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Die Scheidelinie heißt Anpassen oder Gestalten
Erklärung der Parlamentarischen Linken in der SPD-Bundestagsfraktion
vom 17.01.2003
In der öffentlichen Debatte herrscht das merkwürdig
geschichtslose Durcheinander, der Sozialstaat sei das Grundübel aller
Probleme. In dieser Ideologie, die offenkundig nicht einmal das Grundgesetz
respektiert, scheinen die einzig wahren Mittel Liberalisierung und Deregulierung
zu sein. Wer an der sozialen Demokratie festhält, ist von gestern
und hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die Bundestagswahl hat trotz
eines massiven Trommelfeuers gezeigt, dass die Wählerinnen und Wähler
in der Mehrheit doch anders denken. Dafür sprach der gesunde Menschenverstand,
dass die Orientierung an sozialer Gerechtigkeit nach wie vor ein zentraler
Maßstab bleibt. Der Sozialhistoriker Eric Hobsbawm bezeichnet die
radikale Programmierung der Sichtweisen und Entscheidungen auf eine "permanente
Gegenwart" als den besorgniserregendsten Trend unserer Zeit. Diese
"Kurzfristlogik" macht unfähig, die Erfahrungen der Vergangenheit
zu berücksichtigen, die Komplexität der Gegenwart zu erfassen
und die Erfordernisse der Zukunft einzubeziehen.
Die Ergebnisse dieser Denkweise sind nirgendwo überzeugend. Kurzen
Aufblähungen folgten Instabilität, Krisen und Ausgrenzungen.
Wer spricht heute beispielsweise noch - wie in den 1980er Jahren - vom
großen Vorbild Japan? Warum wird so gerne verschwiegen, dass der
amerikanische Wirtschaftsboom auch auf einem "schmutzigen Keynesianismus"
über den Rüstungssektor beruht und durch die Hochzinspolitik
in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele Volkswirtschaften in die Krise
gestürzt hat?
Deshalb begrüßt die Parlamentarische Linke in der SPD, dass
eine Debatte über die Situation und die Perspektiven unseres Landes
in Gang kommt. Diese Diskussion ist überfällig.
Wir sind nicht bereit, die Definitionsmacht über Reform und Modernität
denen zu überlassen, denen es schon immer vor allem um partikulare
Interessen gegangen ist.
Wir sind nicht bereit, den Versagern von gestern das Feld zu überlassen.
Wir leugnen nicht den großen Modernisierungsbedarf, den es in unserer
Gesellschaft gibt.
Doch die Erneuerung wird nicht mit einem neoliberalen Gesellschaftsmodell
zu erreichen sein. Der Absolutheitsanspruch, mit dem der Wirtschaftsliberalismus
heute auftritt, entfremdet ihn auch von seinen Wurzeln. Um es mit Schumpeter
zu sagen: "Wenn der Nationalökonom eine individualistische Methode
zur Tatsache verbrämt, so können wir das nicht billigen und
geben insofern seinen Gegnern Recht." Alexander Rüstow hat die
wirtschaftlichen und sozialen Katastrophen des letzten Jahrhunderts im
Wesentlichen als Folge der Absolutheit beschrieben, mit der die Maxime
"laissez faire, laissez passer" verfolgt wurde. Sie ist nicht
nur mit unserer Verfassung unvereinbar, sondern zerstört letztlich
jedes Gleichgewicht, auf das Ökonomie und Gesellschaft angewiesen
ist. Im Gegenteil: Wir wollen sehr viel mehr Modernität und Demokratie
verwirklichen als unsere politischen Gegner, die schon immer jede weitergehende
Idee von der Öko-Steuer bis zu mehr Teilhabe bekämpft haben.
Die Scheidelinie liegt also woanders: Wir wollen uns den ökonomischen
Zwängen der Globalisierung nicht anpassen, sondern den politischen
Handlungsspielraum erweitern, um sie zu gestalten. Auch heute gilt, was
The Economist in den 1930 Jahren als Fazit der Wirtschaftskrise geschrieben
hat: Krisen und schwere Erschütterungen sind nur zu verhindern, wenn
die Handlungsfähigkeit der Politik gestärkt wird. Unser Land
befindet sich mit der Globalisierung in dem tiefsten Umbruch seit den
Aufbauzeiten. Das Modell des Rheinischen Kapitalismus, das auf Nationalstaat,
Flächentarifvertrag und Kartellrecht aufgebaut war, ist vorbei, auch
international haben sich die Bedingungen geändert.
In den USA dominiert ein ökonomischer Unilateralismus, der seine
Interessen mit denen der Welt gleich setzt. Hierin liegt auch die entscheidende
Bedeutung der rot-grünen Politik: Wenn es gelingt, wieder mehr Vielfalt
zu verwirklichen, das in die Sackgasse führende ökonomische
Einheitsdenken zu überwinden und eine Weltinnenpolitik zu beginnen,
die sich zuerst am Vertiefungs- und Erweiterungsprozess der EU bewähren
muss, dann ist dies aller Anstrengungen wert. Keine Frage: Wir müssen
die Sozialsysteme grundlegend erneuern. Es ist nicht so, dass die politische
Linke dies verkennt. Im Gegenteil: Wir sehen die tiefgreifenden Veränderungen,
die in der Erwerbsgesellschaft stattgefunden haben, die von den Grenzen
der tradierten Massenproduktion bis zu der enormen Produktivität,
die vor allem die deutsche Industrie auszeichnet, reichen. Doch das Ergebnis
darf nicht der Sozialhilfestaat werden, sondern muss der soziale Rechtsstaat
bleiben. Jede funktionierende Wettbewerbsordnung braucht aber Markt und
Rahmensetzungen. Dies muss die Politik und das müssen die öffentlichen
Institutionen leisten.
Auch ist es falsch, dass die Linke nur staatsfixiert sei. Aber die Leitlinien
unserer Politik bleiben mehr Teilhabe, Demokratie und Chancengleichheit.
Zudem wollen die Konservativen viel mehr Staat, wenn es in ihre Ideologie
passt: Mehr Bundeswehr, mehr Polizei, mehr Justiz. Auch bei der Modernisierung
der Sozialsysteme stellt sich die Frage, ob wir den vorgegebenen Handlungsspielraum
hinnehmen oder ob wir die Möglichkeiten sehen und nutzen wollen,
ihn zu erweitern. Deshalb gibt es nicht nur den Zusammenhang, dass die
Sozialpolitik auf die wirtschaftlichen Rahmendaten Rücksicht nehmen
muss. Auch umgekehrt gilt, dass die Ökonomie so gestaltet werden
kann, dass sie den Handlungsspielraum erweitert. Dabei ist unbestritten,
dass wir sehr viel stärker auf Vorsorge, Eigenverantwortung sowie
Fördern und Fordern umstellen. Vor allem aber wollen wir die ökologische
Modernisierung fortsetzen. Das ist ein zentraler Weg zur Modernisierung
von Wirtschaft, Erwerbsarbeit und Gesellschaft.
Wir verbinden damit die Frage, ob es zwangsläufig ist, dass immer
mehr produktive Arbeit durch Technik übernommen wird, wodurch letztlich
die Gesellschaft auseinander fällt zwischen hoch bezahlter Arbeit
und wachsendem Niedriglohnbereich. Auf eine hohe Produktivität ist
der Exportweltmeister Deutschland angewiesen, aber muss dies zwangsläufig
sozial fatale Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft und das
Auseinanderdriften auf dem Arbeitsmarkt haben?
Nicht die Arbeit, sondern der Materialdurchsatz ist der größte
Kostenblock in dem Life Cycle Cost deutscher Produkte: In der Industrie
liegen die Personalkosten bei 23 Prozent, aber die mit dem Materialdurchsatz
verbundenen Kosten bei 72 Prozent. Doch die Debatte ist fast ausschließlich
auf die Verbilligung der Arbeitskosten gerichtet.
Die Industrie liefert im Inland Produkte für ca. 730 Milliarden Euro
pro Jahr. Dieser Umfang ist nicht zwingend. Die Steigerung der Material-
und Energieproduktivität ist weit hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben.
Eine 25-prozentige Reduzierung (Nutzen von 190 Mrd. €) würde
nach den Evaluierungen bisheriger Erfahrungen nicht nur neue, vor allem
produktionsnahe Dienstleistungsfelder, Produktinnovationen und Märkte
kreieren. Die würden vor allem dem Mittelstand durch bessere Wettbewerbsfähigkeit
helfen und unter günstigen Bedingungen auch bis zu 1 Million Arbeitsplätze
schaffen sowie die privaten Haushalte entlasten.
Deshalb brauchen wir neben der Umsetzung der Hartz-Vorschläge eine
Innovationsoffensive, die eine große Gemeinschaftsanstrengung werden
muss. Wir stehen am Beginn einer Grundsatzauseinandersetzung. Wir werden
sie führen.
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