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"Matthias
Platzeck kommt!"
SPD
in Brandburg hat die Nach-Stolpe-Ära eingeläutet
Von
Katrin Molkentin
Katrin
Molkentin ist stellv. SPD-Landesvorsitzende von Brandenburg, studiert
Politik- und Verwaltungswissenschaften und lebt in Potsdam
"Matthias Platzeck kommt" - mit diesen Plakaten aus dem
99er Landtags-Wahlkampf hat das Landesbüro den Weg zum Parteitagsgebäude
ausgeschmückt. Welche Aussage darin zu deuten war, wussten die Delegierten
bei ihrer Verwunderung angesichts der alten Plakatserie auf dem Weg zum
Kulturhaus in Wittenberge noch nicht.
Der Küchenclan
Bereits im vergangenen Jahr will der sogenannte Küchenclan, bestehend
aus dem Staatskanzleichef Speer und Stolpe und Platzeck selbst, bei Wein
und eigen gekochten Speisen beschlossen haben, was Informierte im Plakattext
hätten lesen können. Manfred Stolpe würde an diesem Tag
den Stab an seinen selbstgezogenen 12 Jahre jüngeren Kronprinzen
übergeben.
Der Zeitpunkt war richtig gewählt. Einmal zu häufig hatte man
in der Vergangenheit vom "Deichgrafen" Platzeck als Hoffnungsträger,
Nachwuchstalent und Aspiranten für Höheres gelesen. Matthias
Platzeck drohte zum Prinz Charles der Brandenburger SPD zu werden.
Stolpe selbst wollte wohl unter dem Eindruck des Biedenkopf-Abganges "Herr
der Entscheidung" bleiben und legte den für die Öffentlichkeit
überraschenden Zeitpunkt mit fest. Was nüchterne Beobachter
verwunderte war die Entscheidung den Landesparteitag als Ort für
die Verkündung zu wählen - wohl auch eine Zusage an Platzeck.
Denn Platzeck ist anders als Stolpe eher Parteipolitiker. Obwohl er erst
seit 7 Jahren Mitglied der Sozialdemokratie ist, hat er ein Netzwerk gesponnen,
das Stolpe in 12 Jahren Amtszeit und Mitgliedschaft nicht gestrickt hatte.
Er ist nicht nur seit 1999 Mitglied im Parteivorstand und seit 2000 Vorsitzender
des Brandenburgischen Landesverbandes, er zählt sich auch selbst
zum Gründungsmitglied der "Nürnberger Mitte", trifft
sich mit seinen Sinnungsgenossen gern vor Parteivorstandssitzungen, lässt
sich in Antragskommissionen delegieren und führt auf Parteitagen
in Leitanträge ein. Dazu kommt der enge Draht zum jüngeren Amtskollegen
Siegmar Gabriel. Er hat sich damit ein Kommunikationsnetzwerk schaffen
lassen, dass ihm bei den anstehenden Aufgaben helfen kann. Nur müssen
sie sich dazu auch der inhaltlichen Auseinandersetzung stellen, die bewusst
vermieden wird. Denn wenn sie sich einigen müssten im Netzwerk der
Berliner Republik oder der Nürnberger Mitte, dann würden sie
nicht einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner kommen, wie Sympathisanten
und Mitläufer der Gruppen hinter vorgehaltener Hand zugeben.
Vorwärts ohne Alternative
Die Übergabe wollte Stolpe dann auch als "Signal zum Aufbruch"
verstanden wissen. Ungewohnt (selbst)kritisch war er in den vergangenen
Wochen in seinen Aussagen. Die Rüge des Bundespräsidenten machte
ihm zu schaffen, die schlechten Umfrageergebnisse der brandenburgischen
SPD könne man auch auf Fehler im Regierungshandeln und in der dazugehörigen
Kommunikation zurückführen. Der Aufbau wirtschaftlich tragender
Strukturen in Ostdeutschland benötige gemeinsame Antworten, die Abwanderung
müsse gestoppt, die ABM dürfe auf keinen Fall zurückgefahren
werden - gipfelnd in der gedanklichen Auseinandersetzung eine Große
Koalition nach dem 22. September könnte dies lösen, machte er
deutlich, dass er die Fragen kenne, allein die Antworten wollte er im
parteipolitischen HickHack nicht mehr suchen müssen.
Eine gewisse Müdigkeit
konnten Beobachter erkennen. Er übergab an einen jüngeren, der
die Sache kraftvoller anpacken soll. In Platzeck hat er das Vertrauen,
das es dem "ewigen Sympathikus" vielleicht gelingt aus dem Aufschwung
im Tempo einer Förderschnecke einen laufenden Igel zu machen. Er
bat den Parteitag die Regierungs-Verantwortung auf Matthias Platzeck und
Landesvorsitz und Amt des Ministerpräsidenten in eine Hand zu legen.
Dieser Aufforderung kamen die Delegierten gern nach, mit 132 von 134 Stimmen
wurde Platzeck an diesem Tag als Landesvorsitzender bestätigt. Dieses
Ergebnis war auch Abschiedsgeschenk an Manfred Stolpe, aber noch vielmehr
Ausdruck der einzigen Lösung für die Brandenburger SPD: "Vorwärts
ohne Alternative".
Eine personelle Alternative hatte die Brandenburger SPD nie und so ist
es jetzt an Matthias Platzeck, die Veränderungen herbeizuführen
nach denen alle Beobachter der letzten Monate riefen. Kritische Stimmen
gab es genügend. Gerade in den Wochen vor dem Parteitag blies dem
"ewigen Retter" der Wind ins Gesicht. Allzu trübe malten
die brandenburgischen Landesschreiber in ihren Kommentarspalten die Zukunft
des Landes und seines Hoffnungsträgers. Durch die Staffelübergabe
fanden die kritischen Stimmen kein Gehör an diesem Tag, aber verstummen
werden sie durch einen Personalwechsel allein nicht.
An diesem Tag wurde deutlich woran es in der Partei nicht nur in Brandenburg
krankt. Zukunftsentwürfe sind lediglich grob skizziert in Köpfen
einzelner, denen es nicht gelingt Ausdauer und Überzeugung an den
Tag zu legen, um andere mitzureißen. So standen dann Jusos und der
zuständige Landesminister für Bildung allein vor einem gelichteten
und unkonzentriertem Saal, um Konsequenzen aus PISA zu diskutieren. Keine/r
vermochte es den vorhandenen Unmut über die Bildungssituation, in
die wir uns auch durch die Koalitionszwänge haben drängen lassen,
zu bündeln und so wurde das Antragspaket auch fast vollständig
zurück an den Landesvorstand überwiesen. Kraftproben vermeiden
die meisten ohnehin. Zu sehr hat der Moderationsstil der letzten Jahre
die Leute schlapp gemacht. Während in westlichen Landesverbänden
eher zwischen Traditionalisten und Modernisierern Verhaltensweisen denunziatorischer
Kommunikation hochkommen, so wird in Brandenburg dies eher zwischen Kompromiss
und Auseinandersetzung versucht anzuwenden. Matthias Platzeck hält
den Kompromiss sogar für die "Seele der Politik". Das die
Sozialdemokratie sich auch im Medienzeitalter, in dem eher geschlossen
auftretende Parteien mit positiven Medienberichten belohnt werden, damit
selbst ihrer Zukunftsfähigkeit beschneidet wird den meisten Handelnden
wohl erst in einigen Jahren klar. Indem wir zunehmend auf Kraftproben
verzichtende und anschmiegsame, loyale Parteinaturen fördern, wird
der programmatische Kern der Partei historisch im Programm nachlesbar
sein, aber nicht im Handeln erkennbar werden. Denn Auseinandersetzung
haben sie nicht gelernt, sie sind ihren Medienweg als "Macher",
"Retter" oder "Hoffnungsträger" gegangen. Zur
Entscheidung fähig werden sie dadurch weniger.
Die noch ausstehenden Wahlen gingen dann flott über die Bühne
- eine KandidatInnenvorstellung war nicht gewünscht. Weder Vorstandsmitglieder
noch Bundestagskandidaten mussten sich aus der Deckung wagen und die Mehrheit
der anwesenden Delegierten wird wohl zu einem späteren Zeitpunkt
erfahren wer sich hinter den Namen der Stimmzettel verbarg und was sie
zu sagen gehabt hätten.
Klar ist, dass er kaum in den Genuss kommen wird "100 Tage Schonfrist"
in Anspruch nehmen zu können. Er wird schon durch den Bundestagswahlkampf
früh die Lücken füllen müssen. Manfred Stolpe wird
dem verbliebenen Küchenduo noch ein wenig beratend zur Seite stehen
- mit anpacken müssen andere. Spätestens ab dem 23. September
muss das Netzwerk in Brandenburg neu gestrickt sein. Speer und Platzeck
müssen nicht nur Zeitpunkte festlegen, sondern auch die Fahrpläne
dahin. Darin bestand der Fehler beim Dezemberessen. Zu wenig waren die
nächsten Schritte strukturiert.
Matthias Platzeck wird nicht nur Koalition und Fraktion in Schacht halten
müssen, sondern auch die Partei. "Die unglaubliche Intuition
für situationsadäquates Verhalten", wie Marianne Birthler
die frühere Kollegin Platzecks im Ampelkabinett es ausdrückt,
wird nicht ausreichen. Zwei Schritte nach vorn muss er auch gehen können.
"Matthias Platzeck kommt!" - wohin wir mit ihm gehen war an
diesem Tag noch nicht Thema. Die Delegierten stiegen in ihre Autos, guckten
verschmitzter zum 99er Plakat: ein Grinsen... darin zu lesen: gewusst
hatte es jeder (auf seine Weise).
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