Heft 265 – 04/2025
Housing First ist sozialdemokratische Notwendigkeit
#meinung #debatte #spw

Foto: © Pascal Skwara
Michelle Gnatzy studiert Wirtschaftswissenschaften und ist im Landesvorstand der NRW Jusos. Sonst ist sie viel in der Dortmunder SPD unterwegs und ist sehr frustriert über die kommunalen Debatten bezüglich Wohnungslosigkeit.
VON michelle gnatzy
Sichtbare Armut gilt vielen Menschen als unzumutbare Belästigung. Sie gehen durch Innenstädte und fühlen sich vom Betteln und der reinen Anwesenheit obdachloser Menschen gestört. Als Sozialdemokratie ist es, fernab von moralischer Bewertung dieses Gefühls, unsere Aufgabe, diese Probleme anzugehen. Zunächst aus elektoralem Eigeninteresse: Im NRW-Kommunalwahlkampf haben wir erlebt, dass unklare oder als wirkungslos wahrgenommene Obdachlosenpolitik erheblich zu Stimmenverlusten beitragen kann. Vordringlich aber, weil wir nicht zulassen können, dass öffentliche Räume flächendeckend Unsicherheitsgefühle hervorrufen, und vor allem natürlich wegen unserer Verantwortung gegen über den obdachlosen Menschen.
Oft beginnt in Kommunen das Problem, dass man mit Prävention und Hilfen kaum schnelle Lösungen schaffen kann. Konservative hingegen versprechen durch Verdrängung und hohen Kontrolldruck eine sofortige Beseitigung des empfundenen Problems und vermitteln so ihre vermeintliche ordnungspolitische Kompetenz. Dass in vielen Städten dann auf konservative Forderungen nach Verdrängung, defensiver Architektur und Kontrolldruck eingegangen wird, ist verständlich, aber inhaltlich und strategisch ein Fehler: Wie in vielen anderen Politikbereichen scheitert die SPD nämlich häufig auch in der kommunalen Politik daran, selbst Narrative und Visionen anzubieten. Stattdessen arbeitet sie sich an konservativen Vorstellungen ab, adaptiert diese oder gibt sie gleich als eigene aus. Sozialdemokrat*innen müssen es demgegenüber schaffen, konservative Lösungsansätze in ihrer gesamten Wirkungslosigkeit zu entlarven und eigene Konzepte nach vorne zu stellen.
Ein solcher, von Grund auf sozialdemokratischer Ansatz zum Umgang mit Obdachlosigkeit ist „Housing First“. Nach diesem Ansatz werden obdachlose Menschen als mündige Individuen behandelt. Das maßgeblich von Sam Tsemberi entwickelte Konzept billigt jedem Menschen als ersten Schritt eine eigene Wohnung zu, um gleichzeitig Hilfsangebote als freiwillige Option anzubieten. Der Wohnraum wird dabei langfristig und ohne direkte Bedingungen zur Verfügung gestellt. Was erstmal aufwendig klingt, zeigt sich an unterschiedlichsten Stellen als sehr effektiv.
Was bringt Housing First?
In einer der bekanntesten Langzeitstudien aus den Vereinigten Staaten, der Pathways-to-Housing-Studie, schafften es rund 80 Prozent der Teilnehmenden, ihre Wohnung dauerhaft zu halten. Vergleichsgruppen, die in klassischen Übergangssystemen betreut wurden, erreichten diesen Wert nicht. Auch in Kanada lieferte die At-Home/Chez-Soi-Studie, die zwischen 2009 und 2013 in fünf Städten durchgeführt wurde, deutliche Hinweise auf die Wirksamkeit des Housing-First-Ansatzes. Dort blieben etwa 80 bis 90 Prozent der Teilnehmenden dauerhaft in ihrer Wohnung. Ähnliche Ergebnisse liegen aus Australien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich vor. Die Stabilität wird dabei insbesondere darauf zurückgeführt, dass Wohnraum nicht an Bedingungen geknüpft wird. Abstinenz, Therapieteilnahmen oder bestimmte Verhaltensweisen sind im Housing-First-Modell keine Voraussetzungen, sondern mögliche Bestandteile individueller Unterstützung.
Für Deutschland ist die empirische Basis noch schmal, wächst jedoch kontinuierlich. Erste Pilotprojekte in Berlin, Düsseldorf, München und anderen Städten zeigen vergleichbare Wirkungen. Die Evaluationsberichte der Träger verweisen darauf, dass die Abbruchquote gering ist und die Wohnstabilität ähnlich hoch ausfällt wie in den internationalen Studien. Besonders der Düsseldorfer Ansatz ist derzeit ein Beispiel dafür, wie kommunale Verwaltung, freie Träger und Wohnungswirtschaft zusammenarbeiten können. Die Stadt stellt klar definierte Verfahrenswege bereit und die beteiligten Träger gewährleisten eine kontinuierliche sozialpädagogische Begleitung.
Welche Rolle Kommunen spielen
Kommunale Wohnungslosenhilfe ist kein freiwilliges Angebot, sondern eine Pflichtaufgabe in der Zuständigkeit der Kommunen. Menschen ohne Unterkunft müssen untergebracht werden. Viele Städte lösen diese Aufgabe mit provisorischen Unterkünften, Notunterkünften oder Sammelunterkünften, die eigentlich nur für kurze Krisenzeiten gedacht sind. In der Realität werden sie für viele Menschen zu dauerhaften Lebensorten. Diese Einrichtungen stehen unter Druck. Häufig sind sie überfüllt und für Kommune und Betreiber kostenintensiv. Übergangseinrichtungen, die früher ein Zwischenschritt in Richtung Wohnung waren, funktionieren heute nicht mehr wie vorgesehen. Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum und die Vergabestrukturen sind kompliziert. Menschen verbleiben dann lange in Einrichtungen. Manche werden in andere Kommunen verlegt. Andere kehren nach kurzer Zeit wieder zurück.
Hinzu kommt, dass kommunale Hilfesysteme häufig erst reagieren, wenn Menschen ihre Wohnung bereits verloren haben. Das bedeutet für diese Menschen notgedrungen ‚übergangsweise‘ Notunterbringung, durch welche sie oft in Drehtüreffekte geraten. 50 bis 60 Prozent der Menschen, die ordnungsrechtlich untergebracht werden, kehren innerhalb eines Jahres wieder in eine vergleichbare Unterkunft zurück. Rund die Hälfte der Menschen, die in ordnungsrechtlichen Unterbringungen leben, werden innerhalb eines Jahres erneut wohnungslos. Untersuchungen aus der Wohnungslosenforschung, unter anderem von Volker Busch-Geertsema und im Auftrag des Bundesinstituts für Bau, Stadt und Raumforschung, berichten außerdem, dass nur etwa 15 bis 25 Prozent der Menschen in klassischen Übergangseinrichtungen den Weg in eine reguläre Wohnung schaffen. Ein erheblicher Teil bricht Maßnahmen ab oder fällt in frühere Phasen der Wohnungslosigkeit zurück.
Mit Prävention ließe sich das verhindern. Mietschuldenberatung setzt häufig erst ein, wenn eine Räumung schon ansteht. Aufsuchende Hilfen sind oft zu schwach ausgestattet. Kommunale Verwaltungen reagieren dann mit kurzfristiger Unterbringung statt mit langfristigen Lösungen. Oft scheitert eine nachhaltige kommunale Versorgung an der Finanzierung. Viele Kommunen haben hohe Haushaltsdefizite, zu viele sind bereits in der Haushaltssicherung oder im Nothaushalt. Bei einer solch prekären Haushaltslage ist es schwierig, neue Mittel für umfassende Housing-First-Programme bereitzustellen. Häufig kommt die Initiative für „Housing First“ daher nicht von politischen Akteuren, sondern von der Zivilgesellschaft. So auch zum Beispiel in Düsseldorf, wo Privatpersonen und ein Verein das Vorhaben angeregt haben. Dieser Verein hat nun auch Unterstützung durch städtische Beteiligung. Es kann aber nicht richtig sein, dass es für Wohnungslose ein Lottospiel ist, ob es in der Kommune engagierte Bürger*innen gibt, die kurzerhand einen Verein gründen und gegen Wohnungslosigkeit vorgehen.
Kontrolle und Verdrängung als politische Fehlinstrumente
Ein Teil der öffentlichen Debatte über Wohnungslosigkeit dreht sich weniger um Ursachen, sondern um Sichtbarkeit. In vielen Innenstädten beobachten Kommunen eine wachsende Anspannung. Darauf folgen häufig ordnungspolitische Maßnahmen. Dazu gehören die Aufstockung kommunaler Ordnungsdienste und verstärkte Polizeipräsenz (wofür das Geld, im Gegensatz zu für Housing-First-Projekte, in der Regel bereitgestellt wird), Platzverweise oder die bauliche Umgestaltung des öffentlichen Raums. Diese Maßnahmen sollen das Sicherheitsgefühl erhöhen. Der Effekt auf Wohnungslosigkeit ist jedoch gut erforscht und ernüchternd.
Kontrolldruck führt in der Regel nicht dazu, dass Menschen die Situation verlassen können. Er führt vor allem dazu, dass sie aus dem Blickfeld verschwinden. Studien aus verschiedenen europäischen Städten zeigen, dass Repression und Verdrängung eher zu räumlicher Bewegung als zu einer Lösung von Wohnungslosigkeit führen. Für Deutschland weist die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) darauf hin, dass ordnungspolitische Verdrängung den Drehtüreffekt sogar verstärkt. Wer aus einem bekannten Umfeld verdrängt wird, verliert Zugänge zu Beratungsstellen, medizinischen Angeboten und niedrigschwelligen Hilfen. Dadurch verschlechtert sich die Lage und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen später wieder in Unterkünfte zurückkehren oder auf der Straße landen. Verdrängung erzeugt zudem eine künstliche Abnahme der örtlichen Zahlen, was zu falschen politischen Annahmen führt. Kommunen, die Kontrolldruck erhöhen, merken oft erst später, dass das Problem nicht kleiner, sondern unsichtbarer geworden ist und sich in benachbarte Stadtteile oder Kommunen verlagert. Fachverbände wie die BAG W bezeichnen solche Strategien deshalb als strukturell unwirksam und langfristig teuer, weil sie weder Prävention stärken noch Ausstiege ermöglichen.
Prävention als unverzichtbare Ergänzung
„Housing First“ löst viele Probleme, aber nicht alle. Um Wohnungsverluste zu verhindern, müssen kommunale Verwaltungen frühzeitig aktiv werden. Prävention bedeutet in diesem Kontext vor allem strukturiertes Arbeiten mit Vermieterinnen und Vermietern, schnelle Schuldnerberatung, die Klärung offener Leistungsansprüche und aufsuchende Sozialarbeit. In Finnland konnte die Zahl der Wohnungsverluste deutlich gesenkt werden, weil kommunale Präventionsstellen enger mit der Wohnungswirtschaft zusammenarbeiten. Viele deutsche Kommunen beginnen inzwischen, solche Modelle zu übernehmen. Düsseldorf etwa hat die Prävention ausgebaut, auch und vor allem auf die Initiative des Housing First e.V. hin, indem Konfliktvermittlung und Mietschuldenhilfe besser miteinander verzahnt wurden. Solche Entwicklungen zeigen, dass Prävention keine abstrakte Idee ist, sondern eine handhabbare kommunale Aufgabe, die messbare Effekte hat.
Zeit für faktenbasierte Politik
Die vorliegenden Erkenntnisse aus Forschung und Praxis lassen kaum Raum für Interpretationen. „Housing First“ funktioniert, und es funktioniert besser als jedes andere bisher etablierte Modell der Wohnungslosenhilfe. Die Daten zeigen, dass stabile Mietverhältnisse, freiwillige Unterstützung und der unmittelbare Zugang zu Wohnraum die einzigen Instrumente sind, die nachweislich den Drehtüreffekt durchbrechen und kommunale Hilfesysteme entlasten. Damit stellt sich nicht mehr die Frage, ob „Housing First“ ein geeigneter Ansatz ist, sondern weshalb es in vielen Kommunen nach wie vor nur in Pilotprojekten existiert.
Eine Wohnungslosenpolitik, die sich weiterhin vor allem auf ordnungsrechtliche Unterbringung, Kontrolldruck oder befristete Übergangslösungen stützt, ignoriert sowohl die wissenschaftliche Evidenz als auch die realen Belastungen vor Ort. Sie ist teurer, weniger effektiv und politisch kaum vermittelbar. Kommunen, die auf Housing First setzen, investieren dagegen in Strukturen, die langfristig Kosten reduzieren und Lebenslagen stabilisieren. Genau hier entsteht ein politischer Handlungsspielraum, den sozialdemokratische Kommunalpolitik offensiv nutzen sollte.
Wer Wohnungslosigkeit tatsächlich verringern will, muss bereit sein, die Systeme umzubauen. Dazu gehört eine klare Entscheidung für Prävention, für verlässliche kommunale Planung und für einen Wohnungsmarkt, der sozialen Zielen verpflichtet ist. „Housing First“ liefert hierzu ein erprobtes, wissenschaftlich belegtes und politisch anschlussfähiges Konzept. Es ermöglicht Kommunen, von einer reinen Verwaltungslogik der Unterbringung zu einer aktiven Strategie der Wohnraumsicherung überzugehen. Eine moderne sozialdemokratische Wohnungslosenpolitik sollte daher nicht darauf warten, bis sich Verhältnisse von selbst ändern. Sie sollte benennen, was wirksam ist, und genau diese Wirksamkeit zur Grundlage politischer Entscheidungen machen. „Housing First“ ist dafür kein optionales Zusatzangebot, sondern ein notwendiger Baustein einer zukunftsfähigen kommunalen Sozialpolitik. Wo dieser Ansatz konsequent umgesetzt wird, zeigt sich, dass Wohnungslosigkeit keine unvermeidbare Realität ist, sondern eine politisch gestaltbare Aufgabe.
