Auf dem Weg in den globalen Arbeitsmarkt

Eine gute gesellschaftliche Diskussion ist wie ein erhellendes Theaterstück. Die Integrationsdebatte dagegen ist eher wie ein Vorhang, der sich just zu dem Zeitpunkt vor die Bühne schiebt, an dem die eigentliche Vorstellung beginnt. Dabei wird hinter dem Vorhang weiter gespielt.

Geradezu kontrapunktisch wurde die Seehofersche Forderung nach der roten Karte für Ausländer aus anderen Kulturräumen von vielstimmigen Forderungen aus der Wirtschaft nach Lockerungen des Ausländerrechts zu Gunsten qualifizierter Arbeitsmigranten konterkariert. Aus Seehofers Redcard ist die europäische Bluecard geworden, welche zunehmend mit der Forderung nach Erleichterungen für ausländische Arbeitnehmer verbunden wird, die nicht höchst, sondern nur hoch qualifiziert sind. Das Mindesteinkommen soll dementsprechend von über sechzigtausend auf vierzigtausend Euro pro Jahr gesenkt werden, auf ein höheres Facharbeiterniveau also.

Die FDP forderte gar ein Punktesystem nach welchem die Nützlichkeit ausländischer Arbeitnehmer für unseren Arbeitsmarkt gerankt werden soll, und zwar weitgehend unabhängig vom Kulturkreis aus dem die Bewerber kommen. Die CSU hält dagegen, dass nach Einführung der Freizügigkeit auf dem europäischen Arbeitsmarkt in 2011 zunächst die dreiundzwanzig Millionen Arbeitslosen in Europa einen Job haben müssen, bevor Menschen aus anderen Regionen angeworben werden dürfen.

Im Schutz einer scheinbaren Abschottungsdebatte gegen Überfremdung religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Art, findet in Wirklichkeit die Eröffnung des globalen Arbeitsmarktes in aller Konsequenz statt. Die konservativen Wähler der CDU/CSU werden getäuscht und hinters Licht geführt. Deutschland wird nicht abgeschottet, sondern ganz im Gegenteil geöffnet. Dies ist die gute Nachricht. Wie unter diesen Bedingungen Arbeitnehmerinteressen geschützt werden können, ist eine Frage, zu der die SPD jetzt Stellung nehmen sollte.

Eine schlechte Nachricht ist allerdings, dass die wirklich guten Leute gern woanders hingehen. Hochqualifizierte verlassen in immer größerem Maßstab das Land und lassen sich in Amerika und Asien anwerben. Dies gilt bei weitem nicht nur für Ärzte und Ingenieure. Bereits Industriemeister haben in Indien, China und Amerika gute Chancen mit der Tendenz nach oben.

Erschreckend finden dies sogar einige CSU-Politiker, die der deutschen Wirtschaft vorwerfen, die Arbeitsbedingungen im Lande zu unattraktiv zu gestalten. Gemeint ist natürlich auch die Bezahlung. Deutschland ist im internationalen Wettbewerb um Arbeitskräfte zunehmend abgehängt. Man sollte es kaum glauben. Wir gelten in vielen Branchen als Niedriglohnland! Technisch, wie immer, auf dem neuesten Stand, hinken wir gesellschaftlich gesehen mal wieder hinterher. In der Ära Schröder haben wir angefangen unsere Lohnstückkosten in den Keller zu drücken und müssen jetzt mitten in der kräftigsten Konjunktur auf ein sattes Prozent Wachstum verzichten, weil wir unsere Kapazitäten nicht ausweiten können. Die qualifizierten Arbeitskräfte fehlen. Dabei befinden wir uns tief in einer ausländerfeindlichen Debatte, die vollkommen verkennt, dass ein hoch qualifizierter Inder in einem deutschen Unternehmen zehn Arbeitsplätze für geringer qualifizierte Deutsche ermöglichen könnte. Eine Kränkung vielleicht, aber eine Chance zugleich.

Hören wir also auf, uns gegenseitig hinters Licht zu führen und diskutieren auf Grundlage der Realitäten eines längst globalisierten Arbeitsmarktes. Schluss mit dem romantischen deutschen Idealismus des neunzehnten Jahrhunderts. Stellen wir uns dem internationalen Wettbewerb um Arbeitskräfte. Hören wir auf, die deutsche Leitkultur zu beschwören und kümmern uns lieber um eine internationale Willkommenskultur für Menschen aller Nationalitäten und Kulturkreise. Nur dann bleiben wir konkurrenzfähig.

von Sönke Paulsen (51) siehe auch: http://www.forum-dl21.de/