Warum Erben politisch ist – und warum junge Menschen darüber reden sollten

#meinung #debatte #spw

27.02.2026

Foto: © Fionn Große

Pippa Kolmer leitet bei FiscalFuture die Presse- und Kommunikationsarbeit. Zuvor studierte sie Politik- und Rechtswissenschaften in Münster, Köln, Wien und Leuven und arbeitete bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Carl Mühlbach ist Gründer und Geschäftsführer von FiscalFuture. Zuvor arbeitete er im Bundesministerium der Finanzen und studierte Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, Cambridge und Berlin.

VON pippa kolmer und Carl Mühlbach

Erben. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine private Angelegenheit. Doch das Gegenteil ist der Fall. Schauen wir genauer hin.

Nur etwa ⅓ der Menschen in Deutschland ist derzeit der Meinung, dass es hierzulande gerecht zugeht. Das zeigt der aktuelle Deutschlandtrend der ARD. So hoch war das Ungerechtigkeitsempfinden zuletzt 2008 auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise. Ebenfalls ⅓ macht vor allem die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich dafür verantwortlich; innerhalb des letzten Halbjahres stieg dieser Wert von 22 auf 35%.

Der Blick auf Einkommen und Vermögen zeigt: Diese Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr. Deutschland ist ein sehr ungleiches Land. Beim Einkommen liegen wir im Mittelfeld der Industrieländer, unter anderem weil unser progressives Steuersystem für weniger Ungleichheit sorgt. Was Vermögen angeht, sieht es aber völlig anders aus. Was die Vermögensungleichheit angeht, ist Deutschland unter den Demokratien mit an der Weltspitze. In Deutschland besitzen zwei Familien mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung (2018 waren es noch 45 Überreiche). Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ermittelt, dass das reichste Prozent der Bevölkerung mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens besitzt. Dabei wurde mehr als die Hälfte dieser Vermögen vererbt oder verschenkt.

Ein zentraler Grund dafür ist die Rolle von Erbschaften. Seit fast drei Jahrzehnten wird in Deutschland keine Vermögensteuer mehr erhoben. Gleichzeitig weist die Erbschaft- und Schenkungsteuer erhebliche Gerechtigkeitslücken auf. Auf dem Papier ist sie zwar progressiv ausgestaltet, in der Praxis werden große Vermögensübertragungen oft aber nur extrem gering belastet. Wie eine Auswertung des Netzwerk Steuergerechtigkeit zeigt, erhielten 45 Großerben 2024 im Schnitt 260 Millionen Euro pro Person und zahlten darauf durchschnittlich etwa 1,5 Prozent Steuern. Durch Sonderregelungen wie die Verschonungsbedarfsprüfung wurden in den vergangenen Jahren Milliarden an Steuerzahlungen vermieden .

Hinter all dem steht eine grundlegende politische Frage: Soll Wohlstand vor allem durch eigene Leistung entstehen – oder soll es darauf ankommen, in welche Familie man geboren wird? Und wenn ja: Wie viel vererbter Reichtum ist gesellschaftlich akzeptabel? Gerade für junge Menschen ist diese Debatte zentral. Sie entscheidet nicht nur über Steuersätze, sondern darüber, wie der soziale Aufstieg in Zukunft funktioniert und ob Herkunft wichtiger als Bildung und Arbeit wird.

Die Zahlen für Deutschland sprechen eine klare Sprache. Mehr als die Hälfte des privaten Vermögens stammt inzwischen aus Erbschaften und Schenkungen. Unter den etwa 200 Milliardären liegt dieser Anteil deutlich höher. Gleichzeitig besitzen die reichsten 1,5 Prozent der Bevölkerung den überwiegenden Teil des Betriebsvermögens (ca. 86%). Vermögen sammelt sich damit immer stärker in den Händen weniger und bleibt über Generationen dort.

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Gesellschaft. Finanzielle Macht geht häufig auch mit politischem Einfluss einher, etwa durch Unternehmensbesitz oder Medienbeteiligungen. Die extreme Vermögenskonzentration schwächt daher auch unsere Demokratie. Hinzu kommt ein ökonomischer Effekt: Vermögen wächst langfristig schneller als Einkommen. Wer bereits ein großes Vermögen hat, kann dies auch leichter vermehren.

Im Frühjahr erwartet uns ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Das Gericht prüft derzeit, ob die umfangreichen Ausnahmen für große Erbschaften verfassungsgemäß sind. Weil einiges darauf hindeutet, ist eine Neuregelung der Erbschaftsteuer in dieser Legislatur zu erwarten. Eine kluge Reform würde kleine Erbschaften schützen und einen Steuertarif veranschlagen, der auch in der Praxis progressiv ist und sich an der wirklichen Leistungsfähigkeit des Erben orientiert. Viele Umfragen zeigen, dass es dafür gesellschaftliche Mehrheiten gibt.

Das Erbrecht ist kein Nischenthema für Steuerexpertinnen und Juristen. Es ist eine Frage von (Generationen)G erechtigkeit. Wie das Erb- und Steuerrecht ausgestaltet ist und inwiefern es auch in der Praxis Anwendung findet, beeinflusst, ob Lebenswege wieder stärker durch eigene Leistung und Arbeit bestimmt werden, oder ob es fast ausschließlich darauf ankommt, in welche Familie man geboren wird. Für eine junge Generation ist das keine abstrakte Steuerdebatte. Es ist eine Zukunftsfrage.

2026-02-26T14:50:42+01:00
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