NACHRUF
Den Geist der Utopie lebendig halten

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Michael R. Krätke, studierte Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaft in Berlin und Paris, lehrte Soziologie in Berlin und Bielefeld und Politikwissenschaft in Kassel, war Professor für Politische Ökonomie an der Universität von Amsterdam, an der Universität Lancaster (UK) und an der Tohoku Universität in Sendai, Japan. Von 2009 – 2011 war er Direktor des Institute of Advanced Studies in Lancaster. Gegenwärtig Emeritus und Professor für Politische Theorie an der Universität von Wuhan, VRChina. Hat neben zahlreichen Aufsätzen in Zeitschriften und Sammelbänden etliche Bücher zur Politischen Ökonomie veröffentlicht und war an mehreren internationalen Forschungs- und Editionsprojekten beteiligt (u.a. an der MEGA2). Arbeitet seit vielen Jahren auch als Wirtschaftsjournalist für deutsche, schweizerische und französische Zeitungen. Lebt in Amsterdam.
VON Michael R. Krätke
Eine bessere Welt ist möglich! Diesem Versprechen aller Utopien hat unser Freund Richard Saage sein ganzes Forscherleben lang nachgespürt. Ohne dabei die historischen Orte zu vergessen, an denen Utopien wirksam wurden – so wie die sozialistische Utopie im Roten Wien der Zwischenkriegszeit für einige Jahre real wurde, weil die sozialdemokratische Stadtregierung Leben von Hunderttausenden einfacher Menschen spürbar verbessern und die Aussicht auf ein gutes Leben für alle eröffnen konnte. Die Utopie des Roten Wien wirkt bis heute nach. Ihren Vordenkern, den Austromarxisten Otto Bauer, Karl Renner und Max Adler hat Richard Saage jeweils ein Buch gewidmet. Karl Renner, dem ersten sozialdemokratischen Staatspräsidenten in Österreich, Otto Bauer, dem Vordenker des demokratischen Sozialismus, und Max Adler, dem Erneuerer des Marxismus aus dem Geist der Kantschen Kritik.
Immer wieder hat er an den Geist der Utopie erinnert, der das europäische Denken seit Jahrhunderten geprägt hat. Im Bemühen, diesen Geist in der deutschen und europäischen Linken wach zu halten. Er betrieb mit altmodischer Akribie und Finesse die politische Ideengeschichte Europas, rief die Ideen in Erinnerung, von denen Europa lebt und die die ganze Welt aufgeklärt haben. Ein europäischer Gelehrter, ein Politikwissenschaftler alten Stils, ein linker Gentleman, klar im Reden wie im Schreiben. Iring Fetscher war sein Lehrer, Helga Grebing und Walter Euchner seine Freunde und Förderer. An der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg hat er bis zu seiner Emeritierung 2006 gelehrt.
Österreich, der SPÖ und dem Karl Renner Institut in Wien war er seit langem verbunden. 2021 erhielt er den Viktor Adler Staatspreis für Geschichte sozialer Bewegungen, eine wohlverdiente Auszeichnung und Ehre. Seinen jüngeren Freunden und Kollegen, seinen Schülern war er in seinen Rotweinrunden bis zuletzt ein zugewandter, neugieriger Gesprächspartner.
Am 25. August ist er in Berlin im Alter von 85 Jahren gestorben. Er wird uns fehlen, als Freund, als Lehrer. Denn nichts braucht die Sozialdemokratie heute so nötig wie den wachen Geist der realen Utopie.
