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Kurzum_129
von Thomas Westphal
"Geiz ist geil!" so lautet der
aktuelle Werbeslogan eines großen deutschen Elektronikkaufhauses
mit angeblichen Dauerniedrigpreisen. In jeder Anzeige, auf jedem Preisschild
und auf jeder Tragetasche dieses Kaufhauses prangt in großen Lettern
dieser Spruch, verziert durch eine junge Frau in engen Lederklamotten.
Entstanden ist dieser "Claim," wie solche Sprüche in der
Werbesprache genannt werden, in der Agentur Jung v. Matt in Hamburg. Diese
Agentur gilt als Popstar unter den Werbeagenturen und ist unter anderem
auch für die Sixt und DEA-Werbung (Super, Ingo!) verantwortlich.
"Geiz ist geil!" ist längst zum Leitbild für eine
ganze Reihe von sogenannten Billig-Anbietern, vom Einzelhandel bis zu
den Billigfliegern, geworden. Im Windschatten der Diskussion über
den teuren Euro und die drohende Inflation, haben sich einige Handelsmarken
geschickt als Sparmarken in den Köpfen der Konsumenten platzieren
und deutliche Marktanteile gewinnen können.
"Geiz ist geil!" zielt nicht auf die kaufschwachen Schichten,
ist keine Samariterwoche der Kaufhäuser oder gar eine Art Volksküche
des 21. Jahrhunderts. Angelockt werden eher die ökonomischen Mittelschichten
(Einkommen zwischen 3.000 und 6.000 Euro brutto im Monat), die drauf und
dran sind, dem Wirtschaftskreislauf ihr Geld durch "übersparen"
zu entziehen.
"Geiz ist geil!" trifft den Nerv der deutschen Mittelschichten
die, in großer Empörung über die allgemeine Verteuerung,
in der Hauptsache mit den Abzügen auf ihrem Lohnzettel, der Schnäppchenjagd,
mit tausend kleinen Steuertricks, mit der Suche nach der günstigsten
Krankenkasse, dem billigsten Telefonanbieter und dem größten
Zinsvorteil beschäftigt sind.
"Geiz ist geil" ist die höchstmögliche positive Umkehr
des Grundjammerns "alles wird teurer!" Geld zusammenhalten mit
Lust, durch kaufen mit kleinen Preisen. Geiz zahlt sich aus und ist einfach
geil! Das Schöne ist, der Spaß wird um so größer,
je höher wir in der Einkommensskala klettern.
Kurzum: Es steht wohl weit schlimmer um die deutsche Mentalität als
wir dachten. In der ökonomischen Krise feiert die deutsche Krämerseele
ein fulminantes Comeback als positive Leitfigur gesellschaftlichen Verhaltens.
Danke Jung v. Matt!
Längst ist diese Krämerseele auch in der Politik am Werke. Die
Diskussionen um die richtige Steuerpolitik, die Gesundheitsreform, den
Staatshaushalt und die Rentenreform wird dominiert von den Krämerseelen
auf allen Seiten. Zunächst war die neue Bundesregierung nicht in
der Lage ein Wachstumsprogramm für Deutschland zu entwerfen. Sie
verging sich am eigenen Wahlsieg, in dem sie eine Liste zum Abbau von
Steuervergünstigungen vorlegte, die ohne jeden reform-politischen
Zusammenhang und jede Logik in der Steuersystematik auskommen musste.
Die Krämerseelen in der Bürokratie des Bundesfinanzministeriums
sammelten Kürzungsvorschläge wie andere Leute Rabattmarken.
Sie hatten offenbar den Auftrag ein bestimmte Einsparsumme zu erzielen
ohne jede Rücksicht auf mögliche Folgewirkungen im volkswirtschaftlichen
Kreislauf. Diesen Umstand wollte auch niemand groß verschleiern.
Das entsprechende Gesetz wurde deshalb auch einfach "Steuervergünstigungsabbaugesetz"
genannt.
Als dann dieses "Reformgesetz" noch begleitet wurde durch Beitragserhöhungen
in der Rente, durch Pläne zur Anhebung der Beiträge seitens
der Krankenkassen, durch die Ökosteuer und durch das Dosenpfand,
platzte den Krämerseelen auf der andern Seite endgültig der
Kragen. Die frisch wiedergewählte Bundesregierung verlor innerhalb
von Wochen jede Unterstützung in der Bevölkerung und die deutsche
Krämerseele bekam zur Leitmarke "Geiz ist geil" noch ihre
neue Nationalhymne in Form des Steuersongs von Elmar Brandt.
"Ich will Euren Zaster" war die treffende und zugleich brandgefährliche
Verulkung der Wirtschafts- und Finanzpolitik der rot/grünen Bundesregierung.
Der Verlust an Zustimmung und gesellschaftlicher Hegemonie ist nicht mit
der direkten Wirkung der einzelnen Maßnahmen erklärbar. Sie
resultiert vielmehr aus dem katastrophalen Gesamteffekt, die Regierung
treibe, wie Könige und Lehnsherren in vormodernen Gesellschaften,
in voller Willkür Steuern ein. Da hilft es auch wenig, wenn in diesen
Tagen eine Studie präsentiert wird, die nachweist, dass Deutschland
eine geringere Steuer- und Abgabenquote als viele europäische Nachbarn
hat und weit unter der Abgabenquote etwa von Schweden liegt. Insbesondere
die schwedischen Sozialdemokraten haben gezeigt, wie man einen Zusammenhang
zwischen Steuer- und Reformpolitik aufbaut.
Die Bundesregierung hat jedoch das Gegenteil erreicht, sie ist zum bloßen
Mitspieler im Spiel der Krämerseelen herabgesunken. Steuern und Beiträge
zur Sozialversicherung werden nicht mehr als finanzielle Beiträge
zur Solidargemeinschaft, sondern als Beute des Staates interpretiert.
Der Staat ist nicht mehr die hoheitliche Verwaltung der Gemeinschaft,
er ist in den Augen vieler ein geldfressender, unbeweglicher Machtappart
den alle mit "ihrer Hände Arbeit" durchfüttern.
Kurzum: Mit ihren hastigen Steueraktionen hat die rot-grüne Bundesregierung
nicht nur die ökonomische Krisensituation verschärft, sie hat
den positiven Sinnzusammenhang zwischen Staat- Gemeinschaft und Individuum
weiter aufgelöst und damit dem Sozialstaat in Deutschland einen hegemonialen
Bärendienst erwiesen.
Es hilft den Protagonisten deshalb auch wenig, wenn sie beteuern es gäbe
dazu keine Alternative.
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