Nobelpreisträger Philippe Aghion: Mehr als ein Theoretiker des Wachstums

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Heft 4/25

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Arno Gottschalk ist Diplom-Ökonom und ist seit 2011 Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft.

von arno gottschalk

Wie seine Ideen Innovation sozial einbettbar machen

Als Philippe Aghion im Herbst 2025 gemeinsam mit Peter Howitt und Joel Mokyr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, konzentrierte sich ein Großteil der öffentlichen Besprechungen auf die technische Seite seines Werks. Man würdigte die Modernisierung der Schumpeter’schen Wachstumstheorie, die Eleganz seiner Modelle, die empirische Präzision. Was jedoch auffallend wenig Beachtung fand, war die politische und soziale Dimension seiner Forschung. Nur wenige Kommentatoren deuteten an, dass Aghions Denken über die reine Wachstumsmechanik hinausreicht. Genau diese unbehandelten Linien – die institutionellen, sozialen und demokratischen Voraussetzungen kapitalistischer Dynamik – stehen im Mittelpunkt dieses Textes.

1. Ein schmaler Kern: Eleganz ohne Gesellschaft

Das Modell, mit dem Aghions Karriere begann, das Aghion-Howitt-Modell von 1992, ist eine der elegantesten Formulierungen kreativer Zerstörung1. Es zeigt, wie Unternehmen einander in technologischen Sprüngen überholen und warum ein bestimmtes Maß an Wettbewerb innovativ wirkt, während zu viel Wettbewerb Investitionen hemmt.

Doch diese Eleganz hat einen Preis: Das Modell ist bewusst gesellschaftsblind. Es abstrahiert von Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, sozialen Risiken, Kredit und Nachfrage. Es enthält keine politischen Konflikte, keine Klassenverhältnisse, keine Finanzmärkte. Es ist Kapitalismus als Mechanik – nicht als Gesellschaftsform.

Dass Aghion deshalb in vielen Nobel-Besprechungen als reiner Wachstumstheoretiker erschien, ist leicht erklärbar. Aber es greift zu kurz.

2. Die politische Erweiterung: Wo Aghion über sein Modell hinausgeht

Denn jenseits der abstrakten Modelle spricht Aghion mit einer deutlich politischeren Stimme. In seinen späteren Schriften wird klar, dass er die institutionellen Bedingungen kapitalistischer Dynamik ernst nimmt:

  • Bildung als Grundlage von Chancengleichheit,
  • soziale Sicherheit als Bedingung für Risikobereitschaft,
  • starke Institutionen als Garant wettbewerblicher Fairness,
  • Demokratie als Schutz vor monopolistischer Erstarrung.

Besonders deutlich wird diese Haltung an Aghions positiver Bewertung des dänischen Flexicurity-Modells. Für ihn ist der dänische Weg – hohe Arbeitsmarktflexibilität kombiniert mit starker sozialer Absicherung, aktiver Arbeitsmarktpolitik und öffentlichen Investitionen – der empirische Beweis, dass Sozialstaat und Innovationsfähigkeit kein Gegensatz, sondern gegenseitige Voraussetzung sind. Flexicurity wird bei Aghion zu einem makroökonomischen Pendant seiner theoretischen Einsicht: Menschen investieren in ihre Fähigkeiten und wagen neue Wege, wenn sie nicht existenziell bedroht sind.

Eine zweite wichtige Erweiterung seines Werkes ist das Konzept des directed technical change, das vor allem von Daron Acemoglu entwickelt und später gemeinsam mit Aghion auf Klimapolitik übertragen wurde2. Hier zeigt sich modelltheoretisch, wie politische Entscheidungen – CO₂-Preise, Standards, strategische Investitionen – Innovation gezielt in nachhaltige Richtungen lenken können.

Es ist das vielleicht stärkste theoretische Argument gegen jene Marktgläubigkeit, die immer noch glaubt, technologische Entwicklung sei ein neutrales, selbstverständlich soziales Optimum hervorbringendes Ergebnis privater Anreize.

3. Die politökonomischen Leerstellen: Wo Aghion schweigt – und Bofinger laut wurde

Allerdings bleiben diese politischen Einsichten theoretisch unverbunden. Aghions Kernmodell integriert Ungleichheit, Finanzmärkte und Krisen nicht; spätere Arbeiten zu Kreditbeschränkungen oder Mobilität3 stehen neben, nicht innerhalb der Wachstumsmaschine.

Gerade in dieser Lücke berühren sich Aghion und Peter Bofinger. Bofinger kritisierte 2024 die makroökonomische Engführung eines Mainstreams, der Wachstum, Geld, Finanzmärkte und Verteilung als voneinander isolierte Themen behandelt4. Aghions Werk ist – trotz seiner Modernität – ein Beispiel für diese Trennung: Es erklärt Innovation, aber nicht die politökonomischen Bedingungen ihrer Finanzierung. Es erklärt Wettbewerb, aber nicht die politische Konstruktion von Märkten. Es erklärt Dynamik, aber nicht die Instabilität kapitalistischer Finanzsysteme.

Diese Leerstelle ist für die Sozialdemokratie zentral. Denn gerade hier entscheidet sich, ob Innovation inkludierend oder exkludierend, demokratisch oder monopolistisch, stabil oder krisenhaft ist.

4. Aghion gegen die Zerstörung-Apologeten – und gegen Peter Thiel

Interessanterweise hat Aghion ein theoretisches Potenzial, das in der Nobel-Debatte fast völlig übersehen wurde: Er ist einer der stärksten ökonomischen Gegenpole zu zwei einflussreichen neoliberal-libertären Strömungen.

Erstens: zu den US-amerikanischen „Zerstörungs“-Apologeten, die Schumpeter radikalisiert haben, indem sie kreative Zerstörung als quasi naturgesetzlichen Selektionsmechanismus verstehen. Diese Lesart – prominent bei manchen Silicon-Valley-Ideologen – legitimiert soziale Ungleichheit als Innovationsmotor. Aghions Forschung zeigt das Gegenteil: Innovation entsteht nicht durch Verwüstung sozialer Sicherheiten, sondern durch institutionelle Stabilität, demokratische Offenheit und durch die Fähigkeit der Gesellschaft, Risiken abzufedern.

Zweitens: zu Peter Thiel und seiner Philosophie „Competition is for losers“. Thiels Apologie des Monopols als Ziel jeder ökonomischen Strategie widerspricht Aghion fundamental. Während Thiel Wettbewerb als Fehler betrachtet, zeigt Aghion empirisch und theoretisch, dass zu wenig Wettbewerb Innovationsanreize lähmt, Marktmacht verstetigt und technologische Entwicklung verzerrt. Aghion kann – mit guten Gründen – als einer der ernstzunehmendsten Widersacher der Silicon-Valley-Monopoltheorie gelesen werden.

In einer politischen Zeit, in der große Plattformunternehmen demokratische Institutionen herausfordern, ist diese Seite von Aghions Werk von besonderer Bedeutung.

5. Demokratie als Innovationsvorteil – ein unterschätzter Teil des Werks

Ein weiterer Aspekt verbindet Aghion mit einer modernen sozialdemokratischen Interpretation: die enge Beziehung zwischen Demokratie und Innovation. Aghion zeigt, dass Demokratien langfristig innovativer sind als Autokratien – nicht aus moralischen Gründen, sondern aus funktionalen5.

Autokratien mögen kurzfristig große Projekte realisieren, doch sie sind instabil, monopolisieren Risiken und ersticken die Dynamik des Markteintritts. Demokratien hingegen erzeugen institutionellen Pluralismus, Wettbewerb der Ideen und offene Märkte – Bedingungen, unter denen kreative Zerstörung überhaupt erst produktiv wird.

6. Was folgt daraus für die Sozialdemokratie?

Wenn man Aghion politisch ernst nimmt, entsteht eine überraschend moderne Lehre:

  • Innovation ist keine technologische Naturkraft, sondern ein sozialer Prozess.
  • Ein starker Sozialstaat ist nicht Hindernis, sondern Voraussetzung innovativer Gesellschaften.
  • Eine innovationsfreundliche Arbeitsmarktpolitik in Deutschland braucht deshalb nicht noch mehr „Flexibilität“, sondern mehr „Security“, sprich: stärkere Tarifbindung, verlässliche Absicherung und Qualifizierung statt weiterer Deregulierung.
  • Staatliche Investitionen und strategische Lenkung sind notwendig, weil Märkte Zukunft nicht aus sich heraus „erfinden“.
  • Monopole sind innovationsfeindlich – und demokratische Kontrolle ist ökonomisch notwendig.
  • Eine Politik, die Dynamik und Gerechtigkeit zusammenführt, ist nicht utopisch, sondern empirisch begründbar.

Aghion ist kein Sozialstaats-Theoretiker. Aber er zeigt, analytisch und empirisch, warum kapitalistische Dynamik nicht gegen, sondern nur mit gesellschaftlicher Einbettung funktionieren kann.

7. Schluss: Eine Einladung – kein fertiges Konzept

Der Nobelpreis 2025 ist deshalb keine Bestätigung eines „sozialverträglichen Kapitalismus“, wie manche Schlagzeile suggerierte. Er ist eine Einladung, Aghions Werk als Ressource einer Wirtschaftspolitik zu lesen, die Dynamik und Gerechtigkeit nicht als Gegensätze, sondern als wechselseitige Voraussetzungen begreift. Aghion öffnet Türen – aber durchgehen müssen wir selbst.

Literatur

1Aghion/Howitt (1992): A Model of Growth Through Creative Destruction.

2Acemoglu/Aghion/Bursztyn/Hemous (2012): The Environment and Directed Technical Change.

3Aghion/Caroli/García-Peñalosa (1999): Inequality and Economic Growth; Aghion/Bolton (1997).

4Peter Bofinger (2024), verschiedene Beiträge zur makroökonomischen Theorie und Finanzarchitektur.

5Aghion/Alesina/Trebbi (2007): Democracy, Technology and Growth.

2026-03-12T16:12:10+01:00
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