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Nachhaltigkeit
und Entwicklungspolitik
Für
eine Renaissance des Staates in der Entwicklungspolitik
Von
Dirk Bergrath
Dirk Bergrath lebt in Aachen und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre (Makroökonomie) der RWTH
Aachen.
Die entwicklungspolitische Diskussion orientiert sich seit Beginn der
neunziger Jahre auf die Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit und
der Förderung von kleinen, lokalen oder regionalen Projekten unter
zunehmenden Einfluss von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). Der (Zentral-)Staat
geriet weitgehend aus dem Blickfeld einer linken Entwicklungsperspektive
und wurde unkommentiert zum Spielball des Internationalen Währungsfonds
(IWF) und der Weltbank. In der Folge ist der (Zentral-)Staat in vielen
Ländern dieser Welt auf dem Rückzug, Staatszerfall ein zunehmendes
Phänomen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Erst mit den Terrorangriffen
des 11. September ist das Thema wieder auf der öffentlichen Agenda,
bieten doch zerfallende Staaten unbehinderte Rückzugsgebiete für
Terroristen. Doch primär verhindert ein zerfallender Staat die Entwicklungsperspektive
der darin lebenden Menschen. Nur ein politisch starker und ökonomisch
aktiver Staat bietet - trotz aller Zwiespältigkeit der auf ihn einwirkenden
Interessen - die Basis für eine erfolgversprechende Entwicklungspolitik.
Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik
Gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung ist kein Phänomen
unserer Zeit, sondern ein langfristiger Prozess der menschlichen Entwicklung.
Der Industrialisierungsprozess im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts
etwa stellt eine erhebliche ökonomische Entwicklung dar. Diese Entwicklungen
sind immer schon theoretisch beleuchtet und politisch gestaltet worden.
Von daher sind Entwicklungspolitik und Entwicklungstheorie altbekannte
Begriffe. Im engeren Sinne versteht man heute unter Entwicklungspolitik
allerdings jene Maßnahmen, die die ökonomische und gesellschaftliche
Entwicklung der ehemaligen Kolonien der imperialistischen Mächte
anbelangen. Relevanz erlangt sie mit der großen Entkolonialisierungswelle
in den fünfziger und sechziger Jahren, weshalb die Entwicklungspolitik
und -theorie als vergleichsweise junge Disziplin anzusehen sind.
Ökologie und Entwicklung
Spätestens seit 1987 der Bericht der Brundtland-Kommission für
Umwelt und Entwicklung unter dem Titel "Unsere gemeinsame Zukunft"
vorgelegt wurde, ist der Begriff der Nachhaltigkeit aus der akademischen
und politischen Diskussion nicht mehr weg zu denken. Zunächst beschränkte
sich der Begriff auf die ökologische Debatte, d.h. auf die Fragestellung,
welche Art von wirtschaftlichem Handeln angesichts der ökologischen
Folgen überhaupt noch möglich ist. Genauer - so der Grundsatz
der Nachhaltigkeit - geht es darum, durch heutiges Handeln die Handlungsoptionen
in der Zukunft nicht einzuschränken. Durch den massiven Verbrauch
nicht-erneuerbarer Ressourcen wird deren Verwendung in der Zukunft ausgeschlossen
sowie die natürlichen Lebensgrundlagen durch Schadstoffemission gefährdet.
Eine solche Verhaltensweise kann nicht als nachhaltig betrachtet werden.
Inzwischen gibt es bekanntermaßen eine Ausdehnung auf weitere Politikbereiche.
So wird die Politik der Haushaltskonsolidierung ebenfalls gerne mit dem
Schlagwort "nachhaltige Finanzpolitik" beschrieben, getreu der
Logik, dass heutige Verschuldung die Handlungsspielräume künftiger
Generationen einschränke. Hieran lässt sich allerdings auch
die mangelnde Operationalisierbarkeit des Nachhaltigkeitskonzepts aufzeigen,
die im Wesentlich daran scheitert, dass nicht nur der heutige Ressourcenverbrauch,
sondern auch deren Verwendung Folgen für die Zukunft hat, die in
ihrer positiven wie negativen Wirkung schwer zu bemessen sind. So müssen
die höheren Staatsschulden in der Zukunft samt Zinsen getilgt werden,
gleichzeitig kann aber eine Verbesserung der Infrastruktur oder die Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit die Produktion einer Volkswirtschaft erhöhen
und zu steigenden Steuereinnahmen führen.
Wie kommt der Begriff der Nachhaltigkeit nun in die entwicklungspolitische
Debatte? Dies scheint seit Beginn der neunziger Jahre über zwei Mechanismen
passiert zu sein. Zum einen gibt es eine Definition von nachhaltiger Entwicklungspolitik,
die sehr stark an die ökologischen Wurzeln des Begriffs gekoppelt
ist. Sie setzt an der Erkenntnis an, dass Umweltprobleme nicht an nationalen
Grenzen Halt machen und - wie das prominente Beispiel CO2 Ausstoß
zeigt - häufig nur global gelöst werden können. Zudem gehen
reale Wohlstandssteigerungen, etwa in Form von Konsumgütern wie Autos
oder Kühlschränke, mit Umweltverschmutzung einher. Gleichzeitig
kann und will man nicht ernsthaft Wohlstandsverzicht für die Länder
des Südens als ökologische Notwendigkeit propagieren. Es gibt
kaum Möglichkeiten, aufstrebende Volkswirtschaften daran zu hindern,
das westliche Wohlstandsmodell reproduzieren zu wollen. Nachhaltige Entwicklungspolitik
in diesem Sinne versteht sich daher als ein Ausgleichsmechanismus zwischen
den globalen Interessen der Menschheit am Erhalt der ökologischen
Grundlage und dem Interesse der Länder des Südens an einer Verbesserung
ihrer Wohlstandssituation, also ökonomischem Wachstum. Dieser Ansatz
feiert - bei allen Schwierigkeiten und Interessenkonflikten zwischen und
innerhalb der Länder des Südens und der kapitalistischen Zentren
- mit der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung
1992 in Rio de Janeiro seinen Durchbruch in der Entwicklungspolitik.
Entwicklungspolitik des alten Stils
Eine zweite, durchaus komplementäre Erklärungsvariante betrachtet
das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als inhaltlich recht wagen Reflex
auf die Entwicklungspolitik und -theorie der Nachkriegsära. Bis zum
Ende des Ost-West-Antagonismus ist Entwicklungspolitik - entgegen mancher
Beteuerung - im Wesentlichen den geostrategischen Interessen der jeweiligen
Geberländer untergeordnet. Wesentliches Kriterium für finanzielle
Zuwendung ist die Unterstützung der strategischen Interessen der
Geld gebenden Seite. Das jeweilige Gesellschaftssystem wird dabei häufig
nur pro Forma übernommen.
Für die Sowjetunion bedeutet die gewährte Entwicklungshilfe
einen schmerzlichen Verlust von Ressourcen, die alternativ im Inland verwendet
oder zu weitaus besseren Konditionen auf dem Weltmarkt abgesetzt werden
können. Beispielhaft seien die Öllieferungen an Cuba erwähnt.
Die westlichen Industriestaaten hingegen verbinden die Entwicklungshilfe
seit der zu Beginn der siebziger Jahren erfolgenden Wachstumsabschwächung
mit binnenwirtschaftlichen Zielen. Die größer werdende Schere
zwischen realer und möglicher Produktion, die - neben anderen Ursachen
- auf Sättigungstendenzen zurückzuführen ist, drückt
sich in unausgelasteten Kapazitäten, niedrigen Investitionsraten
und hoher Arbeitslosigkeit aus. Grundsätzlich bietet die Außenwirtschaft
die Möglichkeit, durch entsprechende Exportüberschüsse
die unzureichende Nachfrage in Inland auszugleichen und ein höheres
Beschäftigungsniveau der Faktoren Arbeit und Kapital sicherzustellen.
Die alte Bundesrepublik ist ein Paradebeispiel für eine Volkswirtschaft,
die durch hohe Leistungsbilanzüberschüsse die Beschäftigung
höher hält als durch die binnenwirtschaftliche Nachfrage möglich.
Da die Wachstumsabschwächung alle westlichen Industrieländer
betrifft und auch die Absorptionskraft der Vereinigten Staaten als eines
Landes mit einem strukturellen Leistungsbilanzdefizit nicht ausreicht,
bleiben als Absatzmärkte eigentlich nur die Entwicklungsländer.
Zweifellos besteht hier ein schier grenzenloser Bedarf an Infrastruktur-,
Produktions- und Konsumgütern, ohne jedoch über die dafür
notwendigen finanziellen Mitteln zu verfügen. Hier bietet sich die
Entwicklungshilfe geradezu an, und so verkommt diese zunehmend zur Exportsubvention.
Den Zugriff auf die gewährten Mittel erhalten zumeist Großunternehmen,
die mit Großprojekten eine Entwicklung in den zu entwickelnden Ländern
anstoßen sollen und zugleich die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit
der eigenen Ingenieurskunst dokumentieren. Die Zahl der mit deutscher
Entwicklungshilfe finanzierten Flughäfen, Staudämme und Industrieanlagen
dürfte enorm sein. Entwicklungstheoretisch lässt sich dieser
Ansatz mit der Neuen Ökonomischen Politik in der Sowjetunion der
zwanziger Jahre vergleichen, da die Länder durch den Aufbau modernster
Industriesektoren gleichsam auf ein drastisch höheres Entwicklungsniveau
katapultiert werden sollen. Erfolgreich ist dieser Ansatz nicht. Dienen
diese Anlagen vielleicht noch den Interessen bzw. dem Geltungsdrang der
herrschenden Eliten, gehen sie doch an den realen Entwicklungsbedürfnissen
vorbei.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fällt für die Entwicklungsländer,
die sich dem realsozialistischen Lager zugerechnet hatten, der Finanzier
abrupt weg. Doch auch für die dem Westen zugewandten Ländern
verändert sich die Situation. Mit dem Ende der Ost-West-Auseinandersetzung
entfällt die geostrategische Notwendigkeit, aber auch die ideologische
Legitimationsbasis der oben beschrieben Art von Entwicklungshilfe. Meldungen
über gravierende Menschenrechtsverletzungen und ökonomische
Ausbeutung durch die herrschenden Eliten lassen sich nicht mehr unter
den Teppich kehren, und so manche Regierung in den westlichen Industriestaaten
möchte lieber nicht mehr daran erinnert werden, welche Machthaber
bis vor kurzem noch hofiert wurden.
Das Ende der großen Theorien
Zeitlich zusammen fällt das Ende der Ost-West Auseinandersetzung
mit dem Ende der großen entwicklungstheoretischen Debatte. In den
siebziger und achtziger Jahren liefern sich die beiden großen entwicklungstheoretischen
Schulen, die Dependenztheorie und die Modernisierungstheorie, heftige
Auseinandersetzungen. Auf die Ursachenanalyse dieser beiden Schulen kann
an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Was die entwicklungspolitische
Handlungsempfehlung anbelangt, so legt die Dependenztheorie den Entwicklungsländern
nahe, sich aus der Abhängigkeit vom Importen aus den Industrieländern
zu lösen, die eigenen Märkte vor der ausländischen Konkurrenz
abzuschotten und eigene Industrien aufzubauen. Die Modernisierungstheorie
hingegen propagiert die Integration in den Weltmarkt und die Anziehung
von exportorientierten Unternehmen auf Basis der Lohnkostenvorteile.
Die empirische Erfolgsbilanz der beiden Theorieschulen ist mehr als mager.
Beide Schulen prügeln sich geradezu um die Interpretationshoheit
des Erfolgs der südostasiatischen Tiger, der einzigen Länder,
die im besagten Zeitraum eine relevante ökonomische Entwicklung durchlaufen.
Doch deren Entwicklungsmodell kann bestenfalls als Synthese der beiden
konträren Schulen betrachtet werden. Das Dilemma des Theoriestreits
macht das 1992 erschienene Werk Ulrich Menzels "Das Ende der Dritten
Welt und das Scheitern der großen Theorien" deutlich, dessen
entwicklungstheoretische Konzeption für die Zukunft allerdings ebenfalls
mager ausfällt. So reiht sich entwicklungspolitisch wie -theoretisch
ein verlorenes Jahrzehnt an das andere.
Der Aufstieg der nachhaltigen Entwicklung
In der Konsequenz der praktischen wie theoretischen Konzeptionslosigkeit
stürzt sich gerade die politische Linke in den westlichen Industrieländern
auf ein alternatives Entwicklungsmodell. Nicht mehr die Förderung
(industrieller) Großprojekte steht im Vordergrund des Entwicklungsansatzes.
Kleine, überschaubare Projekte unter Einbeziehung der örtlichen
Bevölkerungen sind die nachvollziehbare Perspektive. Die maroden
und korrupten Zentralstaaten des Südens werden aus der Projektgestaltung
heraus gehalten. Das eklatante Demokratiedefizit in den meisten Entwicklungsländern
scheint nicht durch die direkte Erzwingung zentralstaatlicher Reformen
überwindbar, erst durch die Förderung zivilgesellschaftlicher
Elemente ist eine nachhaltige Demokratisierung möglich. Was die ökonomische
Entwicklung anbelangt, verabschiedet sich das Konzept der nachhaltigen
Entwicklung von großindustriellen Träumen eines revolutionären
"großen Sprungs nach vorne". Anstatt die Entwicklungsländer
schnellstmöglich an westliche Produktionsstandards heranzuführen,
setzt eine nachhaltige Entwicklung an den vorhandenen Strukturen und Möglichkeiten
an. Dazu gehört zentral die Verbesserung der landwirtschaftlichen
Produktion auf Basis traditioneller Anbauprodukte und -methoden, um die
Selbstversorgung mit Nahrungsmittel sicherzustellen: eine Fähigkeit,
die gerade viele afrikanische Staaten in den vergangenen Jahrzehnten immer
mehr verloren haben.
Die Instrumente der staatlichen Entwicklungshilfe sind für einen
solchen Entwicklungsansatz nur bedingt tauglich, sei es aufgrund organisatorischer
Hemmnisse oder aufgrund möglicher diplomatischer Verwicklungen. Folgerichtig
wird die Entwicklungshilfe in den neunziger Jahren immer stärker
auf Nichtregierungsorganisationen (NROs) verlagert, die bei Kleinprojekten
und beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen wesentlich effizienter
arbeiten können. Dieser Paradigmenwechsel in der Entwicklungspolitik
ist aus heutiger Sicht alternativlos, ebenso wie die damit verbundene
Einsicht, dass auch eine erfolgreiche Entwicklung in absehbarer Zeit nicht
zu einer drastischen Angleichung der Wohlstandsniveaus zwischen Norden
und Süden führen wird. Angesichts der Tatsache, dass seit dem
Ende des Kolonialismus nicht nur die Schere zwischen Nord und Süd
größer geworden ist, sondern auch das absolute Wohlstandsniveau
in vielen Entwicklungsländern gesunken ist, wäre dies allerdings
auch eine reichlich illusionäre Vorstellung.
Der zunehmende Staatszerfall bedroht Entwicklung
Obwohl die Ansätze der nachhaltigen Entwicklung noch immer nicht
hinreichend verwirklicht sind, lässt sich nach rund einer Dekade
des Konzepts feststellen, dass auch die Ansätze einer nachhaltigen
Entwicklung nicht den Durchbruch der Entwicklungspolitik darstellen. Im
Gegenteil scheint sich die Situation des Südens - bis auf Ausnahmen
- immer noch zu verschlechtern, wie man selbst offiziellen Veröffentlichungen
wie den Berichten über die menschliche Entwicklung der UNDP entnehmen
kann. Worin sind die Ursachen zu sehen? Sicherlich trägt die Handelspolitik
der Industriestaaten hierfür eine wesentliche Mitschuld. Die Entwicklungsländer
haben in der Vergangenheit vorhandene Zollschranken massiv abgebaut, was
für Länder ohne ein funktionierendes Steuersystem zu erheblichen
Einnahmeverlusten führt. Im Gegenzug haben sich die Industrieländer,
allen voran die Europäische Union, erfolgreich gegen die Öffnung
ihrer Märkte gewehrt. Insbesondere die Agrarmärkte bleiben für
die Länder des Südens verschlossen. Auch die Form, in der Direktinvestitionen
fließen, nämlich hauptsächlich mit direktem Rückfluss
der Gewinne in die Herkunftsländer, trägt nicht zu einer vernünftigen
Entwicklungsperspektive bei.
Wesentlich erscheint jedoch der zunehmende Zerfall der Funktionsfähigkeit
der Staaten des Südens, der in einigen Feldern von Institutionen
wie dem IWF oder der Weltbank forciert wird und dem in anderen Feldern
tatenlos begegnet wird.
Staatszerfall meint nicht nur die sehr dramatischen Fälle, in denen
staatliche Strukturen nicht mehr existent sind beziehungsweise über
keinerlei Kontrolle mehr über das Staatsgebiet verfügen. Auch
diese Fälle nehmen zu, sind im öffentlichen und politischen
Bewusstsein allerdings erst problematisiert worden, als durch die Terrorangriffes
des 11. September deutlich wurde, dass derart zerfallene Staaten ein Rückzugsgebiet
für Terroristen darstellen können. Staatszerfall kann schon
an einer viel früheren Stelle ansetzen, wenn die staatlichen Strukturen
nicht mehr in der Lage sind, Kontrolle über eine Krisensituation
zu erlangen, die unter normalen Umständen zu bewältigen wären.
So verfolgt beispielsweise Argentinien in den neunziger Jahren auf Empfehlung
des IWF eine klar angebotsorientierte Politik. Der argentinische Peso
wird mittels eines currency boards an den US-Dollar gebunden, die Zentralbank
gibt damit die Kontrolle über die Geldpolitik auf. Das soziale Sicherungssystem
wird stark privatisiert, der Staat veräußert vorhandene Unternehmensbeteiligungen.
Inzwischen befindet sich Argentinien in der schwersten Wirtschaftskrise
seiner Geschichte, die Konzepte des IWF haben sich als fatal erwiesen.
Notwendig ist jetzt die Rückgewinnung der geldpolitischen Autonomie,
Abwertung der Währung und Abfederung der wirtschaftlichen und sozialen
Katastrophe durch staatliche Nachfragepolitik. Doch es ist fraglich, ob
Argentinien die Wirtschaftskrise überhaupt noch engagiert genug bekämpfen
kann. Der Staat hat wesentliche Instrumente aus der Hand gegeben, und
es erscheint nicht ausgeschlossen, dass sich Argentinien nicht nur in
einer dauerhaften Wirtschafts- sondern auch Staatskrise befindet.
Alle so genannten südostasiatischen Tigerstaaten zeichnen sich während
des Entwicklungsprozesses durch einen extrem hohen Grad an staatlichem
Interventionismus aus. Auf Druck des IWF liberalisieren sie ihre Strukturen
und können die Folgen der asiatischen Finanzkrise Ende der neunziger
Jahre auf Produktion und Beschäftigung nicht mehr erfolgreich bekämpfen.
Die internationalen Finanzmärkte erholen sich schnell, das reale
Wohlstandsniveau jedoch liegt heute noch unter dem Ausgangsniveau. Das
interventionistische China hingegen, das man als Nachzügler im regionalen
Entwicklungsprozess sicherlich unter den ersten Opfer einer Krise wähnen
würde, kann seinen Entwicklungsprozess, gemessen an den Wachstumsraten,
auch während der Asienkrise stabil halten. Und schließlich
zeigt der Vergleich zwischen der Transformation Russlands mit jener der
mittel- und osteuropäischen Staaten, welchen Einfluss ein Zerfall
der staatlichen Strukturen auf den Entwicklungsprozess hat.
Wie viel schwerer muss dieses Hemmnis auf jene Entwicklungsländer
wirken, in den denen der Staat bei grundlegenden Feldern wie Infrastruktur,
Rechtsordnung und innere Sicherheit keinerlei Handlungsfähigkeit
hat. Bei aller Sinnhaftigkeit einer nachhaltigen Entwicklungspolitik im
Sinne der Abkehr von einer staatsfixierten Entwicklungspolitik darf der
Staat nicht aus dem Blickwinkel der Entwicklungspolitik geraten. Für
den afrikanischen Kontinent haben der südafrikanische Präsident
Thabo Mbeki und der nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo den
New Plan for Africa's Development (NEPAD) vorgelegt, der auf dem letzten
Treffen der G7/G8 Staaten im kanadischen Kananaskis diskutiert wurde und
verhaltene Zustimmung der Regierungschefs fand. Der Plan ist nicht unkritisch
zu betrachten, doch könnte er dazu geeignet sein, den Staat zurück
in die Entwicklungspolitik zu holen. Noch ein verlorenes Jahrzehnt kann
sich niemand leisten.
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