Nachruf auf Jürgen Habermas: Der Aufklärer

#mit recht politisch #spw

19.03.2026

Autorenbild von Folke große Peters

Foto: © privat

Folke große Deters ist Mitglied der spw-Redaktion, Vorsitzender der ASJ NRW und lebt in Bornheim-Hersel.

VON Folke große Deters

Als viele Deutsche sich nach 1945 aufmachten, aus der Schande der Nazi-Verbrechen zu lernen und mehr Demokratie und Liberalität zu wagen, war Jürgen Habermas ein geistiger Wegbereiter und Wegbegleiter. Es würde ihm aber nicht gerecht, seine Lehren auf ein Zeitphänomen aus der guten alten Bundesrepublik zu reduzieren. Denn er war der einstweilen letzte deutschsprachige Philosoph mit Weltrang – und der Kern seiner Lehren weist weit über aktuelle Zeitumstände hinaus.

Jürgen Habermas war ein Aufklärer. Sein Lebensthema war die Vernunft, der er bis zuletzt zutraute, als „kommunikative Vernunft“ in der wirklichen Welt wirksam zu werden. Anders als seine Frankfurter Vorgänger Adorno und Horkheimer, die der Aufklärung eine Dialektik unterstellten, die eigentlich Gegenaufklärung ist1, blieb Habermas Anhänger der Aufklärung im optimistischen und zupackenden Sinne Kants. Eine Philosophie der Aufklärung, die auf romantisches Raunen à la Heidegger oder Nihilismus à la Nietzsche verzichtet, kann freilich wahlweise naiv oder bieder und uncool wirken. Habermas wurde deshalb oft entweder als Träumer oder als „Staatsphilosoph“ bespöttelt, wobei der „Staatsphilosoph“ aus dem Munde mancher Menschen nach ihrem erfolgreichen Marsch an die Spitze der Institutionen auch anerkennend gemeint sein konnte.

All diese Zuschreibungen greifen jedenfalls zu kurz: Die „ideale Sprechsituation“ der Diskurstheorie wurde als weltfremde Utopie missverstanden. Demgegenüber wies Habermas geduldig darauf hin, dass unserer sprachlichen Praxis Idealisierungen eingeschrieben sind, die für gelingende Kommunikation unhintergehbar bleiben: Wer spricht und etwas behauptet, muss in der Regel implizit miterklären, dass sie oder er die Wahrheit sagt und mit dem Ziel einer Verständigung kommuniziert. Wer „Ich“ zu einem „Du“ sagt, erkennt die eigene Perspektive als prinzipiell beschränkt an. Diese a priori vorhandene Struktur unserer sprachlichen Kommunikation weist den Weg zu einem Sollen, das nach Habermas allerdings nur intersubjektiv im Diskurs ermittelbar ist.

Der Lehrer der Demokratie

Mit seinem rechtsphilosophischen Hauptwerk, „Faktizität und Geltung“2 (1992) machte Habermas im Grundsatz seinen Frieden mit dem „bürgerlichen“ demokratischen Verfassungsstaat westlicher Prägung. Damit relativierte er seinen zu einseitig negativen Blick auf den real existierenden Parlamentarismus. In dieser Zeitschrift habe ich argumentiert, 3dass er dennoch bis zuletzt hypertrophe Anforderungen an die diskursive Qualität des politischen Prozesses stellte, an dem die Realität nur scheitern kann: Vor allem bleibt die antagonistische Dimension des Politischen bei ihm unterbelichtet.

Dessen ungeachtet war „Faktizität und Geltung“ ein großer Wurf. Der Materialreichtum des Werks verstellt vielleicht ein wenig den Blick darauf, dass Habermas im Kern die kantische Rechtsphilosophie vor den Folien des linguistic turn und des demokratischen Verfassungsstaats reformuliert, was sich bis in die Formulierungen hinein erkennen lässt. Nach Kant hat jede und jeder das Recht, „keinen äußeren Gesetzen zu gehorchen, als zu denen ich meine Bestimmung habe geben können.“4 Für Habermas können nur die juridischen Gesetze legitime Geltung beanspruchen, „die in einem ihrerseits rechtlich verfassten diskursiven Rechtssetzungsprozess die Zustimmung aller Rechtsgenossen finden können.“5 Ein anspruchsloser Apologet des Bestehenden ist er damit weiterhin nicht. Seine deliberative Demokratie ist eine Synthese zwischen liberalem und republikanischem Paradigma; das Pendel schlägt aber entgegen der bundesrepublikanischen Mentalität deutlich in Richtung Republikanismus aus: Die kollektive Selbstbestimmung über die gemeinsam geteilte Lebenswelt unter Einschluss aller Betroffenen bleibt für ihn von zentraler Bedeutung. Einem „gouvernement des juges“ aus Karlsruhe steht er daher reserviert gegenüber. Viel Wert legt er darauf, dass sich der politische Betrieb irritieren lassen muss durch die ungesteuerten, zuweilen auch ungestümen Impulse der Zivilgesellschaft, um nicht in Technokratismus zu erstarren und – an den Anforderungen der Menschen vorbei – lediglich zu verwalten.

Kritisch anzumerken bleibt, dass für Habermas mit der sprachphilosophischen Wende das einzelne Subjekt keine Bedeutung mehr für die Legitimation von Herrschaft hat. Statt das „Volk“ als Menge von Personen mit ihren Rechten ist bei Habermas das Legitimationssubjekt demokratischer Herrschaft der subjektlose Fluss der diskursiven Meinungs- und Willensbildung. Hier war Habermas im schlechten Sinne Schüler Hegels, an dessen subjektlose Sittlichkeit dieses Konzept erinnert.

Der Genosse im Geiste

Viele Nachrufe betonen, dass Habermas sich zeitlebens als „linker Sozialdemokrat“ verstanden hat, auch wenn es keine Hinweise auf eine Parteimitgliedschaft gibt. Das gelegentliche Leiden an der SPD hatte er wohl mit allen linken Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gemeinsam. Zeitlebens blieb er auch undogmatischer Marxist – im Personenverzeichnis des letzten Interview-Bandes findet sich der Name „Karl Marx“ mit 14 Nennungen in der Spitzengruppe.6 Auch wenn er spätestens mit „Faktizität und Geltung“ endgültig ins reformistische Lager wechselte, blieb die destruktive Kraft des Kapitalismus für ihn ein relevantes Thema. Die „Kolonisierung der Lebenswelt“ vor allem durch die Systemimperative der kapitalistischen Wirtschaft sah er als große Gefahr für eine Entfremdung im marxschen Sinne. Auch seine Wortmeldungen zur Tagespolitik erschöpften sich nicht in moralischen Appellen, sondern waren ökonomisch informiert – so zum Beispiel bei seinem „Einspruch gegen die Fassadendemokratie“ anlässlich der Griechenland-Krise (gemeinsam mit dem keynesianischen Ökonomen Peter Bofinger und dem Philosophen Julian Nida-Rümelin).7

Der Zeitdiagnostiker

Bis zum Schluss hat der Philosoph Habermas nicht nur wissenschaftlich gewirkt, sondern immer wieder zur Tagespolitik geäußert. Das werden auch viele Menschen vermissen, die sich nie durch seine über 1000-seitigen Wälzer gekämpft haben.

In seiner vorletzten Buch-Publikation setzte er sich mit dem „neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ durch Social Media auseinander und beschrieb die Gefahren einer Fragmentierung der Öffentlichkeit durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Echokammern.8

Befremdet vom normativen Überschwang am Beginn des Ukraine-Krieges warnte Habermas vor der absurden Debatte über „Kriegsziele“9 ohne Anerkennung machtpolitischer Realitäten und den Gefahren einer militärischen Eskalation zwischen Atommächten. Die undifferenzierten bis infamen Reaktionen darauf dürften seine berechtigten Befürchtungen noch verstärkt haben. Dabei ist einzuräumen, dass die erkennbar fehlende Verhandlungsbereitschaft der russischen Seite bei seinem Aufruf zur Diplomatie unterbelichtet blieb.10

Ebenfalls klar trat Habermas identitätspolitisch motiviertem Stammesdenken entgegen: Kulturelle Unterschiede dürften nicht „naturalisiert“ werden und bildeten „keine füreinander undurchdringlich abgeschotteten Universen“ und „gegeneinander unbewegliche Identitäten“.11

Unbeirrt hielt er auch am universellen Anspruch von Demokratie und Menschenrechten fest: „In dieser Diskussion geht es um vernünftige Prinzipien und nicht um anfechtbare Werte.“12 Der Westen sei gut beraten, die allgemeine Gültigkeit von Menschenrechten als moralische Grundlage des demokratischen Verfassungsstaats in interkulturellen Diskursen zu behaupten, solange er „lernbereit“ bleibe, was insbesondere aufgrund der „brutalen Gewaltgeschichte des westlichen Imperialismus” angezeigt sei.13

Am 14. März 2026 – dem 143. Todestag von Karl Marx – ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben.

Literatur

1Vgl. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 2003.

2Jürgen Habermas: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates, Frankfurt am Main 1992.

3Demokratische Politik ist zivilisierter Kampf. Ein Essay, abrufbar unter https://www.spw.de/demokratische-politik-ist-zivilisierter-kampf-ein-essay/, zuletzt abgerufen am 16.03.2026.

4Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, BA 20, 21 22 (zitiert nach der Weischedel-Ausgabe, Band XI, Frankfurt am Main 1974, S.204).

5Faktizität und Geltung (Fn. 2), S. 141.

6Jürgen Habermas: „Es musste etwas besser werden…“. Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, Berlin 2024.

7Peter Bofinger, Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin: Einspruch gegen die Fassadendemokratie. Kurswechsel für Europa, FAZ 03.08.2012, abrufbar unter https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/europas-zukunft/kurswechsel-fuer-europa-einspruch-gegen-die-fassadendemokratie-11842820.html, zuletzt aufgerufen am 16.03.2026 (hinter der Paywall).

8Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Berlin 2022.

9Man erinnert sich an die seinerzeitige Debatte, ob die Ukraine den Krieg „gewinnen“ müsse, oder nur „nicht verlieren“ dürfe.

10Vgl. Jürgen Habermas: Krieg und Empörung.Jürgen Habermas zur Ukraine, SZ 28.04.2022, abrufbar unter https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/das-dilemma-des-westens-juergen-habermas-zum-krieg-in-der-ukraine-e068321/, zuletzt abgerufen am 16.03.2026 (hinter der Paywall).

11Vgl. Großes Interview mit Jürgen Habermas, in: Philosophie Magazin, Sonderausgabe 19, Herbst 2021, Winter 2022, S. 16.

12Vgl. Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik (Fn. 8), S. 82.

13a.a.O.

2026-03-19T09:53:54+01:00
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