Ein Jahr Sondervermögen – Rückenwind für mutige Investitionen

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27.03.2026

Foto: © Fionn Große

Matilda Gettins ist Ökonomin und Referentin für Klimafinanzierung bei FiscalFuture. Zuvor studierte sie Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Oxford, Paris und Wien und arbeitete beim DIW zum Thema Klimapopulismus.

VON matilda gettins

Bröckelnde Brücken, eine schwächelnde Konjunktur und im Hintergrund die drängende Klimakrise: Deutschland steht vor gewaltigen Aufgaben. Um darauf zu reagieren, wurde im März 2025 im Rahmen des Finanzpakets das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität auf den Weg gebracht. Ein Jahr später stellt sich die Frage: Erfüllt das Sondervermögen seinen Zweck? Welche Effekte sind bereits bemerkbar? Und reicht das für die Zukunft?

Zukunftsorientiert investieren

Vor kurzem wurde von den marktliberalen Instituten IW und ifo kritisiert, dass das Sondervermögen zweckentfremdet werden würde. Daher sollte zunächst geklärt werden, was der eigentliche Zweck des Sondervermögens ist. Klar ist: Es soll in die Zukunft investieren. Und genau das tut es: Das Sondervermögen erreicht eine Zukunftsquote von fast 90 Prozent (ZEW & WWF, 2026). Diese misst, wie zukunftsorientiert ein öffentlicher Haushalt ist, und umfasst alle Ausgaben, die langfristig Wachstum und Wohlstand stärken sowie die natürlichen Lebensgrundlagen schützen – darunter auch Investitionen in Bildung, Forschung oder Umwelt- und Klimaschutz.

Die Berechnungen von IW und ifo, die eine Zweckentfremdung von 95 Prozent suggerieren, sind irreführend. Denn das zugrunde gelegte Jahr 2025 ist schlicht nicht repräsentativ: Durch den Nachtragshaushalt konnte das Sondervermögen faktisch erst ab Oktober 2025 wirken, die Mittel für die Länder sogar erst ab Mitte Dezember. Dass diese Grundlage verzerrt ist, zeigt sich auch in der ifo-Studie selbst: 2026 fließen dort rund zwei Drittel der Mittel in zusätzliche Investitionen. Die seriöse Beurteilungsbasis eines Sondervermögens mit 12 Jahren Laufzeit kann sich nicht auf drei Monate beschränken. Auch ist der Vergleich mit dem nicht ausfinanzierten Ampel-Haushalt nicht akkurat.

Denn es ist festzustellen, dass das Sondervermögen die Wirtschaft bereits spürbar belebt. Über ein Fünftel der Unternehmen erwartet positive Effekte durch die öffentlichen Ausgaben (IW, 2026). Die aktuellen Wachstumsprognosen von bis zu 1,2 % des BIP sind erheblich auf diese Investitionsimpulse zurückzuführen (IMK, 2026). Diese Dynamik kann besonders der jungen Generation Anlass zu Optimismus schaffen – viele von ihnen blicken bisher mit erheblichen Sorgen auf die wirtschaftliche Lage (FAZ, 2026).

Handlungsfähigkeit schafft Vertrauen

Der Staat wird mit dem Sondervermögen wieder als Gestalter erlebbar. Ob beim Ausbau des ÖPNV oder im Wohnungsbau: Investitionen müssen dort ankommen, wo Menschen leben. In einer Zeit, in der viele junge Menschen sich von der Politik entfremden, ist dieser sichtbare Fortschritt ein starkes Signal gegen die Resignation. Wenn Züge pünktlicher fahren und dringend benötigter Wohnraum entsteht, stärkt dies das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Demokratie.

Dieser Kurs wird auch in der Breite der Bevölkerung begrüßt: Eine Mehrheit befürwortet das Sondervermögen – über Altersgrenzen hinweg und selbst unter Anhänger:innen der Union (IMK, 2025). Es besteht im Land eine breite Zustimmung, jetzt zu investieren, um zukunftsfähig zu bleiben.

Doch bei aller Euphorie: Das Sondervermögen ist kein Allheilmittel und deckt nicht alle Investitionsbedarfe. Die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen – mit einem Investitionsstau von über 200 Mrd. Euro (KfW, 2025) – bedarf weiterhin einer großen Reform. Auch im Bildungssektor klafft eine große Lücke, obwohl 90 % der jungen Menschen hier höhere staatliche Ausgaben fordern (Bertelsmann Stiftung, 2026). Hinzu kommt neben der Begrenzung des Investitionsvolumens vor allem die zeitliche Komponente: Wenn das Sondervermögen 2036 ausläuft, gibt es keine weitere Finanzierungssicherheit für Investitionen.

Den Schwung nutzen

Deutschland braucht dauerhaft eine zukunftsfähige Finanzpolitik, die wichtige Investitionen ermöglicht, etwa in Klimaschutz und Bildung. Neben der Fertigstellung der Reform der Schuldenbremse gehört dazu auch eine gerechtere Gestaltung unseres Steuersystems.

Aus den ersten Erfolgen des Sondervermögens können wir Kraft und Zuversicht schöpfen. Sie zeigen: Wenn der Staat mutig investiert, entstehen Aufschwung und bessere Perspektiven – junge Menschen profitieren davon langfristig besonders stark. Sie erleben das im Alltag: in Bahn und Bus, und auf dem Arbeitsmarkt. Die Botschaft nach einem Jahr ist klar: Eine zukunftsfähige Finanzpolitik ist machbar und lohnt sich – wir dürfen jetzt nur nicht stehen bleiben.

2026-03-27T09:57:08+01:00
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