Kurzum

Das Wahlkampfjahr geht in die nächste Runde. Die erste Runde lief unter dem Motto "Wir präsentieren den Kandidaten". In dieser Runde war für die Opposition nicht mehr als nur ein knapper Punktsieg drin. Edmund Stoiber konnte seinen ersten Vorsprung in den Umfragen nicht halten. Durch eigene Fehler (vor allem das "Äh, nein, Äh - Interview" bei Frau Christiansen) und einigen strukturellen Ungereimtheiten ins seinen Positionen (strenge Sparpolitik bei gleichzeitiger Neuverschuldung) wurde der Kandidat aus Bayern in Hochgeschwindigkeit zum Scheinriesen, je näher der Betrachter hinsah, desto kleiner wurde das Format des bayerischen Ministerpräsidenten.

In Runde zwei haben alle Parteien ihre Wahlprogramme verabschiedet und medienträchtig präsentiert. Diese Runde geht, mehr als eindeutig, an die FDP und an ihren neuen Kanzlerkandidaten Guido Westerwelle.

Haben wir es bei Westerwelle mit dem zweiten Scheinriesen dieses Wahlkampfes zu tun? Kann sich der Kanzler und die Kampa zurücklehnen, weil die nervtötende Politshow, die permanente Übertreibung, die Würzung jeder politischen Aussage mit einem Gag, bei der ersten Substanzprobe in sich zusammenbricht? Oder handelt es sich beim Aufstieg der FDP um den Anfang eines säkularen Prozesses, der in Europa den "Ich- und -Jetzt-Populismus" weiter beflügelt und ähnlich wie in den Niederlanden das etablierte System aus Parteien und Milieu zersetzt?

Das aufgeklärte Bürgertum hält die Sache für entschieden. Die FDP ist laut Süddeutsche Zeitung "die größte Werbeagentur Deutschlands und zugleich die einzige die zu Bundes- und Landtagswahlen antritt." Ähnlich hämisch waren die Reaktionen der anderen überregionalen Tageszeitungen auf die Inthronisierung Westerwelles zum Kanzlerkandidaten. Es erscheint reichlich naiv oder ignorant anzunehmen, das Gespenst verschwinde wie es gekommen war; in heißer Luft. Auch wenn es uns überhaupt nicht gefällt, derzeit wird die FDP als die einzige Opposition zu den sozialkonservativen Volksparteien wahrgenommen.

Westerwelle hat jedoch längst gezeigt, dass ihn derartige Schmähungen nicht anfechten. Wenn er immer wieder zu Protokoll gibt, dass er die FDP neu aufgestellt hat, dann hat er dabei nicht so sehr die Steuerpolitik, die Mittelstands- und Sozialpolitik oder die Außenpolitik im Sinn. Er redet in diesen Momenten überhaupt nicht in programmatischen Kategorien, sondern in Klassenkategorien.

Die traditionelle FDP bestand aus einem recht komplizierten Mischungsverhältnis aus strengem Ordoliberalismus, libertärem Staatsverständnis und distinguiertem Gesellschaftsverständnis. Das Wählerklientel setzte sich vielfach aus Freiberuflern, ständischen Handwerkern und Studenten, Beamten aus dem höheren Staatsdienst und dem Restadel zusammen. Wenn Westerwelle sagt, er hat die FDP neu aufgestellt, dann will er das neue Mischungsverhältnis im Selbstverständnis der Partei und die neuen Zielgruppen hervorheben. Er hat es geschafft, dass distinguierte Gesellschaftsverständnis zur dominanten Strömung auszubauen und damit junge Wähler aus fast allen Schichten anzusprechen.

Kurzum: Das eigentliche Programm von Westerwelle und der FDP steht in keiner offiziellen Parteibroschüre. Es lautet einfach: "Du darfst was besseres sein - und das gilt für alle". Das Ergebnis: Die Kinder der 68er, denen es auf den feinen Unterschied ankommt, wählen FDP.

So wie die Dinge liegen, erscheint mir die Hoffnung vieler, dass der Höhenflug der FDP ein vorübergehendes mediales Ereignis ist, leicht unbegründet. Westerwelle ist ein hervorragender Interpret eines Populismus, der weitgehend ohne rassistische Töne auskommt, stattdessen die Identitätsposition vieler junger Erwachsener geschickt aufgreift und sich vom Einheitsbrei der Volksparteivertreter absetzt.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die FDP der Schill-Partei die Rolle als Protestwählerpartei bereits erfolgreich streitig gemacht. In der Altersklasse der 18-25 Jährigen kann die FDP bereits seit der Landtagswahl in NRW einen stetigen Wählerzulauf verzeichnen. In der selben Zeit konnte sie als einzige etablierte Partei eine Steigerung der Mitgliederzahl erreichen.

Kulturhistorisch lassen sich viele Bespiele dafür finden, dass die übersteigerte Suche nach dem privatem Glück, das Streben nach besonderen persönlichen Erlebnissen, die Suche nach dem kulturellem, körperlichen, sexuellen Kick, die Unfähigkeit das einfache Leben zu genießen, also dem Wunsch etwas Besonderes, etwas Besseres zu sein, besonders ausgeprägt vorzufinden ist in sich wandelnden, verunsicherten Gesellschaften.

Phänomene wie der Container-Event bei Big Brother sind keineswegs Erfindungen unserer Zeit. In anderen Formen und Ausprägungen gibt es dafür viele kulturelle Vorbilder. Sebastian Hafner hat dieses Phänomen in seinem Buch "Geschichte eines Deutschen" in eindringlicher Weise für die Endphase der Weimarer Republik geschildert. Distinktion, der Wunsch zur Abgrenzung wächst in breiten Schichten der Bevölkerung weit über die sozial besser gestellten Schichten in dem selben Maße heran, wie die Richtung der Lebensführung, der Zukunftspläne und Aussichten durch unklare gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse immer unsicherer wird. In gesellschaftlichen Depressionsphase sind die Menschen viel öfter auf sich selbst und ihre wankende Identität zurückgeworfen, als viele Revolutionstheoretiker es wahrhaben wollten und wollen.

Kurzum: Wir sollten uns abgewöhnen Populismus immer mit Rassismus zu übersetzen. Populismus ist die Mobilisierung gesellschaftlicher Alltagsweisheiten für politische Machtziele. Sie werden im Gegensatzpaar zum gesellschaftlichen Grundkonsens konstruiert und erlangen daraus ihre Radikalität. In diesem Sinne ist Westerwelle geistig verwandter mit Roland Schill und Pim Fortuyn als mit Hans Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorf.

Westerwelle zum Politclown zu erklären ist zwar faktisch richtig, aber nicht weiter hilfreich. Es ist nichts mehr als eine Beruhigung nach Innen, eine Solidaritätserklärung an die Etablierten, aber kein Signal für den Kampf um die geistige Hegemonie in der weiteren Wahlkampfauseinandersetzung.


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