Der erste Billionär und die Machtfrage des 21. Jahrhunderts

#meinung #debatte #spw

26.06.2026

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Caspar Berges arbeitet als Pressereferent bei FiscalFuture. Zuvor studierte er Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Heidelberg und Lyon und arbeitete im französischen Parlament.

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Carl Mühlbach ist Gründer und Direktor bei Fiscal Future.

VON Caspar Berges und carl mühlbach

Am 12. Juni schrieb die Wall Street Geschichte. Mit dem größten Börsengang aller Zeiten ging SpaceX an den Markt – und schuf im selben Atemzug den ersten Billionär, in Dollar gerechnet. Elon Musk besitzt nun ein Vermögen von über einer Billion Dollar. In Zahlen: 1.000.000.000.000. Eine Summe, die das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt – und dennoch ausgeschrieben werden muss. Damit wir begreifen, was hier wirklich passiert ist.

Laut Oxfam ist Musk damit reicher als die ärmsten 46 Prozent der Weltbevölkerung zusammen – rund 3,8 Milliarden Menschen1​​​​​​​​​​. Sein Vermögen übersteigt das Bruttoinlandsprodukt der großen Mehrheit der Staaten dieser Erde. Nur 19 Länder produzieren jährlich nominal mehr als er besitzt2​​​​​​​​​. Das ist kein Fall für Diskussionen in der Wirtschaftspresse. Das könnte der Beginn eines neuen politischen Zeitalters sein – den von Musk und anderen herbeigesehnten Technofeudalismus.

Man könnte versucht sein, Musk als Bösewicht aus einem Bond-Film wegzulachen. Aber solche Vergleiche mit dem Fiktionalen verharmlosen die Gefahr des Realen. Was wir erleben, ist kein Drehbuch. Es passiert tatsächlich.

Fähigkeiten, die nur Staaten haben sollten

Musk ist längst kein rein ökonomischer Akteur mehr. Über SpaceX verfügt er über technologische Kapazitäten, die bis vor einem Jahrzehnt ausschließlich Staaten vorbehalten waren – und ausschließlich Staaten vorbehalten bleiben sollten, mit kollektiver Kontrolle über deren Anwendung.

Im März 2025 schrieb Musk auf X: »My Starlink system is the backbone of the Ukrainian army. Their entire front line would collapse if I turned it off.« Ein einziger Mann – ohne Mandat, ohne Kontrolle, ohne Rechenschaftspflicht – hält damit für einen Krieg zentrale Infrastruktur in der Hand. Reuters berichtete zudem, dass Musk durch kurzzeitige Abschaltung von Starlink während einer ukrainischen Gegenoffensive bereits aktiv ins Kriegsgeschehen eingegriffen habe3​​​​​​​​. Und für den Angriff auf Iran soll das US Militär Musks Subunternehmen xAI zur Zielerkennung genutzt haben4​​​​​​​. Bei den Angriffen auf den Iran gab es zahlreiche zivile Tote, unter anderem bei der Bombardierung einer Mädchenschule5​​​​​. Ein Zusammenhang zwischen diesem Angriff und der Nutzung von xAI ist nicht belegt.

Das Entscheiden über Krieg und Frieden – die politische Frage schlechthin – liegt damit im Ermessen eines einzigen Privatmannes.

X als Instrument der Demokratiezersetzung

Auch die Plattform X – einst ein Ort, an dem demokratischer Diskurs über Grenzen hinweg stattfinden konnte – ist unter Musks Führung zu einem Hort antisemitischer und rassistischer Propaganda verkommen. Nicht nur durch Algorithmen, die so gestaltet sind, dass sie nach Eindruck vieler Beobachter solchen Content strukturell bevorzugen, sondern durch Musk persönlich. Seit Jahren verbreitet er das Narrativ eines kommenden oder bereits laufenden Bürgerkriegs in Europa6​​​​​7​​​​, spricht von laufenden “ethnischen Säuberungen ethnischer Deutscher”8​​​, befürwortet millionenfache “Remigration”9​​ und wirbt europaweit für rechtsextreme Parteien, unter anderem für die AfD. Selbst verurteilte, rechtsextreme Gewalttäter wie Tommy Robinson unterstützt er offen auf X. Die Konsequenz: Parteien links der Mitte haben diese Plattform verlassen. Solange es aber keinen koordinierten Umstieg auf demokratische Alternativen gibt, läuft die Debatte auf X weiter. Ganz egal, wie stark verzerrt diese wird oder wie viel Hass auf der Plattform verbreitet wird.10

Zeit zu handeln

Yanis Varoufakis fragte schon vor Jahren, ob wir einen Übergang ins Zeitalter des Technofeudalismus erleben. Mit der Entstehung des ersten Billionärs stellt sich diese Frage mit neuer Dringlichkeit. Im Angesicht dieser immer absurderen Anhäufung von Vermögen sollten wir dennoch nicht die Hoffnung auf Veränderung aufgeben. Die Mehrheit, welche die Gefahren dieses Zustands erkannt hat, muss mobilisiert werden.

Das bedeutet: Wir müssen die demokratiezersetzende Kraft derart riesiger Vermögen ins Zentrum der Debatte rücken – und ihre Macht auf einen Bruchteil begrenzen. Dafür brauchen wir Verbündete weltweit, vor allem in den Vereinigten Staaten. Wir müssen diese Themen früh besetzen, Allianzen schmieden und handeln, sobald sich die Gelegenheit ergibt.

Jede aufrechte Demokratin, jeder aufrechte Demokrat muss sehen, dass ein Mann nicht mehr Macht haben sollte als ganze Staaten. Seit 100 Jahren war die Frage der Eigentumsordnung und der Vermögenskonzentration nicht mehr so unmittelbar politisch wie heute. Die Antwort auf den ersten Billionär der Geschichte darf keine Resignation sein. Sondern der Auftakt zur Debatte, welche Zukunft wir wollen: Mitbestimmung Aller oder Diktat der Einzelnen.

Quellen

1 https://www.oxfamireland.org/press/soon-to-be-trillionaire-elon-musks-wealth-grew-by-over-1-million-per-minute-in-the-last-year
2 https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD?most_recent_value_desc=true
3 https://www.reuters.com/investigations/musk-ordered-shutdown-starlink-satellite-service-ukraine-retook-territory-russia-2025-07-25/
4 https://www.spiegel.de/netzwelt/irankrieg-pentagon-setzte-elon-musks-ki-chatbot-grok-ein-a-2adf2bf7-8f9e-43ba-8b48-8889a76226ac
5 https://www.tagesschau.de/ausland/asien/iran-angriff-maedchenschule-102.html
6 https://x.com/elonmusk/status/1983444964848873569?s=20
7 https://x.com/elonmusk/status/1724050863457517687?s=20
8 https://x.com/elonmusk/status/2067167204702097604?s=20
9 https://x.com/iamyesyouareno/status/2064738186715115731?s=20
10 https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0313293

2026-06-26T14:31:10+02:00
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