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Deutschland,
der Kosov-Krieg und die Linke
Einleitender
Beitrag Dr. Egon Bahr
Ich möchte mich auf den einleitenden Beitrag von Andrea Nahles beziehen.
Erstens: Du möchtest eine Definition haben, was "Erwachsen-Sein"
ist. Mit dem Friedensvertrag, der aus gutem Grunde 2+4-Abkommen genannt
worden ist, und am 15. März 1991 in Kraft trat, begann dies. Damit
sind wir wieder souverän geworden. Sich daran zu gewöhnen ist
sehr schwer, weil wir zwar souverän geworden sind völkerrechtlich
aber nicht souverän geworden sind im Denken. Das muss noch geschehen.
Diese Souveränität, hier komme ich zu Deinem zweiten Punkt,
ist die Normalität. Ein Staat, der seine eigenen Interessen vertritt
wie jeder andere Staat in Europa auch, wohlwissend was er kann und nicht
kann, der aber zunächst einmal anfangen muss, seine eigenen Interessen
zu definieren, und dem dann folgt. Das ist Normalität.
Zu den UN. Natürlich hat Dieter Recht, dass die Amerikaner die UN
an die Seite rücken. Das ist aber nichts Neues. Unser Punkt aber
ist: sollen wir uns von den Amerikanern abhängig machen, und es genauso
machen, oder sollen wir sagen, egal was die Amerikaner sagen, wir sind
der Meinung, dass die UN gestärkt werden müssen. Das würde
beispielsweise die Folge haben, dass wir sagen, wir sind nicht bereit,
die Beteiligung an einer internationalen Aktion auch nur zu diskutieren,
solange kein gültiges Mandat der Vereinten Nationen vorliegt. Das
wäre doch schon eine fabelhafte profilierte Position dieser Regierung.
Der Fall Kosovo war ein einmaliger Schritt vom Wege. Wir waren nicht verantwortlich
dafür, das muss man auch einmal sagen. Das hat diese in jedem Sinne
des Wortes grüne Regierung eindeutig geerbt. Ja natürlich, sie
haben auch schnell gelernt, ich komme gleich darauf. Wir haben ein ganz
praktisches Beispiel für das, was Deutschland kann, und das was es
nicht kann. Es hängt auch mit dem nicht erklärten Jugoslawien-Krieg
zusammen: Da hat es eine Drohkulisse gegeben, die aufgebaut worden ist,
nämlich auch einen Bodenkrieg zu führen. Diese Drohkulisse war
von einem auf den anderen Tag weg, als nämlich der Kanzler Präsident
Clinton gesagt hat, es gibt keine deutschen Bodentruppen. Aus, Schluss.
Das heißt, Deutschland ist so stark, dass eine wichtige Frage in
Europa nicht ohne oder gegen unseren Willen entschieden werden kann. Das
ist die eine Seite der Sache. Wir haben, wenn man so will, in europäischen
Fragen, nicht in globalen Fragen, eine Veto-ähnliche Position, um
etwas zu verhindern.
Was ist noch damals passiert? Deutschland war die einzige Macht im Bündnis,
die es gewagt hat gegen die Strategie des Bündnisses, nämlich
Bomben bis zur bedingungslosen Kapitulation, einen eigenen 5-Punkte-Plan
vorzulegen, die Russen wieder ins Boot zu holen, die Akzeptanz der Chinesen
zu kriegen, ein Mandat der Vereinten Nationen dafür, Amerika zu gewinnen,
durch Verhandlungen den Krieg zu beenden. Die Lehre davon heißt,
wenn wir etwas Positives erreichen wollen, nicht nur etwas verhindern,
brauchen wir die Unterstützung von Partnern, das kann Deutschland
nicht allein. Das sind die Grenzen, in denen sich die deutsche Außen-
und Sicherheitspolitik bewegen kann. Ich finde sie fabelhaft, weil in
diesen Grenzen klar ist, Andrea, dass die Normalität nicht missbraucht
werden kann im nationalistischen Interesse.
Und jetzt will ich auf den Punkt kommen der Frage eines neuen Völkerrechts
und das, was die Amerikaner gemacht haben. Zunächst muss man einmal
sagen, der 11. September war für die Amerikaner ein tiefer Schock.
Sie haben sich von dem Schock bis heute nicht erholt. Sie haben schnell
umgeschaltet und haben gesagt: Wir brauchen die Vereinten Nationen. Das
war das Gegenteil von dem was sie jahrelang gesagt, getan, gehandelt haben.
Aber das war auch nur eine kurze Periode, das war unter dem Schock. Ich
habe mit Entsetzen gelesen, was der stellvertretende Amerikanische Außenminister
Volkowicz im Juli vergangenen Jahres dem amerikanischen Verteidigungsausschuss
des Senats als großes neues Konzept seiner Regierung vorgelegt hat,
ein gigantisches Aufrüstungsprogramm, genannt die große Abschreckung,
und ich habe nicht erlebt, dass es irgendwo einen Aufstand gegeben hat,
auch nicht in Deutschland.
Im Augenblick, als sie sich von dem Schock erholt haben, haben sie A)
ABM gekündigt, B) dieses Programm der "Großen Abschreckung"
in Form eines Budgets eingebracht. Aber auch jetzt diskutieren wir das
nicht. Auch jetzt beschränken wir uns darauf, die Amerikaner zu kritisieren.
Da kann ich nur sagen: Das ist absolut unzureichend und es ist sogar töricht,
völlig sinnlos.
Die Amerikaner haben ihre Militärtechnologie entwickelt unter dem
Gesichtspunkt der Globalität und ihrer globalen Interessen. Dieses
heißt, sie sind gar nicht entwickelt worden für Europa. Und
die Europäer könnten ja zu der Meinung kommen: wir brauchen
sie nicht. Wir brauchen Streitkräfte, schnell einsetzbar, für
Europa. Für eine ausreichende Abschreckung um jeden konventionellen
Gegner davon abzuhalten, uns anzugreifen. Mit anderen Worten, wir werden
vor der Frage stehen, ob wir bereit sind unsere Streitkräfte zu modernisieren,
wie jede Armee modernisiert werden muss, oder ob wir sie ausrüsten
sollen um neben den Streitkräften der Amerikaner global einsetzbar
zu sein. Das ist die Frage. Es ist eine reine Illusion zu glauben, dass
wir mit amerikanischer Technologie, die wir kaufen können, mehr Mitsprache
kriegen können. Die Amerikaner denken keine Sekunde daran, uns die
stärkste Technologie zu verkaufen. Raketenabwehr, Tarnkappen, Vakuumbomben,
steht nicht zu Verkauf. Weil die Amerikaner natürlich gar nicht daran
denken, die Technologie, die sie an die Spitze der Welt gebracht hat,
zu teilen mit irgendjemandem.
Konzentrieren wir uns nun auf die Fragen, die demnächst auf uns zukommen.
Das ist zunächst einmal eine neue Atomdoktrin der Amerikaner, mit
der Miniaturisierung der Atomwaffen. Die Frage ist, werden diese Waffen
eigentlich auch in Deutschland eingeführt? Wir werden in den nächsten
zwei Jahren spätestens die F16 außer Dienst stellen. Das ist
das letzte Flugzeug bei uns, das atomwaffenfähig ist. Bekommen wir
neue atomwaffenfähige Flugzeuge für die Bundeswehr? Meine Position
wäre, wir sind stolz darauf, dass die taktischen Waffen abgeschafft
sind und wir fangen nicht von neuem damit an, uns atomar bewaffnen zu
lassen. Wir sind nämlich souverän und vertreten unsere Interessen
ganz normal wie andere. Und dieses heißt, wir lassen uns nicht atomar
bewaffnen.
Dann kommt noch eine viel schwierigere Frage auf uns zu, nämlich
die Raketenabwehr. Wenn ich die militärische Technologie der Raketenabwehr
in Europa stationiere, dann natürlich genauso und vergleichbar wie
die Atomwaffen, nur unter amerikanischer Führung, und nur mit amerikanischem
Drücker. Dann habe ich eine Raketenabwehrglocke mit dem Ergebnis,
dass es völlig egal ist, ob Paris und Bonn sich verstehen oder nicht
verstehen, gemeinsam handeln oder nicht handeln, gemeinsam 20.000 oder
60.000 konventionelle Soldaten haben oder nicht haben: die Dominanz Amerikas
in Europa ist für ganz lange Zeit etabliert. Das heißt die
Raketenabwehr ist eine neue Form zur Verewigung des europäischen
Protektorats für Amerika.
Die Amerikaner haben gesagt, wir werden euch diese Technologie anbieten,
macht das doch bitte mit. Die Bundesregierung hat gesagt, völlig
korrekt: das ist nicht entscheidungsfähig. Nun stellen wir uns einmal
vor, die Amerikaner testen weiter, alles geht glatt, und eines Tages,
wie reagieren dann eigentlich die europäischen Länder? Ich gehe
einmal davon aus, die Engländer sagen ja, Berlusconi sagt ja, die
Türken sagen ja, die Polen vielleicht auch. Was sagen die Franzosen?
Was die Deutschen? Wenn in dieser Frage die Europäer auseinanderfallen,
dann heißt das, die europäische Selbstbestimmung fällt
auseinander.
Ich sage jetzt noch mal unter Bezug auf Amerika: Diese Raketenabwehr stellt
sich für die Europäer dar als ein Anschlag Amerikas auf die
Selbstbestimmung Europas. Aber das wollen die nicht, das meinen die nicht
böse, nein, das ist die normale natürliche Fortsetzung ihres
militärischen Denkens und ihres militärischen Komplexes. Dass
das für Europa andere Dimensionen hat, das interessiert sie nicht,
das sehen sie vielleicht nicht einmal. Aber wenn sie es sehen, machen
sie es trotzdem.
Wie sollte Europa sich entscheiden? Ich sage euch, es ist kein Zweifel,
wenn Berlin und Paris in dieser Frage auseinanderfallen, ist es für
die nächsten 15-20 Jahre das Ende der europäischen Selbstbestimmung.
Und zwar deshalb, weil wenn dieses Zeug einmal installiert ist, es in
den nächsten 15-20 Jahren nicht mehr weggeschafft werden kann, und
die militärische Dominanz der Amerikaner dann viel stärker ist
als alles was die Europäer dann darunter noch können.
In diesem Zusammenhang gibt es einen weiteren Punkt. Das ist: Natürlich
gilt die Glocke nur dort, wohin sie reicht, also jenseits der Glocke ist
außerhalb der Glocke. Dann gibt es die sicherheitspolitische Teilung
Europas für die nächsten 15-20 Jahre durch die Glocke. Aber
wir sind ja der Auffassung, dass die europäische Stabilität
oder die gesamteuropäische Stabilität mit Rußland, mit
Amerika, aber jedenfalls nicht ohne Rußland erreicht werden soll.
Das ist doch beschlossene Politik dieser Regierung, ungeteilt.
Es gibt einen russischen Vorschlag für eine Raketenabwehr, die Notwendigkeit
bestreiten auch die Russen nicht, und sie bieten an, daraus ein gesamteuropäisches
Abwehrprogramm zu machen, auch nicht entscheidungsreif, genau so wenig
wie das der Amerikaner, aber sie sagen, wir wollen unser Wissen mit einbringen,
das gesamte europäische Wissen mit einbringen, und wir würden
uns freuen, wenn die Amerikaner mit dabei sind.
Das heißt, wir stehen vor der Frage, gibt es eine gesamteuropäische
Raketenabwehr, mit Rußland und Amerika, oder gibt es die Dominierung
durch Amerika für einen Teil Europas, und das führt mich dann
zu dem Schluss zu sagen, Europa sollte darauf bestehen, dass das russische
Angebot ernsthaft geprüft wird, bevor wir über das amerikanische
entscheiden. Das will ich jetzt nicht vorwegnehmen, es könnte ja
sein, dass sich das russische Angebot als unzureichend erweist, es könnte
aber auch ein fabelhafter Lackmustest sein, ob die Amerikaner eigentlich
nur Dominanz haben wollen, oder Raketenschutz für Europa. Das käme
dann dabei heraus.
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