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Gesunde
Reformen?
Einleitung zum Schwerpunkt
Von Björn Böhning/ Horst Peter/ Felix Welti
Björn Böhning, Berlin, stellv. Juso-Bundesvorsitzender; Horst
Peter, Kassel; Dr. Felix Welti, Lübeck, Mitglieder im Arbeitsausschuss
von spw
Reformen im Gesundheitswesen sind ein ständiges Thema der Sozial-
und Gesellschaftspolitik. Nach der Bundestagswahl 2002 sind bei jeder
Konstellation Konflikte und Neuregelungen zu erwarten. Ob es der gesellschaftlichen
Linken gelingt, Vorschläge zu entwickeln, um das sozialstaatliche
Gesundheitswesen zu bewahren und zu erneuern, sie mehrheitsfähig
zu machen und durchzusetzen, ist eine entscheidende Probe auf die Politikfähigkeit
der Linken im Ganzen. Dafür sind drei Dimensionen zu nennen.
Die Soziale Dimension: Das System einer solidarischen und grundsätzlich
am Bedarf orientierten Gesundheitsversorgung steht im Kern des Sozialstaates.
Das soziale Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach
seinen Bedürfnissen" hat in diesem Bereich zumindest im Ansatz
Geltung und findet nach wie vor breite Zustimmung in der Bevölkerung.
Jede Gesundheitsreform ist eine Frage der Verteilung von Ressourcen und
Risiken. Der Verzicht auf soziale Umverteilung im Gesundheitswesen würde
nicht nur zu ethisch unvertretbaren Ergebnissen führen, sondern auch
die gesamte Gesellschaft mit hohen Kosten der Unsicherheit belasten und
den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.
Die Ökonomisch-ökologische Dimension: Das sozialstaatliche Gesundheitswesen
ist nicht nur ein Mechanismus der Risikosteuerung und der Umverteilung
zwischen Einkommensgruppen und zwischen Gesunden und Kranken, sondern
auch ein Steuerungselement für eine der bedeutendsten Wirtschaftsbranchen.
Dort wird mehr als ein Zehntel des Sozialprodukts bewegt und ist ein noch
deutlicher höherer Anteil der Erwerbstätigen beschäftigt.
Für die Zukunft ist zu erwarten, dass die gesamtwirtschaftliche Bedeutung
dieses beschäftigungsintensiven Bereichs weiter ansteigt. Dieser
Sektor ist zumindest nicht alleine an Profit und Markt ausgerichtet, sondern
muss auch nach dem Bedarf gesteuert werden. Ob es gelingt, dies so zu
gestalten, dass sozialstaatlicher Bedarf effektiv und effizient befriedigt
werden kann, ist eine Herausforderung, an der sich die Gestaltungskraft
der Linken insgesamt beweist. Das Gesundheitswesen kann die Leitbranche
des 21. Jahrhunderts werden. Wird es das unter sozialstaatlichen Vorzeichen,
kann dies Politik und Wirtschaft im Ganzen verändern.
Die kulturelle Dimension: Grundentscheidungen der Gesundheitspolitik sind
auch ethische Entscheidungen, welche das Bewusstsein einer Gesellschaft
von sich und ihr Bild von Menschen, Natur und deren Verhältnis prägen.
Dies betrifft den gleichen und gerechten Zugang zu Gesundheitsleistungen,
aber auch das Bild von "gesund" und "krank". Mit enorm
überzeichneten Heilsvorstellungen wird diese Debatte zur Zeit um
Ressourcen und Beschränkungen der Bio- und Gentechnologie geführt.
Dies ist wiederum verschränkt mit den Paradigmen von Medizin und
Gesellschaft, mit den Vorstellungen von technischer Machbarkeit und menschlichem
Maß.
Die Frage der Gesundheitsreform muss im laufenden Wahlkampf in die Mitte
der Auseinandersetzung rücken. Linke Wahlerfolge sind auch heute
nur mit Antworten auf die Lebensfragen der Menschen zu erreichen und nicht
durch kurzfristige Emotionalisierungen und Inszenierungen.
Die gesundheitspolitische Diskussion darf dabei keine reine Kosten- und
Verteilungsdiskussion sein. Die Qualität der Gesundheitsversorgung
und die Verteilung von Gesundheitschancen im System müssen thematisiert
werden. Die Diskussion darf nicht bei Beitragssätzen und Versicherungspflicht
stehen bleiben, sondern muss konkret beantworten, welches Gesundheitswesen
finanziert werden soll. Darum ist es nötig, sich mit Fragen der Prävention
und Rehabilitation, der Versorgung chronisch Kranker, der Aufgabenverteilung
zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken und mit Kriterien von
Qualität im Gesundheitswesen zu beschäftigen. Eine solche Debatte
darf nicht spezialistisch geführt werden, sondern kann und muss die
Gesellschaft breit erfassen.
Kluge Analysen und Konzepte sind zwar eine Voraussetzung für Reformpolitik.
Hinreichend sind sie aber nicht. Das komplex organisierte Gesundheitswesen
erfordert vielmehr auch eine Strategie, um politische Ziele durchzusetzen.
Auch hier ist die Linke gefordert, um das Interesse der breiten Masse
an universellem Zugang zu Gesundheitsleistungen bei vertretbaren Kosten,
das besondere Interesse der chronisch Kranken und behinderten Menschen
an einer Verbesserung der Versorgung und die Interessen verschiedener
Gruppen von Leistungserbringern des Gesundheitswesens zusammenzuführen
und zu bündeln. Eine Reform wird nur durchsetzbar sein, wenn zumindest
ein Teil der Ärzte und nichtärztlichen Heilberufe von ihrem
Nutzen überzeugt ist. Die Seite der Arbeit ist im Gesundheitswesen
unübersichtlich. Gerade die prekären Arbeitsbedingungen in Teilen
der Pflege sind beachtenswert. Die Linke - und gerade ver.di - muss hier
zeigen, dass sie auch diejenigen anzusprechen vermag, die selbstständig
und in kleinen Einheiten arbeiten - gerade dann, wenn ihnen ein Strukturwandel
zu neuen und größeren Organisationsformen bevorsteht.
spw hat in den letzten Jahren bereits eine Reihe von Beiträgen zu
gesundheitspolitischen Fragen gebracht (siehe Kasten). Darauf aufbauend,
kann in diesem Schwerpunkt auf Überblicksartikel verzichtet werden
(siehe Peter/ Röspel/ Rosenbrock, spw 117, und
Gerlinger, spw 123). Die Beiträge in diesem Heft können
so die notwendige Tiefe für einzelne Fragestellungen bekommen. Michaela
Evans und Josef Hilbert ordnen das Gesundheitswesen in den
Wandel wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen ein. Holger
Paetow beleuchtet gesundheitsökonomische Fragestellungen. Jürgen
Wasem und Rolf Rosenbrock befassen sich kontrovers mit den
Vorschlägen für das sozialdemokratische Programm zur Gesundheitspolitik
(dazu auch Mielck, spw 122, und Pfaff, spw 124). Karl
Lauterbach spricht hierzu insbesondere die Frage an, was aus den Erfahrungen
gesteuerter Gesundheitsversorgung in den USA zu lernen ist. Heinz Lohmann
stellt die Umbrüche im Krankenhaussektor vor. Diese Kontroversen
um Steuerung und Wettbewerb muss verstehen und bewerten, wer auf die Umsetzung
des insoweit vagen SPD-Programms in der nächsten Wahlperiode Einfluss
nehmen will. Es wird deutlich, dass Wettbewerb "an sich" weder
sozial noch unsozial, weder effizient noch ineffizient ist, sondern es
entscheidend auf die politische Rahmenordnung ankommt. Wettbewerb zwischen
wem und wozu? Christoph Then und René Röspel
sprechen schließlich Grundsatzfragen der medizinischen Forschung
an (vgl. dazu Wodarg, spw 114 und 115).
Wenn wir mit diesem Schwerpunkt dazu beitragen können, die notwendigen
Diskussionen anzuregen und zu vertiefen und damit zu politischem Handeln
zu ermutigen, ist unser Ziel erreicht. Über Repliken, Widersprüche
und Ergänzungen freuen wir uns.
Hervorhebungen:
Das Gesundheitswesen kann die Leitbranche des 21. Jahrhunderts werden.
Unter sozialstaatlichen Vorzeichen kann dies Politik und Wirtschaft im
Ganzen verändern.
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