Heft 268 – 3/26

rezension: kapitalismus – geschichte einer weltrevolution

#kultur #kritik #spw

Sven Beckert:

Kapitalismus – Geschichte einer Weltrevolution

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025; 1279 Seiten, 42 €

von michael r. krätke

Mit seinem Werk hat der in Harvard lehrende Historiker Sven Beckert einen Coup gelandet: Die Presse ist begeistert, das Buch verkauft sich trotz seines gewaltigen Umfangs. Auf Englisch ist im Titel von der „Globalgeschichte“ des Kapitalismus die Rede, auf Deutsch wird uns die „Geschichte einer Weltrevolution“ versprochen.

Die Darstellung wird den meisten Leser:innen gefallen, manche auch verstören. Denn Beckert erzählt die Geschichte des Kapitalismus in einer Folge von Anekdoten und Geschichten, die an verschiedenen Orten der Welt spielen. Das entspricht seinem Credo, dass der Kapitalismus nicht an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit entstanden ist. Ebenso wenig wie den Anfang will er zudem das Ende des Kapitalismus eindeutig bestimmen.

Der Autor spart nicht an Daten, Fakten und Illustrationen. Ihm gelingen treffende Metaphern, mit denen er die lange historische Abfolge von Revolutionen und Transformationen des Kapitalismus nachzeichnet. Seine Geschichte beginnt im Hochmittelalter, im 12. Jahrhundert. Das Leitmotiv heißt Veränderung: Denn der Kapitalismus, das hat Beckert von Marx gelernt, ist nicht als ein „fester Kristall“, sondern als ein „umwandlungsfähiger und stets im Prozess der Umwandlung begriffener Organismus“ zu verstehen.1​​ Mehr als zwei Drittel des Buchs sind den großen Veränderungen des Kapitalismus seit Anfang des 18. Jahrhunderts gewidmet. Mit bemerkenswertem Mut führt der Autor seine Darstellung bis zur Gegenwart fort. Die dreißig goldenen Jahre nach 1945 werden ebenso behandelt wie das darauffolgende Zeitalter des Neoliberalismus und die jüngste Entwicklung seit der Finanzkrise von 2008/09.

Schwach ist das Buch in der Theorie. Beckert begnügt sich mit einer minimalistischen Vorstellung von Kapitalismus: Als ununterbrochene, im Prinzip grenzenlose Vermehrung von Kapital. Wie aus Geld immer mehr Geld werden kann, wie endlose Kapitalverwertung und Kapitalvermehrung (Akkumulation) möglich sind und möglich bleiben, auf eine Diskussion dieser Fragen lässt er sich nicht ein. Die politischen Ökonomen, die sich darüber die Köpfe zerbrachen, er kennt und nennt sie wohl. Er unterscheidet zu Recht verschiedene Arten des Kapitals – Handelskapital, industrielles Kapital, Finanzkapital – und verschiedene Formen des Kapitalismus. Aber diese Formen tauchen in aufeinanderfolgenden Episoden oder Epochen der Kapitalismusgeschichte immer wieder auf, als gleichbleibende Elemente des Kapitalismus, wie es scheint.

Ohne die Geschichte des Staates bzw. der Staaten (oder des jeweiligen Staatensystems von unterschiedlich gewichtigen „Mächten“) ist eine Geschichte des Kapitalismus nicht zu schreiben. Von Anfang an bis zum denkbaren Ende sind Staat und Kapitalismus miteinander verknüpft. Der Kapitalismus, so Beckert, war und ist abhängig vom Staat und „staatszentriert“. Das ist der stärkste Punkt dieser Kapitalismusgeschichte – und zeigt zugleich die größte Schwäche seines Autors. Er betont den notwendigen Zusammenhang von Staat und Kapital fortlaufend, ohne sich je darüber klar zu werden, dass „der Staat“ nicht immer derselbe bleiben kann. Indem Staaten in die kapitalistische Entwicklung eingreifen, verändert sich nicht nur der Kapitalismus, sondern auch der Staat. Beckert sieht den Zusammenhang – Kapitalisten brauchen den Staat, aber keinen bestimmten Staat, sie können mit allen möglichen Staaten und Staatsformen leben und umgekehrt – aber er belässt es bei der allgemeinen Formel. Diese ist leider völlig unzureichend, um die vielen Wandlungen im Verhältnis von Staat und kapitalistischer Wirtschaft (und Gesellschaft) im Lauf der Geschichte des Kapitalismus zu erfassen.2​

Das ist nicht die einzige Ungereimtheit in dieser überaus lebendigen und detailreichen Darstellung. Beckert behauptet, der Kapitalismus sei von Anfang an ein Weltsystem gewesen. Er zeigt aber gerade, dass erst mit und durch die industrielle Revolution ein Weltmarkt und eine kapitalistische Weltwirtschaft entstand. Erst in der Periode nach 1850 konnte sich die kapitalistische Revolution – als Revolution der Produktionsweise und Revolution der Lebensweise – weltweit durchsetzen. Und erst um das Jahr 2000 herum kann man davon sprechen, dass der Kapitalismus in alle Ecken der Welt vorgedrungen ist und alle Aspekte des Lebens auf diesem Planeten durchdrungen hat. Beckert meidet jede Auseinandersetzung mit der langen Folge von „Globalisierungen“ (und gelegentlichen Deglobalisierungen), die die Geschichte des Kapitalismus auszeichnet. Das mag mit der wohlbegründeten Skepsis des Historikers gegenüber dem ohrenbetäubenden Geschwätz der Soziologen- und Politologenzunft über die „Globalisierung“ zusammenhängen. Ganz meiden kann und sollte man diese langen Wellen der Globalisierung aber nicht.3

Die Erzählstränge in diesem Buch sind bestechend: Beckert beginnt mit vielen kleinen „kapitalistischen Inseln“ an vielen Orten der Welt, die nach und nach durch stets weiter gespannte Handelsnetzwerke verknüpft werden. In Ozeanen der Natural- und Subsistenzwirtschaft werden die kapitalistischen „Inseln“ zu kapitalistischen „Archipelen“, die zu Kontinenten heranwachsen – und dank der enormen Produktivitätssprünge der industriellen Revolutionen entsteht daraus ein Weltreich des Kapitalismus. Ohne feste Grenzen, aber immer in Bewegung, immer weiter expandierend.

Epochenbrüche und Zeitenwenden gibt es in dieser Kapitalismusgeschichte, aber die großen und kleinen Krisen spielen kaum eine Rolle; die Krisenzyklen, die langen und die kurzen Wellen ebenso wenig – abgesehen von der Finanzkrise 2008/09. Das kann man machen, sollte es aber begründen. Klassenkämpfe, soziale Bewegungen, Revolten nehmen viel Raum ein, ebenso die Aktionen der Kapitalisten. Natürlich auch die Staatsaktionen – und daher eben die Ideen. Es bleibt angesichts der hier von Beckert ausgebreiteten Materialfülle ein Desiderat, den großen und kleinen Krisen des Kapitalismus die Bedeutung einzuräumen, die ihnen gebührt: Als Auslöser und Treiber der meisten uns bekannten großen Transformationen, die die Geschichte des Kapitalismus geprägt haben.

Was verändert sich von Episode zu Episode? Die räumliche Struktur des Kapitalismus durch Verlagerung von Schwerpunkten, Zentren und Rändern der kapitalistischen Wirtschaft. Die Kapitalzusammensetzung durch den Auf- bzw. Abstieg von Handelskapital, Industriekapital, Finanzkapital. Die Arbeitsverhältnisse durch diverse Reorganisationen. Und die Beziehungen zwischen Kapital und Staat im Blick auf Territorien und Ressourcen. Mit diesem Schema geht Beckert den verschiedenen historischen Formen des Kapitalismus zu Leibe, ohne allerdings je die Veränderungen in der Dynamik des Kapitalismus erklären zu können. Sicher, die Grundformen des Kapitals verschwinden nicht, aber sie verändern sich. Handels- und Finanzkapital heute sind etwas anderes als Handels- und Finanzkapital vor einem halben Jahrhundert.

Doch Veränderungen der räumlichen (und zeitlichen) Struktur des Kapitalismus sind nicht in allen kapitalistischen Epochen dieselben. Wenn sich die Knotenpunkte der globalen Handelsnetze verschieben, wenn Handelsstädte auf- oder absteigen, verschieben sich die kapitalistischen Zentren (und die jeweiligen Peripherien gleich mit). Allerdings nicht in der gleichen Weise. Denn Nationalstaaten und kapitalistische Nationalökonomien entstanden erst im 19. Jahrhundert, es gab sie keineswegs schon immer. Und ein klares räumliches Zentrum des Kapitalismus im Sinne einer dominanten Zentralregion gab es auch erst seit und infolge der industriellen Revolution, die zum ersten Mal eine durch Weltmärkte verknüpfte kapitalistische Weltwirtschaft schuf. Nicht zufällig in Europa und getrieben von der Expansion der europäischen Hauptländer (auch, aber nicht immer in kolonialen Formen). Der vom linken Zeitgeist geschmähte Eurozentrismus der politischen Ökonom:innen, auch der Marxist:innen, war daher unvermeidlich und für wenigstens drei Jahrhunderte auch richtig.

Dennoch: Wer Geschichten über den Kapitalismus einst und jetzt liebt und wen unscharfe Begriffe nicht stören, wird beim Lesen dieses Buchs viel lernen können. Neben gelungenen Metaphern werden auch viele Bilder geboten. Mehr politische Ökonomie, weniger Anekdoten hätten dem Buch aber gutgetan.

Anmerkungen

1So hat Karl Marx den Kapitalismus im Vorwort zur ersten Auflage des ersten Bandes des „Kapital“ treffend charakterisiert (siehe Karl Marx, Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, Band 23, Berlin 1968, S. 16). Allerdings hat Marx das Wort Kapitalismus in seinem umfangreichen Werk nur wenige Male gebraucht und stets im zu seiner Zeit üblichen Sinne einer bestimmten Verhaltensweise der Kapitalisten, ihren „Bereicherungsdrang“ und „Expansionsdrang“ beschreibend. Für den Begriff des „Kapitalismus“ allerdings ist und bleibt Marx‘ Theorie unverzichtbar (vgl. dazu: Michael R. Krätke, Capitalism, in: Marcello Musto (Hrsg.), The Marx Revival. Key Concepts and New Interpretations, Cambridge – New York 2020, S. 1–23).

2In der langen Tradition des europäischen Marxismus war diese Einsicht bei einigen Autoren, z.B. beim vielgeschmähten Karl Kautsky oder bei seinen Meisterschülern Otto Bauer und Rudolf Hilferding, sehr präsent. In jüngster Zeit haben die Autoren der Regulationsschule einige wenige Anläufe gemacht, um die Geschichte des Kapitalismus – in Gestalt wechselnder „Akkumulationsregimes“ oder „Regulationsweisen“ – wieder mit der Geschichte der modernen Staaten zu verschränken. Der entscheidende Punkt dabei, nämlich der Zusammenhang der altbekannten Triade von Rechtsstaat – Steuerstaat – Sozialstaat mit der kapitalistischen Entwicklung, ist leider rasch vergessen worden.

3Vgl. hierzu: Michael R. Krätke, Eine Globalisierung oder viele? Zur langen Geschichte des großen Weltmarkts, in: Marcel van der Linden / Christoph Lieber (Hrsg.), Kontroversen über den Zustand der Welt, Hamburg 2007, S. 231–251.