Das Sondervermögen wirkt – und Dauerpessimismus schadet Deutschland mehr, als er nützt.
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02.11.2026

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VON carl mühlbach Und Caspar Berges
Das Sondervermögen wirkt – und Dauerpessimismus schadet Deutschland mehr, als er nützt
Gute Nachrichten sind in diesen Zeiten rar gesät. Vielleicht sollte man ihnen deshalb besondere Aufmerksamkeit schenken. Seit dem 13. Oktober ist es offiziell: Der Internationale Währungsfonds hat seine Konjunkturprognose für Deutschland deutlich angehoben – von 0,7 Prozent für dieses Jahr auf 1,3 Prozent. Im nächsten Jahr soll die Wirtschaft um 1,1 Prozent wachsen. Damit bestätigt der IWF, was zuvor bereits die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute und auch die Bundesregierung prognostiziert hatten: Deutschlands Wirtschaft wächst deutlich stärker als erwartet. Und das trotz zahlreicher Schocks, ob Iran-Krieg oder Niedrigwasser im Rhein.
Ein entscheidender Grund dafür ist das Finanzpaket aus dem Jahr 2025. Anders ausgedrückt: Das Sondervermögen wirkt und schiebt Deutschland aus der jahrelangen Stagnation.
Das passt nicht ins Narrativ vieler Konservativer in Presse und Politik, die seit einigen Jahren den Abgesang auf die deutsche Wirtschaft anstimmen. Und natürlich finden sie auch in guten Nachrichten noch ein Haar in der Suppe: Staatsknete, so rufen sie, könne kein nachhaltiges Wachstum schaffen.
Ja, es ist der Staat
Und ja, es stimmt: Es sind das Sondervermögen und die gestiegenen Verteidigungsausgaben, die die deutsche Wirtschaft derzeit antreiben. Und ja, dieser Impuls ist zunächst kurzfristiger Natur. Doch gerade das Sondervermögen kann langfristige Wirkungen entfalten. Denn die Schwäche der vergangenen Jahre war nicht bloß konjunkturell. Eine IWF-Analyse1 vom Juni führt rund 60 Prozent der deutschen Wachstumsschwäche auf ein gesunkenes Potenzialwachstum zurück. Als Ursachen nennt es das dauerhaft schwache Produktivitätswachstum infolge anhaltender Unterinvestitionen in öffentliche Infrastruktur, Bildung und Innovation sowie überbordender Bürokratie, die Alterung der Bevölkerung, die Nachwirkungen des Energiepreisschocks von 2022 und die nachlassende außenwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Die öffentlichen Investitionen gehörten vor der Krise zu den niedrigsten unter den Industrieländern. Wenn eine wesentliche Ursache für die deutsche Wachstumsmisere im jahrelangen Investitionsstau liegt, kann das Sondervermögen, das genau hier ansetzt, nicht als bloßes Strohfeuer abgetan werden.
Und dennoch darf der Erfolg des Paradigmenwechsels hin zu mehr staatlichen Investitionen nicht von den strukturellen Problemen der deutschen Wirtschaft ablenken. Auch sie erfordern politische Antworten.
Das Miesmachen ist keine Strategie
Doch das ständige Miesmachen ist ganz sicher kein Lösungsansatz. Dieselben Kommentatoren, die heute so pessimistisch auf Deutschland blicken, schrieben vor Jahren immer wieder über die „German Angst”, die Innovation verhindere und die Investitionsbereitschaft bremse. Mit Bewunderung schauen sie in die USA, wo ein häufig eher überbordender Optimismus herrscht.
Ein bisschen Optimismus sollten wir aber auch wagen. Schließlich hat die Wirtschaft e ja inen starken psychologischen Faktor – Keynes sprach von den „Animal Spirits”. Der private Konsum und die Investitionsbereitschaft werden kaum steigen, und junge Menschen werden kein Risiko eingehen, wenn man ihnen ständig die Katastrophe an die Wand malt. Dieselbe Wirtschaftspresse beklagt dann die Beamtenmentalität junger Menschen, die am liebsten für den Staat arbeiten wollen. Ein Widerspruch: Nur ein positives Bild Deutschlands und seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten kann die Energien freisetzen, die wir brauchen – Optimismus führt zu Wagemut und Gründergeist.
Das gilt umso mehr, als wir die Binnennachfrage stärken müssen, wenn das Exportmodell in die Brüche geraten ist. Sebastian Dullien vom IMK weist darauf hin, dass der private Konsum seit der Corona-Erholung der eigentliche Taktgeber des Wachstums ist – und dass es von den Verbrauchern abhängt, wie schnell die Wirtschaft 2027 wächst, solange US-Zölle und chinesische Konkurrenz den Export bremsen.2 Wie schwer politische Verunsicherung dabei wiegt, zeigt eine Umfrage des IMK: 42 Prozent der befragten Haushalte gaben an, wegen der Debatte um Gesundheits-, Renten- und andere Sozialreformen ihren Konsum einschränken zu wollen. Optimismus ist hier kein Wohlfühlprogramm, sondern ein Wirtschaftsfaktor. Auch deshalb sollten Reformprogramme in einer positiven Zukunftserzählung eingebunden sein.
Zuversicht statt Spaltung
Dasselbe gilt für die Migrationsfrage. Die Alterung der deutschen Gesellschaft ist, wie der IWF beschreibt, einer der großen limitierenden Faktoren für das deutsche Wachstumspotenzial.
Wer ständig vom Niedergang spricht, spielt jenen in die Hände, die Sündenböcke suchen und die Migration nach Deutschland am liebsten gewaltsam rückabwickeln wollen. Dabei braucht Deutschland Zuwanderung, um die Folgen der Alterung unserer Gesellschaft abzufedern.
Natürlich dürfen wir die Probleme nicht kleinreden. Aber wir sollten ihnen mit Zuversicht begegnen, statt den gesellschaftlichen Pessimismus weiter zu befeuern. Ohne das Sondervermögen steckte Deutschland wohl noch immer in der Stagnation. Nutzen wir es für ein besseres Deutschland. Trotz aller Probleme sollten wir wieder mehr Zuversicht wagen.
