Heft 268 – 3/26

rezension II: kapitalismus – geschichte einer weltrevolution

#kultur #kritik #spw

Sven Beckert:

Kapitalismus – Geschichte einer Weltrevolution

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025; 1279 Seiten, 42 €

von andreas fisahn

Das über 1000 Seiten starke Buch beginnt – man staunt – im 12. Jahrhundert in der jemenitischen Hafenstadt Aden. Beckert hat also keine eurozentrische Perspektive. Er schaut auf die „Inseln des Kapitals“ aus einer globalen Perspektive und verlegt die „Ursprungsorte des Kapitalismus“ nicht nach Europa, lässt sie nicht wie Marx mit der „ursprünglichen Akkumulation“ in England beginnen. Die Darstellung, nicht der Kapitalismus, endet bei Beckert in der Gegenwart und einer Prognose: „Doch irgendwann wird der Kapitalismus ein Ende finden. Ganz gleich, ob wir dieses Ende fürchten oder erhoffen, wie alles in der Geschichte der Menschheit ist auch er endlich, selbst wenn man heute noch nicht sagen kann, wann oder wie er enden und was ihn ersetzen wird. (…) Wenn wir die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus selbst als Maßstab nehmen, ist es denkbar, dass, was immer nach dem Kapitalismus kommt, lange brauchen wird, um sich zu entwickeln, und über einen langen Zeitraum mit dem Kapitalismus verflochten sein wird, so wie der Kapitalismus über Jahrhunderte hinweg in nicht kapitalistische Gesellschaften eingebettet war. In dieser alten Ordnung trat der Kapitalismus zunächst auf Inseln auf, manche real, wie Barbados, andere metaphorisch.“ (S.1055)

Da wären sie, die sozialistischen Inseln im Kapitalismus.

Die Fülle an Material, die Beckert quer durch die Jahrhunderte und über den Globus verteilt und ausbreitet, ist beeindruckend und vielleicht auch ein wenig erschlagend, aber lehrreich. Und er schreibt vor allem in Geschichten. So etwa die Geschichten über Kaufleute wie Andrea Barbarigo aus Venedig, die East India und die Vereenigde Oost Indische Compagnie, über den vom Kaufmann zum Plantagenbesitzer und Sklavenhändler „aufgestiegenen“ Johann Jakob Bethmann oder über Hermann Röchling, der sich als Chef der Völklinger Hütte im Saarland den Nazis andiente. Eindrückliche Geschichten, die Spaß machen und dann in einen theoretischen Kontext gestellt werden, mit dem Beckert die verschiedenen Stadien der Entwicklung zusammenfasst.

Hier nur einige Stichworte zu diesen Entwicklungsstadien: Vom Handelskapital über koloniales Kapital, das auch Plantagenwirtschaft und Sklavenhandel betreibt, die Verlagswirtschaft und Manufaktur bis zum Industriekapitalismus und neoliberalen Kapitalismus mit seiner umfassenden Kommodifizierung aller Lebensbereiche. Letzterer gerät auch für Beckert 2008 in eine Krise und die gegenwärtige Entwicklung ist für Beckert noch im Fluss.

Beckert erzählt aber nicht nur die Wirtschaftsgeschichte, sondern bettet sie ein in eine Soziografie der jeweiligen Zeit, berichtet über Versklavung, Verdrängung oder Dequalifizierung und über den Widerstand gegen diese Prozesse. Er berichtet über die Lebensweise und den kulturellen Hintergrund oder die theoretische Verarbeitung.

Interessant sind Beckerts historische Befunde. Nun gibt es eine lange Diskussion – nicht nur von links – über die Entwicklungsbedingungen oder -voraussetzungen des Kapitalismus. Auch hier können nur Stichworte referiert werden: Beginnen muss man sicher mit den angesprochenen Überlegungen von Marx zur ursprünglichen Akkumulation, es folgen Weber mit seiner Theorie zur protestantischen Ethik, dem Sombart widerspricht und eher den Katholizismus für die Entstehung des Kapitalismus verantwortlich macht. Braudel und Conert finden die Ursprünge im Handelskapital, während Kofler eher das Handwerk als Ursprung des Wandels der Produktion sieht (Überblick bei Fisahn, Die Saat des Kadmos, 143 ff.). Beckert schreibt, dass es zunächst „Kapitalisten ohne Kapitalismus“ gab, die Inseln des Kapitalismus bildeten. Wann aber wird der Kapitalismus zum System, wann dominiert er Wirtschaft und Gesellschaft und warum entwickelt sich dieses System ausgerechnet in Europa und nicht etwa in China, das zivilisatorisch und auch technisch lange Zeit weit voraus war? Oder anders gefragt: Wann wurde aus dem gut kalkulierenden Kaufmann, der natürlich Gewinn erwirtschaften wollte, ein durch die Konkurrenz Getriebener, der seine Geschäfte bei Strafe des Untergangs zwanghaft erweitern muss oder besser: warum und wie setzte sich die konkurrenzorientierte Profitwirtschaft durch, die zur Reproduktion auf immer höherer Stufenleiter zwingt? Der Kaufmann des Mittelalters, auch wenn er nicht in Gilde oder Zunft organisiert war, musste wenig Konkurrenz fürchten und konnte sich auch auf seinem Reichtum ausruhen. Wie und warum wurde aus der Orientierung auf die Vergrößerung des Landbesitzes, die nicht nur bei den alten Römern, sondern auch die Sklavenwirtschaft der Plantagenbesitzer und den Kolonialismus in der Neuzeit prägte, ein Streben nach besserer Verzinsung des eingesetzten Kapitals? Oder kurz: Wie wurde der Schatz, d.h. schlichter Reichtum zu Kapital, das „arbeiten“ muss, also als ein gesellschaftliches Verhältnis begriffen werden muss?

Die globale Sicht hat hier ihre Grenzen, weil die spezifischen Bedingungen in Europa, wo sich der Kapitalismus zu einem System entwickeln konnte, in den vielen Geschichten über die Anhäufung von Reichtum in aller Welt unterbelichtet bleiben. Beckert beschreibt durchaus die guten Beziehungen von „Kapitalbesitzern“ jeder Epoche zum Staat und dass dieser ihre Geschäfte unterstützte oder ermöglichte. Aber warum entwickelt sich in Europa die spezifische Form des bürokratischen, rechtlich gesteuerten Staates, der wohl Voraussetzung für den Kapitalismus als System war ─ vielleicht nicht mehr ist?

Auch hier einige Stichworte zu möglichen Antworten, auf die Frage, die Beckert nicht beantwortet: In Europa herrschte Kleinstaaterei und Konkurrenz unter den vielen vergleichsweise kleinen Staaten, was Europa von den Riesenreichen der Geschichte (China, das osmanische Reich usw.), die erheblich weiterentwickelter waren als Europa, unterscheidet. Die militärische Konkurrenz führte zu wirtschaftlicher und technischer Konkurrenz. Europa konnte auf das „rationale Recht“ der Römer zurückgreifen, das intensiv rezipiert wurde. Die katholische Kirche hatte mit dem Zölibat eine Verwaltung entwickelt, die nach berechenbaren, rationalen Maßstäben funktionierte und sich von den Interessen ihrer Träger emanzipierte. Schließlich: die ökonomisch dominierende Klasse hatte sich von der politisch herrschenden Klasse emanzipiert; der Staat hatte sich von der Ökonomie „besondert“, wie es bei Marx heißt.

Wenn es stimmt, dass solche „Randbedingungen“, also mehr oder weniger kontingente Voraussetzungen es ermöglichten, dass sich der Kapitalismus in Europa und nicht andernorts zum System entwickelte, dann reicht es offenbar nicht aus, auf die gleichsam naturwüchsige Ausdehnung, die „Vernetzung“ von Inseln zu hoffen. Womit Beckert sicher recht hat: Änderungen des Systems verlaufen selten disruptiv, sondern basieren auf einer langen Entwicklung.