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Schieflagen sozialer Gerechtigkeit
von Michael Vester
Prof. Dr. Michael Vester, Hochschullehrer an der Universität
Hannover. Der Beitrag geht auf einen Aufsatz zurück, der in den Gewerkschaftlichen
Monatsheften 8/2002 erschienen ist.
Seit den neunziger Jahren sind die Regierungsmehrheiten in Europa zunehmend
unsicher geworden. Die anhaltende Umstrukturierungskrise des Kapitalismus
ruft nach neuen Konzepten politischer Regulierung des Wirtschafts- und
Sozialsystems. Nachdem die Wählerinnen und Wähler die Lösung
zunächst europaweit bei der Sozialdemokratie gesucht hatten, gewinnen
konservative und neuerdings auch konservativ-rechtspopulistische Koalitionen
wieder an Boden.
Die anhaltende politische Vertrauenskrise erinnert an eine ähnliche
Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch damals veränderte
ein großer Schub der Modernisierung die Wirtschaftsweise und die
Lebensstile und mündete schließlich 1929 in eine lange Wirtschaftskrise.
Auch damals stellte diese Dynamik die Institutionen und Regelungen des
nationalen und transnationalen Zusammenhalts in Frage. Die alten politischen
und weltanschaulichen Eliten verloren an Akzeptanz in den sozialen Milieus.
Durch neue Wählermehrheiten oder gewaltsame Machtergreifungen kamen
fast überall andere Eliten mit anderen Konzepten der Regulierung
des Sozialsystems an die Macht. Es war der große Kampf zwischen
faschistischen und kommunistischen, sozialdemokratischen und bürgerlich-revolutionären
Alternativen. Erst nach langen Konflikten und schließlich dem Zweiten
Weltkrieg hat sich dann in den hochentwickelten Ländern das neue,
breit akzeptierte Modell des Wohlfahrtsstaates - in seinen konservativen,
liberalen und sozialdemokratischen Varianten - durchgesetzt.
Dieses Modell ist nun selbst wieder infrage gestellt. Seine Institutionen,
Autoritäten und Leitbilder stehen auf dem Prüfstand. Alte und
neue Elitemilieus konkurrieren mit ihren Sozialmodellen um die Führungsrolle.
Für diese neue Vertrauenskrise gibt es widerstreitende Erklärungen.
Die These der "Individualisierung" unterstellt, dass die alten
Klassenmilieus in zahllose Einzelmenschen zerfallen seien, die ihre Lebensstile
und Milieus nun selber schaffen und wählen. Manche sprechen von der
"politischen Verdrossenheit" wie von einer geheimnisvollen Krankheit,
die Gemeinsinn und soziales Engagement auflöst. Andere halten dem
entgegen, dass ja gerade der "Wertewandel" fort vom materiellen
Habenwollen und hin zu einem erweiterten sozialen und politischen Interesse
geführt habe. Die wachsende Unzufriedenheit sei eher eine Folge gestiegener
Ansprüche an die Politik, einer Tendenz zur "Bürgergesellschaft".
Wieder andere erklären die große Unzufriedenheit aus einer
Wiederkehr der Tendenz der Verelendung und sozialen Exklusion, als Folge
einer globalen Deregulierung sozialer Sicherungssysteme.
Die These dieses Aufsatzes liegt quer zu solchen Prognosen eindimensionaler
Trends, denen die Individuen vereinzelt und passiv ausgeliefert scheinen.
Die Trends sind vielmehr nur Teilaspekte von weit komplexeren Kräftefeldern,
die von den gesellschaftlichen Akteuren - Milieus und gesellschaftspolitischen
Lagern - durchaus aktiv gestaltet werden. Die Milieus sind zwar vielfältig
unterteilt, aber sie sind doch, wie wir sehen werden, die modernisierten
Nachfahren der historischen Klassen, Schichten und Stände, und sie
teilen sich nach wie vor in privilegierte und weniger privilegierte oder
unterprivilegierte Gruppen. (vgl. Vester, von Oertzen u.a. 2001) Gerade
bei raschem wirtschaftlich-sozialen Wandel steht das Verhältnis zwischen
oben und unten, der "Gerechtigkeitsvertrag" der Gesellschaft,
zur Debatte. Neue start-ups, die die Gewinner sein wollen, fordern die
Integrationsfiguren von gestern heraus. Doch hat bisher aber keines der
heutigen alten und der neuen "Leitmilieus" nachhaltige Integrationskraft
gewinnen können.
1. Das historische Sozialmodell der BRD in der Krise
Die Integrationskraft gesellschaftspolitischer Ordnungskonzepte hängt
besonders davon ab, wieweit sie die sozialen Verwerfungen, die durch die
Modernisierung aller Wirtschaftsbranchen entstehen, regulierend flankieren
können. Die ökonomische Modernisierung besteht wesentlich in
der horizontalen Dynamik zunehmender Arbeitsteilung, Spezialisierung und
Technisierung der Produktivkräfte, die durch die internationale Konkurrenz
beschleunigt wird. Wenn ein Wirtschaftszweig nach dem anderen eine höhere
Arbeitsproduktivität erwirbt, werden Arbeitskräfte überflüssig
und immer mehr Menschen genötigt, sich auf alternative Lebensgrundlagen
umzustellen.
Jedes Milieu entwickelt, seinem Habitus und seiner Tradition entsprechend,
zur Bewältigung des Wandels ganz eigene "Strategien der Umstellung",
indem es seine Kräfte in die Anhäufung und politische Sicherung
von Besitz, Bildung oder Macht, in Konkurrenzkämpfe oder solidarische
Hilfsnetze, in Ortsfestigkeit oder Wanderungen investiert (vgl. Bourdieu
1982, S. 210-276). Oft reichen diese Strategien nicht aus. Wenn die drohenden
Statusverluste nicht durch staatliche Flankierung begrenzt werden, kann
dies - wie ab 1930 die Sparpolitik des deutschen Reichskanzlers Heinrich
Brüning - zu einem starken Machtzuwachs extremistischer Parteien
führen.
Diese Erfahrung hatte die nachfaschistischen Eliten überzeugt, dass
die kapitalistischen Marktmechanismen von sich aus nicht zu einem Gleichgewicht
bei Vollbeschäftigung führen können. Der Ordo-Liberalismus
der sozialen Marktwirtschaft ebenso wie der Keynesianismus der Sozialdemokratie
betonten daher die Unverzichtbarkeit der wirtschafts- und sozialpolitischen
Flankierung solcher Umstellungen. Parallel zu diesen theoretischen Einsichten
wurde nach 1945 ein Konflikt- und Aushandlungsmodell erkämpft und
erprobt, das in dem Grundsatz "Leistung gegen Teilhabe" zusammengefasst
werden kann. Für die Bereitschaft zu hoher Arbeitsleistung wurde
eine umfassende Teilhabe an den sozialen Chancen verlangt.
Entgegen der Behauptung der neoliberalen Politik handelte es sich nicht
um ein protektionistisches Modell, das die Faulen vor Leistungsanforderungen
schützt, sondern um einen entwicklungsfähigen, auf dem Prinzip
der Gegenseitigkeit aufbauenden historischen Kompromiss. So konnten in
der Geschichte der Bundesrepublik konservative und sozialdemokratische
gesellschaftspolitische Integrationsmodelle, die stufenförmig aufeinander
aufbauten, einander ablösen.
Die konservativen Regierungen Konrad Adenauers entwickelten nicht nur
die Kompromissfähigkeit zwischen den bürgerlichen Parteien,
sondern auch mit der Arbeiterbewegung. Neben der Mittelstandspolitik enstand
eine konservative Arbeitnehmerpolitik. In den 1950er und 1960er Jahren
konnten sich die Arbeitnehmer die Teilhabe am "Wirtschaftswunder"
durch Arbeitszeitverkürzungen sowie höhere Lohn-, Konsum-, Sozial-
und Bildungsstandards erkämpfen.
Im Zuge der horizontalen Strukturverschiebungen schrumpften die traditionellen
Agrar- und Industrieberufe der körperlichen Arbeit radikal und wuchs
die Mitte der Facharbeiter und qualifizierten Angestellten. Die Klassengesellschaft
"enttraditionalisierte" sich. Nicht nur die ständisch-kleinbürgerlichen
Strukturen, sondern auch die schroffen Klassenspaltungen aus der Zeit
der Industrialisierung bauten sich ab. Das Modell der regulierten Klassengesellschaft
lag jenseits der alten Alternative zwischen ständischer Harmonie
und schroffen Klassengegensätzen. Einerseits waren die Klassengegensätze
jetzt eindeutiger, weil die ständischen Zwischenschichten dahinschwanden.
Andererseits waren sie durch das Aushandlungsmodell des "institutionalisierten
Klassenkonfliktes" (vgl. Geiger 1949 u. Darendorf 1957), das die
Chance zum Kompromiss bot, entschärft.
Die Stärke dieses verbandlichen oder "korporatistischen"
Aushandlungsmodells ist seine Unabhängigkeit von direkter staatlicher
Intervention. Seine Schwäche liegt in seinen oligarchischen und bürokratischen
Erstarrungstendenzen, im Mangel an Beweglichkeit, Partizipation und Elitewechsel.
Trotz dieser Grenzen war das Sozialmodell doch modernisierungs- und konfliktfähiger
als das staatsbürokratische Modell, das nach 1945 mit Hilfe der Sowjetunion
in Ostdeutschland installiert worden war. Nachdem jenes aber 1989 zusammengebrochen
war, blieb das westdeutsche Modell nur noch mit seinen eigenen Mängeln
konfrontiert.
Aufgrund dessen steht das Modell von zwei Seiten unter Druck. Zum einen
fordern kleine, aber in Politik und Medien einflußreiche neoliberale
Eliten einen Abbau des Modells. Umgekehrt fordern die großen sozialen
Gruppen, die auf Verbandsvertretung angewiesen sind, eine Modernisierung
des Modells: mehr Mitwirkungsrechte und einen weniger bevormundenden Politik-
und Organisationsstil. Zu ihnen gehören sowohl die anwachsende Gruppe
der modernen, besonders gut qualifizierten Arbeitnehmer wie auch die klassischen
benachteiligten Gruppen der Frauen, Ausländer, gering Qualifizierten,
Jugendlichen und Rentner.
Zwischen diesen widerstreitenden Ansprüchen ist integrative Mehrheitspolitik
schwierig geworden. Die Regierung Helmut Kohls konnte die großen
Wählerpotentiale der Union nur so lange halten wie sie, trotz mancher
Abstriche, die Grundsubstanz des Sozialmodells nicht zu sehr antastete.
Als sie sie antastete, insbesondere durch den Angriff auf die Lohnfortzahlung
im Krankheitsfall, verlor sie 1998 die für eine Regierungsmehrheit
entscheidenden Arbeitnehmerstimmen.
Die dann gewählte rot-grüne Regierung verfing sich in den gleichen
Widersprüchen. Die Parole der "neuen Mitte" war von Beginn
doppeldeutig. Denn sie sprach, wie die Landkarte der sozialen Milieus
zeigt, gleichzeitig zwei sehr gegensätzliche Milieugruppen an, ein
vermeintliches postmodernes "Leitmilieu" der modernen Unternehmer
und die große moderne Mitte der gut qualifizierten Facharbeiter
und Angestellten, die ihre Interessen nicht als Unternehmer, sondern als
Arbeitnehmer verstehen (Abb. 1).
[Abb. 1 Die sozialen Milieus und "neue Mitte" in Westdeutschland
2000]
Die neuen Spitzenpolitiker, selber soziale Aufsteiger, waren fasziniert
von den Symbolen und Attitüden der start-ups der "new economy"
und der postmodernen Avantgarden des Lebensstils und der Medien (oben
links im sozialen Raum). Von Blairs Berater, Anthony Giddens, ließen
sie sich raten, sich von der "schrumpfenden Basis der traditionellen
Arbeiterschicht" zu lösen, die nur materielle Umverteilung wolle,
um sich in der komfortablen Hängematte des Wohlfahrtsstaates auszuruhen.
Es folgten Vorschläge, die Bildung kostenpflichtig zu machen und
die Arbeitslosen nicht zu sehr durch Sozialhilfe und Arbeitslosengeld
zu verwöhnen. Auch wenn diese Signale relativiert wurden, hatten
sie einen verheerenden demobilisierenden Effekt. In einer Landtagswahl
nach der anderen flüchteten die gemeinten Stammwähler in die
Wahlenthaltung. Paradigmatisch wurde Nordrhein-Westfalen, wo SPD und Grüne
zusammen 6% verloren.
Diese Verluste waren nur die Spitze eines breiteren Eisbergs der Unzufriedenheit.
Dessen Ursache war, wie im Weiteren gezeigt werden wird, nicht die Leistungsunwilligkeit
verwöhnter Wohlstandsbürger. Verprellt wurde vor allem die moderne
Arbeitnehmermehrheit, die gerade auf das Prinzip "Leistung gegen
Teilhabe" setzte, aber ihre Arbeitsleistung wie auch ihre immer besseren
Bildungsabschlüsse abgewertet sah. Trotz aller Mängel findet
das historische Sozialmodell der Bundesrepublik immer noch Akzeptanz bei
mehr als 80%, die seine Verbesserung, nicht seine Abschaffung wollen.
2. Das Paradox neoliberaler Sparpolitik: Stagnation trotz Wachstum
der Produktivität
Seit den 1970er Jahren müssen sich die Milieus erneut auf neue horizontale
Strukturverschiebungen umstellen, jedoch unter den Bedingungen eines wachsenden
Sockels der Arbeitslosigkeit. Während in den goldenen Jahren des
"Wirtschaftswunders" die horizontalen Umstellungen meist in
bessere Beschäftigungen führten, wurden die sozialen Flankierungen
der Umstellungen jetzt brüchig. Die benötigte Arbeitsqualifikation
nahm zu, aber sie wurde auf verschiedene Weise entwertet, insbesondere
durch das Zurückbleiben des Einkommenswachstums hinter dem Wirtschaftswachstum,
durch höhere Belastungen, durch unsichere Arbeits- und Einkommensverhältnisse
und oft auch durch Arbeitslosigkeit. Von den Entwertungen betroffen waren
fast alle Arbeitnehmer im mittleren und unteren sozialen Raum, besonders
aber die klassischen diskriminierten Gruppen: Frauen, Zuwanderer, unterprivilegierte
Milieus und Einwohner geringer entwickelter Regionen.
Mit der Ölkrise von 1973 wurde das Paradox der Grenzen des Wirtschaftswachstums
sichtbar. Die beschleunigte technologische Revolution, die die wirtschaftliche
Produktivität erhöhte, war keineswegs mit einem beschleunigten
Wachstum des Wohlstands verbunden. Vielmehr begann eine heute noch anhaltende
langfristige Stagnation, eine anhaltende Nachfrage- und Wachstumsschwächung
bei steigendem "Arbeitslosensockel" (vgl. Zinn 1998, S. 55,
75). Die Ursachen lagen, wie die keynesianische Theorie es erklärt,
gerade im gewachsenen Wohlstand. Er ermöglichte es den "besserverdienenden"
Gruppen, große Teile ihrer Einkommen nicht mehr in die Nachfrage
nach Waren, sondern in Anlagekapital bzw. Aktienspekulation zu investieren.
So stiegen z.B. von 1980 bis 1997 die Nettogewinne um 119%, die Nettolöhne
aber nur um 20%. Die fehlende Nachfrage verursachte eine krisenverschärfende
Spirale der Kostendämpfung durch die Unternehmer, den Staat und das
Maastrichter Abkommen der Europäischen Gemeinschaft, das die staatliche
Kreditaufnahme bremste. Der Export konnte dies nur begrenzt ausgleichen,
da sich die Nachfrage aus den gleichen Gründen auch in den anderen
hochentwickelten Ländern abgeschwächt hatte. Die Exportbranchen
versuchten zunehmend, ihre relative Position durch kosten- und arbeitssparende
neue Rationalisierungen und Hochtechnologien zu verbessern. Zugleich wurde
gering qualifizierte Arbeit zunehmend in Schwellenländer mit niedrigen
Lohnniveaus ausgelagert.
Zusammengenommen bilden die mit dieser Entwicklung Unzufriedenen etwa
60% der Gesellschaft. Obwohl sie eine nach Lagen und Milieus heterogene
Gruppe sind, hat die Unzufriedenheit einen gemeinsamen Nenner. Die Abwertung
der Arbeitsleistung wird erfahren als Verletzung des Grundkonsenses des
historischen Sozialmodells der Bundesrepublik, des Prinzips der "Leistungsgerechtigkeit"
und der Hilfe bei "unverschuldeter Not".
Die in Medien und Politik vorherrschende Argumentation sieht dies aus
einer anderen Perspektive. Die von den neoliberalen Kräften durchgesetzten
Sparzwänge des Maastrichter Abkommens begünstigten die neue
Philosophie des Mangels und des Sparens. Für sie liegt die Ursache
der knappen Mittel im geringen Arbeits- und Bildungseifer der Bevölkerung.
Die Diffusität der Unzufriedenheit hängt damit zusammen, dass
die wirtschaftlichen Laien diesem hegemonialen Diskurs der politischen
und medialen Experten keinen intellektuellen Diskurs entgegenhalten können,
sondern nur ihr Ethos, das ihnen sagt, dass sie ja genug leisten und dafür
zu wenig Teilhabe erhalten. So bleibt nur ein "Gefühl",
die Verdrossenheit. Das Gerechtigkeitsempfinden ist nicht nur verletzt,
wenn es um krasse materielle Not geht. Es geht ihm nicht nur um materielle
Einkommenshöhen, sondern um Fragen der Verhältnismäßigkeit
und der Qualität der "Lebensweise als ganzer" (vgl. Thompson
1987 [1963]). Die Vorstellungen darüber sind zwar von Milieu zu Milieu
verschieden, aber für die Mehrheit geht es dabei um eine kontinuierliche
und geachtete Arbeit, um die Belohnung aufgewandter Mühen durch Erfolg,
um die Freiheit von Zukunftsangst, um die Achtung und Anerkennung anderer,
um die Kredit- und Glaubwürdigkeit.
Ein Gegendiskurs, der sich diese Sichtweise der Arbeitnehmermehrheit zu
eigen machte, wurde zwar in den neunziger Jahren von den Gewerkschaften
und von Intellektuellen wie Pierre Bourdieu (vgl. Bourdieu u.a. 1997 [1993])
organisiert, blieb aber gleichwohl ohne Einfluss auf die herrschende Politik.
In der veröffentlichten Meinung blieb weitgehend verdeckt, dass die
eigentlichen Ursachen des finanziellen Mangels gerade nicht in einer zu
geringen, sondern in einer "zu hohen" Produktivität der
Arbeit liegen.
Es ist das enorme Wachstum der Arbeitsproduktivität, mit dem die
Gesellschaft nicht umgehen kann (vgl. Zinn a.a.O). Unter der neoliberalen
Sparpolitik wird dieser Überfluss in Überflüssigkeit verwandelt.
Es kommt zu einer Art "Überproduktion" von Bildungskapital.
Zum einen braucht die Gesellschaft immer mehr Berufe, die eine hohe Fachbildung,
Eigenverantwortung und kommunikative Fähigkeit verlangen. Ihr Anteil
ist seit 1950 von etwa 5% auf mehr als 30% gewachsen (vgl. Vester, von
Oertzen u.a., a.a.O., S. 407-426). Zum anderen wirkt die Sparpolitik dahin,
diese hochproduktive Arbeit unter ihrem Wert zu bezahlen oder die Arbeitsplätze
im Wissenschafts-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem abzubauen.
Ein Beispiel von vielen ist die derzeitige Befristung der Arbeitsverträge
der jüngeren Generation des wissenschaftlichen Nachwuchses der Universitäten.
Ein Sprecher des Bundesforschungsministeriums nannte sie zutreffend "Verschrottung":
Hochwertiges investiertes Bildungskapital wird nutzlos.
In der Logik der Wirtschaftsentwicklung ist dies keineswegs notwendig.
Das Wachstum der Produktivität ist potentiell hoch genug, um eine
anhaltende Vermehrung von Wohlstand, Sozialausgaben und Arbeitszeitverkürzung
finanzieren zu können. Selbst ein moderates Wirtschaftswachstum von
2,5% führt rechnerisch in 28 Jahren zu einer Verdoppelung des Sozialprodukts.
Davon wären die steigenden Kosten "des demographischen Problems"
(wachsende Renten), "der Jugend" (Bildungsausgaben) und "der
Soziallasten" (Sozial- und Gesundheitsausgaben) durchaus finanzierbar.
Allerdings ist die Produktivität so hoch, dass auch die Erhöhung
dieser strukturnotwendigen Ausgaben heute nicht mehr zur Vollbeschäftigung
führen würde (vgl. Zinn a.a.O.). Vielmehr ist es wahrscheinlich,
dass sich weiterhin nach jeder Zwischenkonjunktur eine zusätzlich
Erhöhung des Arbeitslosensockels einspielt. Dieser könnte nur
noch dann abgebaut werden, wenn in der Tat eine tiefgreifende Arbeitszeitverkürzung
mit Einkommensausgleich durchgesetzt würde.
3. Von der Integration zu sozialen Schieflagen: Diskriminierung - Abwertung
- Prekarisierung - Exklusion
Welcher Entwicklungstendenz folgen die sozialen Schieflagen? - Auf den
ersten Blick scheint es, dass die materiellen Standards zunehmend und
linear sinken. So waren z.B. 1984 bis 1989 durchschnittlich nur 2,7% einkommensarm
(vgl. Berger1996). Für die frühen neunziger Jahre verzeichnet
die Studie der Caritas (vgl. Hübinger 1996) bereits 10% Armut und
weitere 50% in knappen oder prekären Lebenslagen. Aus den Caritas-Daten
ergab sich folgende Stufung sozialer Lagen:
- Etwa 40% lebten in sicheren Verhältnissen.
- Etwa 20-25% waren durch eine Lebensweise der Knappheit verunsichert.
- Weitere 25-30% waren Menschen in prekären Lagen nahe der Sozialhilfegrenze.
- 10% lebten in dauerhafter Armut, d.h. in Exklusion vom Wohlstand.
Diese Stufung suggeriert eine schiefe Ebene, deren unterer Teil immer
weniger Halt gibt, während sich die Lage der reichen oberen Gruppen
- wie bei einer Wippe - immer mehr hebt. Danach wären immer mehr
Menschen von der naturgesetzlich eintretenden Katastrophe einer neuen
"Proletarisierung" und "Verelendung" bedroht.
Bei genauer Analyse ergibt sich ein anderes Bild, das eines Eisbergs mit
mehreren, qualitativ durchaus verschiedenen Stufen, die nicht automatisch
ineinandergleiten. Die sichtbare Spitze des Eisbergs bilden diejenigen,
die relativ umfassend und dauerhaft sozial ausgeschlossen sind. Seit den
siebziger Jahren sind in wachsendem Umfang auch Gruppen der gut ausgebildeten
soziale Mitte von der Abwertung der Arbeitskraft betroffen. Die Betroffenen
lassen sich in vier spezifische Konstellationen sortieren, deren Größenordnungen
hier nach der Caritas-Studie geschätzt sind:
1. Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit nach Geschlecht, Herkunftsland,
Altersgruppe usw.;
2. Entwertung des Arbeitsvermögens gut qualifizierter Arbeitskräfte
durch Umstellungen und diskontinuierliche Berufswege für etwa 25-30%;
3. Prekarisierung, d.h. Absinken in ungesicherte Arbeitsverhältnisse
bzw. Schieflagen mit Armutsrisiko bei etwa 25-30%;
4. Exklusion, d.h. dauerhafte Ausschließung aus dem Arbeitsmarkt
bzw. in benachteiligten Wohnvierteln für etwa 10%.
Die erste Schieflage, die soziale Diskriminierung, wird seit den siebziger
Jahren verstärkt unter dem Namen "neue soziale Frage" (vgl.
Geißler 1976) oder "neue soziale Ungleichheiten" (vgl.
Hradil 1987) diskutiert. Frauen, Ältere, Jugendliche, Zuwanderer
und auch Neuaufsteiger aus bildungsfernen Milieus waren von den Stellenkürzungen
und Einkommensdämpfungen stärker betroffen, solange sie im sozialen
Aushandlungssystem schlechter durch Interessenverbände und Rechtsgarantien
vertreten waren. Die Frauen steigerten zwar ihre Teilnahme am Bildungssystem
und an der Erwerbstätigkeit erheblich, wurden aber trotz verbesserter
Interessenpolitik dort weithin auf ungünstige Positionen abgedrängt.
Durch diese Erfahrung sehen sich viele Angehörige auch mittlerer
und gehobener Milieus von Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit
ausgeschlossen.
Die zweite Schieflage, die Entwertung des Arbeitsvermögens der Arbeitnehmer
mit guter Fachqualifikation und Interessenvertretung, entwickelte sich
in größerem Maßstab erst nach 1980, als die Krise vermehrt
die Trägerbranchen des früheren Wirtschaftswunders erreichte.
Die Unternehmen senkten die Kosten mit Rationalisierungen und vermehrt
mit neuen arbeitssparenden Technologien. Das höhere Angebot an guten
Fachkräften veränderte die betriebliche Beschäftigungspolitik
(vgl. Sopp/Konietzka 1998). Qualifizierte Stammbelegschaften wurden durch
"down-sizing" "verschlankt, da - gerade wegen der ständig
verbesserten Fachausbildung - bei Bedarf genügend qualifizierte Kräfte
extern angeworben werden konnten. Die statistischen Durchschnittswerte
täuschen über das Ausmaß der Diskontinuität sozialer
Lagen. So lag 1977 bis 1988 die Arbeitslosigkeit zwar "nur"
um zwei Millionen. Aber in der gleichen Zeit machten 13 Millionen Menschen,
annähernd jede zweite Erwerbsperson, die Erfahrung einer vorübergehenden
Arbeitslosigkeit (vgl. Berger a.a.O.). Die Betroffenen fanden aufgrund
guter Qualifikation zwar wieder Beschäftigung, jedoch oft um den
Preis geringeren Einkommens und erhöhter Belastungen an Flexibilität,
Pendlerwegen, Mehrarbeit und Abwesenheiten von der Familie.
Die Schließung der Chancen traf zunehmend auch die Neuzugänge
des Arbeitsmarktes. Neben die sichere Normalbiographie der Industriegesellschaft
traten immer mehr diskontinuierliche Lebensläufe, in denen Ausbildungen,
Prekarität und Erwerbslosigkeit einander abwechselten (vgl. Berger/Hradil
(Hrsg.), 1990). Viele investierten immer wieder in Weiterbildungen, Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen,
Stellenvertretungen usw., um sich nach und nach in feste Beschäftigungen
"hineinzuschrauben" - ohne aber sicher zu sein, ob der Stein,
den sie emporgewälzten, nicht wieder zurückrollte.
Von der dritten Schieflage, dem Wohlstand auf Widerruf oder "prekären
Wohlstand", sind seit den neunziger Jahren, als die internationale
Konkurrenz sich weiter verschärfte, auch zunehmend Angehörige
der sozialen Mitte betroffen. Für gut 25% wurden einzelnen Standards
der sozialen Lage (Berufsstellung, Einkommen, Wohnweise, Familien- und
Gesundheitssituation usw.) so instabil, dass ein alltäglicher Schicksalsschlag
mindestens vorübergehend unter die Armutsgrenze führen konnte.
Dies traf bestimmte "Risikogruppen" (insbesondere Rentner, Alleinerziehende,
Kinderreiche, Scheinselbständige, Kranke und Behinderte), die wenig
soziale Netze oder "soziales Kapital" (Bourdieu) besitzen.
Die vierte Schieflage, die Deklassierung durch dauerhafte Armut oder Arbeitslosigkeit,
unterscheidet sich zwar von der historischen Gestalt einer flächendeckenden
Proletarisierung der ungelernten Arbeiter. Sie hat bisher eine insulare
Struktur von verarmten und sozialmoralisch ausgegrenzten Einzelnen, die
sich allerdings in bestimmten Wohnvierteln der Großstädte,
den sog. "sozialen Brennpunkten", und in Formen der Anomie und
der Jugendgewalt gegen Fremde verdichten. Die zunehmende Abwälzung
der Sparpolitik auf die Sozialpolitik der Gemeinden und Kreise verschärft
diese Situation.
4. Die Krise der politischen Repräsentation: Zu wenig Leistungsgerechtigkeit
und Bürgerbeteiligung
"Politiker können versprechen, was sie wollen, ich glaube
ihnen nicht mehr." Dieser Feststellung, Ausdruck der sog. "politischen
Verdrossenheit", stimmen seit Beginn der neunziger Jahre mehr als
60% der Bevölkerung zu. Politiker sehen die Motive häufig in
einer "materialistischen" Mentalität des Habenwollens.
Die Wähler seien von der "Hängematte" des Wohlfahrtsstaats
verwöhnt und könnten nicht verstehen, dass sie heute mehr Eigenverantwortung
und Leistungsbereitschaft zeigen müssten. Differenzierende Befragungen
belegen dagegen, dass die Milieus sehr wohl fähig und bereit sind,
sich auf das von der Modernisierung der Produktivkräfte in der Tat
geforderte Mehr an eigenverantwortlichem Handeln, an beruflichem Umlernen
und an vernetzender Kommunikation umzustellen. Verdrossen sind sie darüber,
dass diese Bereitschaft nicht gerecht und leistungsgerecht motiviert und
belohnt und in ihren sozialen Risiken abgesichert wird.
Im Einzelnen und im zeitlichen Vergleich lässt sich dies an den
Ergebnissen von zwei bis in feine Details differenzierten repräsentativen
Erhebungen aus den Jahren 2000 und 1991, an denen wir beteiligt waren,
darstellen. Die Befragung "Deutschland im Wandel", gefördert
vom Bundesverband Deutscher Banken, wurde im November 2000 von ipos (Mannheim)
durchgeführt und im Deutschland-Trendbuch dokumentiert (vgl. Korte/Weidenfels
(Hrsg.) 2001, S. 675-711 u. S. 160-171). Befragt wurde eine repräsentative
Stichprobe von 1.502 wahlberechtigten Bundesbürgern aus Westdeutschland
(79,9%) und Ostdeutschland (20,1%). Die zum Vergleich herangezogene Befragung
"Gesellschaftlich-politische Milieus in Westdeutschland", gefördert
von der Volkswagen-Stiftung, wurde im Juni und Juli 1991 von Marplan (Offenbach)
durchgeführt und ist ausgewertet in Vester, von Oertzen u.a., a.a.O..
Befragt wurde eine repräsentative Stichprobe der deutschsprachigen
Wohnbevölkerung in Westdeutschland und Westberlin (n = 2.699). -
Die Ergebnisse sind in den Größenordnungen für Westdeutschland
annähernd vergleichbar. Wenn die Ergebnisse für Ostdeutschland
abweichen, wird darauf hier besonders hingewiesen Diese Befragungen unterscheiden
sich von der gängigen politischen Meinungsforschung. Sie zielten
nicht auf kurzfristige Sympathiewerte, sondern auf die unterschiedlichen
Grundeinstellungen der großen gesellschaftlichen Gruppen, die nach
der Methodik von Bourdieu nach Typen aufgeschlüsselt und sehr genau
ausgeleuchtet wurden.
Die Ergebnisse der Befragung bestätigen keineswegs die gängige
These, dass die Grundeinstellungen der Wählerinnen und Wähler
kurz- und mittelfristig stark schwanken und durch geschickte Medienauftritte
der Politiker beliebig beeinflusst werden können. Die Grundvorstellungen
sozialer Gerechtigkeit ändern sich vielmehr sehr langsam, vor allem
im Rhythmus des Generationenwechsels. Für jede Generation und für
jedes Milieu fungieren sie als langfristig stabile Maßstäbe,
nach denen Erfahrungen bewertet und die sich wandelnden sozialen Verhältnisse
beurteilt werden.
Die Perspektive derjenigen Politiker, die vom raschen Meinungswandel ausgehen,
gleicht der von Zugpassagieren, die meinen, der Bahnsteig fährt ab,
während es doch die Züge sind, die sich bewegen. Ähnlich
scheint es sich bei der Beurteilung der sog. "politischen Verdrossenheit"
zu verhalten. Um 1980 hatte sie noch wenig über 10% gelegen, 1991
war sie, allen Umfragen zufolge, auf 60% gestiegen, und auf diesem Pegel
verharrt sie und verfestigt sie sich bis heute. Waren es nun die Wählerinnen
und Wähler, die sich verändert haben, oder die Politik?
Die nachfolgend kurz resümierten Befragungsergebnisse zeigen den
Vorgang aus der Perspektive der breiten Bevölkerung. Sie fürchtet,
um im Bilde zu bleiben, den Zug zu verpassen oder schlecht transportiert
zu werden. Dabei richtet sich ihr Verdruss, wie die Befragungen auch belegen,
nicht auf die Institution der Bahn, sondern auf ihr leitendes Personal.
Das heißt, das politische Misstrauen stellt die bisherige Demokratie-
und Sozialverfassung der Bundesrepublik nicht grundsätzlich in Frage,
sondern nur die Haltung der politischen Klasse bei der Weiterentwicklung
des Sozialmodells. Die politischen und sozialen Institutionen finden in
ihrem Kern eine sehr hohe Akzeptanz, die bis zu 90% reicht. Aber die Tugenden
der Verantwortung, Beweglichkeit und Vernetzung, die den Bürgern
abverlangt werden, werden in der Politik vermisst.
5. Zufriedenheit mit dem institutionellen Modell - Zweifel an sozialer
Gerechtigkeit und Bildungschancen
Das erste Hauptergebnis der Befragungen zeigt, dass - anders als 1933
- die Institutionen der Demokratie und des Sozialstaats von einer überwältigenden
Mehrheit nicht in Zweifel gezogen werden. Der Verdruss richtet sich vielmehr
auf die von der Politik verantworteten Schieflagen sozialer Gerechtigkeit,
und zwar nicht nur auf unsichere materielle Standards, sondern zunehmend
auf die Unsicherheit im Alter, in der Leistungsgerechtigkeit und - lange
vor der PISA-Studie - vor allem bei den Bildungschancen.
Insgesamt erwies sich in der Befragung von 2000 eine bemerkenswert große
Mehrheit von 68% "eher zufrieden" mit der "Demokratie in
Deutschland". Jedoch bedeutete dies keine kritiklose Zustimmung:
"Besonders stolz" auf die "Errungenschaft" der "demokratischen
Ordnung" waren nur 40% der Befragten. Die übrigen 60% sind also
auf die demokratische Ordnung eher weniger stolz, und zwar insbesondere
Gruppen in sozialen Schieflagen oder mit unsicheren Zukunftsperspektiven:
die Frauen, die einfachen und die qualifizierten Arbeiter, die Ostdeutschen
und die Jüngeren bis 24 Jahre.
Die Gründe dieser Skepsis lagen dabei nicht so sehr in der Sozialordnung
als solcher. Diese fand vielmehr eine hohe Akzeptanz: 57% waren "besonders
stolz" auf die "Errungenschaft" des "sozialen Friedens".
Diese breite Akzeptanz zielte nicht zuletzt auf das grundlegende Aushandlungsmodell
zwischen Kapital, Arbeit und Staat. So meinte eine überwältigende
Mehrheit von 83%, "daß wir heute noch Gewerkschaften ... brauchen".
Selbst von den Selbständigen stimmten dem noch 70% zu - sowie von
den Sympathisanten der CDU/CSU 76%, der FDP 76%, der Grünen 81%,
der SPD 89% und der PDS 91%.
Dies entsprach einem vergleichbaren Ergebnis von 1991. Hier fand das Modell
der Arbeitnehmergesellschaft bzw. der sozialen Marktwirtschaft mit seinen
Ansprüchen auf Vollbeschäftigung und sozialen Ausgleich zwischen
Kapital und Arbeit eine sehr hohe allgemeine Zustimmung von 78% bis 95%
in allen Milieus, außer im Konservativ-technokratischen Milieu,
das aber immerhin auch mit 60% zustimmte. - Der in der Geschichte der
Bundesrepublik erkämpfte institutionelle Grundkonsens ist offensichtlich
fest im Alltagsbewusstsein der Bevölkerung verankert.
Die Skepsis bezog sich also insgesamt weniger auf die gesellschaftspolitische
Ordnung als auf die Performanz der Politiker. Es war schon bemerkenswert,
dass die von Helmut Kohl geführte konservativ-liberale Koalition
die erste Regierung der Bundesrepublik war, die nicht durch den Seitenwechsel
einer Koalitionspartei, sondern - aufgrund sozialer Enttäuschung
- von den Wählern direkt abgewählt wurde. Ebenso bemerkenswert
ist es aber, dass es der seit 1998 amtierenden rot-grünen Regierung
nicht gelungen ist, die Enttäuschung in eine Mobilisierung für
ein reformiertes Sozialmodell umzuwandeln. Nur 20% meinten im Jahre 2000,
dass es unter der rot-grünen Bundesregierung mehr soziale Gerechtigkeit
als unter Helmut Kohl gebe. 11% meinten das Gegenteil und 61% sahen keinen
Unterschied. 54% meinten, daß es in unserer Gesellschaft eher sozial
ungerecht zugeht. (Auch hier lagen die erwähnten benachteiligten
Gruppen über dem Durchschnitt.)
Die Gründe hierfür waren in der Sozialpolitik, in der Arbeitslosigkeit
und im Problem der Leistungsgerechtigkeit zu finden.
In der Sozialpolitik schien auf den ersten Blick keine extreme Unzufriedenheit
zu bestehen. Den Umfang der bisher bestehenden Sozialleistungen fanden
die meisten gerade richtig (48%), viele zu klein (28%) und nur wenige
zu groß (17%). Das Bild ändert sich, wenn wir einzelne Felder
der Sozialpolitik unterscheiden. Unzufrieden mit der sozialen Absicherung
bei Krankheit waren 29%, mit der sozialen Absicherung im Alter 50%. Am
größten war die Unzufriedenheit aber bei den Bildungsausgaben.
65% fanden sie zu niedrig, nur 24% gerade richtig.
Die hohe Unzufriedenheit mit den Bildungsinvestitionen verweist auf die
auch schon im Jahre 2000 vorhande Brisanz des Bildungsthemas, die von
der Politik erst seit dem Schock der PISA-Studie im Sommer 2002 erkannt
worden ist. Dabei war das Bewusstsein gerade in den bildungsnahen Gruppen
im Jahre 2000 schon hochentwickelt: Überdurchschnittlich hohe Unzufriedenheit
mit den Bildungsausgaben äußerten die unter 25-jährigen
(74%), die unter 35-jährigen mit Hochschulreife (78%), die leitenden
Angestellten und Beamten (75%) und die politisch Interessierten (76%)
sowie die Anhänger der liberalen und sozial-progessiven Parteien
(FDP 73%, PDS 78%, Grüne 87%).
Die Sorge um die Sicherheit der Arbeitsplätze und der Einkommen zeigt
ebenfalls eine Stufung der Betroffenheit. Die Arbeitslosen (etwa 10%)
bildeten dabei nur die Eisbergspitze. Hinzu kamen weitere 18%, die ihren
Arbeitsplatz für gefährdet hielten. Die Summe beider Gruppen
entspricht der Zahl derjenigen, die sich in der Befragung besonders besorgt
um die Arbeitslosigkeit bzw. deren soziale Absicherung zeigten (33% bzw.
28%).
Weiter, auf etwa 56% der Bevölkerung, wächst der Eisberg, wenn
wir die Zweifel an der Leistungsgerechtigkeit betrachten. Den Befragten
wurde die Behauptung "Die meisten, die heutzutage im Leben nichts
erreichen, sind selber schuld" vorgelegt. 54% lehnten diese sozialdarwinistische
These im Jahre 2000 ab, 3% mehr 1991. 56% lehnten die parallele Behauptung
ab: "Wenn jemand genügend leistet, braucht er sich keine Sorgen
um seinen Arbeitsplatz zu machen." Dies waren 15% mehr als 1991.
Dabei zeigte sich auch eine größere Betroffenheit der Frauen.
Die Ablehnung der Männer war auf 50% (10% mehr), die der Frauen auf
62% (19% mehr) gestiegen. Der Anteil derer, die nun die Annahme, dass
Leistungsgerechtigkeit gewährleistet sei, entschieden und nicht nur
eher ablehnten, hatte sich sogar auf 22% verdoppelt. - Der Eisbergsockel
der Unzufriedenheit hat sich also seit 1991 nicht nur vergrößert,
sondern auch verfestigt.
Zu diesem Eisbergsockel gehört nicht zuletzt das Misstrauen in Zukunftsperspektiven.
42% meinten im Jahre 2000: "Ich fürchte, daß ich meinen
heutigen Lebensstandard in den nächsten Jahren nicht aufrechterhalten
kann." Dies waren 2% mehr als 1991, bei den Frauen sogar 5% mehr.
Der Anteil derer, die dem mit Entschiedenheit zustimmten, erhöhte
sich um 7% auf 19%.
Die Prozentzahlen bestätigen insgesamt zweierlei. Zum einen drehen
sich die Sorgen tatsächlich nicht allein um die materiellen Standards,
sondern um die Gerechtigkeit der Chancen und der Qualität des Lebens
insgesamt. Zur Angst vor Arbeitslosigkeit (28%) und sinkendem Lebensstandard
(42%) kommen die Sorgen um die Alterssicherung (50%), die Leistungsgerechtigkeit
(56%) und die Bildungschancen (65%) hinzu. Zum anderen sind immer wieder
diejenigen Gruppen besonders unzufrieden, die hinsichtlich der Leistungsgerechtigkeit
besonders diskriminiert sind: Frauen, Arbeiter aller Qualifikationsgruppen,
Ostdeutsche und die jüngere Generation.
6. Kritik an der Performanz der Politiker: Für mehr Demokratie
von unten
Der zweite herausragende Befund der Befragungen lag darin, dass das Misstrauen
gegenüber den Politikern zwar zugenommen hat, aber bei der großen
Mehrheit der Befragten nicht auf einer passiven Erwartung beruhte, ohne
Gegenleistung vom Wohlfahrtsstaat versorgt zu werden. Vielmehr war es
mit einer wachsenden Bereitschaft zu Leistung und vor allem mehr aktiver
politischer Mitwirkung verbunden.
Das Misstrauen in die Politiker, das den 60% der mit sozialen Gerechtigkeitsfragen
Unzufriedenen entspricht, hat sich seit 1991 von einer verdrossenen Stimmung
sichtlich zu einer Grundhaltung der Enttäuschung verfestigt. Zwar
hat sich der Prozentsatz derer nicht erhöht, die meinten: "Politiker
können versprechen, was sie wollen, ich glaube ihnen nicht mehr."
Er liegt bei 63% (vgl. Vester in: Korte/Weidenfels 2001, S. 164). Aber
die Zustimmung ist entschiedener geworden: Statt 23% stimmten jetzt 31%
dem zitierten Satz "voll" und nicht nur "eher" zu.
Dabei hatte die nachhaltige Enttäuschung der Frauen die der Männer
eingeholt. Sie war um 10% (auf 31%) gestiegen (Männer: um 6% auf
30%).
Die politische Kritik richtet sich vor allem gegen undurchsichtige und
undemokratische Entscheidungsprozesse. 70% finden es nicht richtig, dass
"immer häufiger politische Entscheidungen außerhalb der
dafür vorgesehenen Gremien ausgehandelt" werden. 89% bestehen
darauf, dass "politische Entscheidungen durch demokratische Verfahren
zustande kommen". Dabei urteilen die Befragten offenbar weniger politisch-analytisch
als von ihrem Ethos aus (vgl. Bourdieu 1982, S. 654-669), d.h. mit einer
besonderen moralischen Färbung: 59% finden es richtig, "an Politiker
höhere moralische Maßstäbe anzulegen als an andere Menschen".
Gleichzeitig gab es eine erstaunliche, seit 1991 verstärkte Mehrheit
für eine wesentlich erhöhte Partizipation, d.h. die direkte
betriebliche, politische und ehrenamtliche Mitwirkung der Bürgerinnen
und Bürger. Mit anderen Worten: Die Lösung der Krise der Repräsentation
sahen viele darin, dass sie weniger an die Repräsentanten delegieren
und mehr kraft eigener Kompetenz selbst regeln wollten.
72% (2% mehr als 1991) befürworteten die Forderung "Das Mitspracherecht
der Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz muß sehr viel größer
werden." Dabei hatte sich Anteil derer, die "voll" statt
"eher" zustimmten, sogar auf 44% verdoppelt. Überdurchschnittlich
sind insgesamt die Befürwortungen bei Frauen (79%), Facharbeitern
(79%), mittleren Angestellte und Beamten (77%), Arbeitslosen (85%) und
Ostdeutschen (78%). - 1991 war zum Vergleich auch nach der Befürwortung
einer Mitsprache der Gewerkschaften im Betrieb gefragt worden. Sie lag
etwa 20 Punkte tiefer und nur zu 13% bei einer "vollen Zustimmung".
Dies war kein schlechtes Ergebnis. Aber ganz offensichtlich wollen die
Befragten ihre Kontrolle öfter lieber selbst ausüben als sie
zu delegieren - ein indirekter Hinweis auf einen Mangel an direkten Partizipationsmöglichkeiten
in Gewerkschaften.
80% (11% mehr als 1991) befürworteten die direkte Bürgerpolitik:
"Wenn man heute als Bürger politisch etwas erreichen will, muß
man die Dinge selbst in die Hand nehmen." Der Feststellung stimmten
"voll" zu von allen 49% (30% mehr als 1991), von den Männern
45% (25% mehr) und von den Frauen 53% (35% mehr). Ähnlich tendierten
die Antworten zu der Frage "Sollten in dieser Gesellschaft an wichtigen
politischen Entscheidungen die Bürger direkt beteiligt werden, oder
sollten dafür die gewählten Politiker verantwortlich sein?"
66% befürworteten eine solche Bürgerbeteiligung, überdurchschnittlich
vor allem Befragte unter 40 Jahren.
Bezeichnend ist auch, dass trotz der sog. Verdrossenheit das politische
Desinteresse abgenommen hat. Statt 66%, wie 1991, meinten nur noch 52%:
"Für mich gibt es wichtigere Dinge zu tun, als sich um Politik
zu kümmern." Der Anteil derer, die Politik eher für wichtig
halten, ist um 13% auf 47% gestiegen.
28% geben an, eine unentgeltliche soziale oder karitative Tätigkeit
auszuüben, und zwar Männer und Frauen praktisch gleich. Eine
andere ehrenamtliche Tätigkeit, z.B. in einem Verein oder einer Partei,
geben 29% an, und zwar 38% der Männer und 21% der Frauen.
Insgesamt bestätigen die repräsentativen Daten das hohe Gewicht
der Unzufriedenheit mit qualitativ-partizipatorischen Standards im Vergleich
zur Unzufriedenheit mit quantitativ-materiellen Standards der Lebensweise.
Die Zweifel an der Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit sind dabei
überdurchschnittlich hoch bei den Frauen, bei den einfachen Arbeitern
und den Facharbeitern, bei den Befragten ohne (oder ohne sicheren) Arbeitsplatz
und bei den Ostdeutschen, teilweise auch bei der jüngeren Generation.
7. Chancen eines integrativen Sozialmodells
Im Dezember 2000 berichtete "Die Zeit" über eine Studie,
die vor allem die autoritäre und ausländerfeindliche Verarbeitung
der sozialen Unsicherheiten betont. Dies signalisierte schon der Titel:
"Starke Hand gesucht. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt:
Autoritäre Einstellungen und Angst vor den Fremden steckt auch in
den Köpfen der bürgerlichen Mitte". Die Studie, so hieß
es, "untermauert die Annahme, daß in der Bundesrepublik nach
wie vor eine stark autoritäre Mentalität zu Hause ist - im Osten
wie im Westen, in Unter-, Mittel- und Oberschichten."(Vgl. Hofmann,
Die Zeit, 20.12.2000, S. 7)
Auch unsere Befragung verwies auf ein nicht geringes autoritäres
Potential. Jedoch ließ sich dieses genauer in bestimmten gesellschaftspolitischen
Lagern lokalisieren, die wir in der Landkarte der sozialen Milieus einordnen
können (Abb. 3). Demnach sind die bedrohlichen autoritären Potentiale
nicht überall, wie suggeriert wird, sondern in ganz bestimmten Milieus
am rechten und unteren Rand der sozialen Landkarte zu finden: im sog.
"Enttäuscht-autoritären Lager" mit doch immerhin 27%
der Bevölkerung. Dieses Potential flottiert auch nicht frei, beliebig
von rechten Demagogen mobilisierbar, sondern es ist mehrheitlich noch
von den großen Volksparteien gebunden. Aber diese Bindung ist, wie
die Wahlerfolge des Rechtspopulismus zeigen, nicht mehr sicher, vor allem
solange die Politik die Modernisierungsverlierer vernachlässigt.
[Abb. 2 Die gesellschaftspolitischen Lager im sozialen Raum]
Die Verortungen drücken den Spagat aus, den die politischen Parteien
bewältigen müssen, wenn sie ihre Klientel aus den verschiedenen
Milieus und Lagern mobilisieren und repräsentieren wollen. Vor allem
die großen Volksparteien müssen ihre Anhänger jeweils
aus mehreren Lagern schöpfen, wenn auch mit gewissen Schwerpunkten.
So kann z.B. die CDU/CSU die Arbeitnehmer aus den konservativeren Milieus
und Lagern mobilisieren, aber, über den modernen CDU-Flügel,
auch einen Teil der moderneren Arbeitnehmer. Spiegelbildlich kann die
SPD vor allem Arbeitnehmer aus moderneren Milieus und Lagern mobilisieren,
aber, über den rechten SPD-Flügel, auch einen Teil der konservativen
Arbeitnehmer. Die nachlassende Integrationskraft der oberen Milieus -
die Krise der politischen Repräsentation - drückt sich in vier
Tendenzen aus.
- Die beiden konservativen Kernlager (TKO und GKO) erreichen mit gut 30%
zwar noch weitgehend die konservativen Arbeitnehmermilieus, erodieren
aber deutlich infolge modernerer Bildung und Lebensstile.
- Das ökologisch und zivilgesellschaftlich orientierte Radikaldemokratische
Lager (RAD) hat infolge elitärer und teilweise neoliberaler Orientierungen
nur Bindekraft für gut 10%, in den oberen Milieus. Es hat sich als
"Leitmilieu" ungeeignet erwiesen.
- Die beiden Lager der solidarischen Sozialmodelle (SOZ und SKED) sind
mit mehr als 30% gut in den großen moderneren Arbeitnehmermilieus
verankert, aber vom Abbau sozialer Sicherungen und vom gesellschaftspolitischen
Kurs der politischen Eliten tief enttäuscht.
- Für mehr als ein Viertel der Westdeutschen (EA) besteht die Bindekraft
der großen Parteien nur noch äußerlich. Sie sehen ihre
Ansprüche gegenüber dem Staat enttäuscht und fühlen
sich von den Modernisierern im Stich gelassen. Sie verarbeiten dies mit
autoritären Ressentiments und rechtspopulistischen Sympathien.
(Abbildung 3: Gesellschaftspolitische Lager und soziale Orientierungsmodelle
in der Bundesrepublik)
Die zentrifugalen Tendenzen beruhen auf der Seite der popularen Milieus
in einer verfestigten Skepsis gegenüber der Fähigkeit der Eliten,
den gesellschaftspolitischen Umbau als eine Kombination von marktgerechter
Flexibilität und sozial gerechter Risikosicherung zielsicher anzupacken.
Die Eliten sind unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders letzthin
responsiver geworden, sie reagieren stärker auf Unzufriedenheit.
Aber ihnen fehlen Perspektiven, die neoliberale Sparpolitik von Maastricht
zu beenden und die verschiedenen Ansprüche und Sozialmodelle der
sechs Lager zu integrieren.
Möglich wäre dies durchaus. Die Befragungsdaten zeigen nicht
nur, dass die sozialen Milieus das sozialstaatliche Modell der Bundesrepublik
immer noch zu gut 80% gutheißen. Sie zeigen auch, dass die verschiedenen
sozialen Ordnungskonzepte der Lager (Abb. 3) einen gemeinsamen Nenner
haben. Die Solidaritätsmodelle überwiegen mit 49%. Es sind solche
Modelle, für die Solidarität und Eigenverantwortung zusammengehören
und nicht - wie in neoliberalen oder protektionistischen Sozialmodellen
- gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Beide Elemente - Solidarität
und Eigenverantwortung - könnten entweder unter konservativem oder
unter sozialdemokratischem Vorzeichen in dem Integrationskonzept eines
"partizipatorischen Wohlfahrtsstaats" zusammengefaßt werden
(vgl. Vester in: Korte/Weidenfels 2001, S. 172-180). Die große Minderheitsgruppe
der Modernisierungsverlierer von 27%, die ein protektionistisches Modell
gutheißt, könnte durch eine Politik sozialer Mindestgarantien
ins Boot geholt und dem Rechtspopulismus abspenstig gemacht werden. Die
kleine Minderheitsgruppe der Radikaldemokraten (11%) ist sozial so gut
gestellt, dass ihnen keine exzessiven Konzessionen gemacht werden müssen,
zumal sie eine partizipatorische Gestaltung des Wohlfahrtsstaates attraktiv
finden würden.
Stattdessen üben die Regierenden weiterhin Druck auf das korporative
Aushandlungssystem und die Parlamente aus, um ihre beiden seit 1999 verfolgten
Hauptprojekte Schritt für Schritt voranzubringen: die Institutionalisierung
eines prekären Sektors am unteren Rand des Arbeitsmarktes, die die
Arbeitslosen und Arbeitsunwilligen mobilisieren soll, und Reformen des
Bildungssystems, von denen immer noch nicht klar ist, ob sie auf eine
selektive Förderung der bisher bevorzugten Bildungsschichten oder
auf eine breite Förderung der benötigten Bildungsreserven, wie
sie die meisten anderen Länder betreiben, hinauslaufen soll.
Diese Doppeldeutigkeit entspricht dem Spagat zwischen den Teilen der Elitemilieus,
die neoliberalen Projekten der Risikoverlagerung nach unten zuneigen,
und den großen Volksmilieus, für die Eigenverantwortung und
Solidarität zusammengehören. Diese Elitemilieus können
die Volksmilieus weder hinreichend politisch repräsentieren noch
hinreichend zur Wahl mobilisieren, wenn sie nicht die Möglichkeit
eines neuen historischen Kompromisses nutzen.
Literatur
Peter A. Berger, Individualisierung. Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt,
Opladen 1996.
Peter A. Berger/Stefan Hradil (Hg.), Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile,
Göttingen 1990
Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt a.M. 1982, S. 654-669.
Pierre Bourdieu, Pierre u.a., Das Elend der Welt, Konstanz 1997 [1993].
Theodor Geiger, Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel, Köln und
Hagen 1949; Dahrendorf, Ralf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der
industriellen Gesellschaft, Stuttgart 1957.
Heiner Geißler, Die neue soziale Frage, Freiburg i.Br. 1976.
Gunter Hofmann, Starke Hand gesucht, in: Die Zeit, 20.12.2000, S. 7.
Stefan Hradil, Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft,
Opladen 1987.
Werner Hübinger, Prekärer Wohlstand, Freiburg i.Br. 1996.
Karl-Rudolf Kortef/Werner Weidenfeld, Werner (Hg.), Deutschland-TrendBuch,
Opladen 2001, S. 675-711;
Peter Sopp/Dirk Konietzka, Gespaltener Arbeitsmarkt - Ausgeschlossene
Individuen, Vortragsms., 1998.
Edward Palmer Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse,
Frankfurt a.M. 1987 [1963]).
Michael Vester, Milieus und soziale Gerechtigkeit, in: Korte/Weidenfeld,
a.a.O., S. 160-171).
Michael Vester, Peter von Oertzen u.a., Soziale Milieus im gesellschaftlichen
Strukturwandel, Frankfurt a.M. 2001,
Karl Georg Zinn, Wie Reichtum Armut schafft, Köln 1998, S. 55, 75.
Hervorhebungen:
Die neuen Spitzenpolitiker, selber soziale Aufsteiger, waren fasziniert
von den Symbolen und Attitüden der start-ups der "new economy"
.
Gerade bei raschem wirtschaftlich-sozialen Wandel steht das Verhältnis
zwischen oben und unten, der "Gerechtigkeitsvertrag" der Gesellschaft,
zur Debatte.
Die Parole der "neuen Mitte" war von Beginn doppeldeutig. Sie
sprach zwei sehr gegensätzliche Milieugruppen an, ein vermeintliches
postmodernes "Leitmilieu" der modernen Unternehmer und die große
moderne Mitte der gut qualifizierten Facharbeiter und Angestellten.
Die Perspektive derjenigen Politiker, die vom raschen Meinungswandel ausgehen,
gleicht der von Zugpassagieren, die meinen, der Bahnsteig fährt ab,
während es doch die Züge sind, die sich bewegen.
Die Grundvorstellungen sozialer Gerechtigkeit ändern sich vielmehr
sehr langsam, vor allem im Rhythmus des Generationenwechsels.
Die Sorgen drehen sich nicht allein um die materiellen Standards, sondern
um die Gerechtigkeit der Chancen und der Qualität des Lebens insgesamt.
Die Eliten reagieren seit Schröders Kanzlerschaft stärker auf
Unzufriedenheit. Aber ihnen fehlen Perspektiven, die neoliberale Sparpolitik
zu beenden und die verschiedenen Ansprüche und Sozialmodelle zu integrieren.
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