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Die blockierte Republik, die Krise der Sozialdemokratie und die nötige Suche nach einem neuen Paradigma
#analyse #spw
Heft 03/26

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Benjamin Mikfeld ist Sozialwissenschaftler und Mit-Herausgeber der spw.
VON Benjamin Mikfeld
Hat sich das sozialdemokratische Projekt in der Spätmoderne erschöpft? Zumindest trägt das technokratische Prinzip „Regieren können wir“, das eine ganze Generation von Spitzenpolitiker:innen geprägt hat, nicht mehr. Die SPD erscheint eher nur noch Hausmeister der blockierten Republik1 zu sein und nicht mehr eine Architektin der Zukunft. Wenn sie selbst noch eine Zukunft haben will, muss sie ihre innere intellektuelle und strategische Erschöpfung überwinden und die Energie aufbringen, eine neue Antwort auf die Widersprüche unserer Zeit zu finden. Sie muss ein neues Paradigma im Sinne eines tragfähigen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells zunächst denken und es dann auch hegemonial mehrheitsfähig machen.2
Ein Blick zurück in eine andere Zeit
Eine Voraussetzung dafür ist, sich von selbstbezüglichen Betrachtungen zu lösen. Die wesentliche Ursache für den seit knapp 20 Jahren fortschreitenden Bedeutungsverlust sind nicht das Personal, eine schlechte Kommunikation (das berühmte fehlende Narrativ) oder die falsche Themen- und Zielgruppenwahl. Wenn die Nachfrage nach einem Angebot schwindet, reicht es nicht, es besser zu vermarkten, man muss ein neues Angebot in Konkurrenz zu anderen entwickeln. Die schwindende Nachfrage nach sozialdemokratischer Politik hat mit zwei Teufelskreisen zu tun.
Der erste Teufelskreis ist die Krise unseres ökonomischen und politischen Systems, die man als Regulationskrise bezeichnen kann und die das Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft von Fortschritt, Sicherheit, Teilhabe und Anerkennung nicht mehr einzulösen vermag. Der Exportmotor stottert in der sich wandelnden Weltwirtschaft, die privaten und öffentlichen Nettoinvestitionen sind auf Tiefstand, die Innovations- und Produktivitätsentwicklung ist zu schwach. Zugleich binden immer neue Krisen staatliche Ressourcen, und die nationalstaatliche Handlungsfähigkeit wurde im Zuge der neoliberalen Epoche geschwächt. Auch haben gesellschaftliche Institutionen der Aushandlung (wie die Tarifpartnerschaft) an Bedeutung eingebüßt. Die Erwartungen an den Staat wachsen, aber seine strategische Problemlösungskompetenz und seine Ressourcen wachsen nicht mit, mit Ausnahme bürokratischer Vorgaben, die wiederum Quelle für Verdruss und Legitimationsprobleme sind.3 Die hohe gesellschaftliche Unzufriedenheit und die allgemeine Vertrauenskrise der Politik führen schließlich bei Wahlen zu Konstellationen, die kohärentes Regieren noch schwieriger machen. Dies wiederum verstärkt die Problemlösungs-Inkompetenz und Legitimationskrise des politischen Systems.
Der zweite Teufelskreis betrifft die Sozialdemokratie selbst und dieser ist mit dem erstgenannten eng verflochten. Sie hat bislang keinen Ausweg aus der Regulationskrise gefunden und angesichts abnehmender politischer Relevanz wird es ihr im Regierungshandeln noch weniger gelingen. Als eine technokratische Staatspartei besteht ihre Rolle nicht mehr darin, für eine Gesellschaftsvision zu werben und diese reformistisch durchzusetzen, sondern vor allem darin, als politisches Korrektiv den Status Quo zu erhalten oder das Schlimmste zu verhindern. Damit hat ihre Fähigkeit, eine breite politische Projektionsfläche für verschiedene Milieus zu sein, abgenommen. Auch ihr intellektuelles und kulturelles Umfeld schrumpft, ebenso die Verankerung in der Arbeitnehmer:innenschaft und der Zivilgesellschaft oder den lokalen Umfeldern. In der Konsequenz wird die SPD immer selbstbezüglicher und die Resonanzbeziehung zu ihrer potenziellen Wähler:innenbasis nimmt ab.
Die Sozialdemokratie lebt womöglich von sozioökonomischen und sozialmoralischen Voraussetzungen, die sie kurzfristig nicht wieder herstellen kann, schon gar nicht in Koalitionen, die ideologisch blockiert sind. Und doch muss sie in den Ideenwettbewerb um die Zukunft einsteigen. Im Kern muss es dabei um ein neues Wirtschaftsmodell gehen.
Der Gramsci-Polanyi-Moment
Es verwundert nicht, dass in diesen durch viele Krisen und ungelöste Probleme bewegten Zeiten zwei kritische Denker der politisch-ideologischen Transformation wieder entdeckt werden, die spw-Leser:innen nicht unbekannt sein dürften. Dies ist zum einen Antonio Gramsci mit seinem Blick auf krisenhafte Übergangszeiten: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“4 Ähnliche Formulierungen finden wir auch bei zeitgenössischen progressiven Vordenkern wie dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoğlu: „Ich glaube, wir erleben gerade die Geburtsschmerzen eines neuen Modells und wir wissen noch nicht, was das neue Modell sein wird.“5
Zum anderen ist dies Karl Polanyi mit seiner berühmten Formulierung zu Doppelbewegungen in Zeiten, in denen das wirtschaftliche System zunehmend in Konflikt mit den Sicherheiten und Traditionen der Lebenswelten gerät: „Der Markt erweiterte sich ständig, doch stieß diese Bewegung auf eine Gegenbewegung, die darauf abzielte, die Gesellschaft vor den Gefahren eines sich selbst regulierenden Marktes zu bewahren.“6
In einer gewissen Hinsicht haben wir seit einiger Zeit diesen Gramsci-Polanyi-Moment. Wir erleben, wie sich das seit den 1980er Jahren dominante marktliberale Paradigma zwar nicht in Luft auflöst, aber ungelöste neue Probleme hervorbringt und auch mit widersprüchlichen Gegenbewegungen zu tun hat, die es herausfordert. Diese Gegenbewegungen sind in unseren modernen Gesellschaften nicht nur „materialistisch“ zu erklären, sie haben auch kulturelle und politische Ursachen, aber sie wurzeln in den ungelösten Problemen der Regulationskrise. Welche politischen Auswege bzw. Szenarien sind denkbar?
Das „Weiter so“-Szenario der blockierten Republik wäre je nach Koalition (zugegeben hier polemisch verkürzt) ein kleinster gemeinsamer Nenner und „Ideologiemix“ aus Ordoliberalismus, Sozialstaatsverteidigung und „Green Economy“.
Das „Anpassungs“-Szenario wäre eine womöglich gesellschaftlich befriedetere, aber auch etwas resignative Variante des „Weiter so“. Einige Gesellschaftsanalysen thematisieren eine wachsende „Verlusterfahrung“7 und den Wunsch nach „Gegenwartsverlängerung“8. Angesichts der inneren Konflikte sei so etwas wie eine sozial-ökologische Transformation nicht möglich. Daraus folgt eine Absage an jede Idee von Modernisierung und Fortschritt. Das leitende Paradigma wäre auf den Umgang mit Krisen, knappen Ressourcen sowie auf Resilienz und Selbsterhaltung ausgerichtet.
Das Szenario eines „Nationalen Autoritarismus“ liegt angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen auf der Hand. Es auf einen schlüssigen Begriff zu bringen ist nicht leicht, denn es ist ja (national unterschiedlich) ein Hybrid, u.a. aus völkischer Innen- und Sozialpolitik, Protektionismus, fossiler Zukunftsignoranz, Kulturkampf, autoritärem Staatsumbau und zugleich technolibertären Elementen. Aber diese Heterogenität ist womöglich eine Stärke, weil sie die dem liberalen Denken zu eigene Sichtweise rational nach materiellen Eigeninteressen urteilender Bürger*innen nicht teilt, verschiedene Gegenbewegungen aufnehmen und durch eine Emotionalisierung von „Wir-Die“ und „Innen-Außen“-Konflikten9 politisch bewirtschaften kann.
Für eine Bewertung der Erfolgschancen dieser Szenarien ist hier nicht der Raum. Entscheidender ist jedoch: In all diesen Szenarien hat die historische Mission der Sozialdemokratie keinen Platz mehr.
Hegemonie, Liberalismus und progressiver Republikanismus
Lauter werden Stimmen von links, auch aus der Selbstreflexion, sich zu sehr auf „identitäre“ Nebengleise begeben zu haben, die zentrale Konfliktlinie müsse nun die „Klassenfrage“ sein. Dies mag für manche Kräfte eine plausible, auch eine elektorale Strategie sein. Auch populäre Kampagnen zur „Affordability“ mögen Stimmen bringen. Sie lösen aber die erwähnte Regulationskrise nicht.
Die Crux an hegemonialen Strategien ist, dass sie nicht allein aus der Perspektive der kurzfristigen Parteitaktik, aber auch nicht der des politischen Aktivismus oder wissenschaftlicher Erkenntnisse geführt werden können. Sie müssen in der Lage sein, gesellschaftliche Strömungen zu verstehen und dürfen sich nicht davor scheuen, auch konkurrierenden Strömungen und Interessen mit einem gewissen Verständnis zu begegnen. Hegemonie bedeutet: Zunächst widersprüchliche Elemente als Ressourcen zu verstehen und diese in Bezug auf ein „allgemeines Interesse“ zusammenzubringen.
Eine zu den genannten Szenarien etwas querliegende hegemoniale Ressource ist die zunehmende Debatte über den „Postliberalismus“10, zumindest als analytischer Begriff. Er verweist auf die Defizite liberaler Politik, die von rechts und links gleichermaßen adressiert werden. Ich stelle diesen Defiziten die Idee eines „progressiven Republikanismus“ entgegen, weil ich der Überzeugung bin, dass die Sozialdemokratie sich zu sehr dem liberalen Denken verschrieben hat und der republikanische Zweig der Demokratietheorie zu sehr in Vergessenheit geriet. Dabei ist dieser sperrige Begriff weniger als Fahnenwort oder als Programm gemeint, sondern eher als Methode, die eigene Politik stets zu überprüfen, auch im Sinne einer „materialistischen Tugendethik“11 daraufhin, welche Auswirkungen Politiken, Institutionen, Diskurse, etc. auf die sozialmoralische Substanz unserer Gesellschaft haben.
Das erste Defizit betrifft den ökonomischen Liberalismus, gerade in den reifen Industrienationen. Er vermag es nicht mehr, in der globalen und finanzialisierten Ökonomie positive Kreisläufe von Innovation, Wachstum, öffentlichem Wohlstand und gerechter sozialer Teilhabe zu schaffen. Die Antwort darauf wäre eine Politik der „wirtschaftspatriotischen“ und demokratisch zu erringenden Verpflichtung, dass die wirtschaftlichen Eliten und Unternehmen wieder mehr zu einem solchen und auch klimaneutralen Kreislauf beitragen.
Das zweite Defizit betrifft den politischen Liberalismus. Er hat den Feudalismus niedergerungen und auch in den modernen Demokratien wichtige Freiheitsrechte erkämpft. Als isolierte Ideologie hat er aber keine Antwort auf das, was eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält. Eine republikanische Antwort darauf wäre, in der Frage von politischer Macht zum einen nicht neutral zu sein und zum anderen Institutionen und Infrastrukturen zu erhalten und zu schaffen, die mehr Gemeinsinn stiften.
Das dritte Defizit ist politisch-praktischer Natur und bezieht sich auf einen eher „methodischen“ Liberalismus, den auch die Sozialdemokratie mehr oder weniger unreflektiert praktiziert. Ein wesentlicher Kritikpunkt zielt auf die Praxis des „Deliverism“12 ab, also dem Glauben, wenn man einzelne Maßnahmen an die eigenen politischen „Zielgruppen“ liefert, führe dies zu politischer Zustimmung. Bürger:innen werden eher als Kunden oder Zielgruppen gesehen und weniger als demokratische Subjekte. Eine republikanische Antwort wäre, nicht nur den Output der Politik, sondern auch den Input, also die demokratische Verständigung im vorpolitischen Raum als wesentliches Element der eigenen Strategie zu verstehen.
So weit, so abstrakt. Was bedeutet das nun für die Sozialdemokratie, sofern sie noch die Energie und den Mut aufbringt, an einem neuen Paradigma zu arbeiten?
Erstens: Sie muss den Mut zu Konflikten haben. Eine Mitte-Links-Partei, die 30 oder gar 40 Prozent gewinnen kann, mag sich mit „Maß und Mitte“ und „gutem Regieren“ durchwursteln können. Eine Partei, die bei 15 Prozent oder weniger dümpelt, kann das nicht.
Zweitens: Sie muss auf Mittelstrecke gehen. Die neoliberale Wende wurde intellektuell, kulturell und politisch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorbereitet. Politisch reif war sie erst drei Jahrzehnte später. So viel Zeit haben wir nicht. Aber es muss ein hegemonialer (auch international vernetzter Prozess) unabhängig von Wahlterminen sein.
Drittens: Aus der Addition der Interessenvertretung von Einzelgruppen entsteht keine Meinungsführerschaft. Aber auch die Phrase „Wahlen werden in der Mitte gewonnen“ entspricht nur einer reaktiven Taktik. Entscheidend ist: Hegemonie erringt, wer die politische Mitte definiert und dabei Teile der Ränder einbindet.
Viertens: Eine hegemoniale Antwort auf die Regulationskrise muss die ökonomischen, sozialen und kulturellen Brüche der aktuellen Lage verstehen und darauf eine kohärente und gesellschaftlich anschlussfähige Antwort liefern. Grundsätzlich geht es nicht nur um einzelne Instrumente oder die richtigen „Themen“, sondern auch darum, zunächst die Probleme „zweiter Ordnung“, in den Blick zu nehmen. Gemeint sind damit die grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen und Prinzipen, die entweder als negative oder positive Verstärker fungieren. Diese betreffen nicht nur die konkreten Probleme und den Mangel an sich, sondern die „Praktiken und Institutionen, das heißt, die sozialen Ressourcen, die es möglich (oder eben unmöglich) machen, auf diese zu reagieren“13. Nicht Einzelmaßnahmen für bestimmte Gruppen oder Reformen für Teilprobleme sind der zentrale Hebel, sondern gesellschaftlich vermittelnde und für eine demokratische Machtbalance sorgende übergreifende Konzepte und diese effektiv umsetzende Institutionen.
Zu politisierende Konfliktlinien für ein neues Paradigma
An dieser Stelle seien nur einige nötige ökonomische Konfliktlinien bzw. Denksportaufgaben benannt, auch für einen im Kontext der spw zu erarbeitenden Orientierungsrahmen, die aber auch soziale und kulturelle Aspekte aufgreifen:
In der aktuellen Koalition einer blockierten Republik folgt die Krisenbewältigung alten Mustern. Also einer Mischung aus konservativem Ordoliberalismus und sozialdemokratischer „Restverteidigung“. Das schuldenfinanzierte Sondervermögen vermag einige Probleme zu lösen, aber eine nachhaltige Strategie ist es auch nicht. Es wird sich zeigen, dass uns all das nicht zu einer neuen Prosperitätskonstellation führen wird. Die Frage ist also, wie man der „LOST-Politik“ des liberal-konservativen Lagers, also dem Vierklang aus Lohnzurückhaltung, Ordoliberalismus, Sozial- und Rechteabbau sowie Technologieoffenheit begegnet. Die Denksportaufgabe ist: Wie bekommt man die Idee des „Staats als Pionier“, um einen zentralen spw-Begriff aufzunehmen, politisch popularisiert? Wenn China und die USA auf staatliche Interventionen setzen, müssen das Deutschland und die EU auch tun. Aber eben im Sinne einer klugen Lenkung von Investitionen und Nachfrage in auch postfossile Zukunftsfelder. Wie können wir das innovationspolitische Konzept der „Missionsorientierung“14 sinnvoll auf Deutschland übertragen?
Ein noch so kluges Konzept für eine strategische Industrie- und Innovationspolitik oder auch Wiederherstellung eines binnenwirtschaftlichen Kreislaufs bleibt abstrakt und ist schwer zu politisieren. Die zentrale und politisch zu emotionalisierende Konfliktlinie, die eine Linke bzw. die Sozialdemokratie zu ziehen hat, wäre die zwischen Makers und Takers, also zwischen Wertschöpfung und Wertabschöpfung, bzw. zwischen Produktivbeitrag und Rent-Seeking15. Es geht um eine „Klassenallianz“ zwischen denen, die neue Werte in einer arbeitsteiligen Gesellschaft schaffen oder dies ermöglichen (von der Pflegekraft bis zum mittelständischen „hidden champion“) und jenen, die den gemeinsam erwirtschaften Wohlstand nicht wieder sinnvoll in den ökonomischen Kreislauf von Investition und Konsum einspeisen (von den digitalen „Plattformen“ über steuervermeidende Familienstiftungen und Windfall Profits bis zum Eigentümer von Wohnungsbeständen, der seine Mieter:innen auspresst). Nötig ist also eine Repolitisierung der Verteilungsfrage. Aber eben nicht im Sinne eines linkspopulistischen „Tax the rich“, sondern indem der Widerspruch aus Gewinnen und Vermögen und dem volkswirtschaftlichen Investitionsdefizit zum Thema gemacht wird. Die Antwort darauf muss ein neues politökonomisches „Regime“ sein, von der Steuerpolitik, der öffentlichen Vergabe bis hin zu einer Revitalisierung der Sozialpartnerschaft. Die Denksportaufgabe besteht darin, diese Konfliktlinie analytisch zu erhärten und sie politisch umsetzbar und kommunikativ vermittelbar zu entwickeln.
Noch näher an der „sozialrepublikanischen“ Idee ist der Gedanke, das „Öffentliche“ zum Markenzeichen sozialdemokratischer Politik zu machen. Die goldene Zeit der Sozialdemokratie hatte auch etwas zu tun mit dem Ausbau des „Öffentlichen“ im erfahrbaren Alltag. Die Denksportaufgaben wären zum einen, welche öffentlichen und auch gemeinwohlorientierten Strukturen (auch Genossenschaften) im Sinne eines „Infrastruktursozialismus“16 auszubauen sind und zum Teil auch an die Stelle privater Angebote oder der Subjektförderung (durch Transfers, Strafsteuern für Böses, Steueranreize für Gutes und Förderprogramme für dies und jenes) treten sollten. Zweitens sollten steuerfinanzierte Transfers, Subventionen und Beschaffung sowie Ausgaben der Sozialversicherungen als „Bürgereigentum“ verstanden und somit sozial konditioniert werden. Viele Sozialausgaben subventionieren letztlich private Profite von Wohneigentümern oder Pflegekonzernen, was ja nicht zwingend sein muss. Schließlich ist die Frage zu klären, wie angesichts der knappen Kassen die Kommune als investierender und sozialer Ort wieder gestärkt werden kann.
Ein programmatisches Ökosystem
Die hier skizzierten Ideen für einen Paradigmenwechsel sind nicht wirklich neu. Sie sind darum aber auch nicht falsch. Wie erwähnt, brauchten die Neoliberalen auch drei Jahrzehnte, um ihre Politik durchzusetzen. Nun wäre die Erwartung illusorisch, dass sich so ein Projekt allein aus dem Parteiapparat oder gar dem Regierungsapparat heraus entwickelt. Diese Einsicht ist für die erfahrenen spw-Leser:innen ebenfalls nicht neu und sie deckt sich mit der Erfahrung des Autors, der viele Jahre in beiden Apparaten mitwirken durfte.
Auch das sozialliberale Projekt der späten 1990er wurde zunächst intellektuell vorgedacht, insbesondere von Anthony Giddens17. Es gab in Deutschland auch führende Sozialdemokraten, die konzeptionelle Vorarbeiten jenseits der Parteidebatten beauftragt haben. Am Ende stand eine Blaupause wie das „Schröder-Blair-Papier“, als ein Versuch, sozialdemokratische Werte in einer neoliberalen Hegemonie zu einem neuen Konsens zu formen. Heute ist es anders. Der Versuch einer Synthese zwischen Neoliberalismus und klassischer Sozialdemokratie ist gescheitert. Wir brauchen einen radikaleren Bruch und eine Antwort auf die lähmende Situation von Interludium/Regulationskrise.
Das geht nur, wenn die – auch internationale – Sozialdemokratie sich zunächst wieder ein intellektuelles und kommunikatives Vor- und Umfeld organisiert. Wie erwähnt, es geht um eine Mittelstrecke. Politische Entscheider:innen, sofern sie keine Populist:innen sind, sind risikoavers. Sie greifen dann zu, wenn eine Idee gesellschaftlich gereift ist.
Diese Reifung muss auch von außen kommen. Die Sozialdemokratie braucht wieder ein Ökosystem der Zukunftsdebatte. Dazu gehören auch im Sinne Gramscis „organische Intellektuelle“, zum einen im engeren Sinne, wenn auch nicht als ein naives „listen to the scientists“. Aber der Austausch mit „public intellectuals“ muss wieder stärker stattfinden. Aus der Wirtschaftsgeschichte können wir lernen, wie ökonomische Paradigmen in eine Krise gerieten und welche Faktoren dazu beitrugen, diese durch ein neues Paradigma abzulösen. Progressive Ökonom:innen und Innovationsforscher:innen entwickeln zumindest „Bauteile“ einer progressiven Wirtschaftspolitik und liefern Aufschluss über die Dysfunktionalitäten des gegenwärtigen Kapitalismus. Die politische Soziologie kann uns darüber aufklären, welche Konfliktlinien die heutigen Gesellschaften durchziehen und welche im progressiven Sinn politisierbar sind. Die Sozialphilosophie kann u.a. einen Beitrag dazu leisten, wie staatliche Praxis auch die sozialmoralischen Ressourcen einer Gesellschaft prägt, usw.
Aber letztlich braucht es zum anderen „organische Intellektuelle“ in den Betrieben, den (auch sozialen) Medien, der Zivilgesellschaft, überall dort, wo Meinungen gemacht werden. Die Sozialdemokratie muss sich auf diese Mittelstrecke für ein neues progressives Paradigma begeben. Sie muss wieder Nukleus für eine linke Zukunftsdebatte werden und somit auch als Partei wieder attraktiver. Als technokratische Staatspartei und bloßes soziales Korrektiv in der blockierten Republik wird sie keine gute Zukunft haben.
Literatur
1Frank Trentmann: Die blockierte Republik. Deutschland zwischen Vergangenheit und Zukunft, Frankfurt/Main, 2025
2Der Text basiert auf meinem Diskussionspapier „Ein neues politisches Modell“ (März 2026), zu finden unter: https://benjamin-mikfeld.de/texte-und-analysen/
3Siehe dazu auch: Ezra Klein, Derek Thomson: Der neue Wohlstand. Was wir für eine bessere Zukunft tun müssen, Hamburg 2025
4Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Band 2, Heft 3, §34, S. 354, Hamburg 1991
5Interview in der FAZ vom 10.12.2024
6Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Wien 1978, S. 182
7Andreas Reckwitz: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Berlin 2024
8Philipp Staab: Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus, Berlin 2025. Derselbe: Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft, Berlin 2022
9Steffen Mau et al: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 2023
10Veith Selk, Julian Nicolai Hofmann: Der Aufstieg des Postliberalismus und die Frage nach der Zukunft des Liberalismus, in: neue politische literatur, 2/2026 sowie Nils Schniederjann: Die Machtfrage – Muss sich die Linke von ihrem Liberalismus befreien?, in: Deutschlandfunk, https://www.deutschlandfunk.de/postliberalismus-krise-der-linken-demokratie-100.html
11Hannes Kuch: Wirtschaft, Demokratie und liberaler Sozialismus, Frankfurt/Main 2023
12Julia Reuschenbach: „Liefern“ als politisches Konzept?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 11/2026
13Rahel Jaeggi: Fortschritt und Regression, Berlin 2024, S. 148f.
14Siehe diverse Bücher und Beiträge von Mariana Mazzucato und ihrem Institut
15UCL: Labour Squeezed, Investment Stalled: The Hidden Cost of Financialisation in Europe’s Corporate Sector, London 2026
16Hierzu auch: Sighard Neckel: Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation, München 2026
17Anthony Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt/Main 1999
