|
Nachhaltigkeit-ein
neuer politischer Gestaltungsansatz
Von
Ulla Burchardt, MdB
Ulla Burchardt, MdB, Sprecherin der SPD-Arbeitskreises "Nachhaltigkeit",
lebt in Dortmund
Nachhaltigkeit - sozialdemokratische Antwort auf die Globalisierung
Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung, bei der UNCED-Konferenz in Rio
1992 von nahezu allen Staaten der Welt als die Reformperspektive des 21.
Jahrhunderts akzeptiert, ist ein ur-sozialdemokratisches Projekt.
Die Solidarität zwischen den Generationen, internationale Verantwortung,
gerechte Verteilung von Lebenschancen und mehr Demokratie sind Eckpfeiler
des Weges der nachhaltigen Zukunftssicherung und identisch mit sozialdemokratischer
Programmatik. Nachhaltigkeit ist mehr als Umwelt- und Entwicklungspolitik.
Sie ist Leitlinie einer Weltinnenpolitik, die auf eine dauerhafte Sicherung
von Frieden, Sicherheit, Wohlstand und Demokratie ausgerichtet ist und
kulturelle Vielfalt fördert - und damit eine Antwort auf die Herausforderungen
und Probleme der Globalisierung.
Zwischen der Vorstellung des "planenden Staates" aus den 70er
Jahren und dem neoliberalen "Laissez-faire" bietet das Leitbild
Nachhaltigkeit eine dritte Option. Es gibt Orientierung, und zwar in doppelter
Hinsicht, als
- wertorientierte Zukunftsvision ("Gut leben") verbindet sich
mit dem Leitbild die zukunftsfähige Vorstellung einer Welt, die durch
einen schonenden Umgang mit den elementaren Lebensgrundlagen und eine
gerechte Verteilung von Lebenschancen in Bezug auf Arbeit, Einkommen,
Bildung und Teilhabe geprägt ist und Wohlstand und Lebensqualität
im globalen Maßstab auf eine Weise ermöglicht, die kommende
Generationen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten nicht einschränkt.
Nachhaltigkeit vermittelt eine Perspektive, aus der sich eine gemeinsame
Vorstellung von Zukunft, die neue Richtung des Fortschritts entwickeln
kann. Im notwendigen Such- und Lernprozess kann nachhaltige Entwicklung
die Funktion einer Orientierungsmarke, eines Kompasses erfüllen.
- Als handlungsorientiertes Zukunftsprogramm beschreibt das Leitbild Nachhaltigkeit
die Aufgaben für verantwortliches Handeln in Staat, Wirtschaft und
Gesellschaft und weist Wege zu deren Lösung. Es geht um die Sicherung
von Ressourcen in dreifacher Hinsicht:
Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen, Bewahrung einer intakten
Umwelt als Voraussetzung menschlicher Existenz, Gesundheit und Wohlstand.
Sicherung des Produktivpotenzials in Form von Infrastruktur, Bildung und
Forschung sowie Erwerbsmöglichkeiten, um die Deckung der materiellen
Bedürfnisse zu gewährleisten.
Sicherung der gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten. Dazu gehören
Chancengleichheit, Teilhabe und Solidarität als Voraussetzung sozialen
Zusammenhalts.
Der immer wieder geforderte Ausgleich zwischen ökonomischer, ökologischer
und sozialer Dimension der Nachhaltigkeit bedeutet keine Gleichrangigkeit:
die Grenzen der Natur sind der einzig limitierende Faktor einer nachhaltigen
Entwicklung. Sie zu missachten, bedeutet ökonomischen Fortschritt
und soziale Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Die ökonomische und
die soziale Dimension der Nachhaltigkeit ruhen auf dem Fundament der Ökologie.
Für die hochentwickelten Länder lässt sich "Nachhaltigkeit"
auf die einfache Formel bringen: mehr Wohlstand und mehr Lebensqualität
durch weniger Energie- und Ressourcenverbrauch, weniger Schadstoffe, Emissionen
und Abfälle.
Mit dieser Formel verbinden sich eine Fülle säkularer Herausforderungen,
unter denen der Schutz des Weltklimas und die Notwendigkeit eines energiepolitischen
Kurswechsels nur die in der aktuellen Diskussion gegenwärtigste darstellt.
Ein verantwortlicher Umgang mit Stoffen, eine deutliche Reduzierung des
Flächenverbrauchs, verstärkte Anstrengungen im Natur- und Artenschutz
sind vordringliche Aufgaben. Nicht weniger essentiell sind Probleme wie
die Gewährleistung der Trinkwasserversorgung im globalen Maßstab
oder die Sicherstellung der Welternährung angesichts des anhaltenden
Verlusts fruchtbarer Ackerflächen.
Nachhaltigkeit - eine strategische Aufgabe
Nachhaltigkeit lässt sich nicht "von oben" verordnen.
Das Zukunftsprogramm einer nachhaltigen Entwicklung kann nicht allein
vom Staat umgesetzt werden. Erforderlich ist eine umfassende Modernisierung
von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Nicht nur technologische, sondern
vor allem auch soziale und institutionelle Innovationen sind gefragt.
Notwendig sind neue Produkte und Produktionsverfahren, neue Technologien
und neue Arbeitsformen, aber auch neue Konsummuster und Verhaltensweisen,
denn ein nachhaltiges Politikangebot braucht entsprechende Nachfrage.
Überall dort, wo nachhaltigkeitsrelevante Entscheidungen getroffen
werden, müssen Strukturen geprüft und verändert werden,
wenn sie einer nachhaltigen Entwicklung im Wege stehen.
Diese Herausforderung stellt sich überall dort, wo über die
Richtung des Fortschritts entschieden wird. Und das geschieht, direkt
oder indirekt, an vielen Orten der Gesellschaft gleichzeitig: in den Vorstandsetagen
der Unternehmen, wo Entscheidungen über neue Produkte getroffen werden,
in Forschungslabors und Entwicklungsabteilungen, in Verbänden, Behörden,
Gewerkschaften und nicht zuletzt durch Konsumentinnen und Konsumenten
beim Kaufverhalten an der Ladentheke.
Für Parlament und Regierung ist Nachhaltigkeit zu aller erst eine
Herausforderung für das politische Management. Notwendig ist mehr
Kooperation, Koordination und Vernetzung der verschiedenen Fachpolitiken
und ihre gemeinsame Ausrichtung an verbindlichen langfristigen Zielvorgaben.
Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltpolitik. Es gibt kaum ein Ressort, dass
nicht in der Pflicht ist, wenn es um Beiträge zu einer nachhaltigen
Entwicklung geht. Die Erarbeitung einer übergreifenden Strategie
ist die logische Konsequenz dessen.
Nachhaltigkeit als roter Faden der Regierungspolitik
Rot-Grün hatte sich deshalb im Koalitionsvertrag darauf verständigt,
das Projekt "Nachhaltigkeitsstrategie" in Angriff zu nehmen.
Damit sollte zugleich eine zentrale Verpflichtung der in Rio 1992 unterzeichneten
Agenda 21 eingelöst werden, die in ihrem Kapitel 8 den Unterzeichnerstaaten
die "Verabschiedung einer auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichteten
nationalen Strategie" auferlegt. In der Ära Kohl wurde diese
Verpflichtung verschleppt und ignoriert.
Für die Sozialdemokratie stand und steht dahinter aber mehr als die
Einlösung einer Zusage. Die Nachhaltigkeitsstrategie ist ein Kernstück
unserer Reformpolitik. Sie zeichnet die langen Linien dieser Politik vor
und verdeutlicht, in welche Richtung sich Deutschland entwickeln soll
und welche Weichenstellungen dafür notwendig sind.
An die Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt"
der 13. Wahlperiode anknüpfend hat die SPD-Bundestagsfraktion in
der neuen Legislaturperiode eine eigene Querschnittsarbeitsgruppe nachhaltige
Entwicklung eingerichtet, um die Bundesregierung bei der Arbeit an der
Nachhaltigkeitsstrategie zu fördern und zu fordern. Ihr gehören
Fachpolitiker aller relevanten Ressortausschüsse an. Die Arbeitsgruppe
hat unter anderem ein detailliertes Anforderungsprofil für die Strategie
formuliert und im Bundestag beschließen lassen.
Eine zentrales Anliegen der Arbeitsgruppe war es im übrigen, die
Chancen der sozial-ökologischen Modernisierung herauszustellen und
nach außen und in die Partei zu kommunizieren. Mit Vertretern aus
Unternehmen und Gewerkschaften, Wissenschaft und Forschung haben wir Chancen
und Herausforderungen einer an Nachhaltigkeit orientierten Politik diskutiert.
Und wohl als einzige Parlamentsfraktion in Europa hat die SPD-Fraktion
die Europäische Nachhaltigkeitsstrategie zum Thema gemacht und zur
Diskussion Vertreter des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission
eingeladen.
Der Weg zur Nachhaltigkeitsstrategie
Basierend auf den Vorarbeiten und Empfehlungen des Bundestages und der
SPD-Fraktion hat die Bundesregierung zunächst ein institutionelles
Arrangement geschaffen. Es wurde ein "Green Cabinet", ein Staatssekretärsausschuss
für nachhaltige Entwicklung, eingerichtet. Ihm gehören die beamteten
Staatssekretäre aller relevanten Bundesministerien an. Vertreten
sind die Ressorts Umwelt, Wirtschaft, Wirtschaftliche Zusammenarbeit,
Finanzen, Arbeit und Soziales, Bildung und Forschung, Familie, Frauen,
Senioren und Jugend, Gesundheit, Verbraucherschutz, Ernährung und
Landwirtschaft, Verkehr, das Bundesinnenministerium und das Auswärtige
Amt.
Die Nachhaltigkeitsstrategie ist ein Projekt der gesamten Bundesregierung.
In der Federführung durch das Bundeskanzleramt kommt dies zum Ausdruck.
Aufgabe des "Green Cabinet" war es, die Nachhaltigkeitsstrategie
zu erarbeiten und dem Kabinett zur Entscheidung vorzulegen.
Neu ist auch der Rat für nachhaltige Entwicklung - kein weiteres
wissenschaftliches Beratungsgremium unter vielen und auch kein klassisches
Repräsentanzorgan für gesellschaftliche Gruppeninteressen. Es
geht nicht um den Austausch von Verbandspositionen. Die 17 vom Kanzler
berufenen Mitglieder vertreten zwar unterschiedliche gesellschaftliche
Akteure: Umwelt- und Unternehmensverbände, Gewerkschaften, Kirchen,
Wissenschaften, internationale Organisationen. Im Vordergrund stehen aber
eindeutig die Einzelpersönlichkeiten; Profil statt Proporz ist die
Devise.
Vom Rat werden konkrete lösungsorientierte Vorschläge zur Nachhaltigkeitsstrategie
erwartet. Und er soll mit dazu beitragen die öffentliche Kommunikation
und den Dialog über die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung anzustoßen.
Seine Berufung über die Dauer der Legislaturperiode hinaus macht
deutlich, dass es um ein Projekt geht, das längerfristig angelegt
ist und nicht mit dem Weltgipfel in Johannesburg im Sommer 2002 endet.
Der Vorsitz des Rates liegt bei Volker Hauff, der 1987 Mitglied der Brundtland-Kommission
der Vereinten Nationen war und damit für Kompetenz, Erfahrung und
personelle und inhaltliche Kontinuität steht.
Im April 2001 haben Rat und Staatssekretärsausschuss ihre Arbeit
aufgenommen. Im November 2001 legte der Rat ein erstes Positionspapier
vor mit weitreichenden Zielen und Handlungsempfehlungen für die Nachhaltigkeitsstrategie,
im Dezember 2001 präsentierte der Staatsekretärsausschuss seinen
ersten Entwurf.
Bereits in der Koalitionsvereinbarung war festgelegt, dass die Nachhaltigkeitsstrategie
"im Dialog mit den wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen" erarbeitet
werden sollte. Die Einbindung der Öffentlichkeit war deshalb ein
wesentliches Element der Strategieentwicklung. Noch bevor der erste Entwurf
vorgelegt wurde, hat die Bundesregierung die Grundlinien ihrer Strategie
im Internet zur öffentlichen Diskussion gestellt. Vier Wochen lang
konnten Bürgerinnen und Bürger Stellung nehmen und ihre Vorstellungen
zu den Leitbegriffen der Strategie äußern.
Auf Basis der Ergebnisse dieser ersten Dialogphase wurde der erste Entwurf
der Strategie erarbeitet und Ende Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt.
Ab Mitte Januar war er jederzeit über das Internet einsehbar. Über
ein Dialogforum im Internet konnte jeder Interessierte kommentieren, kritisieren
und Anregungen für die Überarbeitung geben.
Parallel dazu fanden Anhörungen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen
Anspruchsgruppen wie Umweltverbänden, Wirtschaft, Gewerkschaften,
Wissenschaft und Verbraucherschützern statt. Und viele Organisationen
und Institutionen - vom DGB über den BDI bis zu den Umweltverbänden
- haben sich detailliert schriftlich geäußert.
Die Ergebnisse diesen breiten gesellschaftlichen Dialogs fanden Eingang
in die Überarbeitung des Entwurfs, so dass im April 2002 die Strategie
im Bundeskabinett beschlossen werden konnte.
Eine neue Form des politischen Managements
Die Nachhaltigkeitsstrategie ist ein politisches Novum in der Bundesrepublik.
Zum ersten Mal legt eine Bundesregierung ein Dokument vor, in dem sie
ihre langfristigen Pläne skizziert, sich selbst zum Teil weit in
die Zukunft reichende Ziele vorgibt und zur öffentlichen Diskussion
stellt. Das ist mutig und ambitioniert und vor allem ein deutlicher Zugewinn
an politischer Kultur, eine moderne Variation der berühmten Formel
Willy Brandts "mehr Demokratie wagen".
Nachhaltigkeit hat damit - nach langen Jahren theoretischer Diskussion
- endlich den Weg in die politische Praxis gefunden. Es ist gelungen,
das Leitbild vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Werte und
die Vision, für die Nachhaltigkeit steht, werden auch für diejenigen
unmittelbar einsichtig und greifbar, die bislang mit dem Begriff nur wenig
verbinden konnten. Vier Begriffe stehen im Zentrum der Strategie: Generationengerechtigkeit,
Lebensqualität, sozialer Zusammenhalt, internationale Verantwortung.
- "Generationengerechtigkeit" bedeutet zunächst vor allem:
durch einen schonenden und effizienten Umgang mit den natürlichen
Lebensgrundlagen unseren Kindern und Enkeln Entwicklungschancen und Gestaltungsperspektiven
erhalten.
- "Lebensqualität" ist der Begriff, der das Ziel einer
nachhaltigen Entwicklung vielleicht am besten erfasst. Jeder soll die
Möglichkeit haben, sein Leben in die Hand zu nehmen, zu lernen und
zu arbeiten, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen,
und eingebettet in ein Netz sozialer Beziehungen in einer gesunden und
sicheren Umwelt zu leben.
- "Sozialer Zusammenhalt". Der Strukturwandel muss so gestaltet
werden, dass es nicht zur Spaltung der Gesellschaft kommt.
- "Internationale Verantwortung". Eine Politik die auf die gerechte
Verteilung von Entwicklungschancen zwischen Nord und Süd setzt, ist
aktive Krisenprävention und damit Friedenspolitik.
Diese Leitlinien machen deutlich, welche Werte und Ziele wir mit dem Leitbild
verbinden. Aber Nachhaltigkeit ist eben auch ein handlungsorientiertes
Zukunftsprogramm und bedarf der Konkretisierung. Wo, in welchen Feldern
besteht besonderer Handlungsbedarf, wie lauten die langfristigen Ziele,
wie sind sie zu erreichen, was sind die nächsten Schritte?
Die Strategie benennt acht Handlungsfelder, in denen neue Weichenstellungen
notwendig sind. Für drei als prioritär ausgewählte Felder
wurden detaillierte Konzepte mit Zielen und Maßnahmen entwickelt:
Klimaschutz und Energiepolitik, Umwelt, Ernährung und Gesundheit
sowie umweltverträgliche Mobilität. Für fünf weitere
Felder wird der konkrete Handlungsbedarf zunächst nur in Ansätzen
skizziert. Im Zuge der Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie
werden konkrete Konzepte, Ziele und Maßnahmen zu formulieren sein:
Bildung, Innovationsförderung, Siedlungsentwicklung und Flächenverbrauch,
demographischer Wandel, Globale Verantwortung.
Das Spektrum der Themen ist weit gefasst, die Aufgabe extrem anspruchsvoll.
Deshalb ist es notwendig, den Prozess zu koordinieren, regelmäßig
zu überprüfen, ob die eingeleiteten Maßnahmen auch die
gewünschten Effekte bringen und gegebenenfalls die Richtung zu korrigieren.
Das richtige Management ist entscheidend für den Erfolg der Nachhaltigkeitsstrategie.
Deshalb ist ein Kernstück der Strategie ein Konzept zur Erfolgskontrolle
und Weiterentwicklung: das Managementkonzept. Grundlage ist ein Set von
21 Indikatoren - Messgrößen, anhand derer Fortschritte in Richtung
Nachhaltigkeit überprüft werden können. Wo es sinnvoll
und machbar war, sind diese Indikatoren mit konkreten langfristigen Zielvorgaben
verbunden. So wird etwa angestrebt, die Ressourcenproduktivität bis
zum Jahr 2020 gegenüber 1990 zu verdoppeln, oder den Flächenverbrauch
von heute 130 Hektar pro Tag bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu reduzieren.
Die Indikatoren decken aber nicht nur die ökologische, sondern auch
die soziale Dimension ab. So soll etwa die Zahl der Hochschulabschlüsse
der unter 25jährigen bis 2010 verdoppelt und die Zahl der Studienanfänger
von heute knapp 30% bis 2010 auf 40% erhöht werden.
Diese Indikatoren sind wesentliche Orientierungsmarken, wenn es an eine
Überprüfung der Strategie geht, die kontinuierlich aktuellen
Entwicklungen und Problemlagen angepasst werden soll. Alle zwei Jahre
wird die Bundesregierung einen Statusbericht geben, der transparent macht,
in welchen Bereichen Fortschritte erzielt wurden und wo weitere Anstrengungen
notwendig sein werden.
Indikatoren für das 21. Jahrhundert einfügen
Der nächste Schritt: Zukunftsausschuss 2010
Der Gestaltungsansatz der Nachhaltigkeitsstrategie muss weiterentwickelt
werden. Dabei steht eine Frage ganz oben auf der Tagesordnung:
Wie lässt sich Nachhaltigkeit auch im Deutschen Bundestag als Langfrist-
und Querschnittsaufgabe verankern? Bisher findet die Arbeit im wesentlichen
in Fachausschüssen statt, die sich mit tagesaktuellen Vorlagen befassen.
Diese Strukturen müssen ergänzt und erweitert werden. Noch gibt
es auf parlamentarischer Ebene kein adäquates Gremium zum "Green
Cabinet" der Bundesregierung. Formal ist für die Nachhaltigkeitsstrategie
bislang der Umweltausschuss federführend. Das ist weder prinzipiell
noch praktisch befriedigend. Auch das Parlament braucht eine institutionelle
Innovation.
Deshalb sollte der Bundestag in der nächsten Wahlperiode einen Ausschuss
für nachhaltige Entwicklung, einen "Zukunftsausschuss 2010"
einrichten.
Die vordringliche Aufgabe dieses Ausschusses wird es sein, die Weiterentwicklung
der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zu begleiten und zu fördern.
Er soll als parlamentarischer Adressat für Vorschläge aus Wissenschaft
und Zivilgesellschaft zu Institutionen, Methoden und Instrumenten für
ein modernes Politikmanagement im 21. Jahrhundert fungieren. Eine wesentliche
Funktion kann außerdem darin bestehen, langfristige Entwicklungstrends
zu analysieren und entscheidungsrelevantes Wissen für die richtigen
Wege in die Zukunft handlungsorientiert aufzubereiten und Impulse für
Neuerungen zu geben.
Seine Aufgabe kann und soll nicht das politische Tagesgeschäft sein,
das weiterhin - auch in Bezug auf die Umsetzung der in der Nachhaltigkeitsstrategie
vorgesehenen Einzelmaßnahmen - in der Zuständigkeit der Fachausschüsse
liegen wird. Seine Funktion sollte die eines Frühwarnsystems, einer
Denkfabrik, eines Impulsgebers und eines Dialogforums für die richtigen
Zukunftspfade sein.
Roter Faden der Regierungspolitik
Auch wenn die Nachhaltigkeitsstrategie ein großer Schritt nach vorne
ist: sie ist nicht der Beginn unserer sozial-ökologischen Reformpolitik.
Die hat bereits direkt nach Regierungsübernahme begonnen. Seit Herbst
1998 zieht sich das Leitbild als roter Faden durch wesentliche Reformvorhaben
von Koalitionsfraktionen und Regierung, in allen wichtigen Politikfeldern
wurden entscheidende Weichen gestellt.
Das betrifft ganz entscheidend die Klimaschutz- und Energiepolitik. Die
eingeleitete Energiewende fußt auf den drei Säulen Effizienzsteigerung,
Energieeinsparung und Förderung erneuerbarer Energien. Eine Fülle
von Maßnahmen vom Atomausstieg, über die Öko-Steuer, das
Erneuerbare-Energien-Gesetz und das 100.000-Dächerprogramm bis hin
zum Programm zur energetischen Sanierung von Altbauten wurde in Angriff
genommen. Auch in anderen Politikfeldern ist die Bilanz sehr vorzeigbar:
in der Agrarpolitik wurde eine Wende in Richtung auf vorsorgenden Verbraucherschutz
und eine nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume eingeleitet.
Die Entwicklungspolitik wurde in Richtung einer globalen Strukturpolitik
fortentwickelt. In der Haushaltspolitik wurde ein Kurs finanzpolitischer
Stabilität eingeschlagen, der künftigen Generationen Entscheidungsspielräume
eröffnet. Das sind nur wenige Schlaglichter auf eine insgesamt positive
Bilanz.
Eine neue Weltinnenpolitik
So zukunftsweisend die Vision einer nachhaltigen Entwicklung ist und
so wichtig die erzielten Fortschritte auf nationaler und europäischer
Ebene auch sind: die internationale Bilanz nach zehn Jahren ist noch immer
ernüchternd. Der jüngst veröffentlichte Status-Bericht
des UN-Generalsekretärs Kofi Annan zur Agenda 21 unterstreicht dies;
im Nord-Süd-Vergleich liegt eine gerechte Verteilung der Ressourcen
und Lebenschancen nach wie vor in weiter Ferne.
Die soziale und ökologische Gestaltung der Globalisierungsprozesse
ist ein sozialdemokratisches Kernanliegen. Ökologische und soziale
Mindeststandards weltweit zur Geltung zu bringen, Armut konsequent zu
bekämpfen und faire Handelsbedingungen zu schaffen, das sind wesentliche
Ziele unserer internationalen Politik, die sich zunehmend als Weltinnenpolitik
verstehen muss.
Bei aller negativen Bilanz gibt es auch positive Signale, zum Beispiel
den Beschluss des UN-Milleniumsgipfels, bis 2015 die Zahl der absolut
Armen um die Hälfte zu verringern.
Viel wird von den finanziellen Ressourcen abhängen, die die wohlhabenden
Staaten dafür zur Verfügung stellen. Dieser Zusammenhang wurde
im März 2002 in Monterrey/Mexiko deshalb erstmals auf einem eigenem
UN-Gipfel zu Fragen der Entwicklungsfinanzierung thematisiert, an dem
etwa 50 Staats- und Regierungschefs und 200 Fachminister teilnahmen. Die
Ergebnisse werden von vielen eher skeptisch beurteilt. Aber der Beschluss
der EU, die öffentliche Entwicklungshilfe auf durchschnittlich 0,39%
des BIP anzuheben, ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen.
Dabei ist öffentliche Entwicklungshilfe nur eine Quelle zur Finanzierung.
Die Diskussion über neue Finanzinstrumente - Stichwort u.a. Tobin-Steuer
- läuft und sie muss weitergeführt werden. Die Idee, die Nutzung
globaler öffentlicher Güter durch globale Abgaben zu finanzieren,
ist von bestechender Logik. Ob dies z.B. über eine Devisenumsatzsteuer
oder, wie vom Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen
vorgeschlagen, über direkte Entgelte für die Nutzung der Weltmeere
oder des Luftraumes erfolgen kann, ist weiterer Prüfungen würdig.
Eine entscheidende Wegmarke für die zukünftige Entwicklung ist
der Weltgipfel in Johannesburg im Sommer 2002. Soll die Schere zwischen
Industrie- und Entwicklungsländern nicht noch weiter auseinandergehen
und damit das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung in weite Ferne rücken,
muss er den Beginn eines neuen "Global Deal" zwischen Nord und
Süd bringen.
Die Bekämpfung der Armut, die wirtschaftliche Entwicklung der armen
und ärmsten Länder in Einklang zu bringen mit dem Schutz knapper
werdender natürlicher Ressourcen: das ist die Aufgabe, vor der die
Staatengemeinschaft in Johannesburg stehen wird. Dazu sind zum einen konkrete
Konzepte notwendig, um das vom Milleniumsgipfel gesetzte Ziel einer Halbierung
der Armut bis 2015 zu erreichen. Und es müssen zumindest konkrete
Perspektiven zur Lösung der wichtigsten Ressourcenfragen der Zukunft,
allen voran der Energieversorgung und der Versorgung mit sauberem Trinkwasser,
aufgezeigt werden. Ein wichtiger Punkt wird auch die institutionelle Stärkung
der UN-Gremien für Nachhaltigkeit sein. Bis heute hat die wichtigste
UN-Organisation für Nachhaltigkeit, die UNEP, nur den Status eines
Programms. Der Etat von UNEP liegt unter dem des deutschen Umweltbundesamtes.
In Johannesburg sollte deshalb das Fundament für eine Weiterentwicklung
des institutionellen Rahmens der UN gelegt werden, mit der mittelfristigen
Perspektive einer Art Weltorganisation für nachhaltige Entwicklung.
Erfolgreiche Vereinbarungen in Johannesburg können für die nationale,
europäische und internationale Nachhaltigkeitspolitik wichtige Impulse
geben. Diese Impulse aufzunehmen und in praktische Politik umzusetzen
wird Aufgabe der reformerischen Kräfte in Deutschland sein: mit dem
Rückenwind aus Johannesburg müssen die vorhandenen Ansätze
einer sozial-ökologischen Reformpolitik produktiv vorangetrieben
werden.
e-Mail | Inhaltsverzeichnis
aktuelles Heft
|