sondern die Folge falscher unternehmerischer und politischer Weichenstellungen. Die Situation der deutschen Automobilindustrie steht sinnbildlich für dieses Verschlafen technologischer Trends und eine Fehleinschätzung von Marktentwicklungen. Der elektrische Antrieb beim Auto wird sich unabhängig von deutschen Autogipfeln durchsetzen. Die Frage ist nur: Ist Deutschlands Automobilindustrie dabei – oder nicht?

Mehr Mut ist gefragt

Im Ergebnis sind gerade jetzt mutige Zukunftsentscheidungen und -investitionen gefragt. Die Antworten auf die wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit sind: Wie gelingt der Umbau zu einer klimaneutralen Industrieproduktion? Wie erlangt Europa seine digitale Souveränität (nicht nur) gegenüber den USA? Wie sehen gesellschaftlich sinnvolle und wirtschaftlich tragfähige KI-Modelle aus? Gibt es bald europäische Social-Media-Plattformen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, statt ihn zu zerstören? Welche neuen (alten) Allianzen schmiedet Europa in der Weltwirtschaft?

Für einige dieser Fragen gibt es bereits großartige Beispiele, die zumeist in der Öffentlichkeit noch gar nicht hinreichend gewürdigt werden. Das SALCOS-Projekt der Salzgitter AG bedeutet den Aufbau einer Wasserstoff-betriebenen Stahlproduktion als „Werk im Werk“ am traditionellen Stahlstandort Salzgitter. In einer sehr schwierigen Phase (erst Corona, dann Ukraine-Krieg) hat das Unternehmen an dieser Schlüsselinvestition festgehalten. Der Energieverbrauch der neuen Anlage entspricht dem der Stadt Hamburg. Das zeigt, über welche Dimension von Transformation wir hier reden.

Die Liste solcher positiven Beispiele ist lang: 32 junge Unternehmen in Deutschland sind mit über einer Milliarde Euro bewertet. Sie entwickeln neue Krebstherapien oder neuartige Chips aus Graphen. Die deutsche Autoindustrie kommt bei Themen wie autonomem Fahren oder dem Einsatz von KI in der Produktion voran und die ersten Hochspannungs-Supraleiter für nahezu verlustfreien Stromtransport entstehen in Deutschland1. Das Bundeswirtschaftsministerium hat gerade das Projekt „Soofi“ gestartet, in dessen Rahmen Universitäten in Würzburg, Darmstadt, Hannover und Berlin ein offenes KI-Sprachmodell nach europäischen Standards entwickeln. Und die EU ist gerade dabei, gemeinsam mit Mercosur einen großen europäisch-südamerikanischen Wirtschaftsraum zu entwickeln.

Aus den rasanten wirtschaftlichen Veränderungen und der Neusortierung internationaler Wirtschaftsbeziehungen entstehen für Wirtschaftsregionen in Deutschland eben nicht nur Risiken, sondern auch großartige Chancen. Das Wachstum neuer Unternehmen in Feldern wie KI, Optik/Laser, Biotechnologie, neue Materialien und Kreislaufwirtschaft kann sich wahrlich sehen lassen und steht in einem deutlichen Kontrast zur allgemeinen Gefühlslage in Deutschland. Ob diese Chancen genutzt werden, wird neben der wirtschaftspolitischen Strategie Europas und der Offenheit und Innovationskraft bestehender Unternehmen auch von der Qualität regionaler Netzwerke aus Forschungseinrichtungen, Betrieben, Startups, Qualifizierungsanbietern und öffentlichen Institutionen abhängen.

Für solche regionalen Innovations-Netzwerke kann regionale Wirtschaftspolitik viel leisten. Deutsche Universitäten haben nach wie vor einen guten Ruf und bringen auch im internationalen Maßstab sehr viele Erfindungen hervor. Das Fraunhofer-Netzwerk ist international beispiellos. Die Schlüsselfrage ist, wie gut wir als Gesellschaft darin sind, aus neuen Ideen Unternehmen, Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze zu machen.

Regionale Wirtschaftspolitik hat deshalb einerseits die Aufgabe, die Folgen der Krisen abzufedern und mit Bestandsunternehmen Transformationsstrategien zu entwickeln. Gleichzeitig muss sie aber auch Treiber sein, wenn es um die Identifikation und Beschleunigung neuer Technologiefelder und die Unterstützung neuer Unternehmen geht (Doppelstrategie). Letzteres erfordert vor allem Mut und die Kraft, auch bei schwieriger Haushaltslage erheblich zu investieren und neue Wege zu gehen.

Neue Technologieparks als Leuchttürme

Vor dem Hintergrund des großen Bedarfs an neuen Technologien und Problemlösungen haben Technologieparks in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Neue Technologieparks im Umfeld von Universitäten, fokussiert auf Deep Tech, sind in den letzten Jahren zu Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung und neuer Technologien geworden. Dort beschäftigen sich Wissenschaft und Unternehmen mit Themen wie Datensicherheit, Künstlicher Intelligenz, Klimaneutralität, Resilienz, Produktionstechnik, neuen Materialien, Biotechnologie, Drohnenentwicklung, Weltraumforschung und Satellitentechnik. Insbesondere im Großraum München spielen diese Parks eine große Rolle bei der Entwicklung wirtschaftlicher Stärke. Hier sind an der Technischen Universität mit UnternehmerTUM die erfolgreichste Startup-Initiative Deutschlands und mit dem Munich Urban Colab das erfolgreichste Gründungszentrum entstanden.

Erfolgsfaktoren für solche Parks sind die direkte Nähe zu Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Interessant sind solche Technologie-Cluster nicht nur für Startups aus den Universitäten, die die Nähe und den Austausch zu ihren alten Instituten suchen. Für sie sind in nahezu allen Parks Gründungszentren und -programme, Co-Working-Spaces oder Maker Spaces (offene Werkstätten) entstanden. Auch für etablierte Unternehmen, die an neuen Themen arbeiten, dafür Spinoffs ausgründen oder im Netzwerk mit anderen Unternehmen arbeiten, sind solche Umgebungen interessant. Denn der direkte Austausch mit Instituten und Startups verspricht nicht nur inhaltliche Impulse, sondern diese Orte sind auch große Talentpools. Es gibt dort deshalb eine wachsende Zahl von Kooperationen zwischen mittelständischen Unternehmen und Startups. Für die Startups sind solche Kooperationen wiederum interessant, weil sie von der Erfahrung etablierter Unternehmen lernen und von etablierten Vertriebsnetzwerken profitieren können.

Ein Teil dieser Parks sind staatlich finanziert (Berlin-Adlershof), andere sind durch Großunternehmen initiiert (Brainport Eindhoven) und manche sind eher mittelständisch organisiert (Motion Lab Berlin). Gemeinsam haben sie, dass neben der Qualität der Forschungseinrichtungen der Zugang zu privatem Kapital, eine kritische Masse spannender Unternehmen und eine attraktive Mischung aus coolen Arbeitsumgebungen und Aufenthaltsqualität entscheidende Erfolgsfaktoren sind. Viele Technologiezentren und -parks sind wie unsere Universitäten mittlerweile sehr international. Im Motion Lab in Berlin-Treptow kommen über 80 % der Mieter:innen aus dem Ausland.

Auch in der Region Hannover entstehen gerade zwei neue Technologieparks im direkten Umfeld der Leibniz Universität. Am neuen Maschinenbau-Campus in Garbsen vor den Toren Hannovers entwickelt ein Investor aus München sechs Gebäude mit 62.000 qm Bruttogeschossfläche, ein Wohnheim mit Mikroappartements, außerdem Gastronomie und Fitnessstudio. Inhaltlich wird es dort um neue Produktionsverfahren, Materialien und Robotik gehen. Am Hauptsitz der Leibniz Universität in der hannoverschen Nordstadt wird das traditionsreiche Nordstadt-Krankenhaus mit Pavillonbauten aus dem Jahre 1901 in den nächsten zehn Jahren zu einem Technologiepark mit den Schwerpunkten KI, Cyber Security und Naturwissenschaften umgebaut. Hier entwickelt die Region Hannover den Park über eine neugegründete GmbH selbst, die Investitionssumme liegt bei 100 Mio. Euro. Die Mischung aus Gewerbe, Forschung, studentischem Wohnen und Freizeit ist an beiden Standorten gleich, es werden zudem jeweils „techfactory“-Gründerzentren und international ausgerichtete Gründungsprogramme angeboten.

Solche Leuchttürme sind übrigens auch wichtig im Wettbewerb um junge Menschen und Studierende (nicht nur aus Europa). Es gibt derzeit in Europa einige solcher ambitionierten Projekte, in Deutschland ist sicherlich der Umbau des ehemaligen Flughafens Berlin-Tegel besonders spektakulär.

Talentförderung als Teil regionaler Wirtschaftspolitik

Ein wichtiger Faktor für die Implementierung neuer Technologien ist immer auch die Qualifizierung von Belegschaften und die Gewinnung junger Menschen. Deshalb muss eine mutige Innovationspolitik auch dieses Thema umfassen. Fort- und Weiterbildungsangebote werden weiter an Bedeutung gewinnen, neue duale Studiengänge und berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengänge entstehen.

In der Region Hannover versuchen wir, parallel zu unseren Technologieparks Tech-Communities aufzubauen. Vorzeigeprojekt ist hier die „Roboterfabrik“ in Kooperation mit der Leibniz Universität, wo in einem Universitätsgebäude Schüler:innen-Nachwuchsteams (vier Weltmeister-Titel), Berufsschul-Klassen und Studierende unterrichtet, KMUs beraten, Roboter entwickelt und Robotik-Startups betreut werden. Ziel ist eine durchgehende Qualifizierungskette mit enger Kooperation aller Partner:innen. In Feldern wie KI und Wasserstoff sind solche Netzwerke im Aufbau.

Fazit

Ein pures Klammern an die bisherigen Stärken der Wirtschaftsstruktur ist nicht zielführend – vorhandene Stärken müssen vielmehr mit neuen Themen verbunden werden. Die Frage ist: Welchen Beitrag können vorhandene Unternehmen zur Lösung wichtiger Zukunftsfragen liefern, welche neuen Produkte und Märkte bespielen?

Daneben wird es für Wirtschaftsregionen darauf ankommen, neue Strukturen zu entwickeln und die vorhandenen wissenschaftlichen und unternehmerischen Kompetenzen für neue Technologien zu bündeln. Dabei wird insbesondere den Themen, die für eine stärkere Unabhängigkeit Europas von den USA und China erforderlich sind, eine zentrale Funktion zukommen: Energieversorgung, digitale Souveränität, Gesundheit, aber auch Verteidigungsfähigkeit.

Möglich ist eine erfolgreiche Transformation, die perspektivisch Wohlstand sichert, nur mit mutigen Investitionen. Das betrifft die staatliche und regionale Ebene ebenso wie privates Kapital. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den großen privaten Vermögen zu, die für diese Aufgaben mobilisiert werden müssen. Das kann durch Investitionsanreize geschehen, aber sicherlich auch durch eine gerechtere Besteuerung von Erbschaften und Vermögen. Denn die anstehende Transformation lässt sich nur bewältigen, wenn alle mitmachen.

Literatur

1vgl. Thomas Knüwer: ‚Warum vieles in Deutschland besser wird, als Sie glauben‘, in Handelsblatt online vom 25.11.2025. Abrufbar unter: https://www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/essay-warum-vieles-in-deutschland-besser-wird-als-sie-glauben-02/100173588.html (Paywall)

2026-03-12T13:15:00+01:00
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