SPW Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft - Nr.96/1997

Theoretiker/Innen

    Gleichheit und Klassenkampf

     

    Clara Zetkin zum 140. Geburtstag

     

    von Antje Trosien*

     

    * Antje Trosien, Bayreuth, stv. Landesvorsitzende der Jusos Bayern, Juso-Bundesausschuß

     

    "Die führende Rolle [...] beim Aufbau der proletarischen Frauenbewegung der späten neunziger Jahre überhaupt wurde zweifellos von Clara Zetkin gespielt", heißt es bei Richard E. Evans (S. 96). "Das Leben von Clara Zetkin spannt sich wie eine Brücke von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus - mit Friedrich Engels hat sie noch mehrere Jahre zusammengearbeitet - bis zu den Erbauern des ersten sozialistischen Staates unter Führung W. I. Lenins, mit dem sie eine herzliche Freundschaft verband", ist 1960 in einem Nachwort zu einem Buch aus dem VEB "Volk und Wissen" zu lesen, und an wieder anderer Stelle wird sie die "weibliche Symbolfigur der Kommunisten" genannt (Schneider, Sie waren die ersten).

     

    Welchen Blick frau auch immer auf Vita und Wirken von Clara Zetkin wirft, nicht nur ihr frauenpolitisches Engagement bedarf der Würdigung, auch ihre antimilitaristische Haltung muß erwähnt werden, umso mehr, als in der Sozialdemokratie (wieder mal) Militarisierung der Außenpolitik auf der Tagesordnung steht.

     

    Biographisches

     

    Clara Eissner kam am 5. Juli 1857 im sächsischen Wiederau als Tochter eines Dorfschullehrers zur Welt; über ihre Kindheit ist wenig bekannt, außer daß die Familie 1872 nach Leipzig übersiedelte. Nicht nur weil sich in ihrer Familie mehrere Lehrer fanden (ihr Großvater Vitale hatte die napoleonische Armee verlassen, um Lehrer zu werden), sondern auch, weil dies einer der wenigen Frauenberufe war, der ein wenigstens halbwegs erträgliches Auskommen ermöglichte und dennoch über eine gewisse soziale Akzeptanz verfügte, besuchte Clara das Lehrerinnenseminar von Auguste Schmidt.

     

    Zur selben Zeit lernte sie in Leipzig in einem Kreis russischer EmigrantInnen den aus Odessa stammenden Schriftsetzer Ossip Zetkin kennen, der bereits intensiv politisch aktiv war.

     

    Ihm folgte sie 1883 auch nach Paris, wo die beiden angeblich heirateten (Schneider, S. 94) - andere Quellen wissen nichts davon. Richtig ist, daß Clara sich von da an Zetkin nannte, und daß 1883 und 1885 in Paris die Söhne Maxim und Kostja geboren wurden. Als Ossip Zetkin schwer erkrankte und 1889 starb, stand die junge Frau als alleinerziehende Mutter mit Kleinkindern da. Ihre Familie hatte sich wegen ihrer Sympathie zur Sozialdemokratie von ihr gelöst. Angewiesen darauf, den Lebensunterhalt ihrer Familie verdienen zu können, übernahm Clara Zetkin 1891, gefördert auch von dem Verleger J.H.W. Dietz, die Redaktion der in Stuttgart erscheinenden Frauenzeitschrift "Die Gleichheit", was eine weitere Übersiedelung erforderlich machte.

     

    In Stuttgart lernte Zetkin den achtzehn Jahre jüngeren Maler Friedrich Zundel kennen. Diese Liebesbeziehung galt schon wegen des Altersunterschieds als Skandal, vielleicht ein Grund dafür, daß Clara Zetkin diesmal tatsächlich heiratete - allerdings ohne sich fortan Zundel zu nennen.

     

    Bis 1917 war Clara Zetkin Chefredakteurin der "Gleichheit", und immer wieder unterwegs als Parteiagitatorin. Doch ab 1913 zeichneten sich zunehmend Konflikte ab. Gegen Lily Braun hatte sie sich um die Jahrhundertwende durchsetzen können, doch innerhalb der SPD fanden sich schnell neue Konkurrentinnen, Frauen, die bequemer und angepaßter waren - oder erschienen. Eine von ihnen, Luise Zietz, mit einem sehr pragmatischen frauenpolitischen Ansatz, machte Zetkin zuerst Schwierigkeiten und übernahm ihre Funktionen - und folgte ihr später auf dem Weg in die USPD, was niemand so vermutet hätte.

     

    All diese Auseinandersetzungen hatten aber immerhin zur Folge, daß Clara Zetkin ständig unter Druck stand, ständig überarbeitet war und schlußendlich massive gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf nehmen mußte.

     

    Clara Zetkin, Lily Braun und die bürgerliche Frauenbewegung

     

    Als einer der spannendsten Aspekte an Zetkins frauenpolitischem Ansatz erscheint vielen AutorInnen ihr konfliktbeladenes Verhältnis zu Lily Braun. Diese wurde von Zetkin auch wegen ihrer revisionistischen Haltung entschieden bekämpft. Und wenn auch Lily Braun in ihrer Autobiographie "Memoiren einer Sozialistin" die Personen anders benennt, so ist doch reichlich offenkundig, daß sich hinter der von ihr vielfach kritisierten Wanda Orbin niemand anders als Clara Zetkin verbergen kann.

     

    Zetkins Ansichten über die bürgerliche Frauenbewegung waren eindeutig. So schreibt sie: "Sie [die bürgerliche Frauenbewegung] strebt lediglich danach, die bürgerliche Gesellschaft durch Lösung der rechtlichen und sozialen Bindungen zu reformieren, die das weibliche Geschlecht zum Vorteil des Mannnes fesseln. Dem Kampf für die frauenbefreiende Revolution der Gesellschaft mittels der Machteroberung des Proletariats und der Aufrichtung des Sozialismus steht die übergroße Mehrheit der Frauenrechtlerinnen heute nicht mehr mit dem Schein einer gewissen Neutralität gegenüber wie zum Teil in den Anfängen der Bewegung, sondern vielmehr in unverhüllter bitterer Feindschaft. Die bürgerliche Frauenbewegung ist folglich nicht Vorkämpferin, Interessenvertreterin aller befreiungssehnsüchtigen Frauen. Sie ist und bleibt bürgerliche Klassenbewegung." (Zetkin, Proletarische Frauenbewegung, S. 149)

     

    Während Lily Braun eine wesentlich tolerantere Haltung zur Zusammenarbeit hatte, weil sie in dieser Frage davon beeinflußt wurde, daß sie über bürgerliche Diskussionszirkel zur Sozialdemokratie gefunden hatte, betonte Clara Zetkin immer wieder die Notwendigkeit der "reinlichen Scheidung" der proletarischen von der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie begründete dies folgendermaßen: "Ihr (das der proletarischen Frauenbewegung, A.T.) Handeln wurde von der Auffassung geleitet, daß nur der revolutionäre Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft und die Verwirklichung des Sozialismus als Tat des sich kämpfend befreienden Proletariats der Gesundheit der Frauen voll erblühendes und sich auswirkendes Menschentum bringen werde und nicht die formale Gleichstellung der Geschlechter im Gesetz." (Richebächer, S. 142)

     

    Auf den Punkt gebracht, war Zetkin der Auffassung, daß jedenfalls die Geschlechtszugehörigkeit nicht über die Zugehörigkeit zur Klasse zu stellen sei und es dies auch in die politische Praxis umzusetzen gelte.

     

    Wirken in der Partei

     

    Nachdem die SPD bereits 1891 mit dem Erfurter Programm nicht nur das aktive und passive Wahlrecht für alle "ohne Unterschied des Geschlechts" sowie "die Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffentlich und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen", zu Forderungen erhoben hatte, blieb dennoch einiges zu tun.

     

    1894 gelang es Zetkin, auf dem SPD-Parteitag durchzusetzen, daß die 1892 von Ottilie Baader abgeschaffte Schutzklausel wieder eingesetzt wurde, wonach die Frauen der örtlichen SPD das Recht hatten, eine Delegierte zu nationalen Parteikongressen aus ihren Reihen zu wählen. "Theoretisch", so auch Ignaz Auer, "hörte sich's sehr schön an, als die Berlinerinnen die Streichung der früheren Bestimmung beantragten. Praktisch ist die Geschichte anders gekommen. Wir müssen der sozialdemokratischen Frauenbewegung Gelegenheit zur Vertretung auf den Parteitagen geben, ohne daß sie dabei von der Gnade der Männer abhängig sind." (Evans, S. 87) Clara Zetkin forderte den Parteitag auf, die Statuten erneut zu verändern, und der Kongreß stimmte ohne weiteres für ihren Antrag.

     

    1896 konnte Clara Zetkin auf dem SPD-Parteitag weitergehende Forderungen zur "Frauenagitation" durchsetzen. Nach einem einleitenden Referat von ihr nahmen die Delegierten eine Resolution an, die eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung ablehnte und empfahl, unter den Frauen für folgende Ziele zu agitieren: Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes und Achtstundentag; gleicher Lohn für gleiche Leistung ohne Unterschied des Geschlechts, gleiche Bildung und freie Berufstätigkeit für beide Geschlechter, privatrechtliche Gleichstellung, um nur einige Punkte zu nennen (nach: Miller, S. 543). Zudem wurde Clara Zetkin auf diesem Parteitag in die Kontrollkommission gewählt.

     

    Im Rahmen ihrer Parteitätigkeit ging Zetkin nicht nur immer wieder auf Vortragsreisen, bei denen sie vielfach 500 bis 700 ZuhörerInnen anzog und Säle füllte, wenn sie zu Fragen wie "Der Zolltarif und die Frauen" (Evans, S.166) sprach, sondern sie referierte auch häufig auf SPD-Parteitagen oder nahm dort Stellung zu "allgemeinen" Tagesordnungspunkten. Ausgangspunkt und Machtbasis war für Zetkin besonders die Berliner Frauenagitationskommission, in der sie den Vorsitz führte und in der sie mit Tagesordnung und Zeitbudget genauso umging, wie es ihren Zwecken diente. "Nun aber schnell zur Abstimmung - wir versäumen ja noch die Pferdebahn. - Ich denke, wir bleiben bei unserern Vorschlägen!" (Evans, S. 117, nach Lily Braun, Memoiren) - diese Situation beschreibt die "Bestimmung" von Delegierten zu einer überregionalen Konferenz.

     

    Als Clara Zetkin 1919 zur KPD übertrat, setzte sie dort ihren innerparteilichen Kampf für die Emanzipation der Frau fort. 1921 legte sie auf einer Konferenz Richtlinien vor, die die Qualität und Ausrichtung der Frauenpolitik strukturieren sollten. "Die Richtlinien gehen von der Feststellung aus, daß das Privateigentum die letzte Ursache der Geschlechtssklaverei und der Klassensklaverei ist und daß einzig und allein die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, ihre Umwandlung in Gesellschaftsbesitz, volle Frauenbefreiung sichert." (Zetkin, Proletarische Frauenbewegung, S. 164)

     

    Frauenerwerbstätigkeit und Mutterrolle

     

    Das in der Mehrheitssozialdemokratie verbreitete Frauen- und Familienbild ging weitgehend davon aus, daß innerhalb der Familie die Mutter, auch wenn sie lohnabhängig beschäftigt war, die wesentliche Verantwortung für die Erziehung der Kinder und die Hausarbeit zu übernehmen hatte. Faktisch kam es also zu einer Doppel- und Dreifachbelastung der Proletarierinnen (vgl. Richebächer, Miller, Evans, u.a.). Allerdings, so argumentierte Engels, ohne näher auf die Vervielfachung der Anforderungen an die Frauen einzugehen, böte die Erwerbstätigkeit den Frauen die Chance, "dem letzten Rest der Männerherrschaft in der Proletarierwohnung" den Boden zu entziehen (Engels, S. 211). Von vollständiger Gleichberechtigung könne aber erst gesprochen werden, wenn auch die juristische Gleichstellung der Frauen erreicht sei.

     

    Clara Zetkin schloß sich dieser Argumentation weitgehend an, obwohl ihr bisweilen vorgeworfen wurde, aus der Mutterschaft eine mystische Angelegenheit gemacht zu haben, dies wird vor allem in einigen in der "Gleichheit" erschienenen Artikeln deutlich. Sie betonte aber auch immer wieder, daß die Mutterrolle keine angeborene natürliche Eigenschaft der Frau sei. "Den Beruf der Mutter feiert man als den höchsten und schwierigsten aller Berufe. Aber reif und würdig für die Erfüllung dieses Berufs soll jedes Gänschen sein..." (Badia, S. 77)

     

    Und für die Erziehung der Kinder sah sie eine Mischung aus privater und öffentlicher Verantwortung vor: "So hoch wir das mütterliche Wirken einschätzen, so unentbehrlich, ja so vertiefungsbedürftig uns der erzieherische Einfluß des Heimes dünkt: wir sagen nein! Die Erziehung des Kindes muß das harmonisch zusammengestimmte Werk von Heim und gesellschaftlichen Einrichtungen, von Mutter und Vater sein." (Zetkin, Duncker, Borchardt, Die Erziehung, S. 19)

     

    Die Frauenerwerbstätigkeit wurde von den meisten männlichen Sozialdemokraten eher als notwendiges Übel gesehen, um Familieneinkommen zu sichern, selten aber als Recht der Frauen auf Erwerb akzeptiert. Im Gegenteil, und dies ist auch durch Zitate belegbar, wurden Frauen verschiedentlich als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt begriffen und galt es als "Errungenschaft", wenn mann es sich leisten konnte, die Familie zu ernähren, ohne auf zusätzlichen Verdienst von Frau (und Kindern) angewiesen zu sein (vgl. Miller).

     

    Clara Zetkin hat sich jedoch zu diesen Fragen mehr als eindeutig verhalten. Ihr zentralstes Anliegen war die Auseinandersetzung mit der Frauenerwerbstätigkeit, die sie nicht nur theoretisch einforderte, sondern auch selbst praktisch lebte.

     

    Dabei kam auch sie zunächst zu dem Schluß, daß die Frauenerwerbstätigkeit aus einer gewissen Notsituation heraus entstanden war, denn "der Lohn des Mannes reichte nicht mehr aus, den Unterhalt für die Familie zu sichern, er deckte oft kaum den nothwendigen Bedarf des ledigen Mannes. Der Unterhalt der Familie forderte sehr bald, daß der Erwerb der Frau zum Verdienst des Mannes hinzutrat." (Zetkin, Frauenfrage, in: Brinkler-Gabler, S. 140) Doch zeigten sich dadurch für die Arbeiterinnen auch neue Möglichkeiten auf: "Die Thätigkeit der Frau ward von einer ersparenden zu einer erwerbenden, die Frau selbst erhielt damit aber die Fähigkeit, auch ohne den Mann zu leben, sie gab der Frau zum ersten Male die Fähigkeit eines vollständig selbständigen Lebens" (ebenda, S. 14).

     

    Vorurteile, daß Frauen die Männerlöhne drückten, ihnen Konkurrenz machten, was zur Arbeitslosigkeit führen könnte und zu Hause die Familie vernachlässigten, entkräftigte Zetkin mit den Worten: "Aus diesem Grunde sich der industriellen Frauenarbeit widersetzen, die Frau ans Haus zurückfesseln wollen, das heißt geradeso thöricht und vergeblich handeln, wie jene englischen Arbeiter, welche die Konkurrenz der Maschine durch Zerstörung von Maschinerie und Fabriken für immer zu beseitigen gedachten." (ebenda, S. 142)

     

    Und die Erwerbstätigkeit der Frauen war schließlich auch der Ausgangspunkt für ihre Forderungen nach Gleichstellung im öffentlichen und rechtlichen Breich. Anders als die bürgerliche Frauenbewegung, die die Emanzipation aus liberal-individualistischen Vorstellungen ableitete, argumentierte Zetkin: "Die Frau, die sich gesellschaftlich-produktiv dem Manne ebenbürtig erweist, die sich ökonomisch ganz auf eigene Füße stellen kann, muß auch politisch und rechtlich demselben gleichgestellt werden " (ebenda, S. 143)

     

    "Die Gleichheit" - Publikation im Auf und Ab

     

    Zielsetzungen der 1891 gegründeten Frauenzeitschrift der Sozialdemokratie waren folgende: "Die Gleichheit ist vor allem ein sozialistisches Organ... Die Gleichheit ist das Organ der Genossinnen und hat als solches die Meinungen über die Theorie und Praxis der proletarischen Frauenbewegung zu klären." (Richebächer, S. 236). Die Chefradakteurin Clara Zetkin betonte, sie werde stets Meinungen und Entscheidungen des Parteivorstandes kritisieren und bekämpfen, wenn sie ihrer "festen Überzeugung nach dem Interesse der Frauenbewegung und der Partei" zuwiderliefen (ebd., S. 237).

     

    Bevor es zu grundsätzlichen politischen Meinungsverschiedenheiten kam, hatte es zunächst lange Zeit Diskussionen um die "Gleichheit" gegeben. War die Propaganda der SPD eindeutig auf Hausfrauen und auf verheiratete Arbeiterinnen ausgerichtet - ihre wichtigsten Themen schienen Lebenshaltungskosten, Fleischpreise und legislative Reformen zum Schutz von Kindern zu sein (vgl. Evans, S. 206), hatte die "Gleichheit" unter Führung von Clara Zetkin eine ganz andere Zielsetzung: "Eine Zeitung wie die 'Gleichheit' kann innerhalb der Bewegung schulend und fördernd wirken, sie hat als Hauptziel verfolgt, die Genossinnen, die im Vordertreffen des Kampfes stehen, prinzipiell klar auf den Boden der Sozialdemokratie zu stellen." (Evans, S. 184)

     

    Kritik gab es häufig dahingehend, daß die schulenden Texte als zu lang und zu wenig unterhaltsam eingeschätzt wurden. Die Wiener Arbeiterinnenzeitschrift der Sozialdemokratin Adelheid Popp, welche das inhaltliche Niveau der "Gleichheit" nie erreichte, aber wesentlich stärker Alltagsfragen berücksichtigte, wurde zum Vergleich herangezogen. Über die Gleichheit hingegen wurde geurteilt: "Ach, gehen Sie mir mit Ihrer Gleichheit! Ich verstehe nichts davon!" (unbekannte Gewerkschafterin, zitiert nach Evans, S. 185).

     

    Schließlich wurde Clara Zetkin gezwungen, Beilagen zu gestalten, die auch Erziehungsfragen thematisierten, und letztendlich führte die radikale Haltung von Zetkin, aber auch die sinkende Auflagenstärke, die den Verleger Dietz stark beunruhigte, dazu, daß die Verantwortung für die Gleichheit Luise Zietz übergeben wurde, die eine weitere Popularisierung betrieb.

     

    Zietz war ab 1913/14 gegen Clara Zetkin aufgebaut worden. Diese hatte zunächst versucht, sich ihrer Konkurrentin durch Intrigen zu erwehren - jedoch ohne anhaltenden Erfolg. Hatte sie in der Auseinandersetzung mit Lily Braun die Mehrheit des Parteivorstandes auf ihrer Seite gehabt, standen die Genossen jetzt gegen sie. Schließlich zog sie sich nach und nach zurück, allerdings nicht aus Resignation, sondern weil sie zeitgleich erhebliche gesundheitliche Schwierigkeiten hatte - sie drohte zu erblinden.

     

    "Wir erheben uns gegen den imperialistischen Krieg!"

     

    Auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Basel 1912, zu einem Zeitpunkt also, als die Kriegsgefahr bereits absehbar war, aber innerhalb der sozialistischen Parteien noch angenommen wurde, daß durch den Zusammenhalt der ProletarierInnen die Bedrohung abgewendet werden könnte, hielt Clara Zetkin eine bemerkenswerte Rede. Bemerkenswert zum einen deswegen, weil sie, ähnlich wie Engels, den Krieg als Mittel der Bourgeoisie zur Profitmaximierung einordnete: "Der Krieg ist nichts als die Erweiterung und Ausdehnung des Massenmordes, dessen sich der Kapitalismus auch im sogenannten Frieden zu jeder Stunde am Proletariat schuldig macht", und weiter: "Die furchtbare Schändlichkeit des Massenmordes der Völker untereinander ist die verbrecherischste, die verrückteste Form der Massenausbeutung des Volkes der Enterbten durch den Kapitalismus." (Die Erziehung, S. 122.) Zum zweiten stellt Zetkin in dieser Rede, die bezeichnenderweise "Wir erheben uns gegen den imperialistischen Krieg!" betitelt wurde, klar, daß bewaffneter Kampf durchaus legitim ist, um die Befreiung des Proletariats durchzusetzen: "Darum können wir die Unsrigen kämpfen und fallen sehen, wenn es die Sache der Freiheit gilt." Auch Frauen wären bereit, ihren Beitrag durch Überzeugungsarbeit dazu zu leisten - aber nicht durch mehr. Bevölkerungspolitische Tendenzen kamen Clara Zetkin nie über die Lippen, und obwohl sie die Hauptverantwortung in Erziehungsfragen stets bei der Mutter sah, lehnte sie die Reduktion der Frau zur Gebärerin von Kanonenfutter beharrlich ab.

     

    Clara Zetkin behielt, im Gegensatz zu vielen anderen, ihre antimilitaristische Position auch bei, als der 1. Weltkrieg bereits begonnen hatte. Dies führte schließlich mehr und mehr dazu, daß sie innerhalb der SPD isoliert und ihrer bisherigen Funktionen enthoben wurde, bis sie letztendlich selbst die Konsequenzen zog und der von ihrer Freundin Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen im April 1917 gegründeten USPD beitrat.

     

    Nach der Sozialdemokratie

     

    "Der ganze Dreck mit der Zietz und dem Parteivorstand", so schrieb Rosa Luxemburg in einem Brief an Zetkin.

     

    Die Loslösung von der Sozialdemokratie war für Clara Zetkin kein einfacher Prozeß, sondern äußerst schmerzlich (vgl. Schneider, S. 102). Vor allem das Verhalten der Mehrheitssozialdemokratie im Ersten Weltkrieg war ausschlaggebend dafür, daß sie sich zunächst der USPD anschloß und 1919, nach der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts, der KPD beitrat. Innerhalb der Kommunistischen Internationale konnte sie dann wieder frauenpolitische Verantwortung übernehmen. Hinzu kam, daß Clara Zetkin ab 1925 auch Präsidentin der Internationalen Roten Hilfe wurde.

     

    Ihren Hauptwohnsitz verlegte die nunmehr fast Siebzigjährige in die Sowjetunion, reiste jedoch trotz anhaltender gesundheitlicher Schwierigkeiten immer wieder nach Deutschland, um sich zum einen propagandistisch für ihre neue Heimat einzusetzen, zum anderen, weil sie für die KPD Reichstagsabgeordnete war. Fast blind, und schon sehr unbeweglich (nach einigen Quellen auch mit Lähmungserscheinungen), erschien sie stark geschwächt ein letztes Mal in Berlin, um im August 1932 als Alterspräsidentin den Reichstag zu eröffnen. Ihr Platz wurde dann von Hermann Göring übernommen.

     

    Knapp ein Jahr später starb Clara Zetkin in Archangelskoje; ihre Urne wurde an der Kremlmauer beigesetzt. Sie war zur "weiblichen Symbolfigur der Kommunisten" geworden - wohl auch deshalb, weil die SPD in jener Zeit kaum noch auf sie Bezug nahm und weder ihre Leistungen noch die berechtigten frauenpolitischen Forderungen entsprechend würdigte.

     

    Aktualität für uns heute

     

    Bereits von zeitgenössischen Feministinnen wurde Clara Zetkins Strategie kritisiert. Anita Augspurg schreibt beispielsweise: "Wenn Clara Zetkin von den Männern einer zur Herrschaft gekommenen Sozialdemokratie erwartet, daß sie die politischen Rechte, auf welche die Frauen heute freiwillig verzichten, freiwillig auf die Frauen ausdehnen, dann hat sie, die doch soviel auf die Lehren der Geschichte gibt, aus ihnen wenig gelernt... In bedeutend kürzerer Zeit werden die Frauen, die solidarisch die Frauen anstemmen (unterstützen, A.T.), die politischen Rechte für sich erkämpft haben, und daß sie alsdann für Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt wirken werden, dürfte sich als sicherer bewahrheiten, als die umgekehrte Rechnung Clara Zetkins." (Augspurg, nach Evans, S. 151)

     

    Diese Debatte, welcher Schritt notwendigerweise der erste sein müsse, oder ob sich beide Ziele nebeneinander verfolgen ließen, hat die feministisch-sozialistische Diskussion in den letzten hundert Jahren entscheidend geprägt und mehr als nur einmal (z.B. in der neueren StudentInnenbewegung) für erhebliche Konflikte gesorgt. Die Sichtweise, daß sich im Sozialismus die Frauenfrage automatisch lösen würde, wurde von zahlreichen Theoretikerinnen in Frage gestellt, z.B. Simone de Beauvoir. In diesem Sinn ist Clara Zetkin dafür kritisiert worden, daß sie sich für das Primat des Klassenkampfes vor der Frauengleichstellung entschieden hatte.

     

    Ein zweiter diskussionswürdiger Punkt bleibt das Verhältnis von Zetkin zu Braun und Zietz. Mit Rosa Luxemburg, die sich aber nicht im geringsten für Frauenpolitik einsetzte, befreundet, war Clara Zetkin überkreuz mit denjenigen, die, mehr oder weniger, für Gleichstellung eintraten. Lily Braun zog sich zurück, Luise Zietz übernahm schließlich Zetkins Funktionen - um ihrerseits aus der SPD verdrängt zu werden, als sie sich gegen die militaristische Ausrichtung der Partei wandte, um dann von Marie Juchacz ersetzt zu werden. Hier könnte wieder einmal die Diskussion über Frauensolidarität geführt werden.

     

    Unvermutet aktuell wird Clara Zetkin aber vor allem im Zusammenhang mit Antimilitarismus. Wer den Außenpolitischen Kongreß der SPD am 18. Juni '97 im Bonner Maritim miterlebt hat, weiß, daß die Partei wieder auf einem ganz gefährlichen Weg der Militarisierung ist. Zetkins Appell "Wir erheben uns gegen den imperialistischen Krieg!" müßte wieder ganz oben auf der Tagesordnung der Parteilinken stehen.

     

    Literatur

     

    Gilbert Badia: Clara Zetkin, Eine neue Biographie, Berlin, 1994;

     

    Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Frauenarbeit und Beruf, Frankfurt am Main, 1979, hier: Gesetzlicher Arbeiterinnenschutz, sowie: Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart;

     

    Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, Berlin, 1977;

     

    Richard J. Evans: Sozialdemokratie und Frauenemanzipation im deutschen Kaiserreich, Berlin, Bonn, 1979

     

    Sabine Hering: Die Kriegsgewinnlerinnen, Pfaffenweiler, 1990;

     

    Susanne Miller: Frauenfrage und Sexismus in der deutschen Sozialdemokratie; in: Hannelore Horn, Alexander Schwan, Thomas Weingartner (Hg.): Sozialismus in Theorie und Praxis, Berlin/New York, 1978

     

    Sabine Richebächer: Uns fehlt nur eine Kleinigkeit - Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890-1914, Frankfurt/Main, 1982;

     

    Dieter Schneider (Hg.): Sie waren die ersten, Frankfurt/Main, 1988; hier: Kurt Koczyk: Clara Zetkin - weibliche Symbolfigur der Kommunisten, S. 91;

     

    Clara Zetkin, Käthe Duncker, Julian Borchardt: Die Erziehung der Kinder in der proletarischen Familie, Berlin, 1960;

     

    Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands, Frankfurt am Main, 1984.

     

     

     

    Marginalien:

     

    "Die bürgerliche Frauenbewegung ist folglich nicht Vorkämpferin, Interessenvertreterin aller befreiungssehnsüchtigen Frauen. Sie ist und bleibt bürgerliche Klassenbewegung."

     

    Die Frauenerwerbstätigkeit wurde von den meisten männlichen Sozialdemokraten eher als notwendiges Übel gesehen, um Familieneinkommen zu sichern, selten aber als Recht der Frauen auf Erwerb akzeptiert.

     

    "Die furchtbare Schändlichkeit des Massenmordes der Völker untereinander ist die verbrecherischste, die verrückteste Form der Massenausbeutung des Volkes der Enterbten durch den Kapitalismus."

     

    Sie war zur "weiblichen Symbolfigur der Kommunisten" geworden - wohl auch deshalb, weil die SPD in jener Zeit kaum noch auf sie Bezug nahm und weder ihre Leistungen noch die berechtigten frauenpolitischen Forderungen entsprechend würdigte.

     

     


[SPW-Homepage] [Programm] [eMail]
[SPW] [Koeln-Online] [eMail]