Gut aufgestellt?! Zur Jubiläumstagung in Hattingen


 „Ich habe die Chancen nie hastig vergeben. Ich habe sie lieber gemütlich vertändelt." So lautet eine berühmte Selbsteinschätzung des Fußballidols Willi „Ente" Lippens. Es ist nicht überliefert ob auch nur einer oder eine der über fünfzig Genossinnen und Genossen, die sich Ende November 2009 zum 20jährigen Jubiläum des spw-Fördervereins in Hattingen trafen, diese Selbsteinschätzung kannten oder gar für die Geschichte der spw teilten. Nun ist es in der Sphäre der Politik auch ungleich schwieriger, Chancen als solche genau zu identifizieren und zu benennen als im Fußball. Aber unterschwellig schwang diese Frage auch an diesem historischen Treffen immer mit. Friedliche Revolution, Mauerfall, Zusammenbruch der Sowjetunion, das Ende des historischen Zyklus 1919-1989 und der bipolaren Welt. Kriege am Golf, Aufstieg des Islamismus zur neuen Feindfigur und -kultur, die die westliche Welt, trotz heftiger ökonomischer Kriege zwischen den Zentren, zusammenschweißte. Schließlich die Abwahl von Kohl und der kurze aber wirkungsmächtige Siegeszug der Schröderpolitik ,verbunden mit dem Beginn vom Ende der Volkspartei SPD.

Nicht eben sonderlich gute Ausgangsbedingungen für Chancen oder gar Siege einer marxistisch geprägten Ideen- und Politikschmiede wie der spw. Unsere eigentlichen Chancen in dieser Zeit bestanden wohl eher darin, im Spiel zu bleiben, sich selbst zu erneuern und neue politische wie theoretische Anfänge zu finden. Kurzum: Lebendigkeit in der Interpretation und Veränderung der realen gesellschaftlichen Verhältnisse zu zeigen und nicht zum Gichtonkel zu werden, der sich vor jeder Zugluft fürchtet.

Die Hattinger Tage haben gezeigt, die spw ist höchst lebendig! In erstaunlicher Art und Weise hat sich in Hattingen eröffnet, dass die mittlerweile existierenden vier Generationen der spw miteinander verständigungsfähig, offen und neugierig aufeinander sind und die eigenen ideengeschichtlichen Linien und Diskurse gesellschaftlich „andockfähig" an die aktuellen Ereignisse machen und neue Orientierung verleihen können. Das Erbe von 1978 ist also keinesfalls gemütlich vertändelt worden.

Beispielhaft für diese Orientierungsleistung stehen die programmatischen Meilensteine der spw. Von den Herforder Thesen, über die 53 Thesen, die Crossover-Thesen bis zu den Netzwerk-Thesen von 2001 zieht sich bei aller Unterschiedlichkeit in der Tonalität, in der Schwerpunktsetzung und Einordnung – die immer aus der konkreten historischen Situation heraus verstanden werden muss – eine stabile Linie des Geschichts- und Gesellschaftsverständnisses: Es gibt keinen allgemeingültigen, uniformen Kapitalismus, der unabhängig von Zeit, Raum und Kultur immer auf den gleichen ehernen Gesetzen der Kapitalakkumulation fußt und diesen Gesetzen permanent alles andere unterwirft. Die Geschichte der Gesellschaft, der Welt ist eine Geschichte von Klassenkämpfen und eine Geschichte von Aufstieg und Fall sehr unterschiedlicher Produktionsverhältnisse (neudeutsch: Akkumulationsregime). Das Wesen der Entwicklung beruht auf dem Drang, die Fesseln der herrschenden Produktionsverhältnisse zu sprengen. Insoweit ist es die Linie der spw, die jeweils historisch entstandene oder auch entstehende Konfiguration von Produktivkraftentwicklung mit den technischen, rechtlichen, politischen, kulturellen und auch psychosozialen hegemonialen (Produktions-)Verhältnissen analytisch zu präzisieren, politisch zuzuspitzen und mobilisierend aufzuladen. Das wäre die richtige und produktive Lesart der Kette unterschiedlicher Akkumulations-Konfigurationen, die wir in unserer Ideen-Geschichte vorzuweisen haben: Vom staatsmonopolitischen Kapitalismus der späten 1970er Jahre, über den Fordismus der späten 1980er Jahre, dem Suchen im Post-Fordismus der 1990er Jahre und dem Netzwerk-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts.

Auch der Einstieg auf der Hattinger Tagung in die historischen Dokumente durch einen diskursiven Überblick von Uwe Kremer, durch Einordnungen von Dieter Scholz, Andreas Bach, Horst Peter und Joachim Schuster ist deutlich geworden: Bei der Erarbeitung und Analyse dieser historischen Konfigurationen ist es wichtig, gegen dogmatische Verengung zu kämpfen. Theoretisch abstrakte Figuren wie der Fordismus oder der staatsmonopolistische Kapitalismus sind notwendiger Weise tiefenunscharf, haben blinde Flecken und überbetonen insbesondere in der politischen Zuspitzung möglicherweise einen Aspekt (Staatsfunktion, Produktionsformen) und lassen andere Aspekte (etwa das Geschlechterverhältnis oder den Rassismus) zu schwach erscheinen. Entscheidend ist, dass die „Ideentanker" der theoretischen Großfiguren Phantasien freisetzen für weitere Analysen, Interpretationen und Einordnungen. Das ist es, was wir mit Orientierung meinen. Denkfiguren sind nicht dazu da, um ideologische Zäune zu ziehen, Demarkationslinien zu beschreiben oder andere auszuschließen, sondern um Quelle für weitere Ideen und theoretische Beiboote zu sein. Nur so wird Theorie handlungsmächtig.

Beispiele wie die New Deal-Debatte der 1990er Jahre, die Identitätsdebatte im aufkeimenden Antiislamismus, die Diskussion um die Zukunft der Arbeit und die neuen Geschlechterverhältnisse, der Diskurs der Solarwirtschaft und der Zukunft des europäischen Kontinents (Europathesen) sowie die Debatte um den Arbeitskraftunternehmer und die neuen Zeiten zeigen, was mit dieser Art der Lebendigkeit gemeint ist.

Die Hattinger Diskussion um die aktuelle Lage der SPD, um die Perspektiven einer Mosaik-Linken aus den drei Parteien links von der Union, um das Phänomen der Piratenpartei und den Wandel in den tragenden Milieus und Gesellschaftslagern sowie der neuen Landnahmetheorie und dem Finanzmarktkapitalismus von Klaus Dörre u.a. erzeugen für die spw neue Anschlussstücke an die sich verändernde politische und gesellschaftliche Realität. Dazu an dieser Stelle nur soviel: Es scheint, als häute sich der Kapitalismus erneut. Grundlegende Transformationsbewegungen wie die steigende Produktivkraft vernetzter Produktion, wie die zentrale Rolle der Wissensarbeit und die technologische Revolution durch das Internet wirken erst jetzt verstärkter nach als wir es zu Beginn des Jahres 2000 dachten. Die Dimension der nachhaltigen Dominanz des Finanzkapitals (Episode oder Epoche?) bleibt dabei umstritten. Möglichweise hat das Modell Wall Street den Durchbruch der Produktivkraft Wissen nur aufgehalten und für seine Zwecke pervertiert, aber es hat sie nicht vernichtet.

Den Diskurs um die aktuelle Häutung des Kapitalismus weiter fortzuführen, zu verdichten und neue politische Konsequenzen für eine offensive Strategien des sozialen Fortschritts daraus abzuleiten, ist das Versprechen von Hattingen. Tägliche Gelegenheit gibt dazu auch der Blog Newspw  

Der spw-Blog: http://spwblog.wordpress.com/

Flyer Jubiläumstagung 2009