Heft 265 – 04/2025
„Wir müssen streiten können, ohne uns zu hassen!“ – Interview mit mario dahm
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spw-Redaktionsmitglied Folke große Deters im Gespräch mit Bürgermeister Mario Dahm im Hennefer Rathaus. © privat
Mario Dahm ist seit 2020 Bürgermeister der Stadt Hennef. Seit 2025 ist er Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Rhein-Sieg.
Interview mit mario dahm
spw: Lieber Mario, Du hast die Bürgermeisterwahl 2025 in der ersten Runde mit einem klaren Ergebnis von 51,6 Prozent gewonnen. Die Kandidatin der jahrzehntelang regierenden CDU erhielt lediglich 35,1 Prozent. Die SPD gewann bei der Ratswahl entgegen aller Trends noch einmal 5,4 Prozent hinzu und erzielte 33,1 Prozent. Worauf führst Du dieses gute Ergebnis zurück?
Mario Dahm: Man muss zur Einordnung wissen, dass es in Hennef vorher keinen hauptamtlichen Bürgermeister aus der SPD gab und Hennef eigentlich eher konservativ wählt – oder wählte. Bei der Wahl 2020 war spürbar, dass die Leute eine Veränderung wollten, und viele mit den sehr festgefahrenen Strukturen und Personennetzwerken unzufrieden waren. In dieser Situation waren wir dann auf dem Platz. Mit mir als jungem Kandidaten, mit aktiven Kandidatinnen und Kandidaten in den Wahlbezirken und einem überzeugenden Programm. Wenn es eine Wechselstimmung gibt, dann heißt das noch nicht automatisch, dass die Menschen den Kandidaten der SPD wählen. Offenbar hat unser Angebot in dieser Situation aber gut gepasst. In der zweiten Runde haben die Grünen, die deutlich hinter uns lagen, dann zu meiner Wahl aufgerufen. Es ist also durchaus wichtig, dass es gute Kontakte im progressiven Lager gibt.
Bei der jetzigen Kommunalwahl haben die Menschen dann offenbar honoriert, dass die SPD, aber auch ich persönlich die Erwartungen im Großen und Ganzen erfüllen konnten.
spw: Welche Erwartungen waren das?
M.D.: Ein wichtiger Punkt ist sicherlich mit dem Begriff „Präsenz“ beschrieben. Ein Bürgermeister kann nicht über den Dingen schweben. Gemeinsam mit unseren Kandidatinnen und Kandidaten waren wir sichtbar und ansprechbar bei den vielen Veranstaltungen, die es in Hennef als „Stadt der 100 Dörfer“ nun mal gibt, aber auch mit eigenen Dialogformaten – und das nicht erst zwei Wochen vor der Wahl. Das war in früheren Jahren nicht so. Präsent waren wir aber auch bei Social Media. Ich informiere über meine Social-Media-Kanäle mit Videos, Frage-Antwort-Runden und anderen Formaten regelmäßig über relevante Themen und Ereignisse oder erkläre Hintergründe zu komplexen Sachverhalten. Das ist für viele Bürgerinnen und Bürger eine wichtige Informationsquelle, die sie vorher so nicht kannten. Im Wahlkampf kamen dann auch Videos und Formate hinzu, die mit Humor und guter Laune – ist ja gar nicht selbstverständlich in dieser Zeit – eine junge Zielgruppe angesprochen und große Reichweiten erzielt haben. Und wichtig: Es gibt keine große Social-Media-Abteilung, sondern man erreicht mich über diesen Weg direkt. Das macht viel Arbeit, aber ist eben auch authentisch in beide Richtungen. Wenn sich Menschen mit Fragen und Problemen melden, dann gibt es eine Antwort. Nicht immer kann ich die Wünsche erfüllen, aber ich kann erklären, warum etwas nicht oder nicht so schnell geht. Die Leute wissen ja auch, dass ein Bürgermeister keine Wunder wirken kann, aber sie können Einsatz und Erklärungen erwarten.
Viele Leute haben mir dann im Wahlkampf gesagt: Du machst das gut, Du bist gut eingearbeitet, Du packst Dinge an und machst sie auch anders, Du sollst das weiter machen. Dabei habe ich dieses Jahr, glaube ich, keinen Satz so oft gehört wie „Normalerweise wähle ich ja XY, aber dieses Mal…“. Das tut auch gut.
Auch unsere selbstgemachte, aber gut durchstrukturierte Kampagne „Mario macht’s“ hat sicher eine Rolle gespielt. Wenn die unprofessionell wirkt, dann trauen einem die Leute auch nicht die nötige Professionalität bei der Führung ihrer Stadt zu.
spw: Das klingt danach, dass Du handwerklich und kommunikativ überzeugen konntest. Viele sagen, dass es in der Kommunalpolitik vor allem auf Handwerk und Pragmatismus statt auf politische Programme ankommt.
M.D.: Nein, das trifft es nicht. Natürlich müssen wir in der Kommune oft sehr konkrete Probleme lösen und das schaffe ich nicht mit dem Rezitieren von Parteitagsänderungsantragstexten, sondern auch mit Kompromissen. Aber wie wir die Probleme lösen, das hängt doch an der Frage, welche inhaltlichen Überzeugungen wir haben. Sonst ist es nur orientierungsloses Rumwurschteln und keine Politik. Und gerade bei knappen Ressourcen kommt es darauf an, die richtigen Prioritäten zu setzen. Wir hatten nicht nur schöne Plakate, sondern wir hatten auch ein durchdachtes Programm auf Basis sozialdemokratischer Überzeugungen und mit einer erkennbaren Vision für eine funktionierende, nachhaltige und soziale Stadt, das sich auch zu Nebenthemen geäußert hat. Natürlich wird kaum jemand die Langfassung des Programms von vorne bis hinten gelesen haben. Aber wir konnten eben auf spezielle Fragen antworten und wir waren uns einig über unsere Grundlage. Man muss schon wissen, wo man hin möchte. Sonst kann man noch so schnell laufen, ohne an ein Ziel zu kommen.
spw: War es denn erkennbar, dass da ein Sozialdemokrat regiert hat und sozialdemokratische Prioritäten gesetzt hat?
M.D.: Ich finde schon – im Stil, in den Prioritäten und konkreten Themen. Das Thema „bezahlbares Wohnen“ ist hier in Hennef zum Beispiel sehr drängend, die Überschwappeffekte aus Bonn und Köln sorgen dafür, dass Wohnungen mit halbwegs vernünftigen Mietpreisen Mangelware sind. Wir haben Stadtplanung aus der Sicht der Mehrheit gemacht, nicht aus der Sicht weniger Investoren, und mehr die Stadt als Ganzes gesehen. Ich habe hier in den letzten fünf Jahren ja keine eigene Mehrheit gehabt, deshalb sind unsere Vorlagen zum Beispiel mit konkreten Quoten für öffentlich geförderten Wohnraum nicht beschlossen worden. Ich habe aber dennoch gegenüber Bauträgern die Erwartung formuliert, dass es auch Wohnungen in einem Segment jenseits von Luxus-Mieten oder Eigentumswohnungen geben muss. Das ist vernünftige Politik und hat messbare Wirkung gezeigt. Und wir haben einen Mietspiegel in Hennef eingeführt.
Dann das Thema Verkehrswende. Das haben wir angepackt, ohne die Brechstange auszupacken. Wir haben die Fahrleistung des Öffentlichen Personennahverkehrs um fast 20 Prozent erhöht und Dörfer erstmals an den Busverkehr angeschlossen. Wir haben Fahrradrouten ausgebaut und bauen gerade eine Fahrradstation am Bahnhof, die der Bund als Modellprojekt fördert. Wir haben Mobilität nicht wie früher nur vom Auto her gedacht. Aber wir haben das Auto auch nicht verteufelt. Gerade auf dem Dorf kann man darauf oft nicht verzichten, wenn man mobil sein will. Verkehrswende geht nur in Schritten, wenn man die Leute nicht verlieren und nachhaltig wirken will.
Ein Beispiel ist unser autofreier Schulcampus. Lange Jahre war es selbstverständlich, dass der Hauptverkehr zur Autobahn gewissermaßen über den Schulhof fuhr. In einem gut vorbereiteten Verkehrsversuch mit viel Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger und der Schulen haben wir erfolgreich dafür geworben, auch schwächere Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer stärker zu ihrem Recht kommen zu lassen. Für das Projekt sind wir sogar beim Deutschen Verkehrsplanungspreis ausgezeichnet worden und Vertreter von Großstädten kommen nach Hennef, um sich erklären zu lassen, wie so etwas funktionieren kann.
Außerdem haben wir in unsere Schulen investiert, den Ausbau von Kitas und offenem Ganztag hoch priorisiert und geben uns sehr viel Mühe, trotz knappem Angebot qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen. Wenn die Kita schließt, dann kann das den Alltag einer Familie ganz schön durcheinander wirbeln. Hier gibt es nicht für alles die perfekte Lösung. Aber die Leute wollen sehen, dass Stadtpolitik die Probleme wahrnimmt und im Rahmen ihrer Möglichkeiten beharrlich und kreativ an Lösungen arbeitet – gar nicht für Luxus-Wünsche, sondern für die Alltags-Basics.
spw: Danke für diesen Überblick. Du hast von Akzeptanz durch Beteiligung gesprochen. Ist Beteiligung nicht sehr zeitraubend?
M.D.: Klar – und nervenraubend auch. Es gibt einen Zielkonflikt zwischen intensiver Beteiligung und schneller Umsetzung. Wer erfolgreich Politik machen will, muss aber dafür sorgen, dass die Betroffenen jedenfalls in ihrer Mehrheit mitmachen. Man sieht es andernorts, wo einem Schritt nach vorne dann drei nach hinten folgen. Lieber kleine Schritte in die richtige Richtung als hochtrabende Pläne, die dann vor einem Gericht oder bei der nächsten Wahl wieder kassiert werden, weil die Menschen nicht überzeugt sind. Und es ist auch möglich, die Mehrheit der Menschen von notwendigen, guten und richtigen Plänen zu überzeugen. Das ist dann eben auch Aufgabe eines Bürgermeisters.
spw: Viele Hauptverwaltungsbeamte mit rotem Parteibuch sind mit keinem oder kleinem SPD-Logo in den Wahlkampf gezogen. Bei Dir war klar sichtbar, dass da ein Sozialdemokrat zur Wahl stand. Was hat Dich zu dieser klaren Haltung bewogen?
M.D.: Ich bin eben Sozialdemokrat und das kann man auch auf meinen Plakaten sehen. Und wenn ich nicht Sozialdemokrat mit klarer Vorstellung wäre, wäre ich sicher auch nicht Bürgermeister. Ich glaube, dass es die Sozialdemokratie gerade jetzt braucht, als politische Kraft, die das Verbindende in einer immer stärker ausdifferenzierten und teilweise auch polarisierten Gesellschaft stärkt. Deshalb war für mich selbstverständlich, dass ich hier Flagge zeige. Davon abgesehen sind die Leute nicht blöd, sondern wissen auch ohne Parteilogo auf dem Flyer, dass da ein Sozialdemokrat im Rathaus sitzt. Und das finden viele gar nicht schlimm, und manche sogar gut. Übrigens haben bei der letzten Wahl acht Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ihren Wahlbezirk hier direkt gewonnen. Das gab es noch nie und das liegt sicher nicht nur am Bürgermeister. Viele Genossinnen und Genossen waren in ihrem Wahlbezirk kontinuierlich sichtbar, ansprechbar und im Wahlkampf mit klaren Themen und Positionen quasi „vor der Haustüre“. Trotzdem glaube ich, dass viele auch die Partei des Bürgermeisters, der bisher keine Mehrheit im Rat hatte, unterstützen wollten. Die sichtbare Verbindung zwischen dem Bürgermeister und seiner Partei hat sich unter dem Strich also positiv ausgezahlt, auch wenn das für mich nicht das zentrale Motiv war.
spw: Die Spaltung der Gesellschaft und auch die Spaltung zwischen Stadt und Land ist in aller Munde. Hennef ist die „Stadt der 100 Dörfer“, auf der anderen Seite ist der Zentralort vergleichsweise urban. Was sagst Du zur Spaltungsdiagnose?
M.D.: Erstmal macht die, nennen wir es mal ‚Spannung‘ Hennef besonders aus – Urbanität und Natur gleichzeitig. Wir sind auf unsere Vielfalt genauso stolz wie auf unsere Traditionen. Und das geht eben beides. Was die Autoren von „Triggerpunkte“1 rausgefunden haben, deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Es gibt eine breite Mitte mit sehr vielen gemeinsamen Grundüberzeugungen. Gesellschaftspolitisch – zum Beispiel bei Gleichstellungsthemen und anderen – gibt es doch einen ganz breiten Konsens und der „Riss“ verläuft eben nicht mittendurch. Die Spaltung wird auch gezielt von denen herbeigeredet, die diese Spaltung wollen und nach dem Motto „wir gegen die“ instrumentalisieren. Klar ist allerdings auch: Leute, die ständig mit erhobenem Zeigefinger herumlaufen und sich selbst besonders moralisch hochwertig finden, die waren immer schon nicht sonderlich beliebt. Das soll nicht der Beliebigkeit das Wort reden, aber ein bisschen Demut und Respekt vor der Perspektive anderer hat noch nie geschadet. Das ist eher eine Art Grundvoraussetzung für eine demokratische Gesellschaft, die sich auch richtig streiten kann, ohne sich zu hassen. Gerade den bewusst zur Spaltung eingesetzten „Kulturkampf“ sollte man sich nicht aufzwängen lassen. Wenn es einen realen Gegensatz in diesem und in anderen Ländern gibt, dann ist das der Unterschied zwischen Arm und Reich – und allem, was daran hängt: Wie sind Geld, Ressourcen, aber auch Macht, Einfluss und Chancen eigentlich verteilt? Das sollte das Hauptbetätigungsfeld für die Sozialdemokratie sein.
spw: Aber gibt es nicht doch Unterschiede zwischen Stadt und Land?
M.D.: Ich glaube, der Unterschied wird überschätzt. Ich nehme schon wahr, dass Gemeinschaft auf dem Dorf noch eine größere Rolle spielt. Aber das ist auch ein schöner Ansatzpunkt für die Sozialdemokratie. Vielleicht interessiert sich da der eine schon mal ein bisschen zu sehr für die Angelegenheiten des Nachbarn, aber man interessiert sich überhaupt für einander, man versteht sich als Gemeinschaft, man steht im Kontakt. Mir ist als Kommunalpolitiker wichtig, das zu unterstützen. Vom Vereinsheim über das Dorfzentrum zum Jugendtreff oder Sportplatz. Da treffen sich Menschen, die vielleicht ganz unterschiedliche Berufe, Bildungswege oder politische Einstellungen haben. Der Algorithmus hätte sie nicht zusammengeführt, das Feuerwehrfest oder Fußballtraining aber schon. Deshalb investieren wir auch trotz sehr bescheidener Haushaltslage in solche Orte der Begegnung in Hennef und seinen Dörfern. Zugezogenen aus der Stadt rate ich, da einfach mal hinzugehen. Da kann man mit seinen Vorurteilen aufräumen und sieht beim Schützenfest Bierdeckel mit Regenbogenfarben und der Aufschrift: „Vielfalt ist unser Schuss ins Schwarze“. Und der Bürgermeister redet auf der Karnevalsbühne über Kinderrechte. Das geht alles. Offenheit und Toleranz und Sympathie für ganz unterschiedliche Formen von Gemeinschaft – das sollte uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten auszeichnen.
spw: Du bist ja nicht nur Bürgermeister, sondern als frisch gewählter Vorsitzender der SPD Rhein-Sieg natürlich auch an Bundes- und Landespolitik interessiert. Was könnte die SPD in Düsseldorf und Berlin von Deinen Erfahrungen aus Hennef lernen?
M.D.: Ich bilde mir nicht ein, aus meiner Hennefer Perspektive den Masterplan für Berlin zu haben. Mir fällt das Wort „nahbar“ ein. Manchmal kommen wir doch arg technokratisch rüber. Wir sollten vor allem nicht den Eindruck erwecken, wir wollten die Leute erziehen und ihnen vorschreiben, was sie gut zu finden haben. Unser Ziel muss sein, Menschen unabhängig von persönlichen Hintergründen zu ermöglichen, ihren Alltag zu bewältigen und ein gutes Leben mit fairen Chancen nach ihren Vorstellungen zu führen. Dann ist schon viel gewonnen und dann kann Sozialdemokratie wieder ziemlich überzeugend sein.
spw: Willy Brand hat gesagt: Wir dürfen nicht auf „reglementiertes Glück“ aus sein.
M.D.: Ja. Aber vor allem müssen wir die Menschen mögen. Und das dürfen die Menschen auch merken.
Die Fragen stellte Folke große Deters.
Verweise
1Mario Dahm bezieht sich hier auf das Buch: Steffen Mau/Thomas Lux/Linus Westheuser: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 2023.
