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Der
Krieg folgt eigenen Gesetzen
Einleitender Beitrag Prof. Dieter S. Lutz auf der DL21-Jahrestagung 2002
Menschen sind friedensfähig, wenn auch nicht immer friedlich.
Wir können sie zwar nicht sehr viel friedlicher, aber eben
doch friedensfähiger machen. Meine Vision vor diesem Hintergrund
war, dass wir zumindest fähig sind, eine Friedensordnung auf Dauer
zu schaffen und zivilisatorisch das Rad nach vorne zu drehen. Das galt
insbesondere für die Politik der SPD. Insofern war Egon Bahr, der
in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feierte, für mich immer ein
großartiges Beispiel, besser gesagt: Vorbild. Wenn eine Person es
wirklich will, dann schafft sie es auch, das Rad nach vorne zu drehen.
Heute allerdings, bin ich mir nicht sicher, ob mein Glaube, Frieden auf
Dauer schaffen zu können, nicht doch nur ein Irrglaube ist. Nach
den Erfahrungen der vergangenen Jahre, insbesondere auch der vergangenen
Wochen und Monate halte ich eine Zukunft, geprägt von einer Vielzahl
von gewaltsamen und kriegerischen Konflikten für nicht unwahrscheinlich.
Nehmen wir das Beispiel der Mini-Atomwaffen, das Andrea Nahles gerade
angesprochen hat: In Zukunft wird wahrscheinlich Krieg geführt werden
um die Frage der Proliferation, also der Verbreitung bzw. Nicht-Verbreitung
von Massenvernichtungsmitteln. Gerade aber diejenigen, die, wie die USA,
am stärksten vor der Gefahr der (horizontalen) Proliferation warnen,
scheinen vergessen zu haben, dass sie selbst sich im Proliferationsvertrag
verpflichtet haben, auch ihre eigenen Atomwaffen abzuschaffen (vertikale
Proliferation), zumindest aber streng zu minimieren. Staaten wie die USA
oder Russland behalten aber nach wie vor viele tausend Atomwaffen im eigenen
Bestand und modernisieren sie überdies. Auch auf diese Weise gerät
das Wort von Egon Bahr, dass Sicherheit nicht mehr gegeneinander, sondern
nur gemeinsam geschaffen werden kann, immer mehr in Vergessenheit. Das
sollten wir nicht zulassen.
Egon Bahr steht für eine Kultur des Dialogs während des Ost-West-Konfliktes.
Meine Hoffnung war, dass nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes die Kultur
des Dialogs nicht nur fortgesetzt wird, sondern auch in einen Dialog der
Kulturen einmünden würde ("Von der Kultur des Dialogs zum
Dialog der Kulturen"). Ich habe aber heute nicht den Eindruck, dass
das wirklich auf den Weg gebracht wird - auch nicht in der SPD. Weil wir
nicht die Personen haben, weil wir nicht die Konzepte haben, weil wir
nicht den Willen haben, und weil wir eine Großmacht, eine Supermacht
haben, die USA heißt.
Bis 1999 haben die SPD und ihre Politiker und Politikerinnen grundsätzlich
gesagt, wenn wir an der Regierung sind, werden wir breit verankert eine
neue friedenspolitische Diskussion führen und gemeinsam ein neues
friedenspolitisches Konzept entwickeln und eine neue Friedenspolitik,
in Folge von Willy Brandt und Egon Bahr zum Beispiel eine neue "Ostpolitik"
gestalten. Das alles ist nicht geschehen. Deutsche Außenpolitik
soll laut Koalitionsvertrag Friedenspolitik sein. Doch in Wahrheit steht
sie nackt da.
Dies gilt selbst für die Reform der Bundeswehr. Es wurde eine Kommission
unter Vorsitz von Weizsäckers eingesetzt, ohne dass wir gemeinsam
über ihre Aufgaben und Ziele diskutiert haben. Aber selbst der Bericht
dieser Kommission wurde nicht beachtet, geschweige denn - wie versprochen
- diskutiert. Der Bericht wurde einfach zur Seite geschoben worden. Seitdem
wir an der Regierung sind, diskutieren wir nicht mehr! Es gibt zwar Parteitage,
gar Sonderparteitage, aber mit vorgefertigten Rednerlisten und ohne konzeptionelle
und strategische Inhalte.
Am schlimmsten aber empfinde ich, dass wir über den Kosovo-Krieg,
diesem Sündenfall auch Deutschlands, bis heute nicht miteinander
gesprochen haben. War er wirklich unvermeidbar? Ich meine nachdrücklich
nein! Gleichwohl - oder gerade deshalb - wäre ich zutiefst dankbar,
wenn mir im Zuge gemeinsamer Beratungen das Gegenteil bewiesen würde,
wenn mir zum Beispiel belegt werden würde, dass es einen "Hufeisenplan"
gab, wenn ich wegkommen würde davon, zu meinen, dass meine eigene
sozialdemokratische Bundesregierung etwas getan hat, was ich nicht billigen
kann. Um unseres Landes und um der Demokratie willen, wäre ich erstmals
froh, wenn ich als Wissenschaftler widerlegt würde. Aber ich bekomme
zum Beispiel den "Hufeisenplan" nicht zur Einsicht. Warum nicht?
Habe ich Unrecht, wenn ich und viele andere auch und gerade in der SPD
meinen, es sei einer Demokratie und einer sozialdemokratischen Partei
unwürdig, Behauptungen nicht transparent zu machen, Belege nicht
nachprüfen zu lassen.
Was ich für den Kosovo-Krieg anmahne, gilt auch und erst Recht für
den Afghanistan-Krieg. Ich bin nicht derjenige der nicht zugesteht, dass
unter Umständen auch mit militärischen Mitteln Beistand geleistet
werden muss. Im Gegenteil. Wir haben selber Soldaten im Institut, wir
bilden auch Soldaten aus. Aber um die Entscheidung für den Einsatz
von Streitkräften seriös treffen zu können, muss ich doch
Belege auf dem Tisch haben. Zum Beispiel muss ich überprüfbar
nachweisen können, ob Bin Laden wirklich der Täter ist oder
nicht, und ob die Maßnahmen , die ergriffen werden, verhältnismäßig
sind.
Wer von Euch kann mir zum Beispiel sagen, wie viel Kollateralschaden es
in Afghanistan gab? Ich spreche dabei noch gar nicht über die teilweise
barbarisch umgebrachten Taliban, ich spreche nur über die Zivilisten.
Während des Kosovo-Krieges hatte ich immerhin noch Informationen,
die ich bewerten konnte und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dieser Krieg
war weder unvermeidbar, noch war er gerechtfertigt. Beim Afghanistan-Krieg
stehe ich, der ich als Wissenschaftler aufgefordert bin, der Bevölkerung,
der Politik oder wem auch immer Ratschläge zu geben, mit leeren Händen
da. Es gibt keine Daten, Materialien, Informationen. Nirgendwo kann man
entsprechendes abfragen oder nachlesen. Nahezu alle schweigen. Immerhin
wurde mir unter der Hand gesagt, in Nato-Kreisen spreche man von 25-30.000
Ziviltoten. Was kann ich mit dieser Zahl - vertraulich zugeflüstert
- anfangen? Ich kann damit nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es
wäre Spekulation. Es können genau so gut 5.000 sein oder 10.000
oder 100.000 sein. Aber müssen wir nicht gerade diese Zahl hinreichend
genau kennen, um Politik zu beurteilen, sie weiterzuführen, oder
sie einzustellen. Eine Zahl von 30.000 toten oder verwundeten Zivilisten
ginge weit über das hinaus was als gerechtfertigt angesehen werden
könnte - zumal in einem Fall, bei dem ich sowieso der Meinung bin,
das er eher ein Fall für die Gerichte ist, denn für das Militär.
Ich komme zu dem, was Andrea Nahles in ihrer Einführung gefragt hat:
Was für eine Bedeutung haben die UN für die Außenpolitik?
Ich glaube sie haben gegenwärtig keine wirklich entscheidende mehr,
und das ist spätestens seit dem Kosovo-Krieg so angelegt. Was war
der Grund des Kosovo-Krieges der NATO? Ich sehe ihn prioritär darin,
dass die Macht zur NATO wandern sollte, weg von den Vereinten Nationen.
Nach 1989/90 haben die USA in Form der von ihnen dominierten NATO die
OSZE weggebissen und darüber hinaus versucht, die Vereinten Nationen
an den Rand zu drängen. Aber immerhin die Vereinten Nationen haben
existiert und wir alle haben gesagt, wir beteiligen uns ohne Mandat der
Vereinten Nationen an keinem militärischen Einsatz "out of area".
Also hat man versucht die Vereinten Nationen zu marginalisieren, genauso
wie man es mit der OSZE gemacht hat. Und es wäre gelungen, wenn denn
Milosevic sich der Drohung der NATO gebeugt hätte, also das getan
hätte, was, die Politiker unter uns, auch mir immer wieder gesagt
haben: Milosevic gibt nach, es kommt zu keinem Krieg. In diesem Fall wäre
der Beweis erbracht gewesen, dass eigentlich die NATO das entscheidende
Instrument der zukünftigen Politik ist - auch ohne Mandat der Vereinten
Nationen. Als diese Erwartung sich nicht erfüllt hat, war die Hoffnung,
dass Milosevic nach zwei oder drei Tagen einknickt, dass der Krieg nicht
länger als zwei oder drei Tage dauert. Auch dann noch wäre die
UNO desavouiert gewesen. Immerhin aber hat Milosevic 78 Tage durchgehalten.
Es barmt mich das zu sagen: Weil dieser Diktator 78 Tage lang durchgehalten
hat und weil die NATO den Karren insofern an die Wand gefahren hat, ist
es vermutlich Milosevic zu verdanken, dass die Vereinten Nationen heute
wenigstens noch formal bestehen. Weil Milosevic nicht sofort eingeknickt
ist, konnte in Folge dann eben auch all das geschehen ist, was man Fischer
und Schröder schlussendlich doch positiv anrechnen kann, nämlich
die Russen wieder ins Boot zu holen und die Vereinten Nationen wieder
ins Spiel zu bringen. Dennoch: Die UNO hat großen Schaden genommen.
Was die USA aus dem Kosovo-Fall im übrigen gelernt haben, ist, dass
sie Krieg auch ohne die Europäer führen können - und vielleicht
sogar besser ohne die NATO als mit ihr. Wir erleben es gegenwärtig
im Zusammenhang mit Afghanistan. Die USA brauchen den Rest der Welt nicht.
Nicht die Europäer, nicht die NATO, nicht die Vereinten Nationen.
Die Vereinten Nationen haben mit Blick auf die Terroranschläge in
New York und Washington zwei Sicherheitsratsbeschlüsse gefasst und
einen Beschluss der Generalversammlung. Danach besitzen die USA ein militärisches
Selbstverteidigungsrecht, was ich übrigens teile. Und ich teile auch,
dass man auch mit militärischen Mitteln kontrolliert, nachprüfbar
und mit dem einen Ziel, Bin Laden zu fassen, vorgehen kann.
Aber, wenn man die Resolutionen der Vereinten Nationen genau durchliest,
wird man feststellen, dass die eigentlichen operationellen Beschlüsse
davon nichts mehr sagen. Sie legen vielmehr fest, dass man mit finanziellen
und rechtlichen Mitteln etwas machen soll, aber sie sagen nichts von militärischen
Mitteln. Und dennoch akzeptiert die Weltgemeinschaft den Einsatz der Streitkräfte.
Darunter sind auch die großen Staaten, die man ja braucht, um Völkergewohnheitsrecht
zu schaffen. Was wir jetzt in Afghanistan erleben ist das Entstehen eines
neuen Völkergewohnheitsrechts. Warum? Weil die Völkergemeinschaft
jetzt akzeptiert, dass nicht die Stärke des Rechts in den Vordergrund
gestellt wird, sondern das Recht des Stärkeren. Wir werden erleben,
dass die Amerikaner diese Politik fortsetzen, und dass sich die anderen
Großen anschließen werden. Zu den ersten Konsequenzen werden
gewaltige Rüstungsschübe gehören - und zwar weltweit.
Abschließend noch eine Anmerkung zur NATO und zu Mazedonien: Die
NATO - so wurde gesagt - habe ihr Sache gutgemacht auf dem Balkan, in
Mazedonien. Das ist nicht, zumindest nicht uneingeschränkt richtig.
Selbst wenn man beiseite lässt, dass vorbeugend mit zivilen, nicht-militärischen
Mitteln vieles hätte auch ohne Militär erreicht werden können,
wenn man all diese Instrumente rechtzeitig genutzt hätte. Richtig
ist doch: Der Anlass, warum deutsche Truppen überhaupt in Mazedonien
stehen müssen, ist das Versagen aus dem Kosovo-Konflikt. Die NATO
als Garantiemacht hätte die Aktivitäten der UCK aus dem Kosovo
heraus nach Mazedonien hinein frühzeitig und vollständig unterbinden
müssen.
"Krieg folgt eigenen Gesetzen". Bis zum Kosovo-Krieg habe ich
diese Aussage für falsch gehalten. Bis heute entsetzt es mich, dass
sie so offensichtlich auch auf Demokratien zutrifft.
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