Heft 265 – 04/2025
„Klasse schlägt identität – immer!“ – Interview mit marc herter
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Foto: © Thorsten Hübner, Stadt Hamm
Marc Herter ist Oberbürgermeister der Stadt Hamm und stellvertretender Vorsitzender der NRW SPD.
Interview mit marc herter
spw: Lieber Marc, Du hast die Oberbürgermeisterwahl in der ersten Runde mit einem Traumergebnis von 63,6 Prozent gewonnen. Der nächstplatzierte Kandidat der CDU erhielt lediglich 17 Prozent. Die SPD gewann 9,1 Prozent dazu und erzielte 46,2 Prozent der Stimmen bei der Ratswahl. Worauf führst Du dieses hervorragende Ergebnis zurück?
Marc Herter: Dass sich SPD-Kandidaten bei kommunalen Einzelwahlen bereits im ersten Wahlgang durchsetzen, ist ja glücklicherweise gar nicht so selten, wie konservative Medien das gerne glauben machen wollen. Die eigentliche Nachricht ist: Die HammSPD hat mit 46,2 Prozent tatsächlich an Ergebnisse anknüpfen können, die wir zuletzt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gesehen haben. Nach meiner Einschätzung ist das zum einen auf die klare eigenständige politische Positionierung der HammSPD zurückzuführen: Bei uns sind die Themen der arbeitenden Mitte in guten Händen. Wir sorgen dafür, dass der wirtschaftliche Aufbruch, der für gute Arbeit und Ausbildung sorgt, gefestigt wird. Und vor allem: Gemeinsam machen wir Hamm zur familienfreundlichsten Stadt Deutschland. Eine Mission, die die beiden großen sozialdemokratischen Erzählungen ‘Unsere Kinder sollen es mal besser haben’ und ‘Bei uns fällt niemand ins Bergfreie’ zusammenfasst. Zum anderen hat es sicher was mit unserer Art der Kommunikation zu tun: Wir sind zurückgekehrt an den Abendbrottisch, mitten in den Alltag der Menschen also. Wir hören zu, treten in den Dialog miteinander. Das tut beiden Seiten erkennbar gut.
spw: Dann fangen wir mal mit der kommunikativen Seite an. Wie gelingt es Euch, auf der Höhe dessen zu sein, was die Menschen am Abendbrottisch besprechen?
M.H.: Mit dem Abendbrottisch habe ich es selbst ja ungewollt bis in die heute-show geschafft: Oliver Welke befürchtete, dass ich mich bei ihm „durchfressen“ wollte. Im Kern geht es natürlich nicht um die Versorgung des Oberbürgermeisters, die ist so weit sichergestellt. Es geht darum, die Schwelle für den Dialog möglichst niedrig und in den Alltag der Menschen zu legen. Jeder kennt das: In Bürgerversammlungen treffen wir auf die Lautsprecher und in den sozialen Medien auf die maximal empörten Agitatoren. Die meisten ganz normalen Bürgerinnen und Bürger haben hinlänglich mit ihrem Alltag und dem Alltag ihrer Lieben zu tun, als dass sie da mitmachen. Es gilt also, tief in den Alltag einzutauchen: Mit dem Format ‚Du kochst den Kaffee, ich bringe den Kuchen‘ komme ich ebenso mit der alleinerziehenden Mutter mit ihrem Kind, wie an einer großen Nachbarschaftstafel ins Gespräch. Mit meiner ‚Ansprechbar‘ bin ich in den Quartieren vor dem Laden, auf dem Markt oder auf dem Spielplatz unterwegs. Ich bringe nichts mit, außer die Bereitschaft zuzuhören und Dinge mitzunehmen.
Hürden baut man natürlich auch damit ab, dass das Team – sowohl das politische als auch das administrative – divers aufgestellt ist. Ein einfacher Grundsatz trägt uns: ‚So bunt wie die Stadt‘. Da geht es weniger um Quoten und Identitäten, als vielmehr darum, den Alltag der Vielen zu erfassen und abzubilden. Die SPD gefällt sich oft darin, den Fokus auf parteiinterne Mechanismen zu legen, um das im eigenen Laden möglichst akkurat umzusetzen. Ich rate dazu, es einfach zu machen, und die Frage der eigentlichen Umsetzung in die Gesellschaft zu legen, da warten nämlich die echten Widerstände.
‘Vor allem vor Ort‘ ist die dritte Leitlinie, die für uns wichtig ist. Positive Veränderungen müssen erlebbar sein, sie müssen spürbar sein für die Menschen, die sie betreffen. Am besten im eigenen Umfeld. „Familienfreundlichste Stadt“ zeigt sich so auch darin, dass wir Spielplätze vor Ort wieder in Ordnung bringen oder dass eine neue Stadtteilbibliothek entsteht. In jedem der sieben Hammer Stadtbezirke gibt es 20 vor der Wahl kommunizierte konkrete Orte, um die sich die Sozialdemokratie kümmert. Und natürlich setzen wir auch hier auf Dialog zwischen den Wahlen: Mit der App ‚Sag’s Hamm‘ können Bürgerinnen und Bürger der Stadt Orte benennen, wo was passieren muss. Wir haben das aus Wien – weit mehr als ein klassischer Mängelmelder, sondern ein Bürgerportal, in dem die Erledigung der Anliegen auf einer Karte transparent dargestellt wird.
spw: Euer Online-Angebot „Sag‘s Hamm“ klingt ja sehr attraktiv. Ich frage mich allerdings, ob Ihr damit nicht auch Enttäuschung produziert, wenn Wünsche mal nicht erfüllt werden?
M.H.: Wir wussten, dass wir mit dem Bürgerportal ‚Sag’s Hamm‘ ein gewisses Risiko eingehen hinsichtlich einer Flut von Beschwerden und einer erwartbaren Enttäuschung, wenn die Stadt Anforderungen nicht erfüllen kann. Auf der anderen Seite stand der Grundsatz, dass die Bürgerinnen und Bürger ja nun mal unsere Auftraggeber für eine ordentliche Infrastruktur und eine funktionierende öffentliche Daseinsvorsorge sind. Ganz nebenbei sind sie auch unsere besten Qualitätssicherer.
Im Ergebnis hilft nur die Transparenz, klar zu kommunizieren, was geht und was nicht und auch die Gründe offen zu benennen. Das ist eben wie daheim, wenn man den Sanierungsstau im eigenen Haus auflösen muss, dann hat man entweder viel Geld und die notwendigen Firmen an der Hand oder man macht es Schritt für Schritt. Das ist bei einem Straßennetz von 1.200 km in der Baulast der Stadt Hamm nicht anders – übrigens ziemlich exakt die Strecke von Hamm nach Florenz. Im Ergebnis hat das Bürgerportal ‘Sag’s Hamm‘ so auch zur Versachlichung beigetragen – es sind eben nicht alle Straßen Schrott, sondern bestimmte klar benennbare Abschnitte sanierungsbedürftig. Und ja, es sind immer noch zu viele.
spw: Du sprachst von einem inhaltlichen Angebot für die „arbeitende Mitte“. Welche Schwerpunkte setzt Du da gemeinsam mit der SPD-Fraktion in Hamm?
M.H.: Die Sozialdemokratie ist zwar keine Arbeiterpartei mehr, aber sie bleibt doch die Partei der Arbeit. Die Arbeit mag sich in ihrer Gestalt geändert haben, sie bleibt aber bestimmend für den Einzelnen, für die Familie und für die Gesellschaft als Ganzes. Dieses Credo darf die SPD nicht aufgeben. Ich halte es inhaltlich wie strategisch für einen Irrweg, sich auf die allfälligen soziokulturellen Auseinandersetzungsfelder ziehen zu lassen. Das gilt vor allem dann, wenn die Menschen in Zeiten eines umfassenden Umbruchs vor allem die sozioökonomischen Herausforderungen beschäftigen – im Kern die Sorgen vor einem wirtschaftlichen Niedergang und dem damit verbundenen eigenen sozialen Abstieg. Alles andere ist Folie dieser Grundauseinandersetzung.
Ich muss einen zweiten Punkt machen. Es geht um die Adressaten unserer Politik. Das müssen für uns gerade als Kraft des Fortschritts immer die Vielen in der gesellschaftlichen Arbeitnehmermitte sein. Es ist eine Erkenntnis, die Hillary Clinton nach ihrer Wahlniederlage gegen einen gewissen Herrn Trump zugeschrieben wird: Die Summe der Minderheiten ist halt nicht die Mehrheit. Das geht Hand in Hand mit einer weiteren grundlegenden Einsicht: Klasse schlägt Identität – immer. Dabei geht es nicht darum, sogenannte Minderheiten abschätzig zu behandeln – im Gegenteil: Uns trägt kein additives Gesellschaftsbild, in dem die unterschiedlichen Identitäten nebeneinanderstehen, sondern ein inklusives, das für jeden und jede in all unserer wunderbaren Unterschiedlichkeit einen Platz in der Mitte der Gesellschaft sieht. Schlussendlich ist es übrigens auch das Streben einer jeden sogenannten Minderheit, emanzipiert und gleichberechtigt in der einen Gesellschaft der Vielen zu leben und nicht außen vor zu bleiben.
Ich gebe zu, das ist für eine kommunalpolitische Strategie arg hoch aufgehangen, aber es mündet in der einfachen Konsequenz, auch vor Ort die Priorität auf eine starke Wirtschaft zu legen und mit dem Ziel der ‚Familienfreundlichsten Stadt‘ die gesellschaftliche Mitte in all ihrer Vielfalt zu adressieren. Der Sozialstaat nimmt dabei nicht die Rolle von Rudis Resterampe oder gar des Klotzes am Bein eines wirtschaftlichen Aufbruchs ein, sondern wird zentraler Ermöglicher in der Mitte der Gesellschaft, der einen guten Rahmen dafür bietet, dass man Familie gut leben kann.
spw: Was zeichnet denn Hamm als familienfreundliche Stadt aus?
M.H.: Die erste Vorlage, die ich 2020 unterzeichnet habe, war die der durchgehenden Halbierung der Beiträge für die KiTa und die OGS. Das sind in Summe 3,5 Mio. Euro mehr im Geldbeutel der Familien jedes Jahr. Das Geld kam direkt bei den Familien an, aber viel wichtiger war die Botschaft: Die meinen das ernst mit der ‘Familienfreundlichsten Stadt Deutschlands‘. Darauf konnten wir aufbauen.
Familie ist für uns nicht ‘Vater, Mutter, Kind‘ garniert mit dem politisch korrekten Hinweis, dass es sich auch um zwei Väter oder eine Alleinerziehende handeln kann. Familie ist für uns jede Form, in der Menschen Verantwortung füreinander übernehmen: Das ist die klassische Familie ebenso wie eine Senioren-WG oder eine gut funktionierende Nachbarschaft. Es sind die Menschen, die durch ihrer Hände und Köpfe Arbeit den Laden am Laufen halten, die sich um das gute Aufwachsen der Kinder und um pflegebedürftige Eltern kümmern, die im Sportverein die Orga und beim Quartiersfest für drei Stunden die Theke übernehmen. Kurzum: Die Vielen, für die Verantwortung kein Fremdwort ist und die sie tagtäglich privat wie gesellschaftlich leben. Wir können es politisch gar nicht überschätzen, wie viel allein schon das ‚Gesehen werden‘ in ihrer täglichen Anstrengung ausmacht. Dabei ist Familie so herrlich egalitär. Familie hat als solche keine Herkunft und keinen Stand. Es ist nicht notwendig, einzelne Identitäten zu betonen, sie sind bereits inkludiert. Bei der ‚Familienfreundlichsten Stadt‘ geht es um mehr als Familienpolitik. Es geht um eine andere Perspektive: Sieh es mit den Augen einer Familie, mit den Augen derer, die Verantwortung übernehmen, und dann richte deine Politik darauf aus. Das reicht von den klassischen Themen wie Bildung und Betreuung über Arbeit, von der eine Familie leben kann, und ein ordentliches bezahlbares Wohnungsangebot bis hin zu Freizeit, Sport, Kultur und Naherholungsangeboten für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen und eine quartiersbezogenen Seniorenarbeit.
Natürlich geht es hier in der Umsetzung ums Konkrete. Zwei Beispiele dafür: Wir haben ein umfangreiches Kita-Ausbau- und ein Schulsanierungsprogramm gestartet. Bereits jetzt bekommt nicht nur jedes Kind in der KiTa einen Platz, sondern auch in der Grundschule liegen wir mit einer Betreuungsquote von 73 % im bedarfsdeckenden Bereich. Und siehe da: Die Frauenerwerbsquote steigt deutlich – mit Herne gemeinsam belegt Hamm die ersten Plätze in der NRW-Dynamik. Mit dem neuen ‘Familienrathaus.Start‘ sind wir den ersten Schritt gegangen, die familienbezogenen Leistungen an einem Ort zu bündeln und mit einem digitalen Zwilling online an einem Ort zugänglich zu machen. So wird die funktionierende, einfach zu erreichende Stadt praktisch erfahrbar und stellt einen konkreten Mehrwert im Leben der Familien dar.
spw: Du hast das als Erfolgsfaktor für die Wahl bezeichnet. Woran machst Du das fest?
M.H.: Das müssen wir dann leider doch an den klassischen sozialstrukturellen Daten festmachen. Zum einen messen wir bei Umfragen als Stadt im Rahmen unser Familienberichterstattung eine hohe Zufriedenheit gerade bei Familien mit Kindern. Zum anderen beschäftigt sich die HammSPD sehr intensiv mit der Analyse von Wahlergebnissen bis auf die Stimmbezirksebene herunter. Da wir die Sozialstruktur der jeweiligen Quartiere ganz gut kennen, ist eine klare Korrelation zu erkennen: Insbesondere dort, wo viele Familien mit Kindern der klassischen Mittelschicht wohnen, ist der Ausschlag für die HammSPD bei der Ratswahl besonders hoch – in einzelnen Quartieren bis zu 67 % für die jeweiligen Kandidierenden bei einer gleichzeitig weit überdurchschnittlichen Wahlbeteiligung.
spw: Dein zweites Thema ist eine starke Wirtschaft. Warum ist Dir das Thema so wichtig und was macht Ihr da konkret?
M.H.: Aus meiner Sicht ist das – wie bei der Familie auch – gar nicht nur ein Thema. Sondern es ist mehr eine Prioritätensetzung: Was ist wichtig, damit wir gemeinsam vorankommen? Ökonomisch ist das eine starke Wirtschaft, aus deren Produktivität Wohlstand für eine Region und die Menschen, die dort leben und arbeiten, erwachsen kann. Auf die Frage der Zentralität der Erwerbsarbeit für die gesellschaftliche Mitte, die von ihrer Hände und Köpfe Arbeit leben muss, hatte ich bereits hingewiesen. Sie hat seit James Carville einen sinnfälligen doppelten Bezugspunkt bei der Erringung politischer Mehrheiten: „It’s the economy, stupid. It’s the middle class, stupid.“ Diesen Bezugspunkt gilt es sozialdemokratisch aufzuladen und in praktische Politik umzusetzen.
Für uns war klar, dass der Strukturwandel den Menschen weiter in den Knochen sitzt. Trotz augenscheinlicher Erfolge war die strukturelle Ausgangslage 2020 schwach, hochproduktiver produzierender Industrie war notwendige, aber mit geringer Wertschöpfung einhergehende Logistik gefolgt. Quantitativ konnten die Arbeitsplatzverluste ausgeglichen werden, qualitativ bei Weitem nicht. Geringes lokales BIP und geringe Durchschnittsverdienste, geringe Steuerkraft und geringe Kaufkraft sind am Ende die unvermeidliche Kette. Im Mittelpunkt dieses wirtschaftlichen Niedergangs: Die gesellschaftliche Mitte aus Facharbeitern und technischer Intelligenz, vormals gutverdienend, hoch angesehen und – nicht zu vergessen – gesellschaftstragend.
Mitten in der Corona-Zeit ist die HammSPD bereits 2020 – vielleicht etwas wagemutig – mit dem Punkt angetreten, dass es mit ihr einen wirtschaftlichen Aufbruch geben wird. Slogan: ‚Wir setzen auf Innovation und gute Arbeit, statt auf neue Logistikhallen an der Autobahn.‘ Den ‚Logistikhallen‘ haben wir – ohne sie so zu benennen – zwei Transformationsprojekte entgegengestellt: Die Stärkung des Energiestandorts durch eine ambitionierte Wasserstoffstrategie und die Reaktivierung des vormals größten deutschen Rangierbahnhofs durch ein trimodales Multi-Hub. Letzteres übrigens ein Projekt, das durch zwei aktive EVG-Gewerkschafter, Jörg Hensel und Rainer Wilke, ganz wesentlich initiiert wurde. Wichtig war uns, dezidiert wirtschaftliche Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen, die den notwendigen sozialökologischen Umbau praktisch werden lassen. Verbunden ist das mit dem Ziel, einen Impuls für die gesamte Wirtschaft in Hamm zu setzen: Vom inhabergeführten produzierenden Mittelstand über die verbliebene energieintensive Industrie bis hin zum Handwerk sollen die unterschiedlichsten Unternehmen profitieren. Ein Ansatz, der der sonst üblichen Bestandspflege eine dynamische Bestandsentwicklung entgegensetzt. Dank an Eberhard Weber vom DGB Dortmund für diese Erkenntnis, denn so machen wir Unternehmen vor Ort vom Objekt der Wirtschaftsförderung selbst zu Subjekten der Entwicklung.
Natürlich lassen sich die Niveaudaten binnen 5 Jahren nicht wesentlich verändern, aber die Dynamik hat merklich angezogen. Nicht nur, dass das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft Hamm in seinen Rankings erstmals als Aufsteigerkommune führt und die Entwicklung am Arbeitsmarkt deutlich besser verläuft als in vergleichbaren Städten, vor allem das Selbstvertrauen ist zurück, dass man gemeinsam was schaffen kann.
Dazu beigetragen hat ganz sicher der neue ‚Strategische Beirat Wirtschaft Hamm 2030‘, in dem alle wesentlichen Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Gewerkschaften, Kammern sowie die örtlichen Kreditinstitute und der örtliche Energieversorger zusammenkommen.
spw: Solche Gesprächsformate gibt es ja häufig. Kommt denn dabei auch etwas Handfestes raus oder geht es da vor allem um gute Atmosphäre?
M.H.: Es geht um beides. Um konkrete Verabredungen und um ein Klima, in dem die wirtschaftlichen Akteure Zutrauen zum Standort, gerade in den allgegenwärtigen Krisen, behalten. So haben wir die Gebühren für die Außengastro abgeschafft, Unternehmen ergreifen eigene Maßnahmen, um Familienfreundlichkeit im Betrieb umzusetzen und auf der Expo-Real vertreten Stadt und Unternehmen den Standort gemeinsam. Das ist schon ein Gewinn. Viel wichtiger ist aber, die realen Herausforderungen jenseits der allgegenwärtigen dystopischen Weltsicht sachlich zu diskutieren und Lösungswege gemeinsam zu entwickeln. Notfalls auch nur als gemeinsames Sprachrohr Richtung Landes- und Bundespolitik.
spw: Oft hört man ja, in der Kommunalpolitik geht es vor allem um die Lösung praktischer Probleme. „Parteipolitik“ gehört da eigentlich nicht hin. Was sagst Du zu dieser These?
M.H.: Das ist eine konstruierte Gegensätzlichkeit, die ich für falsch bis verheerend halte. In ihr steckt, dass Parteipolitik nicht in der Lage sei, Lösungen zu präsentieren und praktisch umzusetzen. In der Tat, und das habe ich ja dargestellt, muss meines Erachtens Parteipolitik alltagstauglicher werden, die Sorgen und Hoffnungen der Menschen stärker in ihre politische Arbeit einbeziehen. Sie muss selbst mit klarem Kompass pragmatischer werden, um nicht den selbsternannten Pragmatikern, die darin wahlweise ihre eigene Beliebigkeit oder ihre Verachtung gegenüber Parteien mühsam kaschieren, das Feld zu überlassen.
‘Hands-On‘ meint eben nicht, keine Vorstellung davon zu haben, was am Ende dabei rauskommen soll, sondern die Dinge aktiv und ergebnisorientiert anzugehen, gerade weil es einen klaren gemeinsamen Plan gibt, wo die Reise hingehen soll. ‚Vor der Lage‘ ist man übrigens meist nur dann, wenn man sich vorher vielleicht mal etwas grundsätzlicher Gedanken über die Lage gemacht hat und darauf die konkreten Schritte aufbaut.
Ich habe das jetzt explizit losgelöst von der SPD formuliert, weil es für jede demokratische Partei vor Ort gilt. Wir dürfen uns nicht programmatisch entkernen, sondern im Gegenteil: Nur aktive programmatische Auseinandersetzung in der demokratischen Mitte um den richtigen Weg schafft Orientierung und ist so das beste Rezept, dass die Alternative hier zu finden ist und nicht bei der selbsternannten Alternative außerhalb des demokratischen Spektrums.
spw: Es gibt ja durchaus Hauptverwaltungsbeamte mit SPD-Parteibuch, die damit eher verschämt umgehen. Wie handhabst Du das?
M.H.: Es ist immer gut, wenn der Kandidat nicht glaubt, verheimlichen zu müssen, dass er Sozialdemokrat ist. Ebenso hilft es, wenn die örtliche SPD sich nicht verschämt von ihrem Kandidaten absetzt. Im Idealfall stärken sich beide gegenseitig. Die Sichtweise, dass ein Kandidat sich von der SPD absetzen muss, um über sie hinaus ein Wählerpotenzial zu erschließen, ist nach meiner Erfahrung schlicht Quatsch. Im Gegenteil: Der Spitzenkandidat soll ja gerade die praktische Hoffnung auf Umsetzung der Programmatik verkörpern.
Mehr noch: Wir sind als Kandidierende wie als Amtierende das Gesicht der kommunalen Demokratie. Wenn dieses Gesicht meint, sich von der unsere Städte und unsere Republik tragenden Parteiendemokratie abgrenzen zu müssen, dann würde ich das eher als Alarmsignal werten, denn als kluge Wahltaktik. In Hamm bringen wir das auf einen Punkt: ‘Deine Stadt, Dein Oberbürgermeister, Deine SPD.‘
spw: Ihr seid ja als Juniorpartner in einer Koalition mit der CDU gewesen, bevor Ihr 2020 gewonnen habt. Das gilt ja eher als schwierige Ausgangslage. Was habt Ihr in dieser Konstellation richtig gemacht?
M.H.: Ja, die Große Koalition unter einem CDU-Oberbürgermeister, der zu diesem Zeitpunkt bereits 15 Jahre unangefochten im Amt war, war 2014 ein gewisses Wagnis – ohne Zweifel. Aber wir hatten als SPD etliche Punkte, in denen wir die Stadt voranbringen wollten. Entscheidend war für uns jedoch nicht, wie wir am Anfang in eine Koalition reingehen, sondern wie wir am Ende wieder herauskommen: Die Ansprüche hin zu einer fortschrittlichen Politik müssen während einer solchen Großen Koalition wachsen. Sie dürfen nicht verkümmern. Es geht um das eigene Spiel, die eigenen Themen, die Aktivierung der Netzwerke. Am Ende sind wir so selbst auch als politische Alternative über die Große Koalition hinausgewachsen. Es reichte der eine Satz: ‚Die Bremse sitzt auf der anderen Seite‘, um den Punkt zu setzen und in den Wahlkampf um eine eigene Mehrheit zu starten.
spw: Du bist ja nicht nur Hammer Kommunalpolitiker, sondern auch ehemaliger Landtagsabgeordneter und stellvertretender Parteivorsitzender der NRW SPD. Dennoch bitte ich Dich, einmal vor dem Hintergrund Deiner Erfahrungen aus Hamm nach Berlin und Düsseldorf zu schauen. Was kann sich die SPD von Euch vor Ort abgucken?
M.H.: Ach, es ist immer leicht, Ratschläge ‘von außen’ zu geben. Darin gefallen sich ja viele. Ich möchte da ganz ausdrücklich nicht dazu gehören. Wir erläutern aus Hamm gern, wie wir zu unseren Einschätzungen gelangt sind und welches Handwerkszeug dafür notwendig ist, aber den Weg muss dann ein jeder vor Ort beziehungsweise auf der jeweiligen Ebene eigenständig gehen. In der NRW SPD, wo ich Verantwortung trage, machen wir uns in diese Richtung auf den Weg. Das ist nicht frei von Konflikten, aber notwendig, um wieder mehrheitsfähig zu werden. Eines aber ist für die gesamte Sozialdemokratie entscheidend: Wenn es draußen in der Gesellschaft kalt und ungemütlich wird, darf die SPD nie einfach unsere gesamtideelle Wärmehalle sein. Eine Wärmehalle, in der wir uns umso enger aneinander kuscheln, je kälter es wird, und am Ende umso erbitterter darüber streiten, wie sie eingerichtet sein soll. Sie muss im Gegenteil immer Basislager für einen neuen Aufbruch in die Gesellschaft sein. Alle Kräfte gehören darauf konzentriert.
Die Fragen stellte Folke große Deters.
