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Nachhaltigkeit
als Reformprinzip
Einleitung
zum Schwerpunkt
Von
Uta Biermann und Horst Peter
Dr.
Uta Biermann, Referentin beim SPD-Parteivorstand, lebt in Berlin
Horst Peter, Vorsitzender des Vereins zur Förderung von Demokratie
und Völkerverständigung und Sprecher der spw-HerausgeberInnen,
lebt in Kassel
Beide sind Mitglied im spw-Arbeitsausschuss
Es ist der neoliberalen Gemeinde in Wissenschaft, Medien und Politik
gelungen, ihren spezifischen Reformbegriff im öffentlichen Bewusstsein
als alternativlos zu verankern und mit dem Begriff der Modernisierung
gleich zu setzen. Reformen haben im neoliberalen Verständnis die
Funktion, dem alles regelnden Prinzip des Marktes national und international
zum Durchbruch zu verhelfen.
Im neoliberalen Marktmodell der Globalisierung erscheint die Erde als
ein homogener Raum, der durchgängig und durchlässig sein muss,
damit Waren und Kapital ungehindert zirkulieren können. Man stelle
sie sich als einen einzigen Marktplatz vor, auf dem Produktionsfaktoren
dort gekauft werden, wo sie am billigsten sind (globalsourcing) und die
Waren dort abgesetzt werden, wo sie den besten Preis erzielen (globalmarketing).
Angetrieben wird dieser Prozess durch das Prinzip, die größtmögliche
aktuelle Rendite von Kapitalanlagen (share-holder-value) durch effizienten
Einsatz von Kapital, Arbeitskraft und Wissenschaften durchzusetzen.
Von diesem Prinzip sollen alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens - Soziales,
Bildung, Wissenschaft, Gesundheit, Kultur - durchdrungen werden. Daraus
ergibt sich als hauptsächliche Reformforderung, die einzelnen Volkswirtschaften
für den Weltmarkt fit zu halten, den jeweiligen Wirtschaftsstandort
zu optimieren. Sogenannte Regulierungen wie Sozial- und Arbeitsgesetze
werden als Entwicklungshemmnisse benannt und sollen dereguliert werden.
Gegner solcher Reformen werden als antiquierte Traditionalisten definiert.
Wer diesem Reformbegriff eine Alternative entgegensetzen will, muss sich
bewusst sein, dass es im neoliberalen Mainstream gelungen ist, dass absolute
Steuerungsprinzip des Marktes bis in die weltweiten Institutionen der
WTO, des IWF und der Weltbank als leitendes Reformprinzip zu verankern
und zumindest in der Bevölkerung der führenden Industriestaaten
positiv zu besetzen. Daraus folgt, dass eine Alternative für die
Menschen attraktiver und erstrebenswerter sein muss.
Karl Hermann Tjaden entwickelt das Ziel nachhaltiger Entwicklung als überzeugende
Alternative. Er leitet das Ziel der Reproduktion von lebendiger Arbeit
und lebendiger Natur als Kern einer Reformstrategie aus einer historischen
Analyse des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur ab. Er zeigt auf,
dass die kapitalistisch organisierte Wirtschaft ohne staatliche Intervention
die lebendige Arbeit und die lebendige Natur krisenhaft gefährdet.
Nachhaltiges Wirtschaften, wie es als Prinzip der Forstwirtschaft allgemein
anerkannt ist (es darf nicht mehr Wald genutzt werden, als nachwachsen
kann) müsse auf alles Wirtschaften übertragen werden mit dem
Ziel, auch die Lebensgrundlagen künftiger Generationen zu erhalten.
Die Vertreter eines nachhaltigen Entwicklungsweges sehen soziale und ökologische
Krisen als Folge einer auf dem totalen Marktprinzip beruhenden falschen
Produktions- und Konsumtionsweise an, die gründlich zu verändern
ist, soll das Leben künftiger Generationen gesichert sein. Dazu ist
die demokratische politische Intervention unverzichtbar, damit eine "dauerhafte
Entwicklung" möglich wird, wie sie 1987 im Bundtlandbericht
definiert wird und 1992 politisches Leitbild der Umweltkonferenz von Rio
wird: "Nachhaltige Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen
Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen
zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren
eigenen Lebensstil zu wählen."
Die politische Aufgabe, die sich bereits in der Gegenwart stellt, ist
ein Prozess tiefgreifender Veränderungen, in denen die Nutzung der
Ressourcen, die Struktur der Investitionen die Art des technischen Fortschritts,
aber auch die menschlichen Lern- und Arbeitspotenziale, der gesellschaftliche
Zusammenhalt, der Konsum- und Lebensstil sowie die institutionellen Strukturen
mit den gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnissen in Einklang
gebracht werden müssen, um den Anspruch aller Menschen auf ein gesundes
und produktives Leben im Einklang mit der Natur zu ermöglichen.
Damit wird Nachhaltigkeit zu einer Kategorie, die sich in gesellschaftlichen
Entwicklungsprozessen konkretisiert: wie wirken Produktion und der Einsatz
von Wissenschaft und Technik, aber auch, ihre gesellschaftlichen Organisationsformen
und die sie tragenden politischen Entscheidungen und administrativen Verfahrensweisen
auf die grundlegenden Produktivkräfte des Menschen und der Natur
zerstörend und verschwendend einerseits oder bewahrend und entfaltend
andererseits? Nachhaltigkeit ist damit eine Kategorie, die es ermöglicht,
politische und ökonomische Entscheidungen zu bewerten. Sie liefert
einen politischen Maßstab für richtige oder falsche Politik.
Dazu bedarf der Begriff der Konkretisierung, damit er politisch handhabbar
und für die Menschen nachvollziehbar wird: Es geht um die Begrenzung
von Ressourcennutzung und die Effizienz des Ressourceneinsatzes sowohl
bei der Produktion als auch bei der Konsumtion. Es geht auch um die präventive
Vermeidung von Gefährdungen des Lebens und der Lebensgrundlagen.
Nachhaltige Politik muss deshalb langfristig das Naturvermögen genauso
wie das Arbeitsvermögen reproduzieren und mit diesem Ziel national
und international in den Wirtschafts- und Geldkreislauf intervenieren.
Ziel ist die Reproduktion und Entfaltung der Natur und der Arbeit, was
beides der Markt nicht zu leisten vermag.
Nachhaltigkeit muss sich besonders im überschaubaren Umfeld der Menschen
entfalten können, damit jeder Einzelne im Sinne von Nachhaltigkeit
Handlungsmöglichkeiten und auch Einwirkungsmöglichkeiten auf
politische Entscheidungen sieht. Deshalb muss sich nachhaltiges Handeln
unverzichtbar in der Kommunalpolitik niederschlagen.
Die Reproduktion der Arbeitskraft als der zweite Schlüsselbegriff
für an Nachhaltigkeit orientierter Reformpolitik schließt sowohl
die Entfaltung der Lern- und Arbeitspotenziale, als auch die gesellschaftliche
Unterstützung der Menschen in Risikosituationen, die sie nicht selbst
bewältigen können, durch gesellschaftliche Solidarität
und die Einbettung des Einzelnen in gesellschaftliche kulturelle Zusammenhänge
ein. Die politische Form, dies in allen Zusammenhängen zu gewährleisten,
ist die soziale und ökologische Demokratie, die Demokratiegebot und
soziale und ökologische Ziele produktiv zusammenführt.
So hat das Prinzip der Nachhaltigkeit eine ökonomische, ökologische,
soziale und kulturelle Dimension Es wirkt gesamtpolitisch und umfasst
stets mehr als die einzelne Fachpolitik. Nachhaltige Politik ist gesellschaftliche
Politik, auch im globalen Maßstab, die sich vor allem in den Handlungsfeldern
Ökologie, Ökonomie, Bildung, Gesundheit, Existenzsicherung und
gesellschaftlicher Zusammenhang realisiert.
Wir haben in diesem Heftschwerpunkt versucht, möglichst viele der
beteiligten Handlungsebenen und betroffenen Politikfelder aufzuzeigen.
Ulla Burchardt entwickelt die zentralen Eckpunkte einer Nachhaltigkeitsstrategie
als sozialdemokratische Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung
und Wolfgang Gründinger plädiert dafür, dass rot-grün
Nachhaltigkeit jetzt in der praktischen Politik auch als Handlungskonzept
verwirklicht.
Bernd Lange eröffnet die europäische Dimension der Debatte und
fordert mit Blick auf den Weltgipfel in Johannesburg, dass Nachhaltigkeit
ein europäischer Exportschlager werden kann und muss.
Kommunale Handlungsoptionen entwickelt Michael Müller am Handlungsfeld
Mobilität. Nachhaltige Verkehrskonzepte sind eine der spannendsten
Herausforderungen vor dem Hintergrund der stetig wachsenden individuellen
wie gesellschaftlichen Anforderungen an Mobilität. Sein Fazit: Hohe
Umweltstandards fordern wichtige Innovationen und sind keinesfalls eine
Bremse wirtschaftlicher Entwicklung.
Literatur
Ulla Burchardt/Reinhold Rünker, Nachhaltigkeit als Reformprinzip
- Festschrift für Horst Peter, spw-Verlag Dortmund 2002
Ulrike Hensel/Joachim Schuster, Mehr Beschäftigung durch nachhaltige
Mobilität?, spw-Verlag Dortmund 2002
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