Heft 268 – 03/2026

Rezension: Der Kampf um Wald und Weide

#kultur #kritik #spw

Thilo Scholle ist Mitglied der spw-Redaktion, Jurist und lebt in Lünen.

von Thilo Scholle

Otto Bauer
Der Kampf um Wald und Weide 
Herausgegeben und mit einer Einleitung von Lisa Francesca Rail, Mandelbaum Verlag, Wien 2024
372 Seiten, 23 €

Otto Bauer (1881 – 1938) gehört sicherlich zu den programmatisch-strategisch produktivsten sozialdemokratischen Parteiführern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Obwohl nie Parteivorsitzender, beeinflusste er vor allem durch seine Schriften und Wortmeldungen die inhaltliche Aufstellung der österreichischen Sozialdemokratie in entscheidender Weise. Ausdruck dieser ausgesprochen produktiven Arbeit ist auch der nun neu aufgelegte Band „Der Kampf um Wald und Weide“. Verfasst hat Bauer den Text ursprünglich als inhaltliche Eingabe für die auf dem Salzburger Parteitag der 1924 eingesetzte Agrarkommission, die im Zuge der Klärung von inhaltlichen Fragen zum Landwirtschaftspolitik auch das Verhältnis der Sozialdemokratie zur meist christlich-konservativ wählenden Landbevölkerung und ihren politischen Interessen adressieren sollte.

Bauer skizziert die Entwicklung der Rechts- und Eigentumsverhältnisse in Wald und Weidelandschaft im Gebiet des damaligen Österreichs seit dem sechsten Jahrhundert. Dabei geht es ihm vor allem um das Zusammenspiel der Fragen von Recht, Herrschaft und Ökonomie, sowie um deren Veränderungen über die Jahrhunderte. Bauers roter Faden ist dabei die Frage, welchen Zugang zu agrarischen Gütern die jeweiligen Dorfgemeinschaften gemeinschaftlich hatten und welche Güter der exklusiven Kontrolle verschiedener Varianten von (Grund-) Herrschaftlichkeit unterlagen. Bauer zeichnet nach, wie sich im Laufe der Zeit der Zusammenhang zur Entstehung des Kapitalismus entwickelt: „Die Ausschließung der Bauernsöhne und Söllner von der Waldnutzung erzeugte die Proletarier, die sich in Berg-, Schmelz- und Hammerwerken und Salinen als Lohnarbeiter verdangen oder ihnen als Fuhrknechte Holz und Holzkohle aus den Wäldern zuführten. So schuf der gewaltsame Raub der alten Waldnutzungen das Kapitalverhältnis (…).“ (110) Mit der zugleich wachsenden Bevölkerungszahl sei die bis dahin unbeschränkte Waldnutzung zu regeln gewesen. Planmäßige, auf Reproduktion der Bestände angelegte Fortwirtschaft wurde notwendig, das entstehende Dorfproletariat wurde von Bauern und Grundherren vom alten Gemeindebesitz ausgeschlossen. Als ein politisches Ziel macht Bauer daher die Sozialisierung der Forste aus. Zudem sei neuer Gemeinbesitz in den Dörfern zu schaffen und der landwirtschaftliche Großbesitz zu verstaatlichen. „Es gilt, das Landvolk zu lehren, dass nur diese sozialistische Umwälzung der Grundeigentumsverhältnisse – Hand in Hand mit der sozialistischen Umwälzung der Eigentumsverhältnisse in der Industrie und im Bergbau, im Handel und im Bankwesen – mit der Lohnknechtschaft der Arbeiter auch die Schuldknechtschaft der Bauern aufheben kann. Gelingt es, die Landarbeiter, die Häusler, die Kleinbauern zu diesen Erkenntnissen zu führen, dann werden sie sich um das industrielle Proletariat scharen, um mit ihm vereint die politische Macht zu erobern, im gemeinsamen Besitz der Macht die große Umwälzung der Eigentumsverhältnisse zu vollziehen.“ (370)

In einer lesenswerten Einleitung stellt die Herausgeberin Lisa Francesca Rail dar, warum der Text auch aktuell relevant ist: Zwar macht sie eine deutliche Lücke im Text aus – die Situation von Frauen kommt bei Bauer nicht vor – zugleich sei er mit Blick auf die Rolle der Gemeingüter („Commons“) und dem Zugang zu Land erstaunlich aktuell. Neben dieser zutreffenden Beobachtung ist der Text auch methodisch interessant, zeigt er doch – mit allen der Entstehungszeit geschuldeten Einschränkungen – wie sich aus der Betrachtung historischer Entwicklungen aktuelle politische Einschätzungen ableiten lassen.

2026-10-19T14:42:13+02:00
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