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Die Wirtschaftsfelder der Zukunft
Memorandum für eine ökologische "New Deal"-Politik
als wirtschaftspolitische Perspektivstrategie
von Hermann Scheer
Die wachsende Arbeitslosigkeit, die sich auch dadurch zuspitzende
öffentliche Finanzkrise und die depressive Stimmungslage zeigen:
Von Monat zu Monat wird eine aktuelle wirtschaftspolitische Vorwärtsstrategie
dringlicher, die weit über die bisher diskutierten und probierten
Konzepte von Regierung, Opposition oder den "Wirtschaftsweisen"
hinausgehen muss. Die offenkundige deflatorische Lücke zwischen dem
gesamtwirtschaftlichen Angebot an Gütern und Dienstleistungen und
der kauffähigen Nachfrage ist so groß geworden und hält
bereits so lange an, dass sie ohne neue, außergewöhnliche,
breit und groß angelegte wirtschafts-politische Impulse nicht mehr
geschlossen werden kann. Das deutsche Problem, von den Oppositionsparteien
als allein von der deutschen Regierung verschuldete "deutsche Krankheit"
gebrandmarkt, ist keine Folge mangelnder Wachstums- oder internationaler
Wettbewerbsfähigkeit. Unausgelastete Kapazitäten und anhaltend
über-proportional hohe Exportraten beweisen das Gegenteil.
Die deutsche Situation unterscheidet sich von der anderer großer
Industrienationen vorwiegend in einem Punkt: Die Krise der öffentlichen
Finanzen ist hierzulande strukturell noch gravierender als andernorts
wegen der enorm hohen öffentlichen Finanztransfers nach Ostdeutschland
zur Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen. In den letzten zwölf
Jahren waren das insgesamt über 500 Mrd. EUR.
I. Die Grenzen konventioneller Angebots- und Nachfragestrategien
Ansonsten gibt es nur graduelle Unterschiede zu anderen, weil alle westlichen
Wachstumsgesellschaften definitiv ihren Zenit überschritten haben.
Die Hoffnung auf einen Konjunkturaufschwung durch allgemeine Wachstumssteigerung
führt nur noch bedingt zu mehr Arbeitsplätzen: Wachstum realisiert
sich im Informationszeitalter größtenteils durch verstärkte
Rationalisierungsinvestitionen. Überdies absorbieren anhaltende ökologische
Folgeschäden eines undifferenziert vorangetriebenen Wirtschaftswachstums
zunehmend mehr staatliche Kompensationsleistungen. Umweltschäden
schnüren bereits die Spielräume zur Überwindung ihrer Ursachen
ein und provozieren ein finanzwirtschaftliches Gefangenendilemma. Allein
die öffentlichen Schadensausgleichsleistungen durch die Flutkatastrophe
liegen in Deutschland bei mindestens 10 Mrd. EUR. Hinzu kommen die wachsenden
privaten Versicherungsleistungen, die zur stetigen Erhöhung der Versicherungsbeiträge
führen. Nach Berechnungen der Münchner Rückversicherungsgesellschaft
waren die Versicherungsschäden durch Umweltkatastrophen im letzten
Jahr weltweit bei etwa 100 Mrd. Dollar, neben den nicht versicherten Schäden
in drei- bis vierfacher Höhe. Unternehmen suchen ihren individuellen
Ausweg in beschleunigter transnationaler Konzentration und in Fusionen
und bürden die sozialen Kosten den staatlichen Sozialsystemen auf,
die höhere Ausgaben und niedrigere Einnahmen haben. Staaten dünnen
ihre Staatsleistungen u.a. durch Privatisierungen von Staatsfunktionen
laufend aus, obwohl Steuern und Abgaben kaum sinken oder sogar steigen.
Hinzu kommen wachsende militärische Kosten der Ressourcensicherung.
Daneben haben nationale Regierungen viele ihrer wirtschaftspolitischen
Steuerungsmöglichkeiten durch den, vor drei Jahrzehnten eingetretenen
Verfall des Weltwährungssystems und dessen Ersetzung durch spekulative
Währungsmärkte, durch die WTO, den EU-Binnenmarkt und die Installierung
der Europäischen Zentralbank eingebüßt.
Daraus ergeben sich zwei strategische Schlussfolgerungen: zum einen gibt
es die zwingende Notwendigkeit der Erhöhung der Staatsproduktivität,
um die Staatsleistungen effektiver zu machen statt diese Zug um Zug aufzugeben.
Dieses strategische Zukunftselement, das der Zielsetzung "mehr Politik
fürs Geld" dient, wird in diesem Memorandum nicht näher
behandelt - außer in einem Teilaspekt der vorgeschlagenen Initiativen
(Abschnitt V), bei denen es um Contracting-Konzepte zur Erneuerung der
Infrastruktur geht. Zum anderen müssen politische Wirtschaftsimpulse
gezielter ansetzen als das mit klassischer allgemeiner Konjunkturpolitik
möglich ist. Sie müssen strukturpolitischer Art sei und dabei
die Kernfrage erkennen und beantworten: wie wir aus einer unökologischen
Wachstumsökonomie zu einer ökologischen Ökonomie kommen,
die neue Arbeitsplätze dort generiert, wo die elementaren Herausforderungen
unübersehbar liegen. Die Kriterien dafür: die Initiativen müssen
- vorwiegend durch Umwidmung bisheriger staatlicher Mittel finanziert
werden, um die öffentlichen Haushalte nicht weiter zu strapazieren;
- einen schnelle Revolvierung der staatlichen Fördermittel ermöglichen,
indem diese über Steuern und Beitragseinnahmen aus den neu stimulierten
Wirtschaftsaktivitäten wieder zurückfließen;
- eine hohe Treffsicherheit im Verhältnis von öffentlichem Mittelaufwand
und realisierten Beschäftigungswirkungen gewährleisten und deshalb
strikt auf den Binnenmarkt bezogen sein;
- die ökologische Reform der Wirtschaft antreiben, um künftige
Umweltschäden zu vermeiden, die längst zur Wachstumsbremse geworden
sind, und der Volkswirtschaft eine dauerhaft wirksame neue Grundlage geben.
Selbst ohne die veränderten internationalen Rahmenbedingungen haben
sich die beiden Grundkonzepte nationaler Konjunkturpolitik überholt,
die seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert und - oft auch in Mischform
- praktiziert werden: einerseits die staatlich induzierte "Nachfragestrategie"
über die undifferenzierte Erhöhung staatlicher Investitionen,
pauschale Investitionszuschüsse oder Steuersenkungen, und andererseits
die "Angebotsstrategie" durch Senkung der Unternehmenssteuern
und von Abgaben sowie durch Deregulierungen und Privatisierungen besonders
im Bereich der öffentlichen Infrastruktur, um Investitionsanreize
zu erhöhen und zusätzliche private Investitionsfelder aufzuschließen.
Ob staatlich induzierte Nachfrage- oder Angebotsstrategie: alle haben
einen massiven und die Staatskassen unverhältnismäßig
stark belastenden Mitnahmeeffekt: Es gibt zu wenig beschäftigungswirksame
Resultate für die dafür eingesetzten öffentlichen Finanzen.
Verfolgt man sie dennoch weiter, ist der Kollaps der öffentlichen
Finanzen ebenso vorprogrammiert wie die sozial- und umweltpolitische Entpflichtung
der liberalisierten und internationalisierten Wirtschaftsaktivitäten.
Hinzu kommt: der pauschale Begriff von "der Wirtschaft" als
Ziel der politischen Wirtschaftsförderung ignoriert, dass es zunehmende
Interessengegensätze zwischen einzelnen Wirtschaftszweigen und Unternehmensstrukturen
gibt - etwa zwischen Landwirten und Lebensmittelkonzernen, Windkraftindustrie
und Stromkonzernen, baugewerblichen Handwerksbetrieben und international
operierenden Baukonzernen oder zwischen der Mineralölindustrie und
der Automobilindustrie, die mittlerweile auf umweltfreundliche Treibstoffe
setzt. Er ignoriert auch, dass es für Wirtschaft und Gesellschaft
keineswegs gleichgültig ist, ob qualifizierte oder unqualifizierte,
gesundheitserhaltende oder krankmachende, gut oder schlecht bezahlte Beschäftigungsmöglichkeiten
angeboten werden, ob die Infrastruktur intakt gehalten oder brüchig
wird; ob Wirtschaftsfelder zukunftsträchtig oder auslaufend sind;
und ob es eine mehr mittelständische oder eine sich konzentrierende
Wirtschaftsstruktur gibt.
Es ist deshalb ein politischer Handlungsfehler, wenn Regierungen bei ihren
Entscheidungen den Konsens mit "der" Wirtschaft suchen, die
durch ihre jeweiligen Verbände vertreten wird. Deren Verbandsspitzen
haben sich längst genauso von ihrer Mitgliederbasis entfernt, wie
es in anderen gesellschaftlichen Organisationen festzustellen ist. Sie
vertreten in der Regel eingespielte strukturkonservative Querschnittsinteressen,
die sich von einem wirtschaftlichen Strukturwandel bedroht fühlen.
Der richtige Weg: statt eines Konsenses mit der Wirtschaft geht es vielmehr
darum, bei denjenigen Wirtschaftszweigen und Unternehmen Verbündete
zu suchen, die ihre eigene Perspektive in dem anzustrebenden Strukturwandel
sehen. Voraussetzung ist ein politisches Konzept für diesen Strukturwandel.
Die Frage nach einem strategischen "New Deal"-Programm ist damit
auf der Tagesordnung. Der Begriff "New Deal" stammt vom amerikanischen
Präsidenten Roosevelt (1933-45), der es in den 30er Jahren als einziger
schaffte, sein Land auf demokratische und soziale Weise aus der Weltwirtschaftskrise
zu führen. Er erreichte dies durch einen gezielt eingeleiteten, wirtschaftlichen
Strukturwandel unter Einbeziehung von Umweltinitiativen, was die amerikanische
Volkswirtschaft und Gesellschaft auf ein neues Niveau hob - in Verbindung
mit Initiativen zur Steigerung der Produktivität staatlichen Handelns.
Jetzt geht es um eine ökologische "New-Deal"-Strategie
- mit anderen Schwerpunkten und unter veränderten Rahmenbedingungen
als bei ihrem Vorbild.
II. Der Wechsel des Leitbildes
Das deutlichste Merkmal dafür, dass eine bloße Fortschreibung
des Leitbilds der industriellen Wachstumsgesellschaft bisherigen Musters
keine Perspektive mehr bieten kann, ist die konventionelle Energieversorgung,
die deren wesentlicher Treibriemen ist. Die fossilen Energievorkommen
haben ihr Fördermaximum erreicht. Wir bewegen uns auf deren Endverbrauch
zu. Selbst wenn das nicht der Fall wäre, müssen wir uns von
dieser Energiebasis verabschieden, weil diese die ökologische Weltkrise
samt der Folgeschäden zuspitzt. Die fossile Energiebasis ist Ausdruck
eines überkommenen und hinfällig werdenden Paradigmas - das
der "fossilen Weltwirtschaft".
Das zu verfolgende neue Leitbild der ökologischen Strukturpolitik
muss in erster Linie auf eine neue Ressourcenbasis zielen. Der harte Kern
jedweder Ökonomie ist die Ressourcenwirtschaft und die zentrale Ursache
der Umweltzerstörung sind die Schadstoffe, die bei der Umwandlung
schadstoffhaltiger Ressourcen anfallen. Das die industriellen Wachstumsgesellschaften
ihren Zenit überschritten haben, liegt vor allem daran, dass sich
die Weltwirtschaft weit überwiegend auf schadstoffhaltige fossile
Ressourcen stützt und diese überdies Ressourcen endlich sind.
Dies ist eine existenzielle Gefahr für die Weltwirtschaft und alle
Volkswirtschaften - aber nur dann, wenn der Wechsel zur "solaren
Weltwirtschaft" auf der Basis dauerhaft verfügbarer erneuerbarer
Ressourcen ohne umweltschädigende Umwandlungsfolgen weiter verschleppt
wird. Es ist demgegenüber eine existenzielle neue Chance, wenn dieser
Ressourcenwechsel so schnell und breit wie möglich eingeleitet wird.
Die Weltwirtschaft ist in ihrem Energieverbrauch gegenwärtig zu 40
Prozent vom Erdöl abhängig und bereits zu über 20 Prozent
vom Erdgas. Erdöl stellt zu 90 Prozent die Grundstoffe der chemischen
Industrie. Deutschlands Energieverbrauch war 1950 von 5 Prozent Energieeinfuhren
abhängig, jetzt zu fast 80 Prozent. Die EU ist zu 50 Prozent von
Energieeinfuhren abhängig, für das Jahr 2020 werden bei Fortsetzung
der bisherigen Entwicklung 70 Prozent Abhängigkeit erwartet. Die
billigen Erdöl- und Erdgas-Einfuhren versiegen in den nächsten
Jahrzehnten. Je mehr wir uns dem Endverbrauch nähern, desto unberechenbarer
werden internationale Konflikte und desto mehr stiegen die Kosten und
schnüren Produktion und Konsum ein - bei zunehmenden Wirtschaftsschäden
in wachsender Milliardenhöhe. Der nächste Sturm und die nächste
Flut kommen bestimmt, in dichter werdender Zeitfolge. Der Wechsel zu Erneuerbaren
Energien und Rohstoffen und damit der rationelle volkswirtschaftliche
Energieeinsatz ist damit der entscheidende Schlüssel zur Wohlstandserhaltung
und Zukunftssicherung - und damit zur Überwindung der fossilwirtschaftlichen
Existenz-gefahren.
III. Die Wirtschaftsfelder der Zukunft
Daraus ergeben sich vor allem folgende künftige Wirtschaftsfelder,
deren zentrale Bedeutung erkannt und die prioritär politisch kultiviert
werden müssen:
Da die erneuerbaren Energiequellen, die die atomar/fossile Energiebasis
auch auf dem Gebiet der Strom- und Wärmeversorgung ablösen müssen,
neue Energieumwandlungstechniken erfordern, werden diese zum Motor künftiger
industrieller Aktivitäten. Die Technologieunternehmen, die hier Vorreiter
sind, werden die größten Weltmarktchancen haben. Dies betrifft
die Sektoren der Fahrzeug-, Schiffs- und Luftfahrtindustrie, der Heizungs-
und Klimatechnik, des Maschinenbaus, der Windkraft- und Solaranlagenindustrie,
der Elektrotechnik und der Mikroelektronik und der Glas- und sonstigen
Baustoffindustrie, die Baumaterialien herstellt, die gleichzeitig eine
energetische Funktion haben, von der Wärmedämmung bis zu Fassaden
und Glasmaterialien, die Solarenergie ernten. Dabei kommen neue Aufgaben
auf das gesamte Bauhandwerk zu, allem voran bei der energietechnischen
Umrüstung des Altbaubestandes.
Da ein erheblicher Teil der Energieversorgung der Zukunft von der Biomasse
(vor allem Kraftstoffe wie Bio-Methanol, Bio-Ethanol, Wasserstoff aus
Biomasse, Pflanzenöl) und die Grundstoffe für die chemische
Industrie, künftig vollständig von der Biomasse gestellt werden
muss, läuft dies auf einen massiven Bedeutungszuwachs der Land- und
Forstwirtschaft hinaus. Tendenziell wird diese die Umsätze auf dem
Gebiet der Kraftstoffe und der chemischen Grundstoffe machen, die heute
von den global operierenden Erdöllieferanten gemacht werden. Diese
wird dadurch wieder zu einem wachsenden und dauerhaft notwendigen volkswirtschaftlichen
Sektor mit vielen neuen Arbeitsplätzen, die regional breit gestreut
sind. Dieser Faktor wird von fast allen Wirtschaftsexperten übersehen.
Der anstehende Wechsel von fossilen Grundstoffen zu nachwachsenden Grundstoffen
betrifft darüber hinaus die chemische Industrie in ihrer gesamten
Bandbreite und eröffnet dieser die Perspektive, zu einem tragenden
Element einer ökologischen Wirtschaftsweise zu werden.
Da sich neben dem Energieproblem und damit einhergehend das Wasserversorgungsproblem
zuspitzt, werden Techniken zum Wassersparen, zur Wasserreinhaltung, zur
Wasserrückgewinnung und zur Wasserproduktion (Meereswasserentsalzung)
unweigerlich zu einem wachsenden Nachfragemarkt.
Für die Bereiche der öffentlichen Infrastruktur ergibt sich
ein erheblicher zusätzlicher Handlungsbedarf, der alle Verkehrs-,
Versorgungs- und Kommunikationsnetze betrifft. Der maßgebliche Schritt
dafür besteht in der Bereitstellung integrierter Infrastruktur, um
den wirtschaftlichen Doppel- und Mehrfachnutzen von Netzen zu nutzen,
die zum Beispiel gleichzeitig Strom und Daten leiten oder die Abwassersysteme
mit der Produktion von Hydro-Elektrizität kombinieren.
Unabhängig von der Existenz der sonstigen Wirtschaftsfelder und deren
technologischen Innovationen müssen die hier aufgezeigten in jedem
Fall aufgrund ihres unabweisbaren gesellschaftlichen Bedarfs zur Entfaltung
kommen. Diese Bedarfe sind generell für jede Volkswirtschaft gegeben.
Sie sind allesamt in starkem Maße binnenmarktorientiert. Darüber
hinaus eröffnen sie umfassende neue Exportchancen, weil alle Länder
vor demselben Problem stehen. Diese Chancen sind umso größer,
je frühzeitiger im deutschen Binnenmarkt der Marktaufschluss erfolgt
und in der Forschungs- und Entwicklungspolitik entsprechende Prioritäten
gesetzt werden. Darüber hinaus eröffnen die Erneuerbaren Ressourcen
ein breites Marktfeld für kleine und mittlere Unternehmen (KMU),
insbesondere für das Bauhandwerk. Für diese ist es gleichzeitig
zwingend, deren immer größer gewordenen Schwierigkeiten, zinsgünstige
und längerfristige Kredite zu erhalten, durch eine nachhaltige politische
Initiative zu überwinden.
IV. Finanzwirtschaftliche Umwidmungsoptionen
Zur Mobilisierung der vorgenannten Wirtschaftsfelder und Unternehmen sind
sowohl gesetzliche Rahmenbedingungen als auch indirekte wie gezielte direkte
finanzielle Anreize erforderlich, aus denen selbsttragende Entwicklungen
werden müssen. Für die finanziellen Anreize bieten sich folgende
direkte oder indirekte Optionen der Umschichtung bzw. Umwidmung öffentlicher
Haushalte an:
Mit der Etablierung der Europäischen Zentralbank und der Einführung
des Euro am 1.1.2002 ist eine völlig neue Situation eingetreten,
in der die Bundesbank ihre klassische Rolle als Währungshüter
abgegeben hat. Ihre Devisenbestände sind allenfalls noch eine "Reserve
der Reserve" der EZB. Die Devisenreserven der Bundesbank lagen im
Dezember 2001 bei 108,9 Mrd. Euro. Die beiden größten Posten
waren dabei 34,3 Mrd. Goldreserven und etwa 50 Mrd. Dollarreserven. Deutschland
hat einen EZB-Anteil von 24,4 Prozent, stellt aber mit seinen Devisenreserven
40 Prozent aller bei den nationalen Notenbanken im Euro-Raum noch vorhandenen
Devisenreserven von insgesamt 250 Mrd. EUR. Daraus ergibt sich, dass von
den 108,9 Mrd. Euro etwa 50 Mrd. Euro Devisenreserven aufgelöst und
umgewidmet werden könnten, ohne dass Deutschland die Gemeinschafts-Konformität
im Euro-Raum verlässt. Es blieben denn immer noch 60 Mrd. EUR Devisenbestände
bei der Bundesbank, die immer noch 25 Prozent aller Devisen der nationalen
Notenbank ausmachen. Die aufgelösten Reserven sollten jedoch nicht
konsumiert werden, sondern einem anderen langfristig angelegten Zweck
dienen und dafür aktiviert werden.
Die deutschen Kohlebeihilfen liegen nach dem Haushaltsentwurf für
2003 bei 2,6 Mrd. Euro. Dieser Betrag hat eine erhebliche regionalwirtschaftliche
Bedeutung für die Bergbauregionen. Eine klimaschädigende Wirkung
haben sie nicht, solange der Ersatz dazu Importkohle wäre. Dennoch
muss versucht werden, diese Mittel für eine Vorwärtsstrategie
umzuwidmen. Die Alternative zur bloßen Fortschreibung wie zur schlichten
Streichung ist die Umwidmung in eine Anschubfinanzierung für die
Produktion neuer Energietechniken, die in erster Linie zum diesbezüglichen
Strukturwandel in diesen Regionen eingesetzt werden sollten.
Die Einnahmen der Öko-Steuer belaufen sich ab 2003 auf etwa 17 Mrd.
Euro. Mit Ausnahme der Mittel für das Marktanreizprogramm für
Erneuerbare Energien in Höhe von 230 Mio. Euro, werden diese bisher
zur Mitfinanzierung der Rentenversicherung eingesetzt. Die Alternative
dazu ist, die Einnahmen für ein ökologisches Zukunftsprogramm
einzusetzen, das sich strikt auf Investitionen am deutschen Standort bezieht.
Damit könnten die Einnahmeausfälle für die Rentenversicherung
in etwa gleicher Höhe kompensiert werden durch die zusätzlichen
Steuern und Abgaben, die sich aus den Steuern und Abgaben aus den Wachstums-
und Beschäftigungseffekten dieses ökologischen Zukunftsprogramms
ergeben.
Die steuerfreien Rückstellungen der Atomkraftwerksbetreiber für
die atomare Entsorgung liegen derzeit bei einem Betrag von etwa 30 Mrd.
Euro. Sie wirken wie steuerfreie Gewinne, weil damit in beliebige Zwecke
investiert werden kann. Die Folge ist ein einzigartiger Wettbewerbsvorteil,
der für Unternehmensaufkäufe genutzt wird und den Konzentrationsprozess
der Wirtschaft vorantreibt. Ein erster Schritt wäre die Beendigung
dieser Rückstellungspraxis, woraus jährlich etwa zwei Mrd. Euro
Zusatzeinnahmen erwachsen würden.
Die Mineralölsteuerbefreiung für mineralölverarbeitende
Betriebe: Diese liegt bei mindestens 1 Mrd. Euro jährlich. Noch wesentlich
höher ist die Flugtreibstoffsteuerbefreiung, die nur - solange sie
international gilt - durch eine Erhöhung der Start- und Landegebühren
kompensiert werden kann und muss.
V. Initialzündungen für eine ökologische "New Deal"-Politik
Aus diesen Umschichtungen und -widmungen ergeben sich folgende Elemente
einer Vorwärtsstrategie:
Ein 50-Milliarden-Kapitalstock aus aufgelösten Devisenreserven für
Mittelstandskredite sollte angelegt werden in Form einer Kapitalaufstockung
bei der KfW und Deutschen Ausgleichsbank. Damit sollen dem Mittelstand
einschließlich der Landwirtschaft auf unbürokratischem Wege
zinsgünstige Kredite deutlich unterhalb des Marktzinses mit langen
Laufzeiten angeboten werden. Dies wäre der aktuell wichtigste Schritt
zur Dynamisierung mittelständischer Wirtschaftsaktivitäten,
in einer bisher nirgendwo ergriffenen Größenordnung. Es wäre
das ambitionierteste Mittelstandskreditprogramm der Wirtschaftsgeschichte.
Eine grundlegende Neudefinition und Verwendung der Energiesteuern: Sämtliche
Energiesteuern sollten künftig als Schadstoffsteuer firmieren. Das
wäre mehr als eine bloße Umbenennung, sondern hätte eine
konzeptionelle Bedeutung: Energien, die keine Schadstoffe hervorrufen
bzw. emissionsneutral sind, würden folgerichtig steuerbefreit. Dies
fördert den Umstieg von atomar/fossilen zu Erneuerbaren Energien.
Darüber hinaus werden die Schadstoffsteuer auf Atombrennstäbe
und Kohle ausgeweitet. Solange es keine europaweite Besteuerung von Flugtreibstoffen
gibt, wird zum Ausgleich dafür die Start- und Landegebühr deutlich
angehoben, schon um die Wettbewerbsnachteile der anderen Verkehrsträger
gegenüber der Luftfahrt zu überwinden.
Die Einnahmen der gegenwärtigen Ökosteuer in Höhe von etwa
17,5 Mrd. Euro sollten für ein ökologische Zukunftsinvestitionsprogramm
verwendet werden, das aus folgenden Elementen bestehen könnte:
- eine Erhöhung der Investitionszuschüsse für die Bundesbahn,
für Gleisbau, Bahnhofsbau und Schienenfahrzeuge (5 Mrd.),
- eine Aufstockung des Altbausanierungsprogramms mit ökologischen
Auflagen (2 Mrd.),
- eine Aufstockung des Marktanreizprogramms für erneuerbare Energien
(2 Mrd.),
- ein kommendes Infrastruktur-Erneuerungsprogramm (5 Mrd.),
- ein Sonderprogramm Förderung von regionalen Nahverkehrssystemen
(3,5 Mrd.).
Daraus ergibt sich ein durchgehend binnenmarktwirksames Investitionsvolumen,
das bei den direkten Investitionshilfen für die Bundesbahn und den
Nahverkehr der Höhe der hier angegebenen Haushaltsmittel von 8,5
Mrd. entspricht, wenn es sich um 100 %-Förderzuschüsse handelt.
Die weiteren Ansätze könnten Beihilfen in Höhe von vielleicht
25 % der Investitionssummen darstellen, mit denen der vierfache Investitionseffekt
erzielt werden kann, also insgesamt etwa 32 Mrd. Dies ergäbe jährlich
zusätzliche Gesamtaufträge von über 40 Mrd. Da pro 75.000
Euro Neuinvestition ins Baugewerbe etwa ein neuer Arbeitsplatz entsteht,
steckt allein in diesem Programmansatz ein Potenzial von mindestens 650.000
neuen Vollerwerbsbeschäftigten.
Die entscheidende Frage kann damit beantwortet werden: ob durch dieses
ökologische Zukunftsinvestitionsprogramm dass Ziel gefährdet
würde, mit den Einnahmen aus der Öko-Steuer die Rentenversicherung
mit zu finanzieren und damit ein Anwachsen der Lohnnebenkosten zu verhindern.
Diese Gefahr besteht jedoch nicht: Die für das Investitionsprogramm
zur Verfügung gestellten Investitionsanreize würden in dem Moment
und in dem Ausmaß, in dem sie aus dem Bundeshaushalt aktiviert würden,
unmittelbar gewerblich umgesetzt und damit zusätzliche Beschäftigung
schaffen. Daraus können etwa in gleicher Höhe Steuereinnahmen
und Sozialversicherungsbeiträge geschöpft sowie soziale Transferleistungen
eingespart werden. Da ein Arbeitsloser etwa 25.000 EUR kostet, würden
650.000 Beschäftigte einen Mehreinnahmeeffekt von 16,25 Mrd. EUR
- wobei die zusätzlichen Dynamisierungseffekte für die wirtschaftlichen
Kreisläufe nicht genau zu zählen sind, die durch die Kaufkraftsteigerung
über neue Arbeitsplätze auftreten. Würde ein solches Zukunftsinvestitionsprogramm
dagegen nicht im vollen vorgesehenen Umfang in Anspruch genommen werden,
so würden auch entsprechend weniger Mittel aus dem Bundeshaushalt
in Anspruch genommen werden - und stünden damit weiter direkt als
Rentenversicherungszuschuss zur Verfügung.
Ein Landwirtschaftserweiterungsprogramm hin zu Biomasse für Energie
und Rohstoffe: Dazu bedarf es weiterer politischer Initiativen, die über
die bereits am 7. Juni 2002 vom Bundestag beschlossene Steuerbefreiung
für alle Bio-Kraftstoffe hinausgehen: vor allem die im EU-Ministerrat
durchzusetzende Aufhebung der Mineralölsteuerbefreiung für mineralölverarbeitende
Betriebe, die eine Steuervergünstigung für die Mineralöl-
und Chemiewirtschaft beim Einsatz fossiler Energien und Rohstoffe darstellt.
Die durch Aufhebung der Steuerbefreiung zusätzlichen Steuereinnahmen
von etwa einer Mrd. EUR könnte direkt weitergegeben werden für
eine Umstellung der landwirtschaftlichen Produktionsmaschinen auf Bio-Energie.
Dies setzt die landwirtschaftliche Erzeugung für nachwachsende Rohstoffe
in Gang. Ergänzend dazu sollte in einer neuen Verpackungsverordnung
festgelegt werden, dass ab dem Stichtag 1.1.2006 nur noch Kunststoffe,
Farben, Lacke und Schmierfette auf der Basis nachwachsender Rohstoffe
hergestellt werden. Hinzu kommt, dass die Mineralölbetriebsbeihilfe
in der Landwirtschaft künftig an den Einsatz von Bio-Treibstoffen
geknüpft werden sollte. Die Landwirtschaft selbst sollte Kooperationsformen
für Biomasse aufbauen, um die Wertschöpfungskette in der Hand
der landwirtschaftlichen Betriebe zu erhalten.
4. Ein Sonderforschungsprogramm Nutzpflanzen und Energiespeicherung:
Aus den Einnahmen der zu erhebenden Brennstoffsteuer aus Kohle und Atombrennstoffen
sowie aus der Beendigung weiterer atomarer Entsorgungsrückstellungen
ist ein Drei-Milliarden-Programm zur Ressourcenforschung für nachwachsende
Rohstoffe möglich, das die wirtschaftlichen Verwertungsmöglichkeiten
der Nutzpflanzen erfasst. Auf diesem Feld gibt es den größten
Nachholbedarf in der Forschung und Entwicklung, obwohl die Nutzpflanzen
die bedeutendste Rohstoffquelle der Zukunft sind. Das zweite Sonderprogramm
zielt auf dezentrale Energiespeichertechniken, mit deren Hilfe Erneuerbare
Energien durchgängig wettbewerbsfähig werden.
Ein Sonderprogramm für die Kohlenreviere durch Umwidmung der Kohlebeihilfen
in Zukunftsinvestitionen. Dieses könnte sich vor allem konzentrieren
auf Betriebsumstellungen in die Bereiche der Solarsilizium-Produktion,
umweltfreundlicher Baustoff-Technologien und neue Energietechnologien.
Die industrielle Mobilisierung der Photovoltaik-Technologien für
einen umfassenden Weltmarkt bedarf vor allem der Produktionsausweitung
von Solarsilizium im großen Stil. Nach Realisierung dieses Strukturwandels
durch entsprechende Ersatzarbeitsplätze kann die Beihilfe auslaufen.
Die Durchsetzung des Contracting-Prinzips für öffentliche Infrastrukturinvestitionen:
Weil Gebietskörperschaften, besonders auf der kommunalen Ebene, erhebliche
Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Infrastruktur-Erneuerung haben,
hat sich ein problematischer Trend zur Privatisierung durchgesetzt, der
die Konzentrations- und Monopolisierungsprozesse beschleunigt. Die Alternative
dazu ist die Durchsetzung des Contracting-Prinzips, demzufolge die Infrastruktur
auf Zeit an Contracting-Unternehmen übergeben wird, diese die vollen
Gebühren bzw. bisherigen öffentlichen Zuschüsse dafür
erhalten und innerhalb dieses Finanzrahmens die Erneuerungsinvestitionen
durchführen. Nach Ablauf der Konzession fällt die wirtschaftliche
Verfügung an die Gebietskörperschaften zurück. Das Haushaltsrecht
muss so geändert werden, das es diesen Ansatz erleichtert.
VI. Strategischer Handlungsmut
Die Zahl der dadurch möglichen Arbeitsplätze ist nicht präzise
bezifferbar. Allein im Bereich eines ökologischen Zukunftsinvestitionsprogramms
mit grob berechneten 650.000 würden weitere dadurch induzierte Arbeitsplätze
im Bereich der Dienstleistungen entstehen. Im Bereich der Landwirtschaft
wird durch die Orientierung auf die Bio-Energie eine weitere erhebliche
Beschäftigungswirkung entstehen, die schrittweise eintritt. Zum Vergleich:
in den letzten 30 Jahren haben in der EU-Landwirtschaft 8 Millionen Menschen
ihre Arbeit verloren, davon etwa 1,5 Mio. in Deutschland. Es kann damit
gerechnet werden, dass mindestens soviel im Laufe der nächsten 20
Jahre wieder eine Beschäftigung in diesem Sektor finden, wenn das
Landwirtschaftserweiterungsprogramm greift. Hinzu kommt, dass damit vor
allem für Ostdeutschland, wo große landwirtschaftliche Flächen
zur Verfügung stehen, ein stabiler Wirtschaftsfaktor durch den Anbau
von Biomasseressourcen entsteht, der die gegenwärtig unaufhaltsam
scheinende Abwanderung aufhält und damit erhebliche soziale Kosten
spart. Die hier vorgeschlagene Mittelstandskredit-Offensive wird zusätzlich
neue Spielräume in arbeitsintensiveren Unternehmensstrukturen schaffen.
Ein Gesamtpotential von deutlich über zwei Millionen neuen Arbeitsplätzen
erscheint als nicht zu hoch gegriffen - neben dem mit dieser Strategie
verbundenen langfristigen wirtschaftlichen Fundierungseffekt und den vermiedenen
ökologischen Folgeschäden. Dieses Gesamtpotential ist erreichbar,
obwohl die Realisierung des hier beschriebenen Strukturwandel zum Verlust
von Arbeitsplätzen im Bereich der fossilen Ressourcenversorgung führt.
Neben der hier vorgeschlagenen ökologischen "New Deal"-Politik
als wirtschaftspolitische Handlungsstrategie sind sicherlich viele weitere
Einzelinitiativen notwendig, die kleineren und größeren Maßstabs
sind.
Was wir jedoch zwingend brauchen, ist der Handlungsmut für einen
konsistenten großen strategischen Entwurf, um die wirtschaftliche
Entwicklung auf eine neue Grundlage zu stellen. Dazu ist es notwendig,
sich von den ständig eingewandten sogenannten Sachzwängen zu
befreien, die häufig mehr eine mentale als eine tatsächliche
Barriere darstellen.
Eine dieser Barrieren ist das Beihilferegime der EU, das jedoch gegenüber
Investitionen der öffentlichen Hand nicht gilt und bei Förderinstrumenten
im Bereich privater Umweltinvestitionen nur bedingt. Nach einer Verfahrensrichtlinie
der EU sind solche Förderungen stets dann zulässig, wenn sie
nicht über die "eligible costs" hinausgehen, also über
die Zusatzkosten im Verhältnis der herkömmlichen Investitionen.
Dieses Kriterium trifft auf alle der hier vorgeschlagenen Initiativschritte
zu.
Wachstum realisiert sich im Informationszeitalter größtenteils
durch verstärkte Rationalisierungsinvestitionen.
Die fossile Energiebasis ist Ausdruck eines überkommenen und hinfällig
werdenden Paradigmas - das der "fossilen Weltwirtschaft".
Sämtliche Energiesteuern sollten künftig als Schadstoffsteuer
firmieren.
Mit einem ökologischen Zukunftsinvestitionsprogramm würden weitere
Arbeitsplätze im Bereich der Dienstleistungen entstehen.
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