Heft 266 – 01/2026
Rezension: Max Adler. Schlaglichter auf eine politische Biographie
#kultur #kritik #spw
Thilo Scholle ist Mitglied der spw-Redaktion, Jurist und lebt in Lünen.
von Thilo Scholle
Richard Saage
Max Adler. Schlaglichter auf eine politische Biographie
LIT Verlag, Münster 2025
292 Seiten, 44,90 €
Max Adler (1873–1937) gehört zu den zentralen Impulsgebern linkssozialdemokratischer Theorieentwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schon während des Jurastudiums in Wien in sozialdemokratischen Intellektuellenzirkeln vernetzt, gehörte er um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert neben Otto Bauer, Rudolf Hilferding und anderen zu den Begründern der austromarxistischen Theorieströmung. Zum Kern austromarxistischen Denkens gehörte die Vorstellung des Marxismus als einer Sozialwissenschaft, die stets auch im Dialog mit anderen Denkrichtungen weiterzuentwickeln blieb. Nach der Revolution ab dem Jahr 1919 kurzzeitig Landtagsabgeordneter, wirkte Adler vor allem in der Bildungsarbeit der Arbeiter*innenbewegung, und nahm eine außerordentliche Professur für Soziologie an der Universität Wien wahr. Politisch stand Adler auf dem linken Flügel der Sozialdemokratie, und entfaltete auch in Deutschland Wirkung, so trat er auf der Reichskonferenz der Jungsozialisten in Jena 1925 als zentraler Redner für den linken Hannoveraner Kreis auf – gegen den vom Hofgeismarer Kreis benannten Staatsrechtler Hermann Heller.
Richard Saage, zuletzt Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte in Halle, hat in den letzten Jahren unter anderem eine politische Biografie zu Karl Renner sowie eine umfassende Aufsatzsammlung zu Otto Bauer vorgelegt, und schließt mit der vorliegenden Arbeit gewissermaßen die Vorstellung der „großen Drei“ des Austromarxismus ab. Die einzelnen Texte des Bandes sind teils bereits an anderer Stelle erschienen, und konzentrieren sich auf die Einordnung inhaltlicher Aspekte von Max Adlers Werk. Unterteilt werden die Texte in die beiden Abschnitte „Adler als Philosoph“ und „Adler als politischer Theoretiker“.
In seiner politischen Philosophie bezog Adler sich intensiv auf das Werk Immanuel Kants. Anders als bei den meisten sich auf Kant beziehenden „ethischen Sozialisten“ blieb Adler dabei jedoch an Marx orientiert und lehnte eine nur ethisch fundierte Begründung sozialistischen Denkens ab. Einleitend hält Saage fest: „Adlers Originalität besteht darin, dass er den Spieß umdreht. Ausgehend nicht von Kants Ethik, sondern von seiner Erkenntnistheorie, setzt er den Neukantianismus nicht zur Kritik, sondern zur Verteidigung des Marxismus ein. Ihm zufolge „kommt der Sozialismus nicht, weil er ethisch berechtigt ist, sondern weil er kausal bewirkt wird. (…) Aber dieses Zusammenfallen der kausalen Entwicklungsnotwendigkeit mit der ethischen Berechtigung ist ein soziologisches Problem, das innerhalb des Marxismus nur kausal zu lösen ist. Es wird sich zeigen, dass diese Lösung in dem Begriff des vergesellschafteten Menschen liegt, der durch seine Kausalität schließlich dazu getrieben wird, das zu verwirklichen, was er sittlich für geboten hält.‘“ Damit wende er sich mit Kants Erkenntnistheorie gegen den Revisionismus. „Die Konvergenz zwischen Sein und Sollen, so müssen wir Adler interpretieren, trete nur dann ein, wenn die ethische Billigung auf sozio-ökonomische Bedingungen trifft, die ihr notwendig zu einer sozialen Massenbasis verhilft.“
Durchaus problematisch sind Adlers Einschätzungen zur Sowjetunion. So kritisiert Saage Adlers Lenin-Bild, dass zwischen einem eher kritischen Blick auf einen Lenin, der vormoderne philosophische Positionen beziehe und letztlich Front gegen die westliche Aufklärung mache, und einem Lenin, der als Held der proletarischen Revolution gefeiert werde, oszilliere. Nicht unproblematisch bleibt auch Adlers Blick auf das Individuum: Wie im utopischen Denken üblich, verdanke der Mensch alles, was ihn bestimme, der Allgemeinheit. Bei einer Fundamentalopposition gegen eine solidarische Gesellschaft könne es sich daher nur um Einzelfälle handeln. Spannend vor diesem Hintergrund ist auch die Kontroverse von Max Adler mit dem der Sozialdemokratie nahestehenden Rechtswissenschaftler Hans Kelsen. Während Kelsen für Gewaltenteilung plädiert habe, habe Adler für eine zentralistische Verwaltung argumentiert und seine „soziale Demokratie“ von allen Institutionen entblößt, die zur Kontrolle von Machtzusammenballungen eine zentrale Rolle spielten. Für Kelsen sei auch in einer solidarischen Gesellschaft das Herrschaftsproblem keineswegs aus der Welt geschafft. Für Adler galt dies als Vorstellung, die auf dem Individuum der bürgerlichen Gesellschaft beruhte, und daher für den auf dem Weg zum Sozialismus sich entwickelnden „Neuen Menschen“ keine Rolle mehr spielen würde. Auch Adlers Kontroverse mit Hermann Heller wird diskutiert. Für Adler sei die Arbeiter*innenbewegung vor allem als Kulturbewegung zu begreifen, die Vorrang gegenüber einem rein interessenorientierten „Magensozialismus“ habe. Heller dagegen vertrete das Primat der Empirie des proletarischen Alltags. Er strebe die aktive Schaffung des sozialen Rechtsstaats unter den gegebenen demokratischen Bedingungen der Weimarer Republik an. Im zeitgenössischen Kontext habe vor allem Otto Bauer versucht, ein weiteres Auseinanderdriften dieser Ansätze zu verhindern. Bauer habe die Gefahr, durch den überschießenden Gesinnungsozialismus im Sinne Adlers den Aktiven in der Partei sowohl zu wenig tatsächliche Orientierung zu bieten wie auch unbeabsichtigt weitere Abwendung von der Marxschen Theorie zu provozieren erkannt. Bauer habe selbst auch stärker versucht, die konkreten gesellschaftlichen Machtverhältnisse in die Analyse und Ableitung einzubeziehen.
Als wesentliche Erkenntnis seiner Studien hält Saage fest, durch Adlers Werk gehe ein tiefer Riss, der seinen Ursprung in der Differenz zwischen dem wissenschaftlichen bzw. philosophischen und dem politischen Austromarxismus habe. Die erste Variante sei in Wien vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und im Kern eine marxistische Forschungsgemeinschaft junger Akademiker gewesen: „Ihre Zielsetzung bestand darin, arbeitsteilig und interdisziplinär die Marxsche Methode auf komplizierte gesellschaftliche Gemengelagen in der Habsburger Doppelmonarchie anzuwenden.“ Die zweite Variante sei aus der Auflösung dieser Strömung im Weltkrieg hervorgegangen, als viele ihrer Mitglieder politische Verantwortung in der aus der Revolution hervorgegangenen Ersten Republik übernommen hätten.
Richard Saage ist ein Band gelungen, der Adlers Denken nicht nur für sich rekonstruiert, sondern es auch als Teil der sozialdemokratischen Ideengeschichte einordnet und mit Blick sowohl auf Impulse wie auch Irrungen prägnant analysiert. Saage hat sicherlich Recht, wenn er bei Adler Schwierigkeiten feststellt, seine durchaus inspirierenden theoretischen Überlegungen in politische Praxis zu übertragen – auch wenn Adlers Zugriff auf Kant in Verbindung mit Marxschen Denken nicht nur originell, sondern bis heute durchaus beachtlich bleibt. Deutlich wird allerdings gerade mit Blick auf den politischen Denker Adler, dass sich aus dem Dialog von Max Adler mit Kritikern wie etwa Hans Kelsen fast mehr lernen lässt als „nur“ von Adler selbst.
