SPW Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft - 1/97

Theoretiker/innen

    Lily Braun - Kämpferische und bekämpfte Sozialistin

     

    von Antje Trosien und Claudia Walther*

     

    *Antje Trosien, Bayreuth, Studentin, stellv. Landesvorsitzende der Jusos Bayern; Claudia Walther, Aachen, Politikwissenschaftlerin, Mitglied der SPW-Redaktion.

     

    "Die Sozialdemokratie verlangt von ihren Vertretern, daß sie auf dem Boden des Klassenkampfes stehen. Ich gestehe Ihnen offen, daß weder mein Mann noch ich diesen Satz verstanden haben." (an Karl Kautsky, 16. Mai 1895)

     

    Lily Braun gelang es zwar nie, völlig aus dem Schatten von Clara Zetkin (über die wir auch einen Beitrag planen), herauszutreten, sie war aber sicherlich eine der faszinierendsten deutschen Sozialdemokratinnen der Jahrhundertwende. So leistete sie z.B. einen beträchtlichen Diskussionsbeitrag zur Reform der Hauswirtschaft und veröffentlichte u.a. die sehr bemerkenswerte Studie "Die Frauenfrage". Nichtsdestoweniger ist eine kritische Auseinandersetzung mit den von ihr vertretenen Thesen notwendig; Lily Braun äußerte insbesondere gegen Ende ihres Lebens, kurz vor und während des 1. Weltkriegs, Ansichten und Meinungen, die hochgradig problematisch und kritikwürdig sind, nicht nur aus heutiger, sondern auch schon aus damaliger Sicht.

     

    Lebensgeschichte

     

    Lily Braun, geboren 1865 als Tochter eines preußischen Generals in Halberstadt, verbrachte ihre Jugend als Tochter aus gutbürgerlichem, ja, aristokratischem Haus. Ende der achtziger Jahre lernte Lily in Berlin ihren ersten Mann kennen, den Philosophieprofessor Georg von Gyzicki, de, ohne Parteimitglied zu sein, der Sozialdemokratie nahestand. Lily wurde von ihrer Großmutter und von Gyzicki zu literarischem und politischem Engagement ermutigt. Sie begann sich mehr und mehr für die Lebensbedingungen des Arbeiterproletariats und vor allem der weiblichen Arbeiterinnen zu interessieren. Nach dem Tod Gyzickis war Lily weitgehend auf sich allein gestellt; von ihrer Familie hatte sie sich schon vorher gelöst. Mit ihrem Entschluß, der SPD beizutreten und sich dort politisch zu betätigen, setzte sie sich zwischen alle Stühle: während ihre Familie sich deswegen von ihr distanzierte, sie sogar enterbt wurde, begegnete man/frau ihr innerhalb der SPD wegen ihrer gutbürgerlichen Herkunft mit allergrößtem Mißtrauen und sogar mit Ausgrenzung. Indem sie den bereits zweimal geschiedenen Heinrich Braun heiratete, beschwor sie einen neuerlichen Skandal herauf; August Bebel schreibt diesbezüglich in einem Brief an sie: "Natürlich hat das Verhältnis zwischen Heinrich Braun und Ihnen gewaltig Staub aufgewirbelt und die männlichen und weiblichen Philister in Erregung versetzt." (Jung, S. 341)

     

    Hinzu kommt, daß Braun sich im Revisionismusstreit eindeutig auf die Seite Bernsteins stellte, eine Haltung, die Lily Braun teilte. Dies verschärfte ihre innerparteiliche Situation noch. Daß Lily Braun ausgesprochen empfindlich auf diese politischen Konflikte und die damit verbundenen Anfeindungen reagierte, die sie allerdings durch ihr zeitweilig kompromißloses Verhalten nicht eben abgemildert hat, war ihrer physischen Konstitution nicht zuträglich. 1916 starb sie nach längerer Krankheit ausgebrannt und überarbeitet im Alter von erst 51 Jahren.

     

    Literarisches Schaffen

     

    Neben Lily Brauns zentralem Werk "Die Frauenfrage" verfaßte sie unzählige Artikel, zunächst für die von Georg von Gyzicki mitherausgegebene "Ethische Zeitschrift". Nach seinem Tod war es ihr, bevor es zu ersten ernsthaften Auseinandersetzungen mit Clara Zetkin kam, auch möglich, in der "Gleichheit" zu publizieren. Außerdem wurde sie häufig von sozialdemokratischen Tageszeitungen um Kommentare und Berichte gebeten. Durch diese alltägliche journalistische Arbeit gelang es ihr auch, die zeitweise sehr prekären finanziellen Verhältnisse der Familie aufzubessern, insbesondere als Heinrich Brauns journalistisches Projekt, die Gründung der "Neuen Gesellschaft", bereits nach der zweiten Ausgabe gescheitert war. Wohl hauptsächlich aus finanziellen Überlegungen heraus entstanden auch die Romane "Im Schatten des Titanen" (1908), "Mutter Maria", "Die Lebenssucher", die vornehmlich die inneren Konflikte von Frauenfiguren darstellen, aber eminent kitschig sind.

     

    Die in den Jahren 1908 und 1911 publizierte Autobiographie "Memoiren einer Sozialistin" ist hingegen wohl hauptsächlich aus der Motivation heraus entstanden, über den eigenen Lebensweg und die damit verbundenen Ent- und Verwicklungen noch einmal Rechenschaft abzulegen. Zugleich, so vermutet Julie Vogelstein-Braun, Heinrich Brauns vierte Frau, war dies aber auch ein Versuch, "in den Memoiren Vergeltung zu üben" (Vogelstein, S. 8). So ist doch reichlich offenkundig, daß sich hinter der von ihr vielfach kritisierten Wanda Orbin niemand anders als Clara Zetkin verbergen kann ...

     

    Die Frauenfrage

     

    Bei der Auseinandersetzung mit Lily Braun steht immer wieder vor allem ihr konfliktbeladenes Verhältnis zu Clara Zetkin im Vordergrund. Letztere betonte im Gegensatz zu Lily Braun stets die "reinliche Scheidung" der proletarischen von der bürgerlichen Frauenbewegung. Schließlich werde die proletarische Frauenbewegung "von der Auffassung geleitet, daß nur der revolutionäre Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft und die Verwirklichung des Sozialismus als Tat des sich kämpfend befreienden Proletariats der Gesundheit der Frauen voll erblühendes und sich auswirkendes Menschentum bringen werde und nicht die formale Gleichstellung der Geschlechter im Gesetz" (Richebücher, S. 142). Das Verhältnis zwischen den beiden Sozialistinnen verschlechterte sich noch, als zum einen Lily Braun als Referentin für einen von bürgerlichen Frauenrechtlerinnen maßgeblich organisierten Kongreß zugesagt hatte, und zum zweiten durch den innerparteilichen Revisionismusstreit. Nach der Niederlage der von ihnen unterstützten Revisionisten auf dem Parteitag 1903 in Dresden bemühten sich die Brauns, teils unter größten finanziellen Schwierigkeiten, die "Sozialistische Wochenschrift - Die neue Gesellschaft" als "revisionistisches Forum" herauszugeben bzw. wiederzubeleben.

     

    Clara Zetkin den Rang ablaufen?

     

    1901 erschien - nach dem endgültigen Bruch mit Clara Zetkin - "Die Frauenfrage - Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite". Ein Werk, das allein von seinem Umfang her geeignet war, Bebels "Die Frau und der Sozialismus" in den Schatten zu stellen, aber vor allem, darum ging es ja wohl auch unterschwellig, Clara Zetkin den Rang abzulaufen. Nach eingehenden Untersuchungen über die Geschichte der Frau und daraus zu folgernden Konsequenzen kommt Lily Braun zu dem Schluß, daß die sozialistische Wirtschaftsform nicht allein eine Forderung, sondern das notwendige Ergebnis der heute herrschenden Zustände sei. "Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische Wirtschaftsform nicht bestehen und wird immer weniger ohne sie bestehen können. Die Frauenarbeit aber untergräbt die alte Form der Familie, erschüttert die Begriffe der Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der bürgerlichen Gesellschaft aufbaut, und gefährdet die Existenz des Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mütter sind. Will die Menschheit schließlich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben müssen." (Braun, Frauenfrage, S. 556)

     

    Lily Braun bemühte sich, all ihre Thesen und Annahmen durch ausführliches empirisches Zahlenmaterial zu belegen. Sie ist wohl eine der ersten überhaupt gewesen, die das Geschlechterverhältnis auch in Prozentzahlen ausdrückte. Als sie vorschlug, ein ähnliches Institut, wie es die revisionistische "Fabian Society" in London gegründet hatte, in Berlin einzurichten, um die Lebensbedingungen von Arbeiterinnen zu untersuchen und Frauen juristisch zu beraten, wurde dieses Vorhaben vor allem von Clara Zetkin bekämpft. Bebel dagegen smpathisierte mit dem Projekt (vgl. Badia, S. 84ff.).

     

    "Nie ein Stündchen freie Zeit" - Reform der Hauswirtschaft

     

    "Das täglich Wiederkehrende nichtiger Erledigungen schien ihr wie ein Heer feindseliger Zwerge, die neidisch jede Freude zu verscheuchen, jeden großen Gedanken mit der Überlegenheit der Zahl zu erwürgen trachten." (Vogelstein, S. 55)

     

    An zwei Punkten setzte Lily Braun zu einer Reform der Hausarbeit an. Zum einen bei der "Last doppelter Pflichten", die vor allem die Arbeiterinnen schwer zu tragen hatten. Zum anderen beschäftigte sie, seit sie ihre eigene Hausangestellte Minna bei dem Versuch einer Abtreibung in einer Blutlache gefunden hatte, die "Dienstbotenfrage". Zwischen Herrschaft und Dienstboten gebe es, so analysierte sie, "ebensowenig eine Interessengemeinschaft wie zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer" (Memoiren, S. 327). Die weiblichen Dienstboten, die schilderten, daß sie zwischen Schrubben, Kochen und Hüten der Kinder "nie ein Stündchen freie Zeit ..." (Memoiren, S. 326) hatten, sollten so Lily Brauns Idee, durch die Gründung einer eigenständigen Organisation ermutigt werden, für die Abschaffung der Gesindeordnung und die Gleichstellung mit den Arbeiterinnen zu kämpfen. "Der Dienst des Hauses wird nur dann den Charakter des Sklavendienstes verlieren und zur Würde selbständiger Arbeit sich entwickeln, wenn das abhängige Dienstmädchen sich in die freie Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft nur stundenweise verkauft, die imstande ist, in Reih und Glied mit dem in der Sozialdemokratie organisierten Proletariat für ihre letzten Ziele zu kämpfen" (Memoiren, S. 328f.).

     

    Vom Arbeiterrestaurant zur Haushaltsgenossenschaft

     

    Da die "freie Arbeiterin" den Preis des "Opfers des Mutterherzens und des Kinderglücks" zahlte, war Lily Braun sehr angetan von dem Beispiel eines Arbeiterrestaurants in Paris, das sie über Jean Jaurès kennenlernte. Daraufhin entstand Lily Brauns Forderung nach "Haushaltsgenossenschaften" bzw. "Wirthschaftsgenossenschaften": "In einem Häuserkomplex, das einen großen hübsch bepflanzten Garten umschließt, befinden sich etwa 50 - 60 Wohnungen, von denen keine eine Küche enthält; nur in einem kleinen Raum befindet sich ein Gaskocher, der für Krankheitszwecke oder zur Wartung kleiner Kinder benutzt werden kann. An Stelle der 50 - 60 Küchen, in denen eine gleiche Zahl der Frauen zu wirthschaften pflegt, tritt eine im Erdgeschoß befindliche Zentralküche, die mit allen modernen arbeitsparenden Maschinen ausgestattet ist. (...) Vorrathsraum und Waschküche, die gleichfalls selbstthätige Waschmaschinen enthält, liegen in der Nähe, ebenso ein großer Eßsaal, der zu gleicher Zeit Versammlungsraum und Tags über Spielzimmer der Kinder sein kann. Ein kleineres Lesezimmer schließt sich ihm an" (Brühler Gabler, S. 275ff.). Auch für Kinderbetreuung sei gesorgt (vgl. ebd). Zu erweitern sei der Vorschlag z.B. durch das Zentralisieren auch der Zimmerreinigung. Finanzierung soll, so Lily Brauns Vorschlag, durch eine Genossenschaft bzw. eine geringe Umlage pro Familie (die Miteigentümer ist) und den "Einkauf im Großen" erfolgen. Da bestehende Mietskasernen für solche Projekte ungeeignet seien, müßten neue Wohnanlagen entwickelt werden, wofür doch z.B. "die Bauspekulation" in Vorleistung gehen könne.

     

    Diese einleuchtend geschilderte Idee, so gesteht sie selber ein, findet sich in ihren Grundzügen bereits bei August Bebel (vgl. Bebel: Frau und der Sozialismus, S. 510ff.). Nur, so Braun, verschiebe Bebel diese Umgestaltung in die "Gesellschaft der Zukunft" (vgl. Brühler Gabler, S. 283).

     

    In der Forderung nach Haushaltsgenossenschaften schließlich sieht Braun auch einen Lösungsansatz für die "Dienstbotenfrage": "So kann meines Erachtens eine Lösung der Dienstbotenfrage, solange die jetzigen Privathaushaltungen bestehen, nicht erwartet werden. Erst wenn die Dienstboten aus dem persönlichen Verhältnis zu ihrem Dienstherren heraustreten und sich der Stellung der Fabrikarbeiterin annähern, wird davon die Rede sein können. Und das ist nur in Wirthschaftsgenossenschaften möglich, wo neben höherem Lohn und besserer Wohnung eine Regelung der Arbeitszeit durchführbar ist und die Kontrolle über das Thun und Lassen der Dienstboten seitens der einzelnen Hausfrauen wegfällt" (ebd., S. 280).

     

    Teile dieser Ideen wurden durchaus schon in verschiedenen Ländern in die Praxis umgesetzt. So gab es in Berlin Anfang dieses Jahrhunderts einige "Einküchenhäuser". Im "roten Wien" der Zwischenkriegszeit entstanden Gemeindebauten, wie z.B. der Karl-Marx-Hof, mit Kindergärten, Waschküchen etc. Lily Brauns Schlußfolgerung damals: "Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden." (Memoiren, S. 347f.)

     

    Lily Brauns Bild der Frau als Mutter

     

    Lily Braun war innerhalb der deutschen Sozialdemokratie nicht die einzige, die ein sehr auf die Mütterlichkeit bezogenes Frauenbild vertrat: "Die Mutterschaft ist der Gipfel des Frauentums, und keine rechtliche Emanzipation der Frau wird über die tatsächliche Versklavung des weiblichen Geschlechts hinwegtäuschen können, so lange noch eine Schwangere unter den Lasten keucht, eine Wöchnerin den erschöpften Körper zur Arbeit zwingt, ein verlassener Säugling nach der Mutter schreit." (Vogelstein, S. 54) Doch zum einen begründete sie mit speziell dieser Aussage die Forderung nach einem Mutterschutzgesetz, hat wohl deswegen überzeichnet, zum anderen wurde auch Clara Zetkin bisweilen vorgeworfen, aus der Mutterschaft eine mystische Angelegenheit gemacht zu haben, dies wird vor allem in einigen in der "Gleichheit" erschienenen Artikeln deutlich.

     

    All diese Äußerungen waren nicht untypisch für das Frauenbild im Kaiserreich. Auch von Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung finden sich ähnliche Aussagen, jedoch wesentlich schärfer gefaßt. Allerdings hatten insbesondere die russischen Revolutionärinnen (Kollontai, Armand, Krupskaja) zur selben Zeit weitaus progressivere Vorstellungen von der Rolle der Frau in der zukünftigen Gesellschaft. Und was Lily Braun angeht, sie ergänzte in ihrem Spätwerk ihre biologistische Sicht noch um eine nationalistische und militaristische Note.

     

    Die Frauen und der Krieg

     

    Sabine Hering beschreibt Lily Brauns bestürzenden "Umschwung ins Nationalistische, der sich bei ihr nach 1914 in übersteigerten Kriegseuphorien äußerte ..." (Hering, S. 165). Der Vorwurf, nationalistisch und chauvinistisch zu argumentieren und dies auch noch in leidenschaftlichem Pathos auszudrücken, ist gerechtfertigt; Lily Braun veröffentlichte das Buch "Die Frauen und der Krieg", in dem sich u.a. Äußerungen wie die folgende finden: "Jetzt ist es an den Frauen, sich über sich selbst zu erheben - nein: zu sich selbst, dem heiligsten Gesetz ihrer Natur zurückzukommen, durch den starken, bewußten Willen zur Mutterschaft. Für jede Hand, die sich jetzt sterbend um die Waffen klammert, schafft andere Hände, - viele kleine Kinderhände, die sich sehnend der Sonne entgegenstrecken, die den Tempel des Friedens bauen werden, aus dem einmal unsere Opferfeuer rauchen. Und für all die Hirne, die die Kugeln durchbohren, schafft andere Hirne, viele kleine Kinderhirne, die den großen Gedanken von der Befreiung der Menschheit aus den Banden aller Knechtschaft einmal zu Ende denken." (Braun, Frauen und Krieg, S. 101f.)

     

    Wenige, weder innerhalb des konservativen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung noch kaisergetreue Kriegstreiber, haben eine so unverhohlene Bevölkerungspolitik gefordert.

     

    Dieser Ansicht ließ Lily Braun später dann auch konkrete politische Forderungen folgen. Sie stellt fest: "Die unsichtbare Macht, die jene siebzigtausend Berlinerinnen vor dem Reichstag zusammenscharte, - nicht um für das Wahlrecht zu demonstrieren, sondern um sich der Kranken- und Verwundetenpflege zur Verfügung zu stellen -, war nur der gewaltsame Durchbruch jenes lange verschütteten weiblichen Gefühls, das nichts anderes will, als: helfen und heilen, - jenes primitiven Geschlechtsgefühls, das ein einziges Wort am reinsten darstellt: Mütterlichkeit." (Braun, Frauen und Krieg, S. 59). Sie verknüpft hier also ihre Ansichten über die mütterliche Natur der Frau mit der Notwendigkeit, in der konkreten Kriegssituation Ideale der Frauenbewegung zurückzustellen und sich der Idee des Kampfes gegen die nationale Unterdrückung (so verstand sie den Kriegsausbruch) anzuschließen. Auch hierbei übertrumpft sie konservative Kreise: sie fordert nicht eine freiwillige Unterstützung des eben gegründeten Nationalen Frauendienstes, sondern "das Dienstjahr der Frau in der Kranken- und Säuglingspflege" (Vogelstein, S. 110).

     

    Diese Haltung kam für viele überraschend; denn die "Kriegsbriefe" ihres Vaters hatte Lily Braun herausgegeben, um ihre antimilitaristische Einstellung zu demonstrieren. Der Schluß, sie sei von der militärischen Laufbahn ihres Vaters derartig beeindruckt und hier also noch ihrer Herkunft verhaftet gewesen, ist also unbedingt falsch, insbesondere da ihr Vater wegen seiner Kritik an der provozierenden Außenpolitik des Kaisers pensioniert worden war. Es gibt keine überzeugende Untersuchung zu dieser speziellen Fragestellung. Festzuhalten bleibt: Lily Brauns Kriegsbegeisterung war nicht ungewöhnlich für die deutsche Mehrheitssozialdemokratie.

     

    Aktualität für uns heute

     

    "Viel zuviel Wesens, so meint häufig sogar die jetzige weibliche Jugend, haben die Vorkämpferinnen dieser Bewegung von einer doch selbstverständlichen Sache gemacht. Seitdem Frauen nicht allein wählen, sondern auch als Vertreter ihrer Parteien im Parlament und in der Stadtverwaltung tätig sind, ist man vollends versucht die Schwierigkeiten und damit die Leistungen jenes Vortrupps, der wie Lily von Gyzicki vor fast dreißig Jahren zuerst in Deutschland zu dieser 'Bürgerpflicht der Frau' aufrief, nicht nach Gebühr einzuschätzen." Diese Zeilen schrieb Julie Vogelstein-Braun (S. 40) schon 1922, vier Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts.

     

    Das Phänomen, daß zahlreiche, politisch bewußte und aktive junge Frauen heute wieder denken, in Sachen Frauen- und Gleichstellungspolitik sei alles erreicht, es käme vor allem auf individuelle Strategien zur Durchsetzung an, begegnet uns in den letzten Jahren wieder sehr häufig. Ein Blick auf die Zahlen, die Lily Braun für ihr Buch "Die Frauenfrage" zusammengetragen hat, und auf die Arbeitsmarktdaten von heute, macht mehr als nur deutlich, daß wir von wirklicher Gleichberechtigung noch sehr weit entfernt sind.

     

    Literatur

     

    Gilbert Badia, Clara Zetkin: Eine neue Biographie, Berlin, 1994, hier: Clara und Lily

     

    Lily Braun: Die Frauenfrage, Berlin/Bonn, 1979, Nachdruck der 1901 erschienenen 1. Auflage, interessant vor allem das Vorwort von Beatrix W. Bouvier

     

    Lily Braun: Die Frauen und der Krieg, reprint Düsseldorf, 1981, S. 101/102, nachgedruckt in: beiträge zur feministischen theorie und praxis / Sozialwissenschaftliche Forschung & Praxis für Frauen e.V. (Hg.): Gegen welchen Krieg - für welchen Frieden?, Köln, 1983

     

    Lily Braun: Gesammelte Werke, Berlin, 1923

     

    Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Frauenarbeit und Beruf, Frankfurt am Main, 1979, hier: Lily Braun: Die Reform der Hauswirthschaft, sowie: Gesetzlicher Arbeiterinnenschutz

     

    Helga Grebing: Der Revisionismus: von Bernstein bis zum Prager Frühling, München, 1977

     

    Ernst Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus, Wien/München/Zürich, 1981, hier: S. 130 (Braun)

     

    Sabine Hering: Die Kriegsgewinnlerinnen, Pfaffenweiler, 1990

     

    Hannelore Horn, Alexander Schwan, Thomas Weingartner (Hg.): Sozialismus in Theorie und Praxis, Berlin/New York, 1978, hier: Susanne Miller: Frauenfrage und Sexismus in der deutschen Sozialdemokratie;-

     

    Irma Jung: Lily Braun - eine Revisionistin im Spiegel ihrer Briefe, Dissertation, Hannover, 1987

     

    Christiane Ochs: Nicht alles, was die Partei der Frau zusammenbraute, gehört gleich in den Gully der Vereinigung, in: WSI-Mitteilungen, 5/1990

     

    Sabine Richebücher: Uns fehlt nur eine Kleinigkeit - Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890-1914, Frankfurt/Main, 1982

     

    Dieter Schneider (Hg.): Sie waren die ersten, Frankfurt/Main, 1988, hier: Doris Maurer: Lily Braun - Zwischen allen Stühlen, S. 117

     

    Julie Vogelstein-Braun: Lily Braun. Ein Lebensbild, Berlin, 1922

     

    Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands, Frankfurt am Main, 1984

     

     

     

    Marginalien:

     

    Nachdem es noch vor der Jahrhundertwende zum endgültigen Bruch mit Clara Zetkin gekommen war, versuchte sie, durch das umfangreiche Werk "Die Frauenfrage" ihre Analyse und Sicht der Dinge einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

     

    "Will die Menschheit schließlich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben müssen."

     

    "An Stelle der 50 - 60 Küchen, in denen eine gleiche Zahl der Frauen zu wirthschaften pflegt, tritt eine im Erdgeschoß befindliche Zentralküche, die mit allen modernen arbeitsparenden Maschinen ausgestattet ist."

     

    "Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden."

     

     


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