Arbeit durch Umwelt - Plädoyer für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik

von Tim Schlösser

In einer zukunftsfähigen Ökonomie sind gute Arbeit und eine geschützte Umwelt keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Ohne das jeweils andere sind sowohl unsere Arbeitsplätze, als auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen vom Aussterben bedroht.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich die globalen ökonomischen Herausforderungen auf dramatische Art und Weise verändert und verschärft. Mit China, Indien, Brasilien, Mexiko und weiteren Schwellenländern sind neue Akteure mit rasantem Wirtschaftswachstum auf der Weltbühne aufgetaucht. Deren Hunger nach einer Steigerung des Lebensstandards ihrer Bevölkerung ist - einhergehend mit dem fortschreitenden Entwicklungspfad der traditionellen Industrieländer Europas, Nordamerikas und Japan - zu einer großen Herausforderung für die globale Ökonomie und gerade auch für Deutschland geworden.

Die Herausforderung besteht sowohl in ökonomischer, wie auch in ökologischer Hinsicht. Um den Standort Deutschland zu verteidigen werden Sozialleistungen gekürzt, die Löhne stagnieren und führt die Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse zu einem gewaltigen Anstieg prekärer Arbeit. Hierdurch sinkt die soziale Sicherheit eines Großteils der Bevölkerung insgesamt. Gleichzeitig steigt massiv der Druck auf unsere Umwelt, sind es doch nicht mehr "nur" die Länder des Westens die die Ressourcen unseres Planeten - einschließlich Atmosphäre - ausbeuten, sondern zunehmend gerade auch die Schwellen- und Entwicklungsländer.

Es ist heutzutage wissenschaftlicher Konsens, dass basierend auf der 150-jährigen Industrialisierung des Westens und beschleunigt durch das Wirtschaftswachstum der Entwicklungs- und Schwellenländer, der anthropogene (durch Menschen verursachte) Klimawandel rasant voranschreitet. Diese globale Entwicklung stellt uns vor gewaltige, aber nicht unlösbare Aufgaben. Ziel muss sein, eine wirtschaftliche Entwicklung für alle Länder der Welt zu ermöglichen, die Armut von Milliarden Menschen zu bekämpfen, eine stetige Verbesserung der Lebensqualität möglichst vieler zu erreichen und dies im Einklang mit der Natur zu tun.

Im aktuellen Diskussionspapier der SPD zur Zukunftswerkstatt "Arbeit - Umwelt - Innovation" heißt es: "Wir wollen nicht einfach zurück zum alten Wachstumsmodell, das uns in die Krise geführt hat. Denn diese Krise stellt ein Wachstum infrage, das durch Spekulationen befeuert wird, um dann in kürzester Zeit wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Sie stellt ein Wachstum infrage, das durch den Raubbau an Ressourcen dem Wohlstand von morgen die Grundlage entzieht. Sie stellt ein Wachstum infrage, das wenige bereichert und immer mehr Menschen abhängt. Wir müssen grundsätzlich neu nachdenken, welches Wachstum wir wollen und was uns als Wert unserer künftigen gesellschaftlichen Entwicklung erscheint."

Das wünschenswerte und für den globalen Frieden notwendige ökonomische Wachstum muss allen Ansprüchen einer sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit genügen. Hierfür ist es Grundbedingung, dass der vermeintliche Widerspruch zwischen Arbeit und Umwelt aufgelöst wird. Er hat auch nichts mehr mit der Realität zu tun. Der rasante Aufstieg der Erneuerbare Energien-Branche mit der Schaffung von mehr als 250.000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland ist ein deutlicher Beweis. Allerdings erschöpfen sich die Arbeitsmarktpotentiale explizit nicht in diesem Bereich. Es geht um die "Durchökologisierung" jedes Arbeitsplatzes mithilfe von Energie- und Rohstoffeffizienz. Nur durch eine drastische Verringerung des Einsatzes von Elektrizität, Wärme, Kälte und Material sind Arbeitsplätze - gerade in Deutschland - zukunftsfähig. Dies bedeutet jedoch nicht eine geringere Qualität, weniger Leistung, weniger Technik oder im privaten Bereich weniger Lebensstandard. Durch stetige Innovation und den Einsatz intelligenter Technologie müssen stattdessen sowohl die Arbeitsqualität als auch der Lebensstandard jedes Menschen steigen.

Für die Steigerung der Energieeffizienz, d. h. einen geringeren Verbrauch von Elektrizität, Wärme und Kraftstoff, sprechen zahlreiche Argumente. Sowohl ökonomisch als auch ökologisch ist es die richtige Antwort auf steigende Energiepreise. Überall dort wo Energie- und damit einhergehend Rohstoffeinsparungen möglich sind, macht sich dies unmittelbar finanziell bemerkbar. Dies gilt für die einzelnen Privathaushalte, das Gewerbe und die Industrie und ebenso wie für die Volkswirtschaft insgesamt. Für das produzierende Gewerbe ergibt sich aus weniger Energie- und Rohstoffverbrauch eine höhere Produktionseffizienz und daraus folgend wettbewerbsfähigere Preise. Für jeden Einzelnen ergibt sich daraus die soziale Dimension der Energieeffizienz: je niedriger die Kosten für Energie, desto höher ist der Spielraum für anderweitige Ausgaben wie Bildung, Kultur, gesunde Ernährung, Kleidung, Mobilität und Freizeit.

Eine Ökologisierung muss vor allen Dingen im Industriesektor stattfinden. Dort entstehen die Produkte, die eine Energieeffizienzrevolution vorantreiben und gleichzeitig bestehen dort durch effiziente Anlagen- und Produktionstechnik große Einsparpotentiale. Gegenwarts- und Zukunftsmärkte - insbesondere für die deutsche Industrie - bestehen auf dem Gebiet der grünen Anlagentechnik, dem Maschinenbau, der Elektrotechnik und -mobilität, der Biotechnologie, der Recycling- und Verwertungstechnik, den Erneuerbaren Energien und der Chemie. Hier müssen von innovativen Unternehmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen mit politischer Unterstützung die Weichen für eine Effizienzrevolution gestellt werden.

Über den Industriesektor hinaus, ist es aber gerade auch der Dienstleistungssektor, der einen essentiellen Beitrag zu einer nachhaltigen Ökonomie leistet. Dieser besteht insbesondere im Bereich der Bildung und Weiterbildung. Um den angestrebten Wandel vollziehen zu können, bedarf es einer kontinuierlichen, sukzessiven Ausbildung von Fachkräften, die eine Energie- und Rohstoffeffizienzoffensive gestalten und vorantreiben. Es entsteht gewaltiger Bedarf an Nachhaltigkeitsberatung für Unternehmen, für die öffentliche Hand und für Privatpersonen. Im Handwerk, in der Architektur, bei IT-Dienstleistungen und vielen weiteren Dienstleistungsbranchen können durch eine Ökologisierung zukunftssichere Arbeitsplätze entstehen.

Politische Weichenstellungen, die notwendig sind um diese "grüne Revolution" auszulösen und voranzutreiben, wirken wie ein gewaltiges Konjunkturprogramm. Für den Erhalt der Arbeitsplätze und des Wohlstands für die Menschen in unserem Land ist die Zukunftsperspektive deshalb eine ökologische Wirtschaftspolitik basierend auf dem Prinzip höchstmöglicher Energie- und Rohstoffeffizienz. Denn die Zukunft heißt nicht "Arbeit statt Umwelt", sondern "Arbeit durch Umwelt".

Tim Schlösser, 27, ist Mitglied im Landesvorstand der NRW Jusos und leitet die Arbeitsgruppe Umwelt + Energie