Heft264 – 03/2025

Einleitung zum Heftschwerpunkt (264) – Rettet die Transformation – Strategien für die Kommunikation und Mobilisierung für eine sozial-ökologische Transformation

#orientierungsrahmen #spw

Sebastian Schmugler studierte Recht und Politik und war Landesvorsitzender der Bremer Jusos. Er ist Geschäftsführer der SPD-Landesorganisation Bremen und Mitglied der spw-Redaktion.

Thilo Scholle ist Mitglied der spw-Redaktion, Jurist und lebt in Lünen.

VON Sebastian Schmugler und Thilo Scholle

Wer als Linke*r von Transformation spricht, meint mit hoher Wahrscheinlichkeit die sozial-ökologische Transformation, also den Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zu einer klimaneutralen und zugleich sozialgerechteren, zukünftigen Gesellschaft. Dahinter verbirgt sich im Konkreten eine Vielzahl an (durchaus unterschiedlichen) Ideen, Visionen, Konzepten und Versprechungen – auch die spw hat sich in unzähligen Heften und Beiträgen intensiv mit dem Thema der Transformation befasst. Es handelt sich um einen stehenden Begriff der gesellschaftlichen Linken, der in internen Debatten positiv besetzt ist, und zumeist als Angelpunkt eigener ökologischer wie auch ökonomischer Gestaltungsprojekte gedacht ist. Es lässt sich wohl ohne viel Widerspruch behaupten, dass der Begriff der sozial-ökologischen Transformation der vielleicht wichtigste Begriff linker Politikansätze der vergangenen Jahre war.

Aber die Zeit, in der das Transformationsversprechen so etwas wie der Treibstoff linker Bewegungen war, ist wohl vorbei. Oder, wie es Alexander Bercht kürzlich im Online-Special zum SPD-Parteitag schrieb: „Das Narrativ vom grünen Aufbruch hat sich erschöpft. […] In der Transformationspolitik regiert ein empathieloser Technokratismus […]. Es wird immer deutlicher, dass diese Politik keine gesellschaftlichen Mehrheiten mehr mobilisiert.“

Die politische Rechte – von der konservativen bis zur extremen Rechten – hat die Transformation längst als Thema ihres Kulturkampfes gegen vermeintliche oder tatsächliche linke Ideologie begriffen. Als gesellschaftliche Linke stellt sich die Frage, wie man die Diskurshoheit über Konzepte sozial-ökologischer Transformation zurückerobern kann. Ist der Begriff der Transformation noch nutzbar, um Menschen um ein solidarisches Projekt der ökonomischen und ökologischen Gestaltung der Gesellschaft zu vereinigen, und wenn ja, wie? Und wie sollte die politische Linke mit dem von rechts angezettelten Kulturkampf um das Thema umgehen?

Der aktuelle Schwerpunkt soll daher den bestehenden Konzepten sozial-ökologischer Transformation keine weiteren neuen Ansätze an die Seite stellen. Ziel ist es vielmehr, der Frage nachzugehen, warum der Begriff der sozial-ökologischen Transformation so sehr an gesellschaftlicher Bindekraft verloren hat, und welche Schritte denkbar wären, um (wieder) zu gesellschaftlichen Bündnissen für eine solidarische Gestaltung von Wirtschaft und Umwelt zu kommen.

Steffen Liebig und Johanna Sittel legten in diesem Jahr gemeinsam mit Klaus Dörre, Kim Lucht und Lennart Michaelis das Buch „Umkämpfte Transformation“ vor. In ihrem Text „Von der Transformation zur Restauration?“ analysieren sie, vor welchen Herausforderungen die Vision eines grünen Kapitalismus steht. Soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit zu vereinen, erweise sich als schwieriger als gedacht. Sie blicken auch auf die aktuellen Konflikte und ihre Behandlung in der Soziologie.

Andrea Arcais widerspricht in seinem Text „Diese Transformation retten?“ der These, dass ein potenzielles Scheitern der Transformation in erster Linie an mangelnder Kommunikation läge – auch wenn dies vielfach behauptet wurde. Die Transformation habe ihre gesellschaftliche Akzeptanz zwar weitgehend verloren, weil Inhalt und Kommunikation nicht zusammenpassten, aber das Problem seien die Inhalte. Das bedeute aber auch: Wer die Transformation retten möchte, muss hier ansetzen und das bisher Erreichte kritisch auf den Prüfstand stellen – im Hinblick auf den Klimaschutz wie auch in Hinblick auf die sozialen und ökonomischen Auswirkungen.

Klaus Dörre steuert eine gekürzte Version seines Vortrages „Backlash! Krise, blockierte Transformation und gewerkschaftliche Antworten“ zum Heftschwerpunkt bei. Darin skizziert er die Wiederkehr eines autoritären Liberalismus als Reaktion auf die konfliktreiche sozial-ökologische Transformation und entwirft mögliche Antworten. Eine längere Version seines Artikels mit einer ausführlichen Darstellung des Jenaer Machtressourcenansatz, der das Analysewerkzeug des Textes ist, ist auf spw.de/backlash verfügbar.

Silke Bothfeld und Henriette Pentschew legen dar, wie unterschiedlich Männer und Frauen von Klimawandel und Transformationsprozessen betroffen sind und stellen fest, dass Frauen nicht ausreichend Gehör in der Debatte finden. Auch das könnte ein Grund sein, warum die Transformation bisher keine reine Erfolgsgeschichte ist. Denn, so ihre These, eine stärkere weibliche Beteiligung an klimapolitischen Entscheidungen sei nicht nur demokratisch geboten, sondern könne auch zu effektiveren und nachhaltigeren Politikergebnissen führen.

Mit einem Blick über die Transformation und die Narrative der globale Rechten geht Sebastian Schmugler der Frage nach, wie die Transformation Thema eines rechten Kulturkampfes wurde: Ob Trumps „Drill, baby, drill!“ oder Alice Weidels „Wir reißen alle Windkraftwerke nieder! Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!“ – die politische Rechte mobilisiert gegen die Transformation. Und auch CDU-Kanzler(-kandidat) Merz fischte in diesen Gewässern, als er verkündete, Windräder zurückzubauen, „weil sie hässlich sind“, und öffentlich Zweifel an der Industrietransformation und der Zukunft von grüner Stahlproduktion säte. Aber warum eignet sich das Thema so gut für die Rechten und wie lässt es sich wieder zurückgewinnen?

Im Interview mit Jakob Blankenburg, dem umweltpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, fragen wir nach seinem Blick auf den aktuellen Stand der Transformation: Er analysiert gemachte Fehler und beschreibt Möglichkeiten, wie es trotzdem gelingen kann, die Transformation zu retten und sozial gerecht zu gestalten. Aber dabei blickt er nur begrenzt optimistisch auf die aktuelle schwarz-rote Regierung: „Klimaschutz in einer Koalition mit der Union ist kein Selbstläufer.“

Ein praxisnahes Fallbeispiel stellen zum Abschluss Kai Burmeister, Gerri Kannenberg und Setareh Radmanesch vor. In ihrer Analyse der Transformation in Baden-Württemberg zeigen sie, vor welchen tiefgreifenden Entscheidungen das Bundesland weniger als ein halbes Jahr vor der Landtagswahl steht. Gelingt es, die industriellen Kerne des Ländles in ein IndustrieLÄND der Zukunft zu transformieren? Welche politischen Rahmenbedingen sind dafür notwendig und was können die Gewerkschaften vor Ort beitragen, um diese herbeizuführen?

2025-12-08T15:36:07+01:00
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