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Die
Rückkehr des Frankfurter Kreises?
Kritische Anmerkungen zum SPD-Bundesparteitag
von
Mathias Brodkorb, Mitglied im geschäftsführenden Landesvorstand
der SPD Mecklenburg-Vorpommern
Was immer man von Parteitagen halten
mag, sie stellen geeignete Ereignisse dar, um kritisch über den Einfluss
der Parteilinken, den Zustand der Gesamtpartei und die Rolle der Jusos
zu reflektieren. Niels Annen und Rüdiger Scholz haben im letzten
update (7.1) vor allem Letzteres getan und die Erfolge der Jusos auf dem
Parteitag betont. Ich hingegen möchte - auch selbstkritisch - den
Blick mehr auf die Gesamtsituation lenken.
Die SPD-Linke ist mausetot.
Wer es noch nicht gemerkt haben sollte: Es gibt keine SPD-Linke mehr.
Zwar gibt es noch vereinzelt hier und da Linke, aber weder sind Personen(zusammenhänge)
in Sicht, die diese vereinzelten Kämpfer sammeln noch strategisch
und programmatisch ausrichten. So erklärt sich m.E. auch der Umstand,
dass durchaus einige linke Anträge in den Bereichen Außen-
und Sicherheitspolitik sowie Wirtschafts- und Sozialpolitik vorlagen,
aber letztlich nicht einmal mehr zur Abstimmung gestellt wurden. Entweder
die Antragsteller hatten Angst, mit einer (deutlichen) Minderheit unterzugehen
(was nun für die Linke seit Jahrzehnten nichts Neues wäre) oder
sie waren bereit, sich Schröder zu beugen. Beides ist gleichermaßen
fatal.
Auch Gruppierungen wie FDL21 ändern daran nichts - und können
es auch nicht. FDL organisiert keine Parteilinke, sondern entwickelt sich
(gewollt?) immer mehr zu einem Mitte-Links-Bündnis: Selbst Leute
wie Wolfgang Thierse sind inzwischen Mitglieder bei FDL. Nichts gegen
Wolfgang Thierse, aber er ist nun einmal kein Linker. So charmant ein
Mitte-Links-Bündnis organisiert über FDL wäre - es macht
nur Sinn, wenn es eine strategisch und programmatisch eigenständige
Linke gibt. Man kann in FDL aber nicht beides versuchen, nämlich
eine Parteilinke zu rekonstruieren und ein Bündnis mit Teilen
der Parteimitte zu schmieden. Das zeigen nicht zuletzt die Spannungen
innerhalb von FDL nach dem Parteitag und der Afghanistanabstimmung. Parteilinke
lassen sich eben nicht dauerhaft mit weichgespülten Mittepositionen
abspeisen.
Die Jusos sind zu zurückhaltend.
Die Jusos können die Parteilinke weder allein organisieren noch ersetzen.
Aber man muss sich trotzdem die Frage stellen, ob die derzeitige Rolle
der Jusos innerhalb der Parteilinken befriedigend ist. Das liegt sicher
auch daran, dass die Jusos ein sehr heterogener Haufen sind und es ihnen
deshalb an Schlagkraft innerhalb der Partei fehlt. Das zeigt sich an Absprachen,
die nicht oder nur bedingt funktionieren. Nicht einmal bei der Wahl zum
Bundesvorstand gab es eine strategische Vorbereitung. Anstatt über
ein Personal-Ticket zu diskutieren, haben nur manche ihre regional bedingten
Präferenzen geäußert. Es mag ja auf Bundesparteitagen
unüblich sein, Tickets festzulegen (ich weiß das nicht, weil
das mein erster Bundesparteitag war), aber falls das so wäre, sollte
man schleunigst mit dieser Tradition brechen.
Ich glaube, dass die Jusos in Zukunft eine größere Rolle in
der Parteilinken spielen müssen. Sie müssen, wo möglich,
zum Zentrum der Parteilinken werden. Denkbar wäre ein sytematischer
Versuch, die Parteilinke über die Landesverbände und -bezirke
wieder zum Leben zu erwecken und so der SPD-Linken wirklich wieder eine
Basis in der Partei zu geben. Wenn Jusos an einem solchen Versuch nicht
zentral beteiligt sind, wird es ihn nicht geben.
Die Jusos (und die Parteilinke) sollten ihre Rolle m.E. aber auch noch
in einer anderen Frage kritisch reflektieren: Wir haben uns zu sehr auf
den Mechanismus der Macht und Kompromisse eingelassen. Rüdiger Scholz
und Niels Annen haben z.B. sehr den Erfolg in Sachen Studiengebührenverbot
hervorgehoben. Tatsache ist aber, dass der Juso-Bundesvorstand zunächst
nur einen Antrag stellen wollte, der Studiengebühren für das
Erststudium ausschließt. Die Begründung hierfür lautete,
dass mehr in der SPD momentan nicht durchsetzbar sei. Erst eine kritische
Diskussion in der Delegiertenvorbesprechung führte zu einem weiteren
Antrag, der ein generelles Verbot von Studiengebühren vorsah und
schließlich erfolgreich war. Aus diesem Vorgang sollte man m.E.
die Schlussfolgerung ziehen, dass man Kompromissbereitschaft nicht mit
"vorauseilendem Gehorsam" verwechseln darf. Wir Jusos dürfen
uns nicht darauf einlassen, immer von selbst bereits einen weitgehenden
Kompromiss zur Grundlage der Herausbildung eines weiteren Kompromisses
mit der Partei zu machen. Das kann man übrigens auch von der Tarifpolitik
lernen. Natürlich muss und kann das nicht bedeuten, die Kompromisse
immer nur von der Maximalposition aus zu bestimmen. Das würde zur
Politikunfähigkeit führen. Aber die Ausgangsposition darf nicht
bereits das beinhalten, was man der Partei als Äußerstes zutraut,
denn dabei kann man sich - wie in Sachen Studiengebührenverbot gesehen
- verschätzen. Und es wäre übrigens auch nicht schlimm,
wenn die Parteilinke wieder einmal den Mut hätte, Abstimmungen zu
verlieren. Um eine Parteilinke zu organisieren, benötigt man langfristig
hitzige Debatten, in denen den eigenen Anhängern auch erklärt
wird, warum die Linke welche Position vertritt, und man benötigt
auch Kampfabstimmungen, in denen die Linke sich als Linke öffentlich
präsentiert, ihre Identität reproduziert und so ihren Habitus
kreiert. Das ständige Verhandeln in Hinterzimmern, ohne "die
eigenen Leute" sichtbar mitzunehmen, führt zur Entpolitisierung
und damit zum Untergang der Linken. Hinterzimmerpolitik hilft vor allem
dem Establishment.
Feminismus als Affirmation des Kapitalismus!?
Wenn Männer sich zu Feminismus-Fragen äußern, wird es
meist besonders kritisch - ich versuche es trotzdem. Die Bundesfrauenkommission
der Jusos hatte beschlossen, auf dem Bundesparteitag der SPD mit einer
T-Shirt-Aktion aufzutreten. So trugen denn auch einige Frauen schwarze
Shirts, auf denen mit roten Buchstaben folgender Text gedruckt stand:
"Ich will Chefin werden, nicht (nur) Mutter." Das NUR in Klammern
lässt darauf schließen, dass es in der Frauenkommission eine
Kontroverse über die Frage gab, ob das NUR auch im Schriftzug enthalten
sein soll oder nicht. Der Kompromiss bestand - so meine Vermutung - offenbar
darin, das NUR in Klammern zu setzen.
Nun, beide Positionen haben mit einem sozialistisch inspirierten Feminismus
wenig zu tun. Die feministische Bewegung engagierte sich ursprünglich
dafür, den Rechtsstatus der Frauen dem der Männer anzugleichen.
Es ging darum, den Frauen dieselben Möglichkeiten der gesellschaftlichen
Entwicklung zu ermöglichen wie den Männern. Die sozialistische
Bewegung verband diese grundsätzliche Orientierung allerdings auch
mit einer inhaltlich anders gestalteten Gesellschaft und unterscheidet
sich in genau dieser Frage von einem bürgerlichen Feminismus. Es
ging also nicht nur darum, dass Frauen das, was Männer erreicht haben,
auch erreichen sollten, sondern dass beide bereit sind, ein neues Zivilisationsmodell
hervorzubringen. Mit anderen Worten: Wer eine feminisierte Gesellschaft
will, also eine Gesellschaft, in der sich Mann und Frau annähern,
hat grundsätzlich drei Möglichkeiten, dies zu erreichen:
1. dadurch, dass "Frauen" wie "Männer" werden,
2. dadurch, dass "Männer" wie "Frauen" werden,
3. dadurch, dass Mann und Frau ein qualitativ anderes Modell von Gesellschaft
hervorbringen.
Eine Position, die sich selbst mit der Forderung charakterisiert "Ich
will Chefin werden, nicht (nur) Mutter." und natürlich noch
mehr eine Position, in der das NUR gar nicht vorhanden ist, ist mit der
ersten Möglichkeit identisch, also mit einem völlig unkritischen
Nachahmen des bis dato als "männlich" klassifizierten Verhaltens.
Es ist die pure Affirmation des Kapitalismus und seiner Strukturen. "Chef"
oder "Chefin" zu sein bedeutet im Kapitalismus, soziale Herrschaft
über Menschen im Rahmen des Arbeitsprozesses auszuüben. Wenn
Frauen (oder Männer) dies zu ihrem Lebensziel erklären, bedeutet
dies die völlig unkritische Bejahung der "sozialen Charaktermasken"
(Marx) des Kapitals, die aufgrund spezifischer historischer Entwicklungen
"männlich" sind. Der Feminismus wird damit nicht mehr zu
einer Bewegung der Gleichberechtigung der Frau, sondern zu einer Form
des Egalitarismus. Sie verwechselt das Recht auf eine bestimmte
Lebensgestaltung mit seiner tatsächlichen Vollstreckung. (Sozialistischer)
Feminismus will nicht, dass Frauen keine Kinder bekommen oder sie erziehen,
sondern dass sie die Möglichkeit haben, dies zu unterlassen
und etwas anderes zu tun. Und sozialistischer Feminismus wertet die Mutterrolle
nicht ab, was in dem "nur" bereits enthalten ist, sondern will
sie als gleichberechtigte Lebensgestaltung etablieren. Oder wollen wir
eine Frau, die sich im Sozialismus dafür entscheidet, drei
Kinder aufzuziehen anstatt einer anderen Arbeit nachzugehen, etwa als
"unterentwickelt" ansehen? Mit welchem Recht denn? Wollen wir
ihr etwa sagen, dass das ihren "objektiven Interessen" widerspricht
und sie nicht wirklich glücklich sei, auch wenn sie das von sich
selbst behauptet?
Eckbert Müller und Robert Fuchs haben in "Argumente" (3/2001)
in einem intelligenten Aufsatz zu diesem Zusammenhang eine berechtigte
Frage gestellt: Warum wird die Debatte über Ganztagsschulen eigentlich
vor allem aus dem Blickwinkel der Vereinbarkeit von Beruf und Familie
und nicht aus bildungspolitischer Sicht geführt? Mit anderen Worten:
Warum sollen eigentlich die Kinder und Jugendlichen dafür bluten
und länger in der Schule hocken, dass ihre Mütter arbeiten gehen
wollen und ihre Väter nicht bereit sind, sich auch an der Erziehung
der Kinder zu beteiligen? Man könnte daher provokant schlussfolgern:
Die Einführung der Ganztagsschule nimmt den Druck von den Männern,
ein neues Zivilisationsmodell mitzugestalten und sich an Familie und Haushalt
adäquat zu beteiligen. Sie ermöglicht es aber den Frauen, endlich
auch die (männlichen) sozialen Charaktermasken des Kapitals für
sich zu reklamieren. Aber: Führt uns das im Hinblick auf einen sozialistischen
Feminismus weiter?
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