3 mythen über die rente
#meinung #debatte #spw
24.04.2026

Foto: © Fionn Große
Pippa Kolmer leitet bei FiscalFuture die Presse- und Kommunikationsarbeit. Zuvor studierte sie Politik- und Rechtswissenschaften in Münster, Köln, Wien und Leuven und arbeitete bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Foto: © Fionn Große
Paul Pflüger ist Referent für Renten- und Sozialpolitik bei FiscalFuture. Zuvor studierte er Sozioökonomie und Internationale Beziehungen in Duisburg und Dresden.
VON pippa kolmer und paul pflüger
Die Koalition hat sich für dieses Jahr große Reformen vorgenommen, allen voran: die Rente. Die Debatte Ende letzten Jahres hat gezeigt: Um die Rente kreisen viele Mythen, die medial stark verfangen und sich hartnäckig halten. Drei Mythen wollen wir in diesem Beitrag entkräften.
Mythos 1: Die Rentenkosten sind explodiert
Kaum ein Satz fällt in der Rentendebatte so zuverlässig wie dieser: Die Kosten laufen aus dem Ruder. Das klingt dramatisch – ist aber vor allem eines: irreführend. Denn ja, die absoluten Ausgaben für die Rente sind gestiegen. Und das ist auch gut so, denn über Jahrzehnte hinweg wächst eine Volkswirtschaft, Preise steigen, Löhne und Gehälter auch. Wer nur auf absolute Zahlen schaut, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Entscheidend ist das Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Und hier zeigt sich ein ganz anderes Bild: Der Anteil der Rentenausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist in den vergangenen 20 Jahren nicht gestiegen, sondern gesunken – von 10,8 Prozent im Jahr 2003 auf 9,5 Prozent im Jahr 2024.
Auch bei den Beiträgen ergibt sich ein ähnliches Bild. Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung zahlen Beschäftigte heute nicht einen höheren, sondern einen niedrigeren Anteil ihres Gehalts in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Vor 30 Jahren lag der Beitragssatz noch rund 1,5 Prozentpunkte höher.
Bleibt ein weiterer Kritikpunkt: die Bundeszuschüsse zur Rentenversicherung. Oft werden sie als Beleg für eine ausufernde Finanzierung aus Steuermitteln angeführt. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind auch die Bundeszuschüsse gesunken – von 3,4% im Jahr 2003 auf 2,7% im Jahr 2024. Selbst die geplante Stabilisierung des Rentenniveaus wird diesen Anteil nur moderat erhöhen und weiterhin deutlich unter dem Niveau früherer Jahre halten. Die vielbeschworene „Kostenexplosion“? Hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand.
Mythos 2: Die Kosten tragen die jungen Menschen
Ein besonders wirkmächtiges Argument lautet: Die Älteren profitieren und die Jungen zahlen die Zeche. Das klingt nach Generationenkonflikt und einem System auf Kosten der Zukunft. Aber auch dieses Bild erweist sich bei näherer Betrachtung als nicht haltbar. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, dass die Stabilisierung des Rentenniveaus nicht zulasten der Jüngeren geht – im Gegenteil. Für alle Jahrgänge, bis hin zu den heute Jüngsten, verbessert sich die sogenannte interne Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung. Anders gesagt: Wer heute einzahlt, bekommt im Verhältnis zu seinen Beiträgen mehr heraus, nicht weniger. Das widerspricht der verbreiteten Vorstellung, dass die junge Generation in ein System einzahlt, von dem sie später selbst kaum noch profitieren wird.
Hinzu kommt ein oft übersehener Punkt: Eine Absenkung des Rentenniveaus würde junge Menschen nicht entlasten, sondern eher zusätzlich belasten. Denn was in der gesetzlichen Rente fehlt, muss privat oder betrieblich ausgeglichen werden. Und dass sich diese Formen der Vorsorge automatisch lohnen, ist keineswegs ausgemacht, wie etwa eine aktuelle Studie von Finanzwende zu Riester- und Rüruprenten zeigt.
Mythos 3: Die einzige Lösung: länger arbeiten, weniger Rente, höhere Beiträge
Wenn von der Zukunft der Rente die Rede ist, klingt es oft, als gebe es nur drei Optionen: länger arbeiten, Leistungen kürzen oder Beiträge erhöhen. Ein enges, beinahe technokratisches Dreieck – alternativlos, so der Eindruck.
Doch auch das ist eine verkürzte Betrachtung. Denn für die Stabilität der gesetzlichen Rente ist nicht entscheidend, wie viele „Alte“ und „Junge“ es abstrakt gibt. Entscheidend ist, wie viele Menschen tatsächlich Beiträge zahlen – und in welcher Höhe. Mit anderen Worten: Es geht nicht nur um Demografie, sondern vor allem um den Arbeitsmarkt.
Genau hier liegt ein oft unterschätzter Hebel. Wer die Einnahmebasis der Rentenversicherung stärken will, muss dafür sorgen, dass mehr Menschen in guter Beschäftigung sind: höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, bessere Integration von Zugewanderten und eine moderate Erhöhung der durchschnittlichen Netto-Zuwanderung, weniger prekäre Beschäftigung, bessere Löhne. Kurz: bessere Rahmenbedingungen, um das vorhandene Erwerbspotenzial bestmöglich zu nutzen.
Die Fixierung auf Rentenkürzungen oder längere Lebensarbeitszeiten greift deshalb zu kurz. Sie blendet aus, dass die Finanzierung der Rente nicht nur eine Frage des „Wie lange“, sondern auch des „Wie viele“ und „Zu welchen Bedingungen“ ist.
Es geht nicht um die Rettung eines Systems kurz vor dem Kollaps
Die gesetzliche Rente steht stabiler da, als es die öffentliche Debatte oft vermuten lässt. Weder sind die Kosten außer Kontrolle geraten, noch werden die Lasten einseitig auf die junge Generation abgewälzt, noch gibt es nur den einen, scheinbar unausweichlichen Reformpfad.
Die gesetzliche Rente hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie sich an gesellschaftliche und demografische Veränderungen anpassen kann. Sie ist kein starres System – sondern ein lernfähiges. Und sie kann es auch in Zukunft bleiben. Vorausgesetzt, die politische Diskussion löst sich von eingängigen, aber irreführenden Mythen und richtet den Blick auf die Stellschrauben, die wirklich zählen. Denn am Ende geht es nicht darum, ein System vor dem Kollaps zu retten, sondern darum, es so weiterzuentwickeln, dass es zukunftsfest bleibt.
