|
Berliner
Weckruf!
Von
Andrea Nahles
Andrea Nahles, MdB, Vorsitzende des Forum DL21 e. V. und spw-Mitherausgeberin
Die SPD-Parteiführung hat geschaltet. Mehr Lust zur Auseinandersetzung
und das mit den richtigen Schwerpunkten demonstrierten Franz Müntefering
und Gerhard Schröder auf einer Konferenz aller Bundestagsabgeordneten.
Eine Polarisierung in der Sache gegenüber FDP und CDU/CSU ist auch
die einzige Chance. Seit Wochen verschlechtern sich die SPD-Werte in den
Sonntagsfragen. Der Parteibasis sind die Füße eingeschlafen,
weil sie im Kopf nicht mehr klar haben, wo es hingehen soll. Ein plattes
ICH oder ER ist da fehl am Platz. In dieser Woche wurde ein moderater
Strategiewechsel eingeleitet. Und das wurde auch Zeit: Wer Stoiber wählt,
wählt Abbau der Arbeitnehmerrechte. Wer Stoiber wählt, wählt
Studiengebühren. Wer Stoiber wählt, wählt Medienpleiten.
Wer Stoiber wählt, wählt Verschuldung..... Es gibt also doch
einen Richtungswahlkampf. Den hatten wir als Parteilinke seit Wochen im
Parteivorstand und der Antragskommission eingefordert. Dazu zählen:
Die Einordnung der Bundestagswahl am 22.9.2002 in einen gesamteuropäischen
Kontext, d.h. die Verhinderung eines weiteren Rechtsrucks im Zentrum Europas
- was Schröder betont. Die Alternativen in der Frauen- und Familienpolitik:
Kopfgeld für's Zuhause bleiben' oder Ganztagsbetreuung zur
besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie - was immerhin mit 4 Mrd.
Euro im Wahlprogramm unterfüttert wurde. Die klare Aussage, dass
kein Schulabgänger in Zukunft ohne Ausbildung und Arbeit bleiben
soll, was die Jusos mit uns im Parteivorstand durchgesetzt haben und was
von Müntefering aktiv unterstützt wird.
Die FDP-Kanzlerkandidatur muss im Hinblick auf die Jungwähler ernst
genommen werden. Sie verschafft aber auch neue Möglichkeiten: So
kann sich Schröder zwischen Prinz Karneval aus Bonn und Mister Humorlos
aus Bayern als professioneller Medienpolitiker mit programmstarker SPD
positionieren. Eine massive Auseinandersetzung mit der FDP als neoliberaler
Rotarier-Club für Besserverdienende verschafft uns vielleicht die
Profilierung und Mobilisierung, die wir nötig haben.
Hauptkritik der Linken bleibt jedoch: Während im Koalitionsvertrag
1998 die Politik für Beschäftigung und soziale Gerechtigkeit
oberste Priorität genießt, nimmt in der Politik der Bundesregierung
die Haushaltskonsolidierung immer noch eine dominante Stellung ein.
Dies Kritik findet sich auch in der Befragung wieder, die zum Jahreswechsel
in der SPD-Mitgliederzeitung "Vorwärts" durchgeführt
worden war. Nach den Zielen Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen,
mehr Ausbildungsplätze, langfristige Sicherung der Altersversorgung,
Reformen für ein leistungsfähiges Gesundheitswesen und verstärkte
Förderung von Bildung und Forschung wird das Ziel der Haushaltskonsolidierung
erst an 6. Stelle der sehr wichtigen Ziele der Regierungsarbeit genannt.
Die Politik der Parteispitze ignoriert dies aber und so bringt ein Satz
im Wahlprogramm die Kluft zwischen Parteispitze und den Erwartungen der
Basis auf den Punkt: "Wir haben ... die Politik der Haushaltskonsolidierung
zu unserem Markenzeichen gemacht".
Ob Bildung und Qualifikation, Stärkung der Infrastruktur in Ostdeutschland
oder Reform der Arbeitslosen- und Sozialhilfe, alles wird unter finanz-
und haushaltpolitischen Gesichtspunkten diskutiert und vom erhobenen oder
gesenkten Daumen von Hans Eichel abhängig gemacht. Mittlerweile muss
Stoiber herhalten, um das zu rechtfertigen. Weil der nur vage bleibt,
wenn es um den Nachweis der Finanzierung seiner vollmundigen Versprechungen
geht, müssen wir konkret bleiben. Das ist zwar kurz gesprungen richtig,
die Gesamtanlage bleibt Selbstlähmung. Illusionen macht man sich
besser auch nicht über die Auseinandersetzungen, die nach dem 22.
9. In der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik auf uns warten: Es ist der Parteilinken
bei den Diskussionen im Parteivorstand zwar gelungen, ausdrücklich
ein Absenken der Arbeitslosenhilfe auf das Niveau der Sozialhilfe auszuschließen.
Diese und einige Verbesserungen bei den Formulierungen zur Energie-, zur
Gesundheits- oder Familienpolitik führten dann auch dazu, dass die
Linke dem Wahlprogramm im Parteivorstand zugestimmt hat. Mut fehlte jedoch
auch einmal scheinbar unpopuläre, weil in den Medien negativ diskutierte,
Maßnahmen aufzunehmen, wie z.B. die Einführung der Vermögenssteuer
zur Finanzierung von notwendiger Maßnahmen in der Bildungspolitik.
Die Konflikte darum und um andere Fragen gehen nach dem 22.9. weiter.
Innerhalb einer SPD-geführten Regierung haben wir Parteilinke die
Chance, unsere Vorstellungen mehrheitsfähig zu machen. Dafür
lohnt es zu streiten. Stoiber bleibt in Bayern, Gerhard Schröder
bleibt Bundeskanzler und wir bleiben wach.
|