30 Jahre Willy Brandt Center Jerusalem – Warum Dialog gerade jetzt gebraucht wird

#meinung #debatte #spw

03.07.2026

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Jan Lichtwitz war Freiwilligendienstleistender im WBC von 2007 bis 2008

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Christopher Paesen war Friedensfachkraft im WBC von 2014 bis 2016.

von jan lichtwitz und christopher paesen

Das Willy Brandt Center in Jerusalem ist ein einzigartiger Ort mit einer besonderen Geschichte. In diesem Jahr begeht es das dreißigste Jahr seiner Arbeit. Das ist ein Anlass zur Freude, aber kein unbeschwertes Jubiläum. Denn wer heute auf Israel und Palästina blickt, sieht eine Region, in der die Hoffnung auf Verständigung so fern scheint wie lange nicht. Gerade deshalb ist ein Ort wie das Willy Brandt Center heute besonders wichtig: als Ort der Begegnung, als sozialdemokratisches Projekt für ein friedvolles Zusammenleben in Israel und Palästina und als Ausdruck der Überzeugung, dass Frieden, Sicherheit und Selbstbestimmung Partner auf beiden Seiten voraussetzen.

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der Ermordung und Verschleppung israelischer Zivilist:innen und dem anschließenden Krieg in Gaza ist die Hoffnung auf Frieden in weite Ferne gerückt. Israel steht unter dem Eindruck eines tiefen sicherheitspolitischen und gesellschaftlichen Schocks. Der 7. Oktober war der schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit der Shoa. Die israelische Gegenreaktion insbesondere im Gaza-Streifen hat schweres Leid über die palästinensische Zivilbevölkerung gebracht und eine humanitäre Katastrophe ausgelöst, die bis heute anhält.

Die Zeichen stehen heute weniger denn je auf Verständigung und einer Lösung des Konflikts. Die aktuelle israelische Regierung hat die Siedlungsaktivität in der besetzten West-Bank massiv vorangetrieben, durch die Legalisierung bislang ille-galer Outposts und eine politische Unterstützung auch radikaler Siedler. Auf palästinensischer Seite verweigert die terroristische Hamas mit ihrer Weigerung, die Waffen niederzulegen, jede Grundlage für eine friedliche Lösung. Im Gegenteil zeigt sich eine erschreckende Radikalisierung nicht zuletzt im unmenschlichen Umgang mit den lang gefangen gehaltenen Geiseln. Direkte Verhandlungen über eine Lösung des Konflikts wie sie etwa zu Beginn der 2000er Jahre möglich erschienen, liegen in weiter Ferne.

Und dennoch: Das Willy Brandt Center ist immer noch da. Dass es diesen besonderen Ort nach dreißig Jahren noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis harter Arbeit, langjähriger Kontinuität und eines klaren Wertekompasses. Das Willy Brandt Center löst den Konflikt nicht. Aber es hält Räume offen, in denen Verständigung möglich bleibt.

Aus der Hoffnung von Oslo geboren — durch Krisen getragen

Die Gründung des Willy Brandt Centers geht zurück auf die hoffnungsvollen Entwicklungen Mitte der 1990er Jahre, die ihren Niederschlag in den Oslo-Vereinbarungen fanden. In dieser Zeit schien eine Zwei-Staaten-Lösung politisch möglich. Es gab eine reale Perspektive für einen grundsätzlichen Frieden zwischen den arabischen Staaten und Israel. In dieser Zeit entstand zwischen den regionalen Jugendorganisationen der Sozialistischen Internationale unter Vermittlung der Jusos die Idee, einen Ort der trilateralen Zusammenarbeit zu schaffen. Dahinter stand die Überzeugung, dass politische Verständigung nicht allein auf Regierungs-ebene entsteht. Sie braucht persönliche Begegnungen junger Menschen, die bereit sind, sich über Konfliktlinien und verhärtete Narrative hinweg zu begegnen und zu sprechen – und die in ihren Gesellschaften zukünftig politische Verantwortung übernehmen können.

Am 6. April 1996 trafen sich in Ramallah Mitglieder der Jugendorganisation der palästinensischen Fatah, der israelischen Arbeitsparteijugend und die Jusos, um das Willy Brandt Center zu gründen. Die Gründung des Willy Brandt Centers fiel in eine Zeit, in der Frieden politisch vorstellbar schien. Seitdem musste das Projekt zahlreiche Rückschläge überstehen. Die zweite Intifada markierte einen tiefen Einschnitt, ebenso zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen. Im Ergebnis spitzt sich das Konfliktgeschehen stetig zu und die Perspektive auf Frieden schwand zusehends. Dreißig Jahre Willy Brandt Center bedeuten daher mehr als das bloße Überleben einer Institution. Sie bedeuten, dass die Idee der Verständigung nicht aufgegeben wurde. Jenseits aller Schwierigkeiten der täglichen Arbeit bleibt klar: Wer sich für ein friedliches Zusammenleben in Israel und Palästina einsetzen will, hat mit dem Willy Brandt Center einen Ort der Unterstützung.

Auf festem Fundament – der Wertekompass des WBC

Kern des Wertekompasses des Willy Brandt Centers ist die Anerkennung der legitimen Interessen der Menschen in Israel und Palästina auf ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Selbstbestimmung. Dies setzt eine politische Vereinbarung voraus, die es ermöglicht, den Konflikt friedlich zu lösen. Konkret heißt das ein eindeutiges Bekenntnis zum Existenzrecht des Staates Israels in sicheren Grenzen und die Perspektive eines lebensfähigen, selbstbestimmten palästinensischen Staates.

Diesen Wertekompass nennen wir doppelte Solidarität: Solidarität mit den Menschen in Israel und ihrem Recht auf Sicherheit und Existenz und Solidarität mit Palästinenserinnen und Palästinensern in ihrem Anspruch auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung. Vor allem bedeutet doppelte Solidarität, solidarisch an der Seite der progressiven Kräfte in beiden Gesellschaften zu stehen und die unterschiedlichen Lebensrealitäten, Erfahrungen, Perspektiven, Ängste, Verletzungen und Narrative der Partner anzuerkennen.

Ein dauerhafter Frieden wird nicht durch den Sieg der einen Seite über die andere entstehen. Die Vorstellung, der Konflikt lasse sich dauerhaft verwalten, ohne seine politischen Ursachen zu bearbeiten, hat sich als Trugschluss erwiesen. Der Preis dieses Trugschlusses ist für beide Gesellschaften hoch.

Der Weg zu einer politischen Lösung mag heute unerreichbar erscheinen, aber völlig zu Recht hat Moshe Dayan die Haltung geprägt: Frieden schließt man mit seinen Gegnern und nicht mit seinen Freunden. Gerade deshalb benötigt es Wege und Formate des Austauschs. Genau an dieser Stelle setzt das Willy Brandt Center an: es hält trotz immer kleiner werdender Handlungsräume Kanäle für junge Aktivistinnen und Aktivisten offen. Seine Arbeit lebt von konkreten Begegnungen, Seminaren, Gesprächen, politischer Bildung und dem Versuch, Vertrauen zwischen jungen Menschen aufzubauen, die aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Realitäten kommen. Die Möglichkeiten des trilateralen Austauschs kann Perspektive schaffen, ohne die eine Lösung gar nicht erst denkbar wird.

Den Blick nach vorne gerichtet – auf die weiteren Jahre

Auch wenn der Blick auf die kommende Zeit schwerfällt, gilt es nicht zu verzagen, denn die Zukunft gehört den Mutigen. Ein friedliches Zusammenleben ist möglich. Es braucht dafür klaren politischen Willen, internationale Verantwortung und Menschen, die bereit sind, jenseits militärischer Logik Lösungen für das Zusammenleben in der Region zu suchen. Das Willy Brandt Center bleibt ein Angebot an genau diese Menschen.

Der besondere Wert des Centers liegt in Kontinuität und Verlässlichkeit. Friedenspolitische Räume entstehen nicht über Nacht. Sie benötigen einen klaren Wertekompass, gewachsenes Vertrauen und den Willen, auch bei Rückschlägen weiterzumachen. Denn politische Vorzeichen können sich ändern. Andere politische Mehrheiten, neue Generationen und internationale Initiativen können Handlungsspielräume eröffnen, die heute kaum vorstellbar erscheinen. Wenn sich solche politischen Fenster öffnen, kommt es darauf an, ob es bestehende Kontakte, gewachsenes Vertrauen und Strukturen gibt, auf denen Zusammenarbeit aufbauen kann.

Dreißig Jahre Willy Brandt Center fallen in eine schwere Zeit. Der Frieden erscheint ferner als lange zuvor. Die vergangenen drei Jahrzehnte haben aber auch gezeigt, dass Verständigung und Dialog selbst dort möglich bleiben können, wo sie politisch fast unmöglich erscheinen. Deswegen bleibt die Arbeit des Willy Brandt Centers wichtig: als Ort, an dem eine andere Zukunft zumindest denkbar bleibt.

Dreißig Jahre Willy Brandt Center sind deshalb auch ein Auftrag für die nächsten Jahre. Wer internationale Solidarität, Frieden und Selbstbestimmung ernst nimmt, darf sich gerade in schwierigen Zeiten nicht zurückziehen. Die Idee des Willy Brandt Centers braucht politische Unterstützung, verlässliches Engagement und Menschen, die bereit sind, an Verständigung festzuhalten, wenn sie am wenigsten selbstverständlich erscheint.

Denn eine andere Zukunft beginnt nicht erst, wenn sie wahrscheinlich geworden ist. Sie beginnt dort, wo Menschen sie trotz allem denkbar halten und bereit sind, an ihr zu arbeiten.

2026-07-03T14:07:18+02:00
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