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Zukunftsbranche
Lebensqualität: Ökonomische und soziale Herausforderungen
Von Michaela
Evans und Josef Hilbert*
Zu den Hauptträgern des Beschäftigungswachstums haben in den
letzten Jahren Branchen wie Gesundheit, Bildung und Erziehung, Sport oder
Freizeit und Kultur gehört. Die Analyse des sozialen Wandels und
die Auseinandersetzung mit dem Innovationsgeschehen in diesen auf die
Lebensqualität bezogenen Bereichen lassen die Prognose zu, dass sich
die Wachstumstrends fortsetzen werden. Der Bedarf an Produkten und Dienstleistungen
aus den genannten Angebotsfeldern wird steigen. Die Anbieter können
mit organisatorischen und technischen Innovationen auf wachsende Aufmerksamkeit
stoßen.
Skeptische Analysen gehen davon aus, dass die Grundlagen für den
Ausbau dieser Branchen äußerst problematisch seien, da mit
wachsendem Druck auf die öffentlichen Mittel insbesondere für
die "staatsnahen" Lebensqualitätsbranchen (v. a. Gesundheit,
Bildung, Kultur) zu rechnen sei. Es ist aber auch erkennbar, dass zunehmend
mehr Menschen bereit sind, für "mehr Lebensqualität"
private Mittel auszugeben, um damit Dienstleistungen zu beziehen, die
über ihre durch den Staat oder die Sozialversicherungen getragenen
Ansprüche hinausgehen. Eine Wachstumsstrategie für die Zukunftsbranche
Lebensqualität tut deshalb gut daran, dem Sozialabbau entgegenzutreten
und zugleich zusätzliche private Kaufkraft für diesen Wirtschaftsbereich
zu aktivieren. Für die Linke ist die Zukunftsbranche Lebensqualität
daher eine große Herausforderung. Es gibt gute Chancen, den Lebensstandard
breit anzuheben, aber auch die Gefahr, dass mehr private Mittel für
Lebensqualität die Ungleichheit steigern - zwischen denen, die sich
nur auf ihre öffentlich verbrieften Ansprüche verlassen und
denen, die zusätzliche private Mittel ausgeben wollen und können.
Die Linke ist also gefordert, ihre Politik zur Verbesserung der Lebensqualität
zu überdenken. Bislang hieß diese, ausschließlich auf
öffentliche oder solidarisch getragene Finanzquellen zu setzen. Für
die Zukunft ist ein produktives Zusammenspiel von öffentlichen und
privaten Quellen gefordert. Darüber hinaus sind anspruchsvolle Mindeststandards
zu definieren und gesetzlich zu verankern. Gelingt dies, könnte am
Ende nicht nur mehr (bezahlbare) Lebensqualität, sondern auch mehr
Beschäftigung stehen. Die Bewältigung ökonomischer und
sozialer Herausforderungen erscheint so als komplementäre Gestaltungsaufgabe.
Lebensqualität als Beschäftigungsmotor
Unter dem Label "Dienstleistungen für mehr Lebensqualität"
lässt sich ein ganzes Bündel von Service-Angeboten zusammenfassen,
das sich überwiegend aus personenbezogenen Dienstleistungen zusammensetzt.
Sie zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:
- " die Orientierung an Endkunden bzw. Kundengruppen (Einzelpersonen,
Personengruppen, Familien oder Paare, Ein- und Mehrpersonen-Haushalte);
- " die Unterstützung bei der individuellen Lebensführung
bzw. bei der Bewältigung des Alltags;
- " die Ausrichtung des Leistungsangebotes an den spezifischen Lebenslagen
der Kunden.
Dienstleistungen für mehr Lebensqualität sind Ausdruck der wachsenden
und sich wandelnden Ansprüche an die Bewältigung des Alltags
und die Gestaltung von Freizeit. Da sie sich auch unabhängig vom
sozialpolitisch definierten Bedarfsfall konzipieren lassen, steht ihr
Ausbau nicht in Konkurrenz zu den solidarisch getragenen Sicherungssystemen,
sondern in einem komplementären bzw. synergiebestimmten Verhältnis.
Der gezielte Auf- und Ausbau der Zukunftsbranche Lebensqualität dient
der individuellen Wohlfahrtsteigerung und verbessert die Lebensverhältnisse
durch positive Beschäftigungseffekte auf der Basis flächendeckender
kunden- und bedarfsorientierter Angebote.
Ausgehend von einem erweiterten Systembegriff, welcher neben der traditionellen
Gliederung des Gesundheits- (ambulante und stationäre Gesundheitsversorgung)
und Bildungswesens (Primär-, Sekundär- und Tertiärbereich;
Bereich der Weiterbildung und ihrer Träger) auch die Verflechtungen
zu anderen Wirtschaftssektoren berücksichtigt, lassen sich neben
den Kernbereichen der personenorientierten Leistungserstellung noch wirtschafts-
und beschäftigungsrelevante Zulieferindustrien und Nachbarbranchen
identifizieren. Neben den personalintensiven Dienstleistungen in den Kernbereichen
der ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung und den direkten
Lehrtätigkeiten im Bildungswesen existieren in beiden Branchen auch
kapital- und technologieintensive Vorleistungs- und Zulieferindustrien:
Medizin- und Gerontotechnik und die pharmazeutische Industrie im Gesundheitswesen,
die Lehrmittelindustrie, der Buchhandel, das Verlagswesen oder die medien-herstellenden
und -vertreibenden Unternehmen im Bildungsbereich. In den Randbereichen
befinden sich z.B. Sportvereine und Wellnesseinrichtungen, alters- und
bedarfsgerechte Wohnkonzepte im Gesundheitsbereich und Kulturveranstaltungen,
Museen, Ausstellungen und Tourismus im Bildungsbereich.
Im Gegensatz zur Bildungswirtschaft liegen für die Gesundheitswirtschaft
genauere Daten zur Beschäftigung vor. So waren in der Bundesrepublik
Mitte der 90er Jahre ca. 4 Mio. Menschen in der Gesundheitswirtschaft
beschäftigt. Dies entspricht einem Anteil von 11,2% an der Gesamtbeschäftigung.
In den Kernsektoren der ambulanten und stationären Versorgung arbeiten
ca. 3,8 Mio. Menschen, in den Vorleistungs- und Zulieferindustrien rund
260.000. Für die Randbereiche und Nachbarbranchen des Gesundheitswesens
liegen keine verlässlichen Angaben vor. Dennoch folgt aus den vorliegenden
Daten und Statistiken: Die Gesundheitsbranche zählt zu den personal-
und beschäftigungsintensivsten Dienstleistungsbranchen der Bundesrepublik.
Eine für das Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit
des Landes Nordrhein-Westfalen (MFJFG) erstellte Studie bestätigt
dies: 1998 waren ca. 957.000 Menschen in der nordrhein-westfälischen
Gesundheitswirtschaft beschäftigt, wobei 39% auf die ambulante und
37,9 % auf die stationäre und teilstationäre Versorgung entfielen.
In den Vorleistungs- und Zulieferindustrien waren ca. 113.000 (11,8 %)
Personen beschäftigt und in den Randbereichen und Nachbarbranchen
ca. 27.000 Personen (2,8%) (vgl. FfG/IAT/MHH 2001: 3). Vergleicht
man die Beschäftigung in der Gesundheitswirtschaft in NRW mit anderen
ausgewählten Wirtschaftsbereichen (Kultur, IuK, Automobil, Energie,
Bergbau oder Baugewerbe), zeigt sich deutlich ihre Spitzenposition.
Der soziodemographische Wandel als wirtschaftliche Chance
Mit dem Begriff des soziodemographischen Wandels werden Entwicklungen
bezeichnet, die mit Menge und Zusammensetzung der Bevölkerung, aber
auch mit der spezifischen Art des Zusammenlebens der Menschen zu tun haben.
Die Bedeutung des soziodemographischen Wandels für die zukünftige
Entwicklung der Lebensqualitätsbranchen soll anhand zweier Teilaspekte
dargestellt werden, zum einen am Prozess des "Alterns der Gesellschaft",
zum anderen an der zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung der
Lebensführung.
Das "dreifache Altern" der Gesellschaft wird durch folgende
Prozesse bestimmt:
1. die absolute Zahl der älteren Menschen wird deutlich zunehmen;
2. der relative Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung
wird erheblich zunehmen;
3. die absolute Zahl der Hochbetagten (80 Jahre und älter)
wird zunehmen.
Es ist zu erwarten, dass im Jahre 2040 die absolute Anzahl älterer
Menschen auf gut 21 Mio. ansteigen wird, bei einem gleichzeitigen Rückgang
auf insgesamt ca. 75 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner. Der relative Anteil
dieser Alterskohorte steigt damit auf 28% an der Gesamtbevölkerung.
In absoluten Zahlen: Die Altersgruppe der Menschen ab 65 Jahren und älter
wird um knapp 8,2 Mio. ansteigen (vgl. Statistisches Bundesamt 2000: 14).
Mit dem demographischen Wandel wird ein Mehrbedarf an professionellen
Hilfs- und Pflegeangeboten einhergehen, der nur durch Ausbau der Unterstützungs-
und Pflegekapazitäten gedeckt werden kann. Quantitative Zukunftsszenarien
zur Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wurden in diesem Zusammenhang
vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorgelegt.
Demnach wird bei der Krankenhausversorgung mit einer Steigerung der demographisch
bedingten Krankenhausfälle bis zum Jahr 2020 auf ca. 18,5 Mio. (15%)
gerechnet, und anschließend - bis zum Jahre 2050 - ist mit einem
weiteren Anstieg von 4% auf dann knapp 19,3 Mio. Fälle zu rechnen.
Zudem wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen von rund 1,93 Mio.
(1999) auf 2,94 Mio. (2020) erhöhen, was einem Zuwachs von 52% entspricht.
Für den Zeitraum zwischen 1999 und 2050 wird sogar mit einer Steigerung
der Zahl der Pflegebedürftigen auf 4,7 Mio. gerechnet, was einer
Zuwachsrate von 145,1 % gegenüber 1999 entspricht (vgl. DIW 2001).
Verstärkt wird dieser Trend noch dadurch, dass in den westlichen
Industrienationen demographische Alterung in gesellschaftliche Individualisierung
und Pluralisierung eingebettet ist, die zu einer Schwächung informeller
Unterstützungsleistungen führen. Wurden Pflege- und Betreuung
ursprünglich informell erbracht, so werden diese Dienstleistungen
zunehmend aus dem häuslichen bzw. familiären Bereich ausgelagert.
Von besonderer Bedeutung ist sind dabei die wachsende Erwerbstätigkeit
von Frauen und die steigende Zahl von Single-Haushalten. Potenziell verfügbare
familiäre Pflegekapazitäten können die Pflege- und Betreuungsleistungen
aufgrund von Zeitkonkurrenzen nicht erbringen. Oft besteht gar nicht mehr
die Möglichkeit, direkt auf familiäre Hilfe zurückzugreifen
zu können.
Daneben lassen auch bildungsbezogene Dienstleistungen, gerade auch für
ältere Menschen, eine steigende Nachfrage erhoffen. Entgegen einer
defizitären Auffassung des Alters und vor dem Hintergrund der Debatte
zum "lebenslangen Lernen" können Wünsche nach aktiver
Freizeitgestaltung jenseits der Erwerbsarbeit Schubkräfte für
die Lebensqualitätsdienstleistungen freisetzen. Die steigende Nachfrage
nach bildungsbezogenen Dienstleistungen begründet sich dadurch, dass
auch ältere Menschen zusätzliche Kompetenzen erlangen möchten
und darüber hinaus dadurch, dass die konkreten Anwendungsmöglichkeiten
bildungsbezogener Dienstleistungen einen klar definierten Zusatznutzen
für sie darstellen können (z.B. Senioren-online Dienste als
zusätzliche Informations- und Kontaktforen). Die Bandbreite möglicher,
zum Teil heute schon bestehender Angebote reicht von einzelnen Bildungskursen
(z.B. Computerkurse oder Fremdsprachenkurse, Bildungsmöglichkeiten
rund um das Thema Gesundheit) über die Bereitstellung integrierter,
branchenübergreifender Bildungsangebote (z.B. Bildungsreisen für
Senioren) bis hin zur vermehrten Einrichtung von Bildungsinstitutionen
(z.B. Universitäten des dritten Lebensalters). Ein weiterer Faktor
ist die betriebliche Nachfrage nach Bildungs- bzw. Weiterbildungsangeboten
speziell für ältere Beschäftigte. Weiterbildung und Qualifikation
für ältere Arbeitnehmer werden zukünftig aus betrieblicher
und individueller Sicht wichtiger.
Die Menschen investieren in die Lebensqualität
Ein steigendes Gesundheitsbewusstsein und das wachsende Interesse an Bildung
unterstützen als weitere Faktoren die Nachfrage nach lebensqualitätsorientierten
Dienstleistungen. Für den Bereich der Gesundheit zeigt sich, dass
mehr Menschen z.B. eine sportlich aktive Freizeitgestaltung mit dem Bedürfnis,
einen eigenen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge zu leisten, verbinden. Die
steigende Nachfrage nach gesundheitsbezogenen Dienstleistungen spiegelt
sich unter anderem in dem starken Wachstum der Fitnesswirtschaft wider
(vgl. Kamberovic/Schwarze 1999).
Auch wenn im internationalen Vergleich derzeit private Mittel zur Finanzierung
von gesundheitsbezogenen Dienstleistungen noch eine geringe Rolle spielen,
steigt ihr Aufkommen: Während Anfang der 90er Jahre der Anteil der
privaten Ausgaben für Güter und Dienstleistungen zur Gesundheitspflege
nur 3,2% der gesamten Konsumausgaben der Haushalte betrug, lag dieser
Anteil im Jahre 2000 bereits bei 4,1% - dies entspricht einer Steigerung
von knapp einem Drittel innerhalb einer Dekade (vgl. DIW 2001: 29ff).
Werden die privaten Ausgaben der Haushalte für Gesundheitsdienstleistungen
zudem aufgeschlüsselt nach der Höhe des monatlichen Haushaltseinkommens
so zeigt sich, dass mit steigendem Einkommen auch die privaten Aufwendungen
für die Gesundheitspflege insgesamt steigen. Während 1998 Haushalte
mit einem niedrigen Haushaltseinkommen von 2500,- bis unter 3000,- DM
monatlich 76,- DM bzw. 2,93 % ihrer Konsumausgaben für die Gesundheitspflege
verwendeten, betrugen diese Ausgaben in Haushalten mit höheren Einkommen
(10.000,- bis unter 15.000,- DM) 423,- DM oder 5,5% der Konsumausgaben
(ebd.: 31ff).
Mit zunehmendem materiellem Wohlstand und mit fortschreitender Individualisierung
steigt auch das Bedürfnis der Menschen nach gesundheitlichem Wohlbefinden
und individueller Lebensqualität, so dass in Zukunft entsprechende
Dienstleistungsangebote in der Bedürfnis- und Wertehierarchie der
Bevölkerung oben stehen werden (vgl. Wasem 1999).
Die Palette der Produkte und Dienstleistungen ist sehr umfangreich. Sie
reicht von der Schönheitschirurgie, über Lifestyle Drugs und
medizinische Nahrungsmittel bis zu Orientierungshilfen im Gesundheitswesen.
Es wird geschätzt, dass sich im Jahr 2000 in Deutschland 150.000
- 200.000 Menschen einer Schönheitsoperation unterzogen haben. Diese
Zahlen fallen zwar gegenüber den USA (5,7 Mio.) noch vergleichsweise
gering aus, verweisen dennoch auf die hohe Bedeutung dieses aus (vorwiegend)
privaten Mitteln finanzierten Geschäftsfelds (vgl. Bartens 2001).
Auch Bildung gewinnt als zusätzlich privat finanziertes Konsumgut
an Bedeutung. Sie entwickelt und fördert berufliche Qualifikationen
und Kompetenzen, ermöglicht die soziale und kulturelle Teilhabe und
schafft Orientierung in der Informations- und Wissensgesellschaft. Die
privaten Konsumausgaben für Bildung, Unterhaltung und Freizeit je
Haushalt und Monat ergeben ein ähnliches Bild wie im Gesundheitsbereich.
Mit steigendem Einkommensniveau wachsen auch die Ausgaben für die
genannten Bereiche: Etwa 11 bis 12% der privaten Konsumausgaben entfallen
in den Haushalten mit höherem und mittlerem Einkommen auf Ausgaben
für Bildung, Unterhaltung und Freizeit, ein Großteil davon
für Unterricht (2,3 bzw. 2,0 %). In den Haushalten mit mittlerem
Einkommen werden monatlich etwa 460,- DM für Bildung und Freizeit
ausgegeben, in Haushalten mit höherem Einkommen sind es monatlich
bereits 688,- DM. Haushalte mit niedrigen Einkommen geben monatlich nur
119 DM,- für Bildung, Unterhaltung und Freizeit aus. Die Anteile
der privaten Ausgaben für Bildung, Unterhaltung und Freizeit in Haushalten
mit mittleren Einkommen am Konsum haben sich gegenüber 1965 von 6,5%
auf 11,9 % im Jahre 1997 fast verdoppelt.
Technischer Forschritt ermöglicht kundenorientierte Innovationen
Der technische Fortschritt ist eine maßgebliche Triebfeder der
Gesundheitswirtschaft und der bildungsbezogenen Dienstleistungen. Bei
zahlreichen Krankheitsbildern werden die Heilungschancen größer.
In der Rehabilitation öffnen sich durch den technischen und medizinischen
Fortschritt neue Perspektiven.
Neben besseren medizintechnischen Möglichkeiten werden auch Gesundheitsförderung
und Prävention wichtiger. Dies lässt sich am Beispiel des Tele-Health-Monitoring
illustrieren. Zur Vorbeugung und verlaufsorientierten Diagnose kann dieses
Verfahren in einer integrierten Versorgungsstruktur (Kliniken, niedergelassene
Ärzte, Rehabilitationseinrichtungen, Technikanbieter etc.) dazu beitragen,
über Ferndiagnosen schnelle und problemadäquate Hilfe im Krisenfall
(Infarkt) zu organisieren. Zudem besteht die Möglichkeit, frühzeitig
auf die kritische Entwicklung von Vitalparametern (Herzfrequenz, Blutdruck,
Puls) aufmerksam zu machen und so gesundheitliche Schäden zu vermeiden.
Die Entwicklung und der Ausbau integrierter Versorgungsangebote im Gesundheitsbereich
werden der Nachfrage zusätzliche Impulse verleihen.
Auch im Bildungsbereich ermöglicht der technische Fortschritt neue
Produkte und Dienstleistungen. Das multimediale und distant-learning kann
das Lernen zu Hause oder am Arbeitsplatz fördern. Bildungsaktivitäten
in der Freizeit stehen nicht zuletzt auch in Zeitkonkurrenz zu anderen
möglichen Aktivitäten. Unterschiedliche Bildungsangebote auch
von zu Hause aus und nach den eigenen zeitlichen Präferenzen können
diese Zeitkonkurrenzen abschwächen und helfen, das Lernen gemäß
dem eigenen Lerntempo und den ausgewählten Inhalten zu organisieren.
Neben der allgemeinen Bildung kann auch die berufliche Bildung am Arbeitsplatz
von der modernen IuK-Technologie profitieren. Vor allem größere
Unternehmen versuchen, in der betrieblichen Weiterbildung die Potenziale
des "e-learnings" zu erschließen (vgl. Fels u.a. 2001:
24 ff).
Lebensqualitätsbranchen sind zukunftsgestaltende Beschäftigungsfelder
Im Hinblick auf die Arbeitsmarkt-Effekte auch in den anderen Lebensqualitätsbranchen
des Dienstleistungssektors kann man sich an den Projektionen zur Arbeitslandschaft
der Zukunft vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der
Bundesanstalt für Arbeit orientieren. Danach sind bis zum Jahre 2010
auf mehr als 1,5 Mio. Arbeitsplätze in den Bereichen Gesundheit,
Bildung, Kultur zu hoffen.
KASTEN
Da auch in Beratung, Planung und Werbung zunehmend Leistungen mit Blick
auf Privatkunden angeboten werden, kann der zu erwartende Arbeitsmarkteffekt
sogar mit rund 2 Mio. veranschlagt werden. Wie es allerdings um die Qualität
der Arbeitsplätze bestellt ist und wie die Qualifizierungskonzepte
aussehen sollen, darüber wird sowohl in der Wissenschaft wie auch
in der Wirtschaft intensiv und zum Teil äußerst kontrovers
diskutiert. Klar ist aber, dass sowohl in der Gesundheitswirtschaft als
auch im Bildungssektor in den nächsten Jahren Personalengpässe
drohen. Deutlich wird dies z.B. im Bereich der Altenbetreuung; dort wird
an eine Greencard für Pflegekräfte gedacht. Aber auch die Lehrerarbeitslosigkeit
wird bald der Vergangenheit angehören. Die Konsequenz kann nur in
der Qualifizierung und einer parallelen Verbesserung der Arbeitsbedingungen
liegen, damit die Beschäftigten gerne und lange in diesen Branchen
weiterarbeiten.
Dienstleistungspolitik für Lebensqualität
Diese Aussichten zeigen, dass sich hier für die Wirtschaft ein wichtiges
und zukunftsträchtiges Gestaltungsfeld eröffnet. Aber auch die
Herausforderungen sind vielfältig. Der Gesamtkanon der Anforderungen
zur Aktivierung lässt sich mit den folgenden Stichworten beschreiben:
Meinungswechsel: "Nicht Kostenfaktor, sondern Zukunftsbranche":
Am Anfang muss ein Wechsel in der öffentlichen Meinung stehen.
Bildung, Soziales und Gesundheit gelten heute zwar als unverzichtbare
Voraussetzungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung,
gleichwohl werden sie als Kostenfaktoren wahrgenommen. Gerade in wirtschaftlich
schwierigen Zeiten gibt es kräftigen Druck zur Kostenreduzierung.
Besser wäre es, wenn zwar darauf hingearbeitet würde, dass die
Lebensqualitätsangebote so kostengünstig wie möglich erstellt
werden. Gleichzeitig muss aber deutlich werden, dass in ihnen nicht Belastungen
für die Wirtschaft liegen, sondern große Chancen. Hierzu sollten
sich die sozialen Dienstleister nicht mehr als Kostgänger der Wirtschaft,
sondern als Wachstums- und Beschäftigungsmotoren begreifen und darstellen.
Sowohl öffentliche als auch private Finanzgrundlagen ausbauen:
Bei der Diskussion um die Zukunft der Lebensqualitätsbranchen dominieren
Finanzierungsfragen. Am deutlichsten wird dies im Gesundheitsbereich.
CDU/CSU plädieren dafür, die öffentliche und solidarische
Finanzierung durch neue private Finanzierungsformen zu ergänzen,
um so die obligatorischen Abgaben zu dämpfen. Die SPD setzt darauf,
durch mehr Effizienz und Qualität - bewirkt durch die Fallpauschalen
oder andere Produktivitätsanreize - die Kosten in den Griff zu bekommen.
Realistisch scheint jedoch, dass es beides geben muss. Prognosen zufolge
(vgl. DIW 2001) werden selbst dann, wenn die erhofften Produktivitätsfortschritte
gelingen, der soziodemographische Wandel und der medizinische und gesundheitswissenschaftliche
Fortschritt die Anforderungen an öffentliche und halböffentliche
Finanzwege deutlich steigen lassen. Parallel dazu werden gewandelte Interessen
und Präferenzen in der Bevölkerung auch zusätzliche private
Kaufkraft aktivieren.
Die derzeitige Diskussion im Bildungswesen ist stark gekoppelt an die
Fragen der Finanzierung (z.B. Studiengebühren, Bildungsgutscheine)
und der Effizienz und (output-orientierte) Effektivität unseres Bildungssystems,
vor allem im internationalen Vergleich. Die Zukunftsfähigkeit des
Bildungswesens hängt dabei von mehreren Faktoren ab: Die Lern- und
Lehrsituation darf sich nicht verschlechtern, weil öffentliche Mittel
in wichtigen Bildungsinstitutionen und bildungsrelevanten Nachbarbranchen
(kulturelle Veranstaltungen, Bibliotheken, soziokulturelle Zentren u.ä.)
fehlen. Vielmehr ist die öffentliche Förderung und Finanzierung
sicherzustellen. Zudem können Qualitätssicherung und -entwicklung
zu einem besseren Ressourceneinsatz beitragen. Durch Benchmarkingverbünde
ließen sich Verbesserungspotenziale identifizieren. In den Kern-,
Rand- und Nachbarbranchen des Bildungssektors sollten durch das Zusammenspiel
von öffentlichen und privaten Bildungsanbietern kundenorientierte
Angebote ergänzend zu den bisherigen Leistungen entwickelt werden
(z.B. Bildungswegberatung). Die derzeitige Kostendiskussion ist zu eingleisig.
In Zukunft müssen wir überall gleichzeitig ansetzen: Produktivitätssteigerungen,
Ausweitung der öffentlichen Finanzierung sowie die Aktivierung zusätzlicher
privater Mittel für Gesundheit und Bildung.
Innovationsoffensive für neue Angebote im Gesundheitswesen: Dies
trifft zunächst für den engeren, medizinisch geprägten
Kernbereich zu. Wichtige Impulse werden zunehmend auch aus Nachbarbranchen
kommen. Gesundheitswirtschaftspolitik sollte innovationswillige Akteure
ermutigen und unterstützen und darauf hinwirken, dass auch Einrichtungen
aus den Kernbereichen des Gesundheitswesens in diese Märkte hineindiversifizieren.
Unterstützung sollte allerdings nicht mit Subvention oder gar mit
der Aufnahme solcher Angebote in den Leistungskatalog der Gesetzlichen
Krankenversicherungen verwechselt werden. Nötig sind Studien über
Marktpotenziale, Marktstrategien und über gelungene Beispiele. Zudem
ist für viele innovative Produkte und Dienstleistungen ein Zusammenspiel
von Akteuren notwendig, die heute noch zumeist getrennt operieren. Um
solche Innovationsallianzen zu ermöglichen, sind öffentliche
Impulse erforderlich. Im Bildungswesen zielen Förderprogramme wie
die "Lernenden Regionen" des Bundesministeriums für Bildung
und Forschung (BMBF) auf Netzwerke von allgemeinbildenden und berufsbildenden
Schulen, Volkshochschulen, Betriebe oder Multimedia-Unternehmen. Dies
ermöglicht nicht nur die Abstimmung des Handelns auf die regionalen
Bedürfnisse, sondern auch angebots- und kundenorientierte Synergien
und Innovationen.
Zusätzliche (Privat ) Versicherungslösungen für Produkte
aus den Randbereichen des Gesundheitswesens: Produktivitätssteigerungen
können helfen, im Rahmen der solidarisch finanzierten Krankenversicherungen
ein Optimum an obligatorischen universellen Gesundheitssicherungsleistungen
aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus sind viele Menschen bereit, zusätzliche
private Mittel für weitergehende Angebote auszugeben. In vielen Fällen
(etwa für einen Wellness-Gesundheitsurlaub) reicht eine rein private
Finanzierung. In anderen Fällen (etwa integrierten Notruf- und Kommunikationssystemen,
so weit sie nicht medizinisch erforderlich sind) könnte an breiter
angelegte Versicherungslösungen gedacht werden. Damit entsprechende
Finanzierungswege nicht nur auf einen kleinen Kreis von sehr einkommensstarken
Menschen beschränkt bleiben, sollten neue Wege beschritten werden,
um auch Durchschnittsverdiener zu Investitionen in mehr Lebensqualität
zu aktivieren. Ansätze könnten in betriebs- oder branchenbezogenen
Versicherungslösungen liegen. Denkbar sind Versicherungen, die parallel
zu Mietverträgen abgeschlossen werden können, um dann im Falle
von Krankheit oder altersbedingten Beeinträchtigungen Unterstützungsdienste
zu finanzieren. Eine eindeutige Abgrenzung zwischen den medizinisch notwendigen
Leistungen, die von den obligatorischen Krankenversicherungen garantiert
werden, und sonstigen gesundheitsbezogenen Angeboten ist wichtig, um zusätzliche
Ressourcen zu mobilisieren.
Verbraucherschutz: Das steigende Interesse an der Gesundheitswirtschaft
und an bildungsbezogenen Dienstleistungen fordert den Verbraucherschutz
heraus. Bislang ist das Gesundheitswesen im Hinblick auf die Produkt-
und Angebotspalette sehr stark politisch geführt, d.h. die überwältigende
Mehrheit der zur Verfügung stehenden Angebote muss zugelassen werden
und ist bei der Anwendung auf die Aktivität von professionell Qualifizierten
beschränkt. Im Bildungsbereich sind dagegen Unterricht oder Wissensvermittlung
nicht notwendigerweise an eine professionelle (didaktisch-methodische)
Qualifikation gekoppelt. Starke politische Regulierung und professionelle
Dominanz werden auch in Zukunft die Kernbereiche des Gesundheits- und
Bildungswesens (vor allem allgemeinbildende und berufliche Schulen) auszeichnen.
In den Rand- und Überlappungsbereichen jedoch werden eher Markt,
Wettbewerb und Kundenakzeptanz ausschlaggebend sein. Ein Optimum an Verbraucherschutz
ist hier nur auf neuen Wegen zu erreichen.
Literatur
Bartens, W., 2001: Körper auf Messers Schneide. In: DIE ZEIT,
Nr. 1/2002, 27.12. 2001, 28.
DIW (Hg.) 2001: Wirtschaftliche Aspekte der Märkte für
Gesundheitsdienstleistungen. Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums
für Wirtschaft und Technologie, Endbericht. DIW Berlin/ IGES Berlin.
Fels, G. / Heinze, R. G. / Pfarr, H. / Schmid, G. / Streeck, W.,
2001: Gute Praxis in der betrieblichen Weiterbildung. Bericht der Benchmarking-Gruppe
des Bündnisses für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit.
Forschungsgesellschaft für Gerontologie (FfG) / Institut Arbeit und
Technik (IAT) / Medizinische Hochschule Hannover (MHH) 2001: Gesundheitswesen
und Arbeitsmarkt in Nordrhein-Westfalen. Studie für das Ministerium
für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW.
Kamberovic, R. / Schwarze, B., 1999: Deutsche Fitness Wirtschaft,
Hamburg.
Statistisches Bundesamt (Hg.), 2001: Leben und Arbeiten in Deutschland.
Mikrozensus 2000, Wiesbaden (www.statistik-bund.de).
Statistisches Bundesamt (Hg.), 2000: Bevölkerungsentwicklung
Deutschlands bis zum Jahre 2050.
Wasem, J., 1999: Das Gesundheitswesen in Deutschland: Einstellungen
und Erwartungen der Bevölkerung, Neuss.
Hervorhebungen:
Eine Strategie für die Zukunftsbranche Lebensqualität muss dem
Sozialabbau entgegentreten und zugleich zusätzliche private Kaufkraft
aktivieren.
Der technische Fortschritt ist eine Triebfeder der Gesundheitswirtschaft
und der Bildungs-Dienstleistungen.
Bis zum Jahr 2010 ist auf mehr als 1,5 Mio. Arbeitsplätze in den
Bereichen Gesundheit, Bildung, Kultur zu hoffen.
In der Gesundheitswirtschaft und im Bildungssektor drohen Personal-Engpässe.
Die sozialen Dienstleister sollten sich nicht als Kostgänger der
Wirtschaft, sondern als Wachstumsmotoren begreifen und darstellen.
* Michaela Evans studiert Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität
Bochum und ist Mitarbeiterin in der Abteilung Dienstleistungssysteme des
Instituts Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen, Dr. Josef Hilbert
ist Leiter der Abteilung. Der Beitrag geht zurück auf einen Vortrag
bei ProMS Nord und ver.di Lübeck/ Ostholstein am 17.11.2001 in Lübeck.
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