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Kurzum_126
Von
Horst Peter
"Umfragen
interessieren mich nicht, abgerechnet wird am 22. September" ist
die stereotype Reaktion der Politiker, wenn die jeweils aktuellen Werte
nicht günstig sind. Sie sollten allerdings interessieren. Denn jede
Umfrage wird in Medien zum Event stilisiert, um daraus den Stoff für
den großen Steigerungslauf zu gewinnen: schafft es Rot-Grün
im Endspurt? Politikberichterstattung und Sportberichterstattung verschwimmen
in ihren Grenzen. Sich nicht zu interessieren ist ein Bruch der Spielregeln.
Auch der Außenseiter muss mitmachen. Sonst hätte die deutsche
Fußballnationalmannschaft erst gar nicht ausreisen müssen nach
Japan und Korea. Ihre Umfragewerte waren schließlich katastrophal.
Das Phänomen "Völler und sein Team" macht aus, wie
sie die Umfragewerte bis zum Finale hin gedreht haben: am Schluss waren
sie mit großer Mehrheit - genauso unrealistisch - plötzlich
die Favoriten auf den Weltmeistertitel. Sie haben gegenüber den Medien
durchgesetzt, dass es nicht um den Schönheitspreis geht, nicht um
die großen Stars sondern um die Optimierung der eigenen Stärken
und selbst der einzige, der Star sein durfte, betonte stets, dass auch
der Torwart ohne die Mannschaft nichts sei. Sie setzten auf die Fans und
nicht so sehr auf die Meinungsmacher in den Medien: Leistung statt Spaßgesellschaft!
Die eigenen Stärken setzten sich gegen die gemachten sich mit jeder
Unfrage verstärkenden Vorerwartungen durch, die Wirklichkeit gegen
konstruierte Scheinwirklichkeit.
Ist es bei den politischen Umfragen vergleichbar? Die Erwartungen, die
sich in der Sonntagsfrage ausdrücken, sind genauso virtuell wie die
Erwartungen an eine brasilianisch spielende Fußballnationalmannschaft.
Die Schönspiel versprechenden Spaßpolitiker der FDP und das
eine schönere Welt verheißende Glanzpapier-Kompetenzteam des
den Strahlemann gebenden Stoiber ist für den politischen Ernstfall
ungeeignet. Hier liegen die Chancen von Rot/Grün, wenn sie konkret
vermitteln, was sie können, und zeigen, wie ihre Stärken geeignet
sind, die realen Probleme der Gesellschaft und nicht nur die stimmungsgestützten
Probleme der Umfragewelt anzugehen.
Kurzum: Die Umfragewelt hält der realen Welt nicht stand,
wenn die reale Arbeit zur Lösung der Probleme ansteht: in Korea und
Japan, aber auch in Deutschland.
Was kann Rot-Grün und was nicht? Rot-Grün kann nicht Spaßgesellschaft.
Rot-Grün kann auch nicht den Tanz um das goldene Kalb der marktradikalen
neoliberalen Glaubensgemeinde: den angeblich alle Probleme lösenden
freien Markt - national und global. Dieser Wettbewerb auf dem Spielfeld
der neuen Mitte, der von den Medien inszeniert wird, kann nicht gewonnen
werden! Aber: für den Wechsel der Spielweise ist es noch nicht zu
spät.
Rot-Grün kann: sich um die Menschen kümmern, auch um Minderheiten
und diejenigen, die auf dem inszenierten Spielfeld gar nicht mehr vorkommen,
die Langzeitarbeitslosen, die wenig Verdienenden, die im Bildungsprozess
Benachteiligten, die auf Solidarität und Chancengleichheit Angewiesenen.
Diesen Menschen glaubwürdige Perspektiven geben, bringt sie auch
wieder ins politische Spielfeld zurück, bringt sie wieder an die
Wahlurne.
Rot-Grün kann auch: die natürlichen Lebensgrundlagen in den
Blick nehmen, wenn es gelingen soll, das Bündnis zwischen den Generationen,
zwischen heute und morgen in einer Welt zu schließen.
Die Bilanz von Rot-Grün zeigt, dass zur Lösung dieser Fragen
harte Arbeit erforderlich ist, dass es darum geht, sich mit egoistischen
und mächtigen Interessensgruppen auseinander zusetzen, dass es darum
geht, in der Abwehr stark zu sein und auch kleine Erfolge zu erzielen.
Zunächst galt es, die unsozialen Maßnahmen der Kohl-Regierung
gegen Menschen zurückzunehmen.
Mit dem Jump-Programm ist Rot-Grün bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit
weitergekommen.
Rot-Grün hat gezeigt, dass es verlässlich ist, wenn es darum
geht, der Individualisierung der großen sozialen Risiken entgegen
zu wirken. Das gilt auch, wenn es mal Fehlpässe geben kann, wie bei
der Rentenreform und Steuerreform oder der Gegendruck zu groß ist,
wie bei der Bewältigung der gesellschaftlichen Grundfrage, dass Arbeitsfähige
und Arbeitswillige keine Arbeit finden. Hier muss Rot-Grün in die
Verlängerung der nächsten Legislaturperiode. Aber es gibt auch
Siege - manchmal knapp - aber eben Siege.
Die Verabredung des Ausstiegs aus der Atomenergie ist ein Sieg, die Energiewende
insgesamt ist ein Durchbruch. Die Öffnung der Agrarpolitik für
mehr biologischen Landbau und gesündere auch konventionell hergestellte
Nahrungsmittel ist ein Durchbruch auf dem Weg von Nahrungsmitteln zu Lebensmitteln.
Die Einführung der Ökosteuer ist die Wende von der Defensive
zur Offensive in der Durchsetzung einer nachhaltigen Entwicklung: sparsamer
Verbrauch natürlicher Potenziale und Verbilligung des Faktors Arbeit
im Produktionsprozess durch gezielte Reduzierung der Lohnnebenkosten.
Alles wichtige Spielzüge, die Schritte sind, die Umfragewelt und
die reale Welt erfolgreich zusammen zu führen.
Eins ist klar: die realen Probleme verlangen nach dem intervenierenden
Staat und auch nach staatlichen Investitionen in die Zukunft. Insofern
stimmt die Formel, dass sich nur die Mächtigen und Reichen den Rückzug
des Staates zugunsten des sogenannten freien Spiels der Kräfte der
neoliberalen Ideologie leisten können.
Entscheidend wird in der letzten Phase des Wahlkampfes die Unterstützung
der Fans und auch die Wiedergewinnung der Fans. Die großen Erfolge
der SPD waren stets in Verbindung zu sehen mit Reformprojekten, die gesellschaftliche
Verbesserungen für alle als Ziel hatten.
Kurzum: Wenn Rot/Grün als Team seine geleistete Arbeit erfolgreich
präsentiert, wird Rot/Grün den Kampf um die Veränderung
der Welt als eine Allianz mit den Menschen und der Natur nach dem 22.
September fortführen können.
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