Zum Tod von Tony Judt

von Tim Rohardt  

Am 6.8. ist Tony Judt, der Direktor des Remarque Institute an der New York University an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Der britische Historiker und Kenner noch der kleinsten Verästelung des linken Diskurses in Europa hat sich bis vor Kurzem mit Vehemenz in die politische Debatte um soziale Gerechtigkeit und die Rolle des Staates eingebracht.

So ist jüngst noch „Das vergessene 20. Jahrhundert´, die Rückkehr des politischen Intellektuellen“ (2010) im Hanser Verlag erschienen. Judt setzt sich dort noch einmal mit seinen grundlegenden Fragen an unsere Zeitgeschichte auseinander: Was bedeutet soziale Gerechtigkeit? Welchen Platz nimmt Europa neben den Supermächten ein? Er präsentiert die politischen Denker des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Argumenten die großen Debatten dieser Ära beherrschten: Hannah Arendt, Eric Hobsbawm, Albert Camus und viele mehr.

Neben dieser Arbeit hielt er im Dezember 2009 einen Vortrag an der New York University mit dem Titel „What is Living and What is Dead in Social Democracy?“, der im Frühjahr dieses Jahres mit dem Titel „Sozialdemokratie der Angst“ in der Zeitschrift „ die blätter für deutsche und internationale Politik“ veröffentlicht wurde.  

Zuvor gab es einen Ausschnitt davon als Beitrag im Blog der Demokratischen Linken 21 zu lesen, in dem Judt auf das Paradox der Wohlfahrtsstaatlichkeit und tatsächlich aller sozial und demokratisch verfasster (als auch christdemokratisch regierter) Staaten in Europa hinweist. Dieses Paradox, dass sein Erfolg über die Zeit die Attraktivität des Wohlfahrtsstaates unterminimiert. Es ist die soziale Demokratie, welche die europäische Mittelklasse nach dem zweiten Weltkrieg an die liberalen Institutionen band. Sie habe in vielen Fällen die gleichen wohlfahrtstaatlichen Dienste in Anspruch nehmen können wie die Armen: Freier Zugang zu Bildung, günstige oder freie medizinische Versorgung, öffentliche Pensionen, usw. In der Konsequenz fand sich die Mittelklasse in den 60er Jahren des 20Jh. in Verfügung über ein erheblich größeres Einkommen als je zuvor. Sie verfügten über Zugänge zu lebenswichtigen und Lebenserleichternden Einrichtungen, die in der Besteuerung vorausgezahlt wurden. Insofern wurde die Mittelklasse, welche zwischen den Kriegen der Angst und Unsicherheit ausgesetzt war eng in den demokratischen Konsens eingeflochten. 

Das Thema, welches Judt seit Ende der 70er Jahre beschäftigte war, dass dieser Konsens vernachlässigt wurde. Mit der Steuer- und Arbeitsmarktreform der Thatcher-Reagan Jahre, gefolgt von Deregulierung des Finanzsektors wurde die Ungleichheit wieder Thema in der westlichen Gesellschaft. Der Gini-Koeffizient in den USA heute sei vergleichbar mit dem von China. Wenn man berücksichtigt, dass China als Entwicklungsland gilt, dann kann man absehen wie weit der Prozess der Ungleichheit in der Gesellschaft um sich gegriffen hat.

Tony Judt hat uns aufgefordert, wieder zu lernen, „Staat zu denken“. Anders werden wir nicht weit kommen. Der Staat sollte keine Doppelstruktur sein. Wie John Maynard Keynes schrieb: „Die wichtige Sache an einer Regierung ist, dass sie nicht tut, was Individuen sowieso bereits tun und sie ein wenig besser oder schlechter zu tun. Es geht darum, dass der Staat tut, “was gegenwärtig gar nicht getan wird“. Aus bitterer Erfahrung sollte uns bewusst sein, dass es außerdem Dinge gäbe, die der Staat ganz bestimmt nicht tun sollte.

Tim Rohardt (32) ist Politologe und freier Mitarbeiter der DL 21 und der spw.