Heft 265 – 04/2025

Nachhaltige Transformation statt Infrastrukturkrise: Was Deutschland von der Emscher lernen kann

#meinung #debatte #spw

Foto: © EGLV, Markus Matzel

Prof. Dr. Uli Paetzel ist seit 2016 Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft und Lippeverband. Er studierte Sozialwissenschaften und Französisch an der Ruhr-Universität Bochum und an der Université François Rabelais im französischen Tours. 2001 promovierte er an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum. Seit Ende 2018 ist er Honorarprofessor an der Ruhr-Universität Bochum.

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Alexander Knickmeier studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und der Universidad Complutense in Madrid. Seit 2017 bei Emschergenossenschaft und Lippeverband, leitet er seit 2024 die Stabsstelle für Unternehmensentwicklung und Public Affairs.

von uli paetzel und alexander knickmeier

Die politische Debatte in Deutschland erlebt derzeit eine bemerkenswerte Verschiebung: Infrastrukturpolitik, jahrzehntelang ein technokratisches Nischenthema, wird neu entdeckt als Kern sozialer, ökonomischer und demokratischer Stabilität. Diese Renaissance kommt spät. Denn jahrzehntelange Austeritätspolitik hat in weiten Teilen des Landes zu sichtbaren Erosionsspuren geführt – marode Schulen, bröckelnde Brücken und unzuverlässige Bahnstrecken. Studien zeigen, wie tief diese Entwicklung inzwischen demokratiepolitisch wirkt und zeichnen einen Zusammenhang zum Erstarken rechtsextremer Parteien nach.1 Die politische Ökonomie der Infrastruktur ist damit zu einer politischen Ökonomie der liberalen Demokratie insgesamt geworden.

Sondervermögen und die Illusion der schnellen Staatsreperatur

Die politischen Antworten auf die Erosion öffentlicher Infrastruktur bleiben zaghaft. Das Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaschutz“ signalisiert zwar den Willen zu einem investierenden Staat, wirkt jedoch wie eine technische Reparaturmaßnahme in einem tief strukturellen Problemfeld. Nicht nur ist es viel zu klein, um die Defizite der jahrzehntelangen Verschleißpolitik auszugleichen, vielmehr zeigt sich deutlich: Der deutsche Staat hat vielerorts verlernt zu investieren. Großprojekte wie der Flughafen BER oder Stuttgart 21 sprengen ihre Budgets und Zeitpläne. Gleiches gilt für Bundesfernstraßen, Brückensanierungen oder die digitale Verwaltung. Auch international wiederholt sich dieses Muster: Beim Fehmarnbelt-Tunnel oder dem Brennerbasistunnel ist regelmäßig die deutsche Seite im Verzug, während Dänemark oder die Schweiz im vorgesehenen Rahmen bleiben.

Dieser Befund ist Ergebnis einer strukturellen Erosion der Institutionen, kleinteiliger Zuständigkeiten, überlagernder Rechtsregime sowie einer unstetigen Förderpolitik. Hinzu kommt ein weiterer Engpass, der in der politischen Debatte bislang noch immer unterschätzt wird: Der Staat kann selbst dort, wo Geld bereitsteht, kaum noch bauen, weil es an personellen Kapazitäten fehlt. Laut Branchenverbänden fehlen in Deutschland derzeit mehr als 20.000 Ingenieurinnen und Ingenieure im Bau- und Infrastrukturbereich.2 Viele Bauverwaltungen haben in den vergangenen 20 Jahren bis zu einem Drittel ihres technischen Personals verloren. Gleichzeitig sind auch die privaten Akteure – Planungsbüros ebenso wie Bauunternehmen – (mindestens personell) nicht auf die Umsetzung eines einmaligen Investitionsschubs eingestellt.

Diese Lücke wird durch das Sondervermögen nicht geschlossen, sondern eher vergrößert und offenbart fehlende staatliche Handlungsfähigkeit. Und genau deshalb lohnt der Blick auf Institutionen, die auch in Zeiten der Infrastrukturkrise das Gegenteil bewiesen und große Infrastrukturvorhaben erfolgreich umgesetzt haben. Ein Paradebeispiel dafür liegt mitten im Ruhrgebiet: die Emschergenossenschaft.

Die Emscher als historisches Lehrstück

Kaum ein Fluss steht so exemplarisch für das Zusammenspiel von Industrialisierung, staatlicher Koordination und sozialer Transformation wie die Emscher. Ihre Geschichte lässt sich als eine verdichtete Erzählung deutscher Struktur- und Infrastrukturpolitik lesen: vom technischen Fortschritt des 19. Jahrhunderts über die hygienischen Katastrophen der Frühindustrialisierung hin zu einer modernen Infrastruktur als neues blau-grünes Rückgrat einer ehemaligen Kohleregion in der sozial-ökologischen Transformation.3

Im 19. Jahrhundert war die Emscher ein weitgehend unregulierter Fluss, der regelmäßig über die Ufer trat. Mit der Industrialisierung und dem massiven Bevölkerungswachstum im Ruhrgebiet wuchs die Zahl der Menschen sprunghaft an. Die Wohnquartiere entlang des Gewässers litten unter Überbevölkerung, unzureichender Sanitärversorgung und den Folgen von Bergsenkungen. Diese machten ein klassisches Kanalnetz unmöglich – stattdessen wurden die Abwässer direkt in die Emscher eingeleitet. Überschwemmungen brachten industrielle Abwässer und Fäkalien zurück in die Wohngebiete; Krankheiten wie Typhus, Ruhr, Malaria oder Cholera breiteten sich rasant aus.4

Als Antwort darauf gründete der preußische Staat die Emschergenossenschaft als ersten regionalen Wasserwirtschaftsverband Deutschlands. Städte, Industrie und Bergbau wurden per Pflichtmitgliedschaft in die gemeinsame Verantwortung genommen. In einer Region, die politisch nie zentralisiert wurde, setzte die Emschergenossenschaft ein frühes Beispiel funktionierender regionaler Selbstorganisation.

Der erste große Umbau der Emscher ab 1904 war ein gewaltiges Infrastrukturvorhaben seiner Zeit: die Begradigung und Verkürzung des Flusslaufs, die Betonierung in kilometerlangen Sohlschalen, der Bau von Deichen sowie ein oberirdisches Abwasserkanalsystem von rund 400 Kilometern Länge. Diese Maßnahmen industrialisierten den Fluss – sie beendeten die schlimmsten hygienischen Missstände, verbesserten die Lebensbedingungen in den angrenzenden Quartieren und schufen eine Infrastruktur, die die industrielle Produktion überhaupt erst stabil ermöglichte. Die Emscher wurde zu einem begradigten, eingedeichten Abwasserkanal.

Mit dem Niedergang von Kohle und Stahl und dem gesellschaftlichen Wandel der 1980er Jahre wurde jedoch immer deutlicher, dass das technisierte Emscher-System ökologisch nicht zukunftsfähig war. Der Strukturwandel im Ruhrgebiet warf die Frage auf, wie mit dem industriellen und ökologischen Erbe der Region umzugehen sei. Daraus erwuchs die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park, in deren Umfeld eine radikale Idee entstand: Die Emscher sollte „wieder ein Fluss“ werden. Ab den 1990er Jahren begann so der zweite Emscher-Umbau – ein echtes Generationenprojekt: 436 Kilometer Abwasserkanäle in Tiefen von bis zu 40 Metern, drei große Pumpwerke, vier modernisierte Kläranlagen und die Renaturierung von rund 400 Kilometern Gewässer. Ein Investitionsvolumen von 5,5 Milliarden Euro, finanziert über stabile Umlagen und getragen von einer überkommunal legitimierten Institution – und abgeschlossen im Zeit- und Budgetrahmen.

Heute ist die Emscher wieder ein Fluss, der Lebensqualität stiftet. Die Gewässerökologie hat sich rapide verbessert, neue Rad- und Fußwege säumen die Ufer, ehemalige Meideräume sind zu Orten der Naherholung und der Bildung geworden und setzen städtebauliche Impulse, die schrittweise zu einer großräumigen Aufwertung der Quartiere entlang der Emscher führen. Der Fluss ist damit nicht nur ein ökologisches Erfolgsprojekt, sondern ein Beispiel dafür, wie öffentliche Infrastruktur zu sozialem Fortschritt beitragen kann. Er zeigt, dass Infrastrukturpolitik dort gelingen kann, wo handlungsfähige Institutionen geschaffen werden. In einer Phase, in der der Staat vielerorts seine Investitions- und Verwaltungskapazitäten verloren hat, ist die Geschichte der Emscher daher nicht nostalgisch, sondern hochaktuell.

Ein Ausschnitt der Arbeit der Emschergenossenschaft: Der Borbecker Mühlenbach nach und vor der abgeschlossenen Renaturierung im Jahr 2014 (Bild: Archiv der Emschergenossenschaft)

Sondergesetzliche Wasserverbände als Institution dauerhafter Handlungsfähigkeit

Die Emschergenossenschaft steht für einen Institutionentyp, der in Deutschland weitgehend übersehen wird: die sondergesetzlichen Wasserverbände. Sie bilden eine eigene Kategorie öffentlicher Akteure, die weder klassische Behörden noch kommunale Eigenbetriebe oder privatwirtschaftliche Unternehmen sind. Vielmehr handelt es sich um Körperschaften des öffentlichen Rechts, die durch Landesgesetze mit einem klar umrissenen Mandat, stabilen Finanzierungsmechanismen und verbindlichen Governance-Strukturen ausgestattet wurden. In einer Zeit, in der der Staat vielerorts seine Investitions- und Planungskapazitäten verloren hat, lohnt ein genauer Blick auf diese Verbände, weil sie zeigen, wie dauerhaft handlungsfähige Infrastrukturinstitutionen gestaltet sein müssen.

Die Grundlage ihres Erfolgs liegt in ihrer rechtlichen und organisatorischen Konstruktion. Sondergesetzliche Wasserverbände bündeln Aufgaben, die naturgemäß überkommunal sind: Abwasserbeseitigung, Gewässerunterhaltung, Hochwasserschutz und – seit den 1990er Jahren – zunehmend auch ökologische Aufwertung und klimaresiliente Stadtentwicklung. Sie arbeiten nicht projektförmig und nicht befristet, sondern dauerhaft. Damit unterscheiden sie sich von vielen jüngeren, ad-hoc gebildeten Steuerungsstrukturen, die mit zeitlich begrenzten Förderprogrammen, wechselnden Partnern oder politisch abhängigen Gremien operieren. Die Verbände tragen kontinuierlich Verantwortung für ganze Flusssysteme – ein Mandat, das sie nicht wechseln, aussetzen oder neu verhandeln müssen.

Ein zentrales Strukturprinzip dieser Verbände ist die Pflichtmitgliedschaft. Kommunen, Industrieunternehmen und weitere relevante Akteure sind gesetzlich verpflichtet, dem Verband anzugehören und sich an seinen Kosten zu beteiligen. Diese Konstruktion ist demokratisch legitimiert und zwingt zur Kooperation, auch dort, wo kommunale Interessen divergieren. Gerade im Ruhrgebiet, das politisch nie als Metropolregion institutionalisiert wurde, entsteht so eine regionale Klammer, die über das übliche Nebeneinander lokalpolitischer Zuständigkeiten hinausgeht. Die Governance-Struktur der Verbände verbindet darüber hinaus politische Legitimation mit fachlicher Professionalität. Das oberste Beschlussorgan ist die Verbandsversammlung, in der Delegierte der Mitglieder sitzen. Sie beschließt den Wirtschaftsplan, die Höhe der Umlagen und trifft grundlegende strategische Entscheidungen.

Zwischen dieser Versammlung und dem Vorstand steht der Verbandsrat, der eine Art strategisches Steuerungs- und Aufsichtsgremium bildet. Er bereitet Beschlüsse vor und überwacht deren Umsetzung. Der Vorstand selbst führt schließlich die Geschäfte des Verbandes. Er ist für Planung, Bau und Betrieb sämtlicher Anlagen verantwortlich und agiert fachlich unabhängig. Diese klare Trennung zwischen politischer Legitimation und operativer Professionalität ist zentral für die Leistungsfähigkeit der Wasserverbände. Sie schützt Infrastrukturvorhaben vor kurzfristigen politischen Zyklen und gewährleistet Kontinuität. Hinzu kommt die Finanzierungsarchitektur der Verbände, die auf Umlagen basiert, die nach gesetzlich definierten Schlüsseln auf die Mitglieder verteilt werden. Diese Struktur befreit die Wasserverbände von den Unwägbarkeiten einer projektorientierten Förderpolitik und ermöglicht stabile Einnahmen, langfristige Investitionsplanung und eine verlässliche Refinanzierung.

Sondergesetzliche Wasserverbände sind damit ein Gegenentwurf zu vielen gegenwärtigen Transformationsstrukturen, die durch befristete Programme, Renditedruck, Festivalisierung, informelle Kooperationen oder komplizierte Förderarchitekturen geprägt sind. Sie verbinden regionale Perspektiven mit stabilen Mandaten, technische Expertise mit demokratischer Kontrolle und langfristige Finanzierungsmechanismen mit operativer Unabhängigkeit. Ihre Funktionsfähigkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer klugen politischen Ausgestaltung. In einer Zeit, in der Deutschland Antworten auf seine Investitions- und Transformationskrise sucht, sind diese Verbände deshalb nicht nur historische Konstruktionen, sondern potenzielle Blaupausen für handlungsfähige Institutionen in wichtigen Zukunftsfeldern.

Von der Emschergenossenschaft lernen?

Die Erfahrungen der Emschergenossenschaft zeigen, dass erfolgreiche Transformationspolitik vor allem eine Frage institutioneller Gestaltung ist. Wo Zuständigkeiten klar, Finanzierungslinien stabil und operative Verantwortung professionell organisiert sind, kann der Staat große Aufgaben verlässlich bewältigen. Der Emscher-Umbau war deshalb nicht nur ein ökologisches Erfolgsprojekt, sondern widerlegt auch die Vorstellung, der Staat sei strukturell überfordert oder per se ineffizient – er braucht lediglich die richtigen Organisationsformen.

In einer Phase tiefgreifender Transformationserfordernisse steht Deutschland erneut vor der Frage, wie öffentliche Handlungsfähigkeit zurückgewonnen werden kann. Die Lehre von der Emscher lautet: Transformation gelingt dort, wo der Staat sich selbst ertüchtigt, wo er Verantwortung dauerhaft bündelt und Infrastruktur konsequent als Gemeingut begreift. Für die großen Zukunftsaufgaben werden wir Institutionen brauchen, die ähnlich belastbar und regional verankert sind wie die Wasserverbände in Nordrhein-Westfalen. Die Emscher zeigt, dass solche Institutionen nicht Utopie, sondern gelebte Praxis sein können – und dass in ihnen ein Schlüssel zur demokratischen Resilienz unserer Gesellschaft liegt.

Literatur

1Bleidick, Dietmar; Paetzel, Uli (Hrsg.) (2024): 125 Jahre Emschergenossenschaft – vom Industriefluss zum blaugrünen Leben, Bönen.

2Heider, Bastian; Novack, Tessio; Scheunert, Pauline; Scholz, Benjamin (2025): Antidemokratische Wahlerfolge im ungleichen Deutschland, Bonn.

3Kurowski, Hubert (1993): Die Emscher. Geschichte und Geschichten einer Flusslandschaft, Essen.

4VDI (Hrsg.) (2025): VDI/IW Ingenieurmonitor 2025/1, Düsseldorf, abrufbar unter: https://www.vdi.de/ueber-uns/presse/publikationen/details/vdiiw-ingenieurmonitor-1-quartal-2025 (letzter Zugriff: 14.12.2025).

2026-03-12T13:37:25+01:00
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