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NEWSLETTER: JUNI 2026
VON benjamin-immanuel hoff
Die Debatte über Entbürokratisierung muss die Staatsfixierung ablegen und den Blick auf selbstverantwortete Bürokratie und ungenutzte Potenziale des KI-Einsatzes in den Unternehmen legen. Dies zeigen Befunde aus der jüngsten Betriebsrätebefragung der IG Metall.
Die anhaltende wirtschaftliche Krise in Deutschland hat viele Ursachen. In der öffentlichen Debatte dominiert jedoch seit Jahren ein Erklärungsansatz: die vermeintliche Überregulierung und ein „Zuviel an Bürokratie“ durch den Staat. Kaum ein wirtschaftspolitisches Problem wird so regelmäßig und so pauschal darauf zurückgeführt. Entsprechend groß sind die Erwartungen an einen Bürokratieabbau – bis hin zu der Hoffnung, er könne zum zentralen Hebel für mehr Wachstum und Innovation werden.
Unbestritten ist: Ineffiziente Regulierung, überkomplexe Verfahren und lange Verwaltungsprozesse können wirtschaftliche Dynamik hemmen. Studien weisen darauf hin, dass bürokratische Lasten Kosten verursachen, personelle Ressourcen binden und Innovationsprozesse verzögern. Das Münchner ifo-Institut publizierte 2024 die Studie „Entgangene Wirtschaftsleistung durch hohen Bürokratieaufwand“. Auf Basis internationaler Vergleichsdaten und simulationsgestützter Szenarien kamen Oliver Falck, Yuchen Mo Guo und Christian Pfaff zu dem Ergebnis: „Hätte Deutschland im Jahr 2015 einen umfassenden Bürokratieabbau durchgeführt, wäre das BIP pro Kopf 2022 um 2.449 € höher ausgefallen. Im Zeitraum von 2015 bis 2022 hätte dies einem jährlichen Zuwachs des realen BIPs pro Kopf von durchschnittlich 1.766 € entsprochen. Damit entging Deutschland eine Wirtschaftsleistung von durchschnittlich 146 Mrd. Euro pro Jahr.“
Genauer Blick auf die Zahlen
Solche Befunde können zwar die Relevanz des Themas Bürokratieabbau unterstreichen, gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick auf die analytischen Zugänge, um die im öffentlichen Raum vorgenommene Verkürzung im Sinne von „Deutschland entgeht durch Bürokratie eine Wirtschaftsleistung von durchschnittlich 146 Mrd. Euro pro Jahr“ geradezurücken.
Die ifo-Schätzung suggeriert eine Präzision, die die zugrunde liegende Methodik nicht einlösen kann. Die Zahl ergibt sich vielmehr aus einem stark konstruierten Szenario, in dem Deutschland bereits 2015 einen umfassenden Bürokratieabbau nach dem Vorbild anderer Länder vollzogen hätte. Damit verdichtet die Studie mehrere weitreichende Annahmen – zur Reformtiefe, zum Zeitpunkt und zur Übertragbarkeit internationaler Erfahrungen – zu einer scheinbar exakten Verlustgröße.
Zwar basiert der Ansatz auf gängigen ökonometrischen Verfahren, tatsächlich beschreibt er jedoch kein messbares ökonomisches „Kostenäquivalent“ von Bürokratie, sondern ein modellabhängiges Wachstumsszenario. Problematisch ist weniger die Methode als deren öffentliche Wirkung: Die ausgewiesene Summe wird leicht als realer jährlicher Schaden gelesen, obwohl sie das Ergebnis spezifischer Annahmen ist und zentrale Unsicherheiten – etwa die Kausalrichtung oder begleitende wirtschaftliche Faktoren – ausblendet. In dieser Zuspitzung trägt die Zahl eher zur Dramatisierung der Debatte bei als zu ihrer analytischen Klärung. Denn tatsächlich zeigen die Daten eher eine potenzielle gesamtwirtschaftliche Dimension als einen direkt messbaren Kostenblock.
Und bei den Unternehmen?
Ähnlich verhält es sich mit aktuellen Befragungen, etwa durch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), die steigende Bürokratielasten aus Sicht von Unternehmen dokumentieren. So zuletzt von Klaus-Heiner Röhl, Susanne Seyda und Edgar Schmitz im IW-Policy Paper 4/2026 „Bürokratielasten aus Sicht der deutschen Wirtschaft. Befragungsergebnisse und Handlungsempfehlungen“. Studien wie die des IW leisten einen wichtigen Beitrag zur Problemwahrnehmung – sie bleiben jedoch in der Regel auf externe, staatlich gesetzte Rahmenbedingungen fokussiert und reproduzieren damit eine verkürzte Sicht auf Bürokratie.
Indem sie betriebliche Organisationsstrukturen, unternehmensinterne Verdichtungsprozesse und die häufig zu beobachtende Übererfüllung regulatorischer Vorgaben weitgehend ausklammern, unterschätzen sie systematisch, wie und wo bürokratische Reibungsverluste im Unternehmensalltag tatsächlich entstehen.
Die häufig zu beobachtende Übererfüllung regulatorischer Vorgaben ist dabei im Übrigen nicht einfach Ausdruck ineffizienter Unternehmenspraxis, sondern vielfach eine rationale Reaktion auf Unsicherheit, Haftungsrisiken und komplexe Regelwerke. Gleichzeitig trägt sie jedoch dazu bei, externe Anforderungen in deutlich umfangreichere interne Verfahren zu übersetzen und damit bürokratische Belastungen erheblich zu verstärken. Bürokratie entsteht in diesem Sinne nicht nur durch Regulierung selbst, sondern wesentlich durch ihre organisationale Verarbeitung im Unternehmen.
Werden diese unternehmensinternen Logiken und Realitäten außer Acht gelassen, greifen auch Handlungsempfehlungen wie die des IW zu kurz: Sie zielen vor allem auf Deregulierung, Verfahrensvereinfachung und staatliche Digitalisierung, während die betriebliche Ebene – etwa Entscheidungsstrukturen, Hierarchien und interne Steuerungslogiken – weitgehend unberücksichtigt bleibt. Gerade dort aber entstehen jene Verzögerungen und Komplexitäten, die aus externen Vorgaben erst wirksame Bürokratie im operativen Alltag machen.
Kurzum: Nötig ist ein Blick, der für die tatsächliche Funktionsweise von Innovation und Anpassung zentral ist – die unternehmensinterne Bürokratie. Denn bürokratische Strukturen existieren nicht nur im Staat. Große Organisationen – ob Verwaltung oder Unternehmen – entwickeln Regeln, Hierarchien und Verfahren, um Komplexität zu beherrschen. Diese Strukturen können jedoch selbst zu einem eigenständigen Innovationshemmnis werden.
Ergebnisse der Betriebsrätebefragung
Genau hier setzen die Ergebnisse der jüngsten Betriebsrätebefragung der IG Metall an. Die Industriegewerkschaft erhebt zweimal jährlich Daten zur wirtschaftlichen Lage und zu betrieblichen Strukturen in ihrem Organisationsbereich. In der jüngsten Befragung wurden gezielt Entscheidungs- und Veränderungsprozesse untersucht – mit klaren und empirisch belastbaren Ergebnissen:
Über 63 Prozent der befragten Betriebsräte geben an, dass Entscheidungs- und Veränderungsprozesse in ihren Betrieben systematisch zu langsam sind. Nur 8 Prozent bewerten sie als angemessen schnell, lediglich 4 Prozent als zu schnell. Rund 23 Prozent können dies nicht abschließend beurteilen.
Diese Einschätzung zeigt sich über alle Betriebsgrößen hinweg, nimmt jedoch mit wachsender Unternehmensgröße deutlich zu. In Betrieben mit mehr als 3.000 Beschäftigten berichteten knapp 72 Prozent von zu langsamen Prozessen, in kleineren Betrieben mit weniger als 100 Beschäftigten sind es mit rund 57 Prozent ebenfalls noch Mehrheiten.
Die Ursachen, die Betriebsräte benennen, sind aufschlussreich:
- 72 Prozent verweisen auf bürokratische interne Abläufe
- 61 Prozent nennen starre Hierarchien
- externe Regulierung wird demgegenüber deutlich seltener als zentrale Ursache hervorgehoben
Der Befund ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Erstens zeigt er, dass es sich nicht primär um ein Problem mangelnden Gestaltungswillens handelt – nur ein kleiner Teil der Befragten stellt infrage, dass Unternehmen grundsätzlich an schnellen Entscheidungen interessiert sind. Zweitens verweist er darauf, dass Verzögerungen maßgeblich aus gewachsenen Organisationsstrukturen und internen Entscheidungslogiken entstehen.
Die Freitextantworten bestätigen dieses Muster: Häufig genannt werden zu viele Hierarchieebenen, überzentralisierte Entscheidungsprozesse und fehlende Handlungsspielräume vor Ort. Entscheidungen werden in höheren Ebenen oder zentralen Konzernstrukturen gebündelt, während operative Einheiten ausgebremst werden. Hinzu kommen unklare Prozesse, diffuse Zuständigkeiten und eine ausgeprägte Risikoaversion, die Entscheidungen weiter verzögert. Auch Fachkräftemangel wird genannt – allerdings eher ergänzend.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die Ergebnisse der ifo- und IW-Studien neu einordnen. Sie zeigen überzeugend, dass Bürokratie als gesamtwirtschaftliche Belastung wahrgenommen wird und potenziell erhebliche Effekte entfalten kann. Die Betriebsratsbefragung ergänzt diese Perspektive jedoch um eine entscheidende Dimension: Sie macht sichtbar, wo und wie diese Belastungen im betrieblichen Alltag konkret wirksam werden.
Dabei wird deutlich, dass ein Teil der beobachteten Reibungsverluste aus dem Zusammenspiel von externen Anforderungen und internen organisatorischen Reaktionen entsteht. Unternehmen reagieren auf regulatorische Vorgaben häufig mit eigenen Kontroll-, Dokumentations- und Abstimmungsprozessen, die über die ursprünglichen Anforderungen hinausgehen können. Externe Bürokratie wird so in interne Strukturen übersetzt – und teilweise verstärkt.
Diese Perspektive hat unmittelbare Implikationen für Innovation und Transformation. Langsame Entscheidungsprozesse verzögern Investitionen, erschweren technologische Umstellungen und behindern strategische Neuausrichtungen. Gerade in der aktuellen Phase – geprägt durch Dekarbonisierung, Digitalisierung und geopolitische Unsicherheiten – sind solche Verzögerungen besonders folgenreich.
Empirische Studien zur industriellen Transformation zeigen zudem, dass viele Unternehmen durchaus versuchen, neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Diese Ansätze scheitern jedoch häufig nicht an technischen Möglichkeiten oder äußeren Rahmenbedingungen, sondern an internen Verteilungslogiken, Ressourcenkonflikten und bestehenden Machtstrukturen. Organisationsformen, die auf stabile Serienproduktion ausgerichtet sind, geraten dabei in Spannungen mit den Anforderungen dynamischer Innovationsprozesse.
Schlussfolgerungen
Für die wirtschaftspolitische Debatte ergibt sich daraus eine wichtige Verschiebung:
Die Diskussion über Bürokratie greift zu kurz, wenn sie sich ausschließlich auf staatliche Regulierung konzentriert.
Vielmehr deutet die empirische Gesamtschau auf ein mehrdimensionales Bürokratieproblem hin:
- staatliche Regulierung und Verwaltungsprozesse
- sowie unternehmensinterne Entscheidungs- und Organisationsstrukturen
Beide Ebenen sind miteinander verflochten und verstärken sich teilweise gegenseitig.
Auffällig ist zudem, dass die Diagnose einer wachstumshemmenden Bürokratie inzwischen weitgehend konsensfähig ist – sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Im Handelsblatt argumentierte Chefökonom Bert Rürup im November des vergangenen Jahres im Beitrag „Bürokratie – Wachstumshemmnis statt effizienter Verwaltung“, dass gerade diese breite Einigkeit umso bemerkenswerter ist, weil sie bislang kaum zu durchgreifenden Veränderungen geführt hat. Vielmehr gestaltet sich der tatsächliche Abbau als außerordentlich schwierig. Dies verweist auf strukturelle Ursachen jenseits der reinen Regulierungsdichte: fragmentierte Zuständigkeiten, politische Anreizstrukturen und eine Tendenz zur Detailsteuerung erschweren konsequente Vereinfachungen. Bürokratie ist damit nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein institutionelles Problem. Eine Debatte, die sich auf die Forderung nach „weniger Staat“ beschränkt, greift vor diesem Hintergrund zu kurz.
Die politische Schlussfolgerung ist damit weniger trivial, als sie häufig dargestellt wird: Eine wirksame Strategie zur Stärkung von Innovation und wirtschaftlicher Dynamik darf sich nicht auf staatlichen Bürokratieabbau beschränken.
Zwar bleibt es notwendig, Regulierung effizienter, schneller und passgenauer zu gestalten. Der eigentliche blinde Fleck der Debatte liegt jedoch in den Unternehmen selbst. Hierarchien, langwierige Entscheidungsprozesse und komplexe interne Steuerungsstrukturen wirken oft mindestens ebenso hemmend wie externe Vorgaben – bleiben aber weitgehend unbeachtet.
Gerade für einen Industriestandort wie Deutschland ist das folgenreich: Ein erheblicher Teil von Innovations- und Transformationsprozessen hängt davon ab, ob große, etablierte Unternehmen ihre eigenen Organisationslogiken anpassen. Ohne Veränderungen auf dieser Ebene läuft die Fixierung auf staatlichen Bürokratieabbau ins Leere.
Hinzu kommt: Empirische Studien (vgl. u.a. Jirjahn/Smith 2017; Müller 2012; Frick/Möller 2003) zeigen, dass mitbestimmte Unternehmen im Durchschnitt produktiver sind – teils deutlich. So kommt eine Auswertung der Forschung zu dem Ergebnis, dass Betriebe mit Betriebsrat im Schnitt merklich höhere Produktivität aufweisen.
Zuletzt bestätigte dies auch eine Studie des ifo Instituts in Kooperation mit der Universität Konstanz und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Sebastian Findeisen, Wolfgang Dauth und Oliver Schlenker zeigen in „Organized Labor Versus Robots? Co Determination in Times of Automation“, erschienen in EconPol Forum 4/2025, dass betriebliche Mitbestimmung die Folgen technologischer Umbrüche systematisch beeinflusst: In Betrieben mit Betriebsrat kommt es bei der Einführung von Automatisierung seltener zu Beschäftigungsverlusten und Einkommenseinbußen, während zugleich stärker in Weiterbildung investiert wird. Entscheidend ist dabei, dass Mitbestimmung den technologischen Wandel nicht bremst, sondern ihn in produktivere Bahnen lenkt: Betriebe mit Betriebsrat setzen häufiger auf qualifizierungsintensive Anpassungsstrategien und erzielen nach der Einführung neuer Technologien deutlich höhere Produktivitätszuwächse.
Wie relevant diese Zusammenhänge aktuell sind, zeigen ebenfalls die Ergebnisse der IG Metall Betriebsrätebefragung aus dem März dieses Jahres zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Obwohl der Einsatz von KI erhebliche Produktivitätspotenziale birgt, schöpfen viele Betriebe diese bislang nicht aus. Die Daten der Betriebsrätebefragung zeigen: Bislang nutzen überhaupt nur rund 30 Prozent der Betriebe KI in mindestens einem Bereich. Gleichzeitig fehlt in 47 Prozent der Betriebe mit KI-Einsatz jede betriebliche Regelung, und insgesamt verfügen lediglich etwa 30 Prozent der Betriebe über entsprechende Betriebsvereinbarungen.
Es bleibt folglich nicht nur ein erheblicher Teil der Produktivitätspotenziale ungenutzt, sondern auch dort, wo KI eingesetzt wird, fehlt häufig eine strukturierte, mitbestimmte Gestaltung. Ohne diese drohen technologische Innovationen ihre Wirkung zu verfehlen oder in ineffizienten, konfliktanfälligen Strukturen zu verharren.
Technologische Potenziale allein genügen nicht, entscheidend ist ihre betriebliche Gestaltung. Gerade dort, wo Mitbestimmung schwach ausgeprägt oder nicht systematisch genutzt wird, drohen Effizienzgewinne ungenutzt zu bleiben oder in ineffizienten, konfliktanfälligen Strukturen zu verpuffen.
Umgekehrt gilt: Dort wo Beschäftigtenperspektiven systematisch einbezogen werden, verbessern sich nicht nur Arbeitsbedingungen, sondern auch die Qualität von Entscheidungen und Prozessen. Bürokratieabbau ist unter diesen Bedingungen kein top down verordnetes Entlastungsprogramm, sondern ein betrieblicher Lernprozess.
Die Beschäftigten kennen die konkreten Reibungsverluste in Organisationen genau und sind damit entscheidende Träger effizienter Vereinfachungsprozesse. Wer dies erkennt, schöpft Wachstumspotenziale aus, setzt neue Technologien effizient ein und reduziert sinnvoll unnötige Bürokratie. Dies gilt im Übrigen sowohl für die Privatwirtschaft als auch für die öffentliche Verwaltung.
Hintergrund zur Betriebsrätebefragung der IG Metall:
Die Befragung fand statt im Zeitraum vom 16.02. bis 06.03.2026. Es beteiligten sich bundesweit Arbeitnehmervertretungen aus 2.452 Betrieben. Diese Betriebe repräsentieren insgesamt über 1,3 Millionen Beschäftigte. Rund drei Viertel (73 %) der befragten Betriebe sind dem Bereich Metall und Elektro zuzuordnen.
